Beutelbuch

Es ist stärker als wir: Wir setzen uns hin – im Bus, im Café –, und der erste Handgriff gilt dem Handy. Diese Zwangshandlung ist kein Kind des 21. Jahrhunderts: Tatsächlich ist das Lesen auf die Schnelle seit Jahrhunderten gang und gäbe.

Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert machte das sogenannte Beutelbuch das Lesen mobil. Ein Beutel aus feinem Leder oder Samt umhüllte ein Büchlein mit meist religiösem Inhalt – etwa ein Gebets- oder Liederbuch. Dieser Beutel war so lang, dass er sich verknoten und um den Gürtel schlingen liess; der Knoten – manchmal auch ein Haken oder Ring – verhinderte, dass das Buch herausrutschte.

Beutelbücher wurden in Klöstern hergestellt, wo es Buchbindereien gab; erst später schlossen sich weltliche Buchbinder zu Zünften zusammen. Die kleinformatigen Bücher bestanden aus von Hand beschriebenen, gelegentlich gar mit kunstvollen Initialen versehenen Pergamentseiten. Diese wurden mit Nadel und Faden zu einem Buchblock geheftet und mit einem hölzernen Deckel versehen. Darauf folgte der Lederbezug, den man am einen Ende überstehen liess, so dass der typische lange Beutel entstand. Schliessen aus Bronze oder Messing hielten die Buchdeckel zusammen und verhinderten, dass sich das Buch von selbst öffnete.

Beutelbücher waren bei Pilgern, Kaufleuten und Gelehrten beliebt. Man trug sie stets bei sich, und in der Kutsche oder bei der Rast hob man das am Gürtel baumelnde Buch hoch und las. Wie das Handy war das Beutelbuch ein Alltagsgegenstand und nutzte sich ab. In den Handschriftenabteilungen europäischer Bibliotheken sind heute nur noch 23 Exemplare zu finden.

Bezoar

Ein Bezoar ist ein kugelförmiger oder länglicher, grauer, brauner oder schwarzer und vor allem seltener Stein. Nüchtern betrachtet, ist er eine ausgesprochen unappetitliche Sache: Er entsteht im Magen eines Tieres, gelegentlich auch des Menschen, wenn sich Unverdauliches wie Haar oder Fasern verklumpt. Bei Wiederkäuern, deren Mageninhalt immer wieder umgewälzt wird, kann sich ein solcher Klumpen im Verdauungstrakt einnisten und mit der Zeit versteinern – wird das Tier geschlachtet, kommen die harten, glänzenden Kugeln zum Vorschein. So ansehnlich sie auch sein mögen: In der Tiermedizin gilt ein Bezoar als sogenannter pathologischer Gastrolith, auf Deutsch ein Magenstein.

Und doch war ein Bezoar begehrt und seinem Besitzer lieb und teuer: Besonders ansehnliche Exemplare, die vor allem von Gämsen und Bezoarziegen stammten, wurden nicht selten in Gold gefasst und als Schmuckstück um den Hals getragen. Denn Bezoaren sagte man seit der Antike einen Schutz vor Vergiftungen nach – das Wort padzahr stammt aus dem Persischen und bedeutet wörtlich «gegen Gift». Besonders europäische Herrscher, die sich vor Giftanschlägen fürchteten, hielten ihre kostbar verzierten Bezoare in Ehren – obwohl Ambroise Paré, der Leibarzt des französischen Königs, schon 1565 nachgewiesen hatte, dass der Glaube an die heilenden Steine Humbug war. Das Experiment: Ein Koch hatte Silberbesteck gestohlen und war zum Tode verurteilt worden. Ihm wurde ein Gift verabreicht und danach ein Pulver aus zermahlenem Bezoar; sieben Stunden später war der Koch tot. So findet man Bezoare heute nur noch in Pharmazie- und Medizinmuseen – und manchmal in den Schatzkammern des europäischen Hochadels.

Biedermeier

Biedermeier ist die Zeit zwischen Wiener Kongress 1815 und dem Revolutionsjahr 1848. Es sind Jahrzehnte der Unrast und der Armut im Gefolge der napoleonischen Kriege, die Europa regelrecht umgepflügt haben, und der elegante, historisierende Biedermeierstil ist Ausdruck der Flucht eines durchaus selbstbewussten, kunstsinnigen Bürgertums ins häusliche Familienidyll eines behaglichen Heims.

Der Name stammt tatsächlich aus der Kunst. Sein Ursprung ist die fiktive Figur des Gottlieb Biedermeier, anfänglich mit «ai», später dann mit «ei» geschrieben. Dieser Biedermeier war ein in seiner Freizeit dichtender Spiessbürger, dem

seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen.

Kurz: Biedermeier war der Inbegriff kleinbürgerlichen Miefs.

Erfunden haben ihn 1855 ein Jurist und ein Arzt, Ludwig Eichrodt und Adolf Kussmaul. Die beiden schrieben Gedichte für die Münchner Satirezeitschrift «Fliegende Blätter», in denen sie den Kleingeist der Zeit aufs Korn nahmen. Ihre Spottgedichte sind beissende Parodien auf die Pseudopoesie des realen Lehrers und Volksdichters Samuel Friedrich Sauter. Dessen Gedichte waren durchaus populär, aber kauzig und voller unfreiwilliger Komik.

Eichrodts und Kussmauls Satiren zeigten Wirkung, und ihr fiktiver Gottlieb Biedermeier begann sich zu verselbständigen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Name erst zum Begriff der Kunst- und Architekturgeschichte, dann der Mode, und am Ende einer ganzen Epoche.

Billard

Es war sein Lieblingsspiel: Der Kupferstich von 1694 zeigt Frankreichs König Louis Quatorze beim Billard mit seinem Bruder Philippe, dem Herzog von Orléans, und seinen adligen Freunden. Die königliche Partie war dem heutigen Billard schon sehr ähnlich – langer Tisch mit seitlicher Bande, damit die Kugeln nicht zu Boden fielen, die Queues, mit denen die Kugeln gestossen wurden. Doch nicht alles war gleich: Auf dem Tisch standen Hindernisse wie Stäbe oder Bögen, und die Queues waren krumm und sahen ein bisschen aus wie die Schläger beim Minigolf. Von ihnen kommt im übrigen auch das Wort: Ein billard war der krumme Stab, den man zum Spielen brauchte, und der wiederum kam von bille, dem Wort für «Kugel».

Schon zu Zeiten des Sonnenkönigs war Billard ziemlich international: Das Buch «The Compleat Gamester», 1674 in London gedruckt, beschreibt Billard als ebenso kultiviert wie genial. Es komme ursprünglich aus Italien, steht da, und es werde in allen Ländern Europas gespielt, ganz besonders in England, wo es in vielen Städten schon öffentliche Billardtische gebe.

Heute sind die Queues lang und gestreckt, und auf dem Tisch stehen keine Hindernisse mehr. Und doch ist Billard nicht gleich Billard: Heute wird Pool gespielt, Snooker, Karambolage oder Russisches Billard, um nur die bekanntesten zu nennen. Das Völkerverbindende aber ist geblieben: Als wohl erste Sportart überhaupt führte Billard 1873 in New York Profi-Weltmeisterschaften durch, und noch heute erzielen WM-Spitzenpartien im Sportfernsehen hohe Einschaltquoten.

Bircher, Maximilian

Maximilian Bircher (1867-1939) ist ein schwieriger Fall. Die einen sehen in dem Zürcher Arzt einen medizinischen Visionär, die anderen einen esoterischen Spinner. Tatsache ist, dass sein wichtigstes Vermächtnis nicht seine Kliniken und Schriften sind, sondern vielmehr «d’Spyys», jene «Speise» aus geriebenen Äpfeln und Haferflocken, die wir heute kurz und bündig «Birchermüesli» nennen.

Und das kam so. 1895 erkrankte Bircher an Gelbsucht. Von der Heilkraft pflanzlicher Rohkost überzeugt, verordnete er sich eine Diät aus Früchten und ungekochtem Gemüse, um an deren «gespeichertem Sonnenlicht» zu gesunden. Rohes, so predigte er, sei Gekochtem vorzuziehen, pflanzliche Nahrung dem Fleisch; Konserven gar, um die Jahrhundertwende Inbegriff der Moderne, waren ihm ein Graus. Seine Predigten, das waren Aufsätze und Zeitschriften, seine Kanzel war seine Zürcher Praxis, die schon bald zu einer kleinen Privatklinik heranwuchs, dann, ab 1904, das Sanatorium «Lebendige Kraft» auf dem Zürichberg.

Die Medizin tat sich schwer mit Bircher. Seine Lehre von der Vollwertkost als «Sonnenlichtnahrung» widersprach dem damaligen Stand der Wissenschaft, und dass er die Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten unterstützte – der deutsche Reichsärzteführer Gerhard Wagner bemühte sich gar, Bircher als Professor nach Dresden zu holen –, war seinem Ruf nicht eben zuträglich.

Erfolgreich war Bircher trotzdem. Sein Sanatorium war bald international bekannt; einen Patienten namens Thomas Mann inspirierte das Haus mit seinem streng geregelten Tagesablauf gar zum Roman «Der Zauberberg». Die Klinik gibt es nicht mehr. «D’Spyys» dagegen, dieses Müesli aus Haferflocken, frischen Früchten, Joghurt und Milch, Zitronensaft und Rosinen, ist beliebter denn je.