Kultur

Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache,

schrieb Anton Tschechow im Jahr 1892. So gesehen, ist die Sprache ausgesprochen neureich. Denn Kultur ist, zumindest in seiner heutigen Bedeutung, kein altes Wort. Seit dem 17. Jahrhundert steht das lateinische Substantiv cultura für Landbau, aber auch für Pflege – Pflege des Körpers, des Geistes. Hochkultur und Agrikultur: Bis heute steht das Wort gleichberechtigt für Landwirtschaft und für die Pflege geistiger Güter, so dass Geisteskultur streng genommen ein Pleonasmus ist, genau wir der berühmte weisse Schimmel aus der Primarschule.

Lateinisch cultura geht auf das Verb colere zurück, das bebauen, bewohnen, pflegen, oder ehren heisst. Dieser Bedeutung haftet etwas Konservatives, etwas Bewahrendes an. Aber: Auch das Wort Kultur ist durchaus modeanfällig. Die Eigenschaft «kulturell» nämlich wurde erst im 20. Jahrhundert und mit der modischen, elegant-französischen Endsilbe gebildet. Und das deutsche Kultusministerium verdankt seinen klingenden Namen dem modischen, gelehrt-lateinischen cultus, wörtlich bebaut, bewohnt. Das Kultusministerium ist aber weder für Landwirtschaft noch für Wohnungsbau zuständig, sondern vielmehr für die Bildung.

Kultur wird oft als Gegenteil von Natur verstanden und meint damit alles, was Menschen erdacht, gelernt und geleistet haben, von Kunst bis Knigge, sozusagen. Sprachlich hat die Kultur hat aber auch ihre Schattenseiten: Dass die mit dem Wort Kultur verwandte Kolonie nicht die Sprache reich macht, wie Tschechow sagt, zeigt ein Blick in die Geschichte. An Kolonien bereichert haben sich ausgerechnet Grossmächte, die damit ihre eigene humanistische Kultur Lügen straften.

Kursiv

Aldo Pio Manuzio war ein angesehener Buchdrucker und Verleger in Venedig. Vornehm lateinisch nannte er sich «Aldus Pius Manutius», und seine Bücher sollten die Texte der grössten Dichter und Denker der Antike enthalten, Aristoteles, Homer und Platon, die Werke von Vergil und Horaz. Seit 1495 arbeitete er mit dem Schriftengiesser Francesco Griffo aus Bologna zusammen. Der stellte für seinen Auftraggeber als erstes griechische Lettern her, die mit ihren verschlungenen Linien eine griechische Handschrift imitierten. Die Drucke waren beim gelehrten Publikum zwar beliebt, aber alles andere als lesefreundlich, und dazu erschwerten die Schnörkel den Setzern die Arbeit.

Ums Jahr 1500 begann Manutius eine Vergil-Ausgabe zu planen – handlich und gut lesbar sollte sie sein,

ein sehr kleines Format, so dass man die Bücher gut in der Hand halten und die Texte gut lesen und auswendig lernen kann,

wie er einem Freund schrieb. Als Schrift wählte Manutius völlig neuartige Typen seines Partners Griffo aus – die Grossbuchstaben gerade (recte, wie das in der Typographie heisst), die Kleinbuchstaben dagegen «kursiv», vom lateinischen Verb currere, «eilen», weil sie sich elegant in Leserichtung vorbeugen, als ob sie liefen – die erste Kursivschrift der Geschichte.

Die Vergil-Ausgabe erschien 1501, und die neue Schrift war auf Anhieb so beliebt, dass die Drucker aus Venedig sie für viele weitere Werke verwendeten.

Venedig, Bologna, Italien: Auf Englisch heisst kursiv übrigens nicht «kursiv», sondern italic. Und weil die Schrift des Francesco Griffo so erfolgreich war, wird das 16. Jahrhundert auch the age of italics genannt, das Zeitalter der Kursivschrift.

Kursivschrift

Kursiver Text neigt sich leicht nach vorn, als hätte er es eilig. Deshalb heisst er auch kursiv, vom lateinischen currere, «laufen». Normal gesetzte Schrift dagegen steht gerade und heisst deshalb recte.

Als Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz seine erste Bibel druckte, war deren Schrift nur «recte». Kursive Lettern wurden erst 50 Jahre später erfunden, in der sogenannten «Aldus-Offizin», dem Verlag des Aldo Pio Manuzio in Venedig. Das war kein Zufall: In Venedig befand sich eine der grössten Bibliotheken der Zeit mit einem grossen Bestand an griechischen und lateinischen Manuskripten. Manuzios Geschäft war es, diese Texte nachzudrucken, relativ preisgünstig und in einem handlichen Format, so dass Kunden aus ganz Europa auf einmal Literatur lesen konnten, die bis dahin nur wenigen Gelehrten zugänglich gewesen war.

Manuzio legte Wert auf hochwertige Typographie. Er plante eine Ausgabe der gesammelten Werke des römischen Dichters Horaz, und dafür entwickelte Aldus’ Geschäftspartner in Bologna, der Stempelschneider Francesco Griffo, eine moderne, elegante Druckschrift, und die besass zum ersten Mal auch kursive Lettern. Die Horaz-Ausgabe erschien 1501 und wurde, wie viele andere Werke aus dem Aldus-Verlag, ein grosser Erfolg.

Die sogenannten «Aldinen» trugen viel bei zur Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance und zur Entwicklung des Humanismus. Und weil ihre Druckschrift aus Italien stammt, heissen kursive Buchstaben auf Englisch bis heute italics.

Latènezeit

Der Bieler Oberst Friedrich Schwab war vermögend – und ein begeisterter Sammler. In seinem Auftrag suchte der Fischer Hans Kopp 1857 am Neuenburgersee nach archäologischen Fundstücken. Schon früher waren da immer wieder Überreste prähistorischer Siedlungen entdeckt worden. Am Ausfluss der Zihl, in der heutigen Gemeinde La Tène, stiess Kopp unverhofft auf Pfähle, die aus dem flachen Seegrund ragten. Mit langen Zangen gelang es ihm, in nur einer Stunde vierzig erstaunlich gut erhaltene Eisenwaffen aus dem Wasser zu ziehen. Sie stammten aus dem 3. und 2. Jh. v. Chr., einer Zeit, in der die Kelten die Gegend besiedelt hatten.

Und das war nur der Anfang: Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. wurden am See grossangelegte Grabungen durchgeführt. Dabei entdeckten Archäologen Tausende Fundstücke: Waffen – Schwerter und Schwertscheiden, Dolche, Lanzenspitzen und Schilde –, daneben auch Schmuck, Werkzeug und Kessel. Im feuchten Boden hatte sich nicht nur Metall erhalten, sondern sogar Holz, Textilien und Flechtwerk.

Doch was um Himmels willen hatte sich da einmal befunden? Die Spekulationen reichten vom Pfahlbauerdorf, einer Fluchtburg, einer Zollstation und einem Waffenlager bis hin zum Heiligtum. Heute dagegen glauben Forscher, dass sich in La Tène einst ein Kriegerdenkmal befunden hat, in dem die Waffen einer wichtigen Schlacht zur Schau gestellt wurden.

Was der Fischer Hans Kopp in La Tène entdeckte, war für die Wissenschaft so bedeutend, dass heute die jüngere Eisenzeit in Europa ganz einfach «Latènezeit» genannt wird.

Lazarett

Die alte Republik Venedig war nicht nur eine Grossmacht des Mittelalters, sondern auch eine Vorreiterin in Sachen öffentliche Gesundheit. Im 14. Jahrhundert erfanden die venezianischen Behörden nicht nur die Quarantäne, die vorsah, dass mit der Pest in Berührung gekommene Reisende 40 Tage lang isoliert werden sollten («Quarantäne» kommt von der biblischen Zahl 40); aus Venedig stammt auch das Lazarett, in das sie anschliessend gebracht wurden, wenn sie vor Ablauf der «quarantena» höllische Kopfschmerzen, glühendes Fieber und dunkle, eitrige Beulen bekamen.

Der «Lazzaretto Vecchio», 1423 gegründet, war ein Pestspital auf einem 220 Meter langen und 145 Meter breiten Inselchen, in sicherer Distanz vom Stadtkern entfernt. Hier stand die Kirche Santa Maria di Nazareth, von deren Namen angeblich unser heutiges Lazarett abstammen soll. (Tatsächlich aber kommt der Name vom heiligen Lazarus und vom italienischen Wort für Aussätzige, lazzaro.) Mit einem heutigen Spital hatte dieses Ur-Lazarett wenig zu tun. Die Ärzte wusste noch nichts von Ansteckungswegen oder Pestbakterien und führten die Seuche auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte und auf stickige, modrige Lüfte zurück. Behandeln hiess waschen, zu Ader lassen und allem voran isolieren.

Heute ist das Lazarett ein Behelfsspital in Krisengebieten oder im Krieg, und seit 1949 steht es laut den Genfer Konventionen unter strengem völkerrechtlichem Schutz. Im 14. Jahrhundert dagegen war das Lazarett vor allem ein Ort zum Sterben: Seit 2007 haben Archäologen auf Venedigs flacher Pestinsel mehr als 1500 Skelette geborgen, die man dort in Einzel- und Massengräbern verscharrt hatte. Der «Lazzaretto Vecchio» ist heute unbewohnt und dient nur noch als Tierheim für streunende Hunde.