Freitag, schwarzer

Es ist Donnerstag, der 24. Oktober 1929. Der Börsenhandel in New York beginnt erstaunlich ruhig. Die Stimmung ist angespannt, die Polizei hat vorsorglich ganze Strassenzüge rund um die Wall Street abgesperrt. Am Dienstag und Mittwoch sind die Kurse ins Rutschen geraten, und im Grunde ist vielen Anlegern seit langem klar, dass der Rausch der goldenen Zwanzigerjahre nicht ewig weitergehen kann. «Ich habe erlebt, wie Schuhputzer Aktien im Wert von 50 000 Dollar kauften, mit nur 500 Dollar in bar», notiert ein Händler. Eine gigantische Blase aus grenzenloser Zuversicht, finanziert auf Pump.

Sie platzt kurz vor 11 Uhr – ohne erkennbaren Grund. Die Nachricht vom Bankrott eines Londoner Financiers macht die Händler nervös. Winston Churchill ist selber Spekulant und an diesem Tag als britischer Schatzkanzler an der Wall Street zu Gast. Er erlebt hautnah, wie die Panik ausbricht. In seinen Memoiren schreibt er später:

Da liefen also die Händler hin und her. Sie sahen aus wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens und boten einander riesige Mengen an Papieren an, zu einem Drittel des Preises und nur um festzustellen, dass keiner den Mut fand, die einmalige Gelegenheit zu ergreifen, ein Vermögen zu machen.

Die Kurse sind im freien Fall; bis 13 Uhr sind elf Milliarden Dollar vernichtet; in zwei Stunden sind elf Milliarden Dollar vernichtet, 1,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. Massive Stützkäufe führender Banken können den Absturz nur verzögern, und am folgenden Tag, dem «schwarzen Freitag», erreicht die Börsenpanik Europa.

Mehr als zwei Jahre lang fällt der Dow-Jones weiter und weiter, von gegen 400 Punkten vor dem Crash auf ein Tief von nur noch 41 Punkten im Juli 1932. Sieben Jahre lang hält die Wirtschaftskrise die Welt im Griff.

Fussball

Geld regiert die Welt, sagt man. Nur: Wenn man bedenkt, dass der internationale Fussballverband, die Fifa, nach Schätzungen des Wall Street Journal im WM-Jahr 2010 insgesamt 3,8 Milliarden Franken umsetzt, ist es vielleicht doch eher der Fussball, der die Welt regiert.

Fussball
Fussball
Die Geschichte des Spiels liegt im Dunkeln. Zwar weiss man, dass es in China bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus ein fussballähnliches Spiel gab. Spiel ist allerdings das falsche Wort – es handelte sich viel eher um ein militärisches Trainingsprogramm, und seine Regeln sind nicht überliefert.

Doch das Leder, das da buchstäblich mit Füssen getreten wird, hat’s in sich. Aus gegerbtem Leder eine Kugel zu formen, ist nämlich – theoretisch – ebenso unmöglich wie das Falten einer Erdkugel aus einem Blatt Papier. Praktisch, das heisst annäherungsweise, geht das natürlich doch. Mathematiker würden einen Fussball als ein «abgestumpftes Ikosaeder» bezeichnen, einen Körper, der aus 12 Fünfecken und 20 Sechsecken gebildet wird.

Und aus Fünf- und Sechsecken werden sie auch genäht, die Fussbälle. Leder wird dabei kaum mehr verwendet. Ein moderner Fussball besteht aus Kunstleder, hergestellt aus Polyurethan oder dem billigeren PVC. PVC ergibt dabei die schlechteren Bälle und ist ausserdem problematisch, weil bei seiner Verbrennung das hoch giftige Dioxin entstehen kann.

Genäht werden sieben von zehn Fussbällen dieser Welt übrigens in einer einzigen Region: in der Stadt Sialkot im Nordosten von Pakistan. Hier leben 30 000 Menschen davon, dass sie die 32 Kunstlederstücke eines Balls mit Nadel und Faden zusammennähen, 40 Millionen Bälle pro Jahr. Niedriglöhne und Kinderarbeit sind dabei immer noch die dunkle Seite des Fussballs.

Füsse, tönerne

Was auf «tönernen Füssen» steht, möge sich tunlichst vorsehen: Die sind die Metapher für alles, was auf wackligen Beinen steht. Die Füsse aus Ton stammen aus einem der spätesten Texte des alten Testaments, dem Buch Daniel. Daniel und seine Freunde werden nach Babylon deportiert und kommen im 6. Jh. v. Chr. an den Hof Nebukadnezars II. Eines Nachts fährt der König schweissgebadet aus dem Schlaf hoch, doch an den Alptraum kann er sich nicht erinnern. Er befiehlt seinen Sehern, ihm den Traum wiederzugeben und zu deuten – andernfalls würden sie hingerichtet und ihre Häuser zerstört. Die Aufgabe ist selbst den ranghöchsten Beratern zu schwer, und Polizeichef Arioch schickt sich an, die Hinrichtungen zu vollziehen.

Der jüdische Gefangene Daniel aber schafft es, das Rätsel zu lösen: Der König habe, so verkündet Daniel, von einem Koloss geträumt, dessen Kopf aus Gold bestand, Brust und Arme aus Silber, Bauch und Hüften aus Erz, Beine aus Eisen, die Füsse aber nur aus Eisen und Ton. Vom nahen Berg habe sich ein Stein gelöst und die brüchigen Füsse zerschlagen, so dass der Koloss in tausend Stücke zerbarst. Der Koloss stehe für die Weltreiche, unter denen das Volk Israel zu leiden hatte; der herabrollende Felsblock dagegen, am Ende des Traums zum weltbeherrschenden Berg angewachsen, sei das Reich Gottes, das alle weltlichen Reiche überdauern werde.

Nebukadnezar, so will es die Bibel, fällt auf die Knie, überhäuft den Propheten Daniel mit Gold und macht ihn zum Chefberater – und zum Schrecken für alles, was sprichwörtlich auf tönernen Füssen steht.

Gabel

Anfang des 11. Jahrhunderts heiratete ein Mitglied der venezianischen Dogenfamilie eine Prinzessin aus Byzanz, und die benutzte beim Essen ein Gäbelchen mit zwei Zinken. Ein Skandal: Wie konnte sie es wagen, die Speisen nicht mit den von Gott gegebenen Händen anzufassen? Für Hildegard von Bingen war die Gabel eine Verhöhnung des Herrn. «Gott behüte mich vor dem Gäbelchen», soll Martin Luther gesagt haben, und noch 1897 verbot die britische Navy ihren Matrosen das Essen mit der als unmännlich geltenden Gabel.

Im Gegensatz zum Messer hatte es die Gabel schwer.

Während ich einen saftigen Braten verzehrte,

berichtet um 1600 ein französischer Chronist,

bemerkte ich vier Herren, die nicht ein einziges Mal das Fleisch mit den Fingern berührten. Sie führten Gabeln zum Mund und beugten sich tief über ihre Teller. Da ich keine Erfahrung besass, wagte ich nicht, es ihnen nachzutun, und ass nur mit meinem Messer.

Im 18. Jahrhundert allerdings wendet sich das Blatt für die Gabel. Dem Adel beginnt es peinlich zu werden, sich beim Essen die Finger schmutzig zu machen. Wer nicht mit der Gabel umgehen kann, ist ein Tölpel. Und mit der Industrialisierung schliesslich wird die zuvor handgeschmiedete Gabel zum Massenprodukt. Sie besteht neu aus Edelstahl, bekommt in der Regel vier Zinken, wird etwas breiter und gewölbter. Und heute, wenn’s nicht gerade um Fastfood geht, ist das Essen ohne Gabel bei uns nur noch etwas für kleine Kinder – oder für Barbaren.

Gadget

Ob Smartphone oder Smartwatch: Das Gadget ist so etwas wie der Feuerstein des modernen Menschen. Smart sind wir bekanntlich alle, und ohne gehen wir nie dem Haus. Die begehrtesten stammen aus dem Hause Apple, doch obwohl wir Äpfel reif und saftig mögen, ist es bei Gadgets genau andersrum: Die grünsten sind die besten, und die fettesten Schlagzeilen gibt es, wenn sie noch gar nicht geerntet sind.

Das Wort «Gadget» dagegen hat Jahrhunderte auf dem Buckel. Schon um 1850 war es Teil der Seemannssprache und stand für irgendwas, dessen Namen man vergessen hatte. Zum ersten Mal schwarz auf weiss steht es in einem Reisebericht des Forschers Robert Brown von 1886:

Und dann die Namen all der Dinge auf einem Schiff! Ich kenne noch nicht mal die Hälfte davon! Sogar die Matrosen vergessen sie ab und zu; und wenn ihnen der Name für ein Ding gerade nicht einfällt, dann nennen sie es auf Englisch «chicken-fixing», «gill-guy», «timmey-noggy», «wim-wom» oder «gadjet».

Auf Deutsch ist das Gadget also einfach ein «Dings». Immer wieder liest man, es komme von einem New Yorker Souvenir, einer Mini-Freiheitsstatue, die von der Firma Gaget, Gauthier & Cie produziert wurde. Sprachforscher dagegen glauben, es stamme vom französischen gâchette ab, einem Allzweckwort, das Auslöser einer Kamera, Abzug einer Waffe oder Mechanismus eines Türschlosses bedeutet.

Damit schliesst sich der Kreis: Das Gadget, das wir alle in der Tasche tragen, hat einen Auslöser, mit dem wir Fotos schiessen, und abgeschlossen ist es auch, mit einem Riegel namens Passwort.