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Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Ticker

Wenn der Apparat des amerikanischen Erfinders Samuel Finley Breese Morse ansprang, dann hörte die Welt hin: Zum ersten Mal in der Geschichte liessen sich mit dem neuartigen Morseapparat Telegramme übermitteln – 1837 im Rahmen eines Versuchs durch 16 Kilometer Kabel, 1850 bereits über den halben amerikanischen Kontinent: Ein technisches Weltwunder. Der Telegraf presste mit einem Stahlstift oder einem Tintenrad Punkte und Striche auf Papierstreifen, und als in den 1930er-Jahren aus den Morsezeichen Buchstaben wurden, war das Geräusch des Tickers bald einmal der Inbegriff von Tempo und Verlässlichkeit.

Nachrichten hatten auf einmal ihren eigenen Sound, und der war so prägend, dass er sich auch in der Sprache niederschlug: Das Ticken des Fernschreibers führte zum lautmalerischen Wort «Ticker» – das war weit eingängiger als der schwerfällige, aus dem Altgriechischen entlehnte «Telegraph».

Die Geräte – der Morseapparat, dann der Schreibtelegraf – sind längst Geschichte: Am 14. Juli 2013 schlossen in Indien auch die allerletzten Telegrafenämter der Welt, nach insgesamt 163 Jahren Betrieb. Der Bedarf nach Nachrichten in Echtzeit dagegen ist heute so gross wie nie. Ob Nachrichten oder Börsenkurs, Wetter oder Verkehr: News wollen wir sofort. Und so bleibt der Ticker zumindest sprachlich am Leben: Wann immer es eilt und (vermeintlich) wichtig ist, informieren Zeitungen, Radio und Fernsehen mit einem «Liveticker». Erfinder Morse hätte seine helle Freude.

Kerbholz

Im Drama «Wallensteins Lager» lässt Friedrich Schiller eine Händlerin auftreten, die den Soldaten eine Flasche Wein kredenzt mit den Worten:

Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb‘ es gern.

Das Kerbholz war ein Zählstab, ein fälschungssicherer Schuldschein – und damit eine Art Blockchain der Frühzeit. Im Streitfall galt das Kerbholz vor Gericht als Beweismittel. Noch im napoleonischen Zivilrecht von 1804 wird es ausdrücklich als rechtsgültige Urkunde anerkannt, und auch die Bank of England hat im Steuer– und Kreditwesen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit Kerbstöcken gearbeitet. Und das ging so.

Wenn jemand Schulden machte, dann standen die Beteiligten vor einem Problem: Wie hielt man die Schuld so fest, dass sie jederzeit überprüfbar war und vor allem, dass keiner den anderen übers Ohr hauen konnte? Die Lösung war ebenso einfach wie effektiv: Man nahm ein Holzbrettchen zur Hand und ritzte quer zur Maserung Kerben ein, deren Anzahl der Schuldenhöhe entsprach. Anschliessend wurde das Holz der Länge nach gespalten, und beide Parteien erhielten je eine Hälfte. So konnte der Gläubiger keine Kerbe hinzufügen und der Schuldner keine beseitigen – ein einfacher Vergleich würde jede Manipulation unverzüglich auffliegen lassen.

Am vereinbarten Zahltag nahmen beide ihre Kerbhölzer hervor und hielten sie gegeneinander. Wenn die Kerben genau übereinstimmten, hatte alles seine Richtigkeit, und nach dem Tilgen der Schuld (und bei einem guten Glas Wein) warf man die Hölzer ganz einfach ins lodernde Feuer.

Messer

Am Anfang war das Messer: Schon die ersten Werkzeuge des Menschen lassen sich mit heutigen Klingen vergleichen, und die ältesten davon sind mehr als 2,5 Millionen Jahre alt.

Ein Messer ist eine einfache und raffinierte Sache zugleich. Einfach: Feuerstein ist hart wie Bergkristall, und geschickt zurechtgeschlagen, ergibt er einen Faustkeil mit messerscharfer Kante. Und raffiniert: Der Druck wird durch die scharfe Schneide auf eine mikroskopisch schmale Fläche verteilt, so dass sich mit Feuerstein mühelos schneiden lässt.

Kein Wunder also, dass das Messer seit jeher nicht bloss Werkzeug und Waffe war, sondern auch Statussymbol. Erste kunstvoll geschlagene Feuersteinmesser, später Dolche und Schwerter aus Bronze, Eisen und Stahl wurden reich verziert und zeugten so weniger von Wehrhaftigkeit als vielmehr von Wohlstand. Das «Jewelled Sword of State», das der angehende britische König Georg IV 1820 für 6000 Pfund herstellen und mit Gold und Juwelen schmücken liess, gehört zu den britischen Kronjuwelen und gilt als kostbarstes Messer der Welt. So gesehen ist das Taschenmesser, das Schweizer Soldaten bei sich tragen, vom Rekruten bis hoch zum Viersternegeneral, sozusagen des Messers demokratische Form.

Und dann gibt es da noch das Musikmesser aus dem 16. Jahrhundert. Es sieht aus wie ein Fleischmesser mit Horngriff, doch auf der Klinge eingraviert sind Psalmen. Unwahrscheinlich, dass Tafelgäste Noten und Text von blutigen Messerklingen ablasen: Die Tischsitten der Renaissance, genauso wie der Zweck der Psalmenmesser, bleiben ein Rätsel.

Limerick

1843 erschien in London ein Büchlein mit dem Titel «A Book of Nonsense», und dieses Büchlein hatte es in sich. Es enthielt 107 Nonsens-Gedichte des britischen Schriftstellers und Malers Edward Lear, von ihm selbst illustriert, die alle einem verblüffend eingängigen Schema folgten. Zwei lange Zeilen, die sich reimen. Dann zwei kurze, die sich ebenfalls reimen, am Ende ein fünfter langer Vers mit dem Anfangsreim. Immer nahm Lear eine fiktive Person auf die Schippe, die an einem realen Ort lebt, und die sich durch eine geradezu absurde Angewohnheit oder Eigenschaft auszeichnet.

Weil diese Strophenform einem alten irischen Soldatenlied gleicht, «Will You Come up to Limerick», wurde der Scherzvers bald einmal «Limerick» genannt. Auch wenn Dichter Lear nicht der Erfinder war – schon bei Shakespeare finden sich ähnlich gebaute Verse –, traf der Limerick einen Nerv. Mit einer Pointe, in die Schlusszeile verpackt, zählt er heute zum festen Repertoire von Humoristen in aller Welt. In der Version des Schweizer Kabarettisten César Keiser klang das 1964 zum Beispiel so:

Da gab’s einen Forscher in Brahmen
Der bastelte künstliche Damen,
Wobei ihm die vierte
Zum Teil explodierte,
Jetzt bastelt er keine mehr. Amen.

Wer jetzt vom Ehrgeiz gepackt ist und sich fragt, wie genau man einen Limerick zu schreiben hat, dem sei auch das erklärt. Am besten in einem Limerick:

Ein Limerick-Dichter aus Leimen
War stolz auf sein treffliches Reimen.
Doch macht’s nicht allein
Der treffliche Reim:
Man muss auch den Rhythmus gut timen.