Himmel, siebter

Der siebte Himmel liegt in Tourismusreklamen. Schenkt man ihnen Glauben, dann ist dieser siebte Himmel eine höchst irdische Sache und befindet sich vorzugsweise auf Kreuzfahrtschiffen und in Wellnesshotels.

Siebter Himmel
Siebter Himmel
Höchst irdisch ist die Vorstellung vom Himmel im Plural in der Tat. Und das seit über zweitausend Jahren. Schon im vierten Jahrhundert vor Christus teilte Aristoteles den Himmel in sieben durchsichtige Sphären ein. Auf jeder dieser Schalen, so lehrte der grosse Philosoph, bewege sich einer der sieben damals bekannten Himmelskörper Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn. Der Saturn, der mit blossem Auge immer noch gut sichtbar ist, galt als Grenze zum letzten, siebenten, Himmel und erhielt den Beinamen «Hüter der Schwelle».

Das äusserste Gewölbe, der «siebte Himmel», galt Aristoteles als der Bereich, der die Welt mit ihren Sonnen, Planeten und Monden gegen das endlose Nichts abschliesst, als das feinstoffliche Ende aller Materie und dem Paradies vergleichbar, eine Welt allein des Geistes, der göttlichen Vollkommenheit.

Und so hielt die Vorstellung von den sieben Himmeln in die Weltreligionen Einzug. Im zwischen 70 und 135 nach Christus entstandenen apokryphen «Testament der 12 Patriarchen» trägt ein Kapitel den Namen: «Höre nun von den sieben Himmeln». Im Talmud finden sie sich ebenso wie im Koran: «Allah ist’s, der die sieben Himmel erhöht hat ohne Säulen, die ihr seht», steht in der 13. Sure zu lesen. Der vollkommene siebte Himmel ist diesen religiösen Vorstellungen zufolge der Ort des Rechts, der Gerechtigkeit, des unendlichen Friedens, ja des Schöpfers selbst.

Und ganz bestimmt kein Fünfsternehotel.

Hitler-Tagebücher

Am 25. April 1983 hielt Europa den Atem an: Das deutsche Nachrichtenmagazin «Stern» teilte mit, es sei im Besitz von Adolf Hitlers geheimen Tagebüchern. Eine Woche später war der Spuk schon wieder vorbei: Die 62 Bände, die der Stern für 9,3 Millionen DM gekauft hatte, waren falsch.

Entdecker der angeblichen Tagebücher war der Stern-Reporter Gerd Heidemann, der auf verschlungenen Wegen auf Konrad Kujau gestossen war. Kujau tischte dem Reporter eine wilde Story auf, über den Absturz einer Junkers-Maschine kurz vor Kriegsende, in deren Wrack die Bände angeblich gefunden worden waren. Reporter Heidemann fuhr in das sächsische Dorf, fand dort die Gräber der Piloten – und war überzeugt. Um die Sensation geheim zu halten, wurde im «Stern» nur ein kleiner Zirkel informiert. Drei erste angebliche Hitler-Tagebücher wurden – für 85 000 DM und notabene ohne Quittung – gekauft, geprüft, und 59 weitere Bände wechselten den Besitzer.

Die angebliche Sensation rief Dutzende von Experten auf den Plan: Historiker, Chemiker, Schriftexperten. Ihr Befund: Papier und Bücherleim stammten aus der Zeit lange nach dem zweiten Weltkrieg. Geschrieben hatte da nicht Adolf Hitler, sondern Konrad Kujau.

Der Rest ist Mediengeschichte: Kujau gestand, der «Stern» musste sich entschuldigen, die Chefredaktion nahm den Hut, die Auflage stürzte ab. Reporter Heidemann und Fälscher Kujau wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. Der letzte Band der falschen Tagebücher wurde 2004 in Berlin versteigert – für immerhin noch 6500 Euro.

Ach ja: Kujau, wegen Kehlkopfkrebs vorzeitig aus der Haft entlassen, wurde Künstler und Kunsthändler. Zu kaufen gab es, ganz offiziell, Original-Kujau-Fälschungen.

Hobbit

Sie sind nur halb so gross wie wir, werden oft ein wenig rund um die Leibesmitte, tragen keine Schuhe, essen viel und lachen gern, und sie hassen alles, was ihre Beschaulichkeit stört: die Hobbits. Sie leben in einem Idyll namens «The Shire», geschaffen von John Ronald Reuel Tolkien. In «The Hobbit» und dem sechsteiligen Epos «The Lord of the Rings» hat Tolkien der Welt Fantasy-Literatur beschert, die heute zur Weltliteratur zählt. Unnötig, zu sagen, dass die beiden Hobbits Bilbo und sein Neffe Frodo Baggins ihre notorische Abneigung gegen Abenteuer notgedrungen überwinden. Aber davon erzählen, neben Tausenden von Buchseiten, mittlerweile auch die in Neuseeland gedrehte Filmtrilogie «Der Herr der Ringe», die – mit einem Budget von 280 Millionen Dollar gedreht – mit 17 Oscars prämiert wurde und weltweit gegen drei Milliarden Dollar eingespielt hat.

In Vergessenheit gerät da gern der, dem die Welt die Hobbits verdankt: J.R.R. Tolkien. Der war nicht nur ein passionierter Schreiber mit einer blühenden Fantasie, sondern vor allem Professor und einer der führenden Philologen seiner Zeit. Neben seinen Hobbit-Abenteuern widmete sich Tolkien der alt- und mittelenglischen Literatur, je spannender, desto besser: «Gawain und der grüne Ritter», von Tolkien übersetzt und kommentiert, ist so etwas wie ein Fantasy-Thriller des Mittelalters.

«The Hobbit», dieses Urwerk der Tolkien’schen Fantasiewelt, am 21. September 1937 in London erschienen, entstand beim Erzählen von Gutenachtgeschichten – Tolkien war ein hingebungsvoller Familienvater – und beim Korrigieren von Schülerarbeiten. Auf der Rückseite eines besonders langweiligen Papiers notierte er schon Ende der Zwanziger die ersten Worte des Romans, der Geschichte schreiben sollte:

In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.

Hochwacht

Atemlos stürmt Aragorn in die Halle des Königs von Rohan:

Die Leuchtfeuer von Minas Tirith, die Leuchtfeuer brennen! Gondor ruft um Hilfe!

Grimmig antwortet König Théoden:

Und Rohan wird antworten! Die Heerschau soll beginnen!

Die Szene aus «Der Herr der Ringe» handelt von den Leuchtfeuern der fiktiven Stadt Minas Tirith, die um Hilfe ruft. In der Schweiz hiessen diese Signalfeuer «Hochwachten», und sie waren dem Sprachhistoriker und Fantasy-Autor J. R. R. Tolkien durchaus vertraut.

Mit weithin sichtbaren Flammen wurde in der alten Eidgenossenschaft die Mobilisierung von Truppen ausgelöst. Hochwacht um Hochwacht entzündete das Feuer, und so wurde der Alarm über das gesamte Signalnetz hinweg weitergegeben. Hochwachten gab es in den Kantonen Luzern, Zürich, Freiburg, Thurgau, und das Netz der 156 sogenannten «Chutzen» im Kanton Bern reichte gar vom Rhein bis an den Genfersee. In nur drei Stunden konnte mit ihnen das gesamte Kantonsgebiet alarmiert werden.

Frühe Signalfeuer bestanden aus einem Baum, der mit Stroh umgeben und in Brand gesteckt wurde. Ab dem 15. Jahrhundert wurden daraus ausgeklügelte Systeme: eine bemannte Wachthütte oder ein Wachtturm, ein trockener Holzstoss, ein Visierinstrument (damit eine gewöhnliche Feuersbrunst nicht mit einem Signal verwechselt wurde), eine Eisenpfanne mit Harz oder Pech und ein Mörser. Nachts wurden Signale mit Feuer weitergegeben, tagsüber mit Rauch und bei Nebel mit einem Kanonenschuss.

Zum letzten Mal eingesetzt wurden die Hochwachten 1870 im Deutsch-Französischen Krieg. Heute dagegen dienen sie nur noch als Messpunkte der Landesvermessung – und, ihrer Aussicht wegen, als beliebte Wanderziele.

Hokuspokus

Gezaubert haben wir als Kinder schon lange vor Harry Potter. Unsere Zauber waren vielleicht nicht ganz so wirkungsvoll, dafür waren sie umso rascher gelernt: «Hokuspokus», und das Zimmer war aufgeräumt, auch wenn das die Eltern etwas anders sahen.

Der Wunsch, zaubern zu können, ist so alt wie die Menschheit. Und fast genauso alt ist das Wort «Hokuspokus».

hocus pocus schwarz und weisz,
fahre stracks auf mein geheisz
schuri muri aus den knaben,

lässt schon um 1700 der deutsche Schriftsteller Christian Reuter seinen Antihelden Schelmuffsky deklamieren.

Viele Sprachforscher sehen in «Hokuspokus» eine Verballhornung der katholischen Liturgie: Hoc est enim corpus meum, spricht der Priester während der Wandlung: «Dies ist nämlich mein Leib» – gemeint ist der Leib Jesu Christi. Das gemeine Volk, das kein Latein verstand, soll nur Hokuspokus mitbekommen haben. Eine durchaus zauberhafte Erklärung, aber am Ende doch nur etymologischer Hokuspokus.

Die Wirklichkeit ist prosaischer: Hocus, auf Englisch hoax, bedeutet Schabernack, lateinisch hocus pocus soviel wie Taschenspieler. Das später auch ins Deutsche übersetzte Buch «Hocus Pocus Iunior» des Engländers Elias Piluland von 1634 erzählt vom Sohn eines Gauklers, und in Thomas Adys ungefähr gleich alter Geschichte «Candle in the Dark» brüstet sich ein Trickkünstler, The Kings Majesties most excellent Hocus Pocus zu sein.

«Hokuspokus», nichts als Gaukelei: Daran wird es wohl gelegen haben, dass das verzauberte Kinderzimmer am Ende doch noch aufgeräumt werden musste.