Google Earth

Man schrieb das dritte Jahrhundert vor Christus. Und da hatte König Ptolemaios I eine Vision: die einer Bibliothek, die das gesammelte Wissen der Zeit enthalten sollte. Es blieb eine Vision; das Ende dieser Bibliothek war fulminant. Julius Cäsar, bei Kämpfen in die Enge getrieben, liess sämtliche Schiffe im Hafen von Alexandria niederbrennen, und die sagenhafte Bibliothek und ihre 700 000 Buchrollen gleich damit.

Würdiger Nachfolger des Königs war nicht Ptolemaios II, sondern vielmehr Google. Und Google will nicht nur alles Wissen der Welt zugänglich machen, sondern nichts weniger als gleich die ganze Welt selbst. Das ist durchaus wörtlich gemeint – das Ergebnis heisst Google Earth. Google Earth ist eine Software, die kostenlos auf earth.google.com heruntergeladen werden kann.

Google Earth bringt Ihnen buchstäblich die ganze Welt auf den Bildschirm, von Satelliten fotografiert, in einer Auflösung von einem Meter bis zu 5 Zentimentern, und vor allem dreidimensional. Das heisst: Gebirge und Schluchten sind, was sie sind, und vor dem Brandenburger Tor in Berlin lassen sich selbst die einzelnen Fussgänger ausmachen.

Soviel geografische Information in der Hand eines einzigen Unternehmens, so fürchten viele, ist ein Monopol und daher gefährlich. Google Earth, so fürchten die Militärs, kann auch ein gefundenes Fressen für Terroristen sein, die Anschlagsziele ausspähen wollen. Deshalb gibt’s eine handfeste Zensur. Ein gefundenes Fressen war Google Earth dagegen für den Italiener Luca Mori. Als dieser im Jahr 2005 die Umgebung seiner Heimatstadt Parma erkundete, fiel ihm eine seltsame Form auf. Es waren, wie sich herausstellte, die Mauern einer römischen Villa.

Die Bibliothek von Alexandria allerdings vermag selbst Google Earth nicht auferstehen zu lassen. Doch die Vision des Königs ist Tatsache geworden.

Gospel

Gospel: das ist mehr als Musik – das ist Klang gewordene Inbrunst. Gospel ist Soul, Rhythm’n’Blues, Rock’n’Roll, the backbone of American music – und einer der Väter dessen, was wir heute ganz profan Jazz nennen.

Am Anfang allerdings hatte Gospel mit Musik nichts zu tun. Ein gospel ist ein Evangelium, ein Zeugnis vom Leben Christi. Das Wort ist uralt: Es stammt aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, als die ins heutige England vorstossende christliche Kirche das griechische Wort euangelion, wörtlich «frohe Botschaft», in die einheimische Sprache übersetzte: God («gut») und spel («Nachricht»).

Es wird kaum geschadet haben, dass das alte «gut» mit «Gott» zusammenfiel, und so kam es, dass der Komponist und Sänger Philip P. Bliss seine Kirchenlieder im Jahr 1874 unter dem Titel Gospel Songs erscheinen liess. Dass wir unter Gospel heute vor allem den Kirchengesang afroamerikanischer Gemeinden verstehen, hat mit den so genannten negro spirituals zu tun, von denen er abstammt, und damit, dass die Schwarzen ihren Ruf-und-Antwort-Gesang im Gottesdienst hemmungslos von ganzen Bluesbands begleiten liessen.

Auch heute noch ist Gospel untrennbar verbunden mit dem Neuen Testament: «Wissen Sie, Gospel ist nicht der Sound, er ist die Botschaft», sagt Edwin Hawkins, Komponist des Welthits «Oh Happy Day»: «Wenn es um Jesus Christus geht, dann ist es Gospel.»

Gotthelf, Jeremias

Es mag grössere Schriftsteller gegeben haben als ihn, dessen Pseudonym Jeremias Gotthelf Programm war. Besonders der späte Gotthelf, immer wieder als missionarischer Reaktionär verschrieen, ist ein sperriger Klotz in der Schweizer Literaturgeschichte. Werke wie der Doppelroman «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter» gehören zwar zur Schweizer Allgemeinbildung, andere Romane aus derselben Zeit wie «Jakobs Wanderungen» sind dagegen völlig unbekannt geblieben.

Jeremias Gotthelf alias Albert Bitzius, Jahrgang 1797, war Sohn des Pfarrers von Murten, und wie der Vater, so der Sohn: Gotthelf studierte Theologie und wurde, nach verschiedenen Stationen im Kanton Bern, Pfarrer in Lützelflüh. Hier, im beschaulichen Emmentaler Dorf, entstand eines der grössten literarischen Werke der Zeit: Die Gesamtausgabe umfasst 24 Bände und 8000 Seiten, Predigten, Kalendergeschichten und Briefe füllen weitere 18 Bände. Auch wenn Gotthelfs Deutsch mit Berner Dialekt durchsetzt ist: Die meisten Leser fand er, ausgerechnet, in Deutschland. Selbst Schweizer Zeitgenossen wie Gottfried Keller stiessen sich an Gotthelfs Volkstümelei, selbst wenn – oder vielmehr gerade weil – solches im Deutschland der 1840er Jahre grosse Mode war.

Solche Kritik liess Gotthelf kalt. Er sorgte sich nicht um seinen Ruf, sondern um Menschen. Was ihn kümmerte, waren Armut und Verwahrlosung, was er anprangerte, waren Egoismus und Gottlosigkeit. Als Gotthelf 1854 an einem Schlaganfall starb, hinterliess er ein literarisches und politisches Zeitgemälde, das seinesgleichen sucht. Um es mit dem Germanisten Walter Muschg zu sagen: «Gotthelf, dieser Aussenseiter, war der einzige, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewskij vergleichen lässt.»

Höchste Zeit, wieder einmal Gotthelf zu lesen.

Gratis

Das Zauberwort lässt die Augen glänzen: «Gratis». Als Kind beim Metzger, wo es als Dreingabe eine Wurstscheibe gab, als junger Erwachsener dann die Brieftasche als Dank des Verlags fürs Zeitungsabonnement, heute gleich das Handy beim Abschluss des Zweijahresvertrags – noch immer heisst das Zauberwort «gratis».

So heisst es übrigens schon eine ganze Weile. Gratis stammt vom lateinischen gratia ab, Dank, und wurde im 16. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt – in der Bedeutung «um des Dankes, nicht um der Belohnung willen». Solcherlei etymologische Raffinesse interessiert heute niemanden mehr. Gratis kostet nichts, und damit basta.

Das klingt zwar gut, ist aber kreuzfalsch. Denn «gratis» ist das womöglich bauernschlauste Geschäftsmodell der Welt. Wer ein Gratisprogramm aus dem Internet herunterlädt, will irgendwann mehr Funktionen haben und bezahlt die teure Vollversion. Wer sein Handy kostenlos erhält, bindet sich jahrelang an einen Anbieter und bezahlt brav seine hohen Gebühren. Und wer dankend das kostbare Werbegeschenk annimmt, bleibt der Firma noch lange als treuer und zahlender Kunde erhalten.

Freemium heisst das Modell auf Neuenglisch, auf Altdeutsch würde man es «Da-ist-ein-Haken-dran» nennen. Das Produkt oder der Dienst ist zwar unzweifelhaft gratis. Aber nur 30 Tage lang. Oder mit zuwenig Funktionen. Oder zu kleiner Kapazität. Oder ohne Support. Oder, besonders nett, nur der Kollege von nebenan hat’s gratis bekommen, danach war Schluss.

Freemium: Das war selbst beim Metzger der Kindheit nicht anders. Zweimal beim Einkaufen ein geschenktes Wurstrad für uns Kinder, beim dritten Mal dann die ganze Wurst auf dem Mittagstisch. Und die war alles andere als gratis.

Gros

Im Dezimalsystem, mit der Basis 10, rechnen wir von Kindsbeinen an, doch auf dem Markt zählen wir nach wie vor im Duodezimalsystem, vor allem mit dessen Basis, dem Dutzend. Im Handel war lange Zeit noch ein anderes Zählmass gebräuchlich: das Gros. Ein Gros, das sind zwölf Dutzend, also 144 Stück einer bestimmten Ware. «Gros» kommt vom altfranzösischen Ausdruck grosse douzaine, «grosses Dutzend».

Das Gros wiederum – also die Zahl 144 – wird gelegentlich auch «kleines Gros» genannt, im Gegensatz zum «grossen Gros» (oder auch «Mass»), das zwölf Gros bedeutet, also 1728 Stück. Der Handel in grossen Stückzahlen heisst in der Kaufmannssprache deshalb «Engroshandel», ein «Grossist» ist folgerichtig ein Grosshandelsunternehmen.

Rechnen in Gros (mit dem Einheitenzeichen gr) haben wir längst verlernt. Und doch ist uns das Wort sehr vertraut, nämlich wenn wir in der Migros einkaufen. Den Namen «Migros» hat deren Gründer Gottlieb Duttweiler nach eigenen Angaben 1925 selbst erfunden, und er kommt ebenfalls vom Gros. «Migros» sollte die Positionierung des Unternehmens ausdrücken – mit Preisen in der Mitte zwischen en-gros und en-détail, auf französisch also demi-gros oder eben mi-gros. «Migros» heisst also im Grunde nichts anderes als «Mittelhandel».

Die Migros als Brückenbauerin zwischen Hersteller und Kundin, zwischen Engros- und Einzelhandel: Nicht umsonst war 75 Jahre lang auf allen Migros-Packungen das Symbol einer Brücke abgebildet.