Caganer

Der caganer gehört in Katalonien, ganz im Nordosten Spaniens, seit Jahrhunderten zur angestammten Belegschaft der Weihnachtskrippe. Er ist in keinem Evangelium zu finden, und daher würde man ihn in so unmittelbarer Nachbarschaft des neugeborenen Jesuskindes auch nicht unbedingt vermuten. Denn der caganer stellt einen katalanischen Bauern dar, mit traditioneller roter Mütze und heruntergelassener Hose, der etwas abseits auf dem Boden kauert und seelenruhig sein Geschäft verrichtet. Daher auch sein Name: Caganer heisst auf Deutsch ganz einfach «Scheisserchen».

Was um Himmels willen hat die biblische Weihnachtsgeschichte mit bäuerlichem Stoffwechsel zu tun? Wenn jemand auf dem Feld mal muss, so erklären Katalanen den staunenden Fremden, dann muss er eben, das ist doch das Natürlichste auf der Welt. Gesichertes Wissen über den caganer gibt es kaum. Es wird aber vermutet, dass das Männchen ursprünglich für den Kreislauf der Natur stand, für Dünger und Fruchtbarkeit, für die Hoffnung auf eine gute Ernte im nächsten Jahr, für Ausgeglichenheit und Gesundheit.

Heute ist der caganer geradezu zur weihnachtlichen Kunst- und Kultfigur geworden: Anstelle des Häufchen machenden Bauern sieht man auch Politiker, Schauspieler, Musiker oder Fussballer, allesamt gebückt und in eindeutiger Pose. Dieser Tage besonders beliebt: US-Präsident Donald Trump, mit roter Krawatte statt roter Mütze, untenrum blank.

Selbst das Königshaus und die katholische Kirche Spaniens haben das Männchen auf dem Topf längst akzeptiert: als ein etwas eigenwilliges Symbol für Glück.

Casino

Fjodor Dostojewskis Roman «Der Spieler», fieberhaft in nur 26 Tagen seiner Stenografin und späteren Ehefrau Anna diktiert, war eine Studie seiner eigenen Sucht: Geld rann Dostojewski wie Wasser durch die Finger, Spielcasinos zogen ihn magnetisch an.

Doch nicht immer war das Casino ein Ort des Lasters. «Casino» war ursprünglich bloss ein Diminutiv von casa und bedeutete auf Italienisch einfach «Häuschen», etwa ein schmuckes Gartenhaus, wie es italienische Barockfürsten bauen liessen. In Venedig war ein «casino» ein privater Raum, den Adlige in der Nähe des Dogenpalastes unterhielten, um dort vor Ratsversammlungen ihre Amtstracht anzulegen; der legendäre Venezianer Giacomo Casanova wohnte zeitweise gar in einem dieser Casinos.

Im frühen 19. Jh. begannen die vielen neu gegründeten politischen, kaufmännischen, literarischen, musikalischen und Bildungsvereine sogenannte «Casinos» zu bauen, die bald wichtige Orte städtischer Geselligkeit waren. Das Offizierscasino war ein Speise- und Gesellschaftsraum, und an der Stelle des heutigen Bundeshauses in Bern stand bis 1895 ein Casino mit Restaurant und einem grossen Saal für Tanz und Theater. Auch das heutige, 1909 eröffnete Casino Bern ist ein Konzerthaus.

Zum Mekka der Spieler wurde das Casino wiederum in Venedig: 1638 wurde im Palazzo Dandolo das erste öffentliche Spielcasino eröffnet, und als im 18. Jahrhundert das Glücksspiel ganz Europa eroberte, wurden die Vereinshäuser namens «Casino» nach und nach zu jenen Spielhöllen, in denen Dostojewski seinen traurigen Helden Aleksej buchstäblich seinen allerletzten Gulden setzen lässt.

Catering

Catering ist die globalisierte Variante des Streichens von Pausenbroten. Und wie es sich für ein Kind der Globalisierung gehört, kommt Catering aus dem Englischen und bezeichnet ganz einfach das Liefern von Lebensmitteln. Weil der Mensch ein gefrässiges Tier ist, braucht er Snacks in jeder Lebenslage: Ob in der Bahn oder der Kantine, ob auf der Gartenparty oder dem Langstreckenflug – überall kommt Catering zum Zug.

Gate Gourmet heisst der Nachfolger des einstigen Swissair-Caterings und ist die Nummer eins der Schweiz im Flugzeug- und Bahngeschäft. Jahr für Jahr werden in den Töpfen des Zürcher Konzerns 250 Millionen Mahlzeiten zubereitet und an Airlines in 28 Ländern geliefert. Bei dieser gewaltigen Nachfrage ist Schluss mit gemütlichem Brutzeln und Köcheln. Da wird, an 365 Tagen pro Jahr, auf so genannten Koch- und Bratstrassen hochindustriell produziert, und Köche aller Herren Länder verarbeiten jährlich Tausende von Tonnen Obst, Gemüse, Fleisch.

Gross geschrieben werden dabei nicht nur Tempo und Pünktlichkeit, sondern auch Kühlung und Hygiene. Von jeder grösseren Lieferung wird eine Gegenprobe eingelagert, die man von unabhängiger Seite untersuchen lassen kann, falls einem Passagier mal nicht nur vom Fliegen übel wird. Die Kehrseite der Medaille: Jedes nicht verzehrte Schnitzel wird, selbst wenn verpackt und unberührt, ungerührt vernichtet.

Catering ist längst ein deutscher Begriff geworden. Der klingt zwar nach einem Anglizismus, ist aber genau genommen keiner. Denn to cater ist der Enkel des altfranzösischen achater, «kaufen». Vermutlich deshalb sind die Snacks von heute so teuer.

CD

Die CD, obgleich im Zeitalter von mp3 und Internet schon oft totgesagt, ist nicht mehr wegzudenken. Allein 2007 wurden 450 Millionen Musik-CDs verkauft. Aneinandergereiht, würden sie eineinhalbmal rund um den Globus reichen.

Die silberne Scheibe hat eine erstaunliche Geschichte. Erfunden wurde die CD von zwei Konzernen: von Philips und von Sony. Beide forschten sie an Möglichkeiten herum, Bild und Ton digital aufzuzeichnen, und beide stiessen sie auf dasselbe Problem: Geplant war eine Laserdisc von 30 Zentimetern Durchmesser, ähnlich einer Schallplatte. Nur: Würde man diese Platte für Ton nutzen, fänden darauf über 13 Stunden Musik Platz. Sony war klar, dass dies die Musikindustrie auf den Kopf stellen würde. Also besann man sich auf das Erfolgsprodukt der Tonträgerindustrie: die Musikkassette. Die hatte eine Diagonale von 11,5 Zentimetern, und diesen Durchmesser sollte auch die neue CD haben.

Dabei gab es aber ein Problem. Der für das Projekt verantwortliche Sony-Vizepräsident Norio Ohga war ausgebildeter Opernsänger und glühender Verehrer Beethovens: Er verlangte, die neue CD sollte dessen neunte Sinfonie fassen können. Nur, welche Neunte genau? Die Techniker waren ratlos und hielten sich daher an die längste Aufnahme, die sie finden konnten – jene von Wilhelm Furtwängler vom 29. Juli 1951 in Bayreuth. Die dauerte, ohne Applaus, etwas mehr als 74 Minuten. Das aber hiess einen halben Zentimeter mehr, und so messen unsere CDs heute genau 12 Zentimeter.

Dichtung und Wahrheit, schrieb Goethe, und se non è vero è ben trovato, sagen die Italiener: Wenn’s denn schon nicht wahr ist, so ist’s wenigstens gut erfunden. In dieser Zeit der Schlagzeilen und News sind gut erzählte Geschichten allemal etwas wert.

Celebration

Die Vision, die der legendäre Trickfilmer Walt Disney in seinen letzten Jahren formulierte, war die einer in jeder Hinsicht perfekten Stadt:

Epcot [die englische Abkürzung für «experimentelle Prototyp-Community von morgen»] wird eine durchgeplante, vollständig kontrollierte Gemeinschaft sein, ein Vorzeigeprojekt amerikanischer Industrie. Es wird keinen Landbesitz geben, keine Stimmrechtskontrollen. Die Menschen werden ihre Häuser nicht kaufen, sondern günstig mieten. Es wird keinen Ruhestand geben, und alle Menschen werden Arbeit haben.

Bis zu Walt Disneys Tod 1966 blieb Epcot eine blosse Idee. 1994 aber gründete die Disney Company im US-Bundesstaat Florida die Planstadt «Celebration». Eine idyllische Seenlandschaft, die Strassen blitzsauber, die Hecken akkurat gestutzt: In Celebration sollten die Menschen strikt nach den Vorstellungen Walt Disneys leben. Parkverbot am Strassenrand, die Vorhänge ausschliesslich weiss, keine verdorrten Zierpflanzen auf der Veranda: Jedes noch so kleine Detail war amtlich geregelt.

Celebration war ein voller Erfolg: Mit einer Lotterie wurde 1995 der Zuschlag für eines der 350 Häuser verlost. Doch schon ein Jahr später begehrten die ersten Zuzüger auf: Die umstrittenen Lehrmethoden der Schule führten zu Protesten, um die sich der Disney-Konzern nicht scherte. Demokratische Mitbestimmung war nicht vorgesehen; und so kehrten erste Siederfamilien Celebration den Rücken. 2008 wurde die 11 000 Einwohner zählende Stadt von der Finanzkrise hart getroffen, über 100 Familien mussten ihre Häuser verkaufen. Indes: Celebration besteht bis heute – mit immer noch 7500 Einwohnerinnen und Einwohnern, und einem 166 Seiten starken Regelbuch.