Computervirus

Die Geschichte der Computerviren beginnt 1949. John von Neumann, ungarisch-amerikanischer Mathematiker und Professor an der Universität von Illinois, beschreibt in einem Essay ein Computerprogramm, das sich wie ein Organismus fortpflanzen kann. Ein Code, der in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren – das ist zwar erst graue Theorie, aber eine wissenschaftliche Sensation. 1972 wird der österreichische Ingenieur Veith Risak konkreter. Sein Artikel mit dem Titel «Selbstreproduzierende Automaten mit minimaler Informationsübertragung» ist die erste präzise Bauanleitung für einen Virus – damals noch in der Programmiersprache «Assembler» und für einen der damaligen Grossrechner von Siemens gedacht.

So richtig ernst wird es im Januar 1986. Basit und Amjad Farooq Alvi aus Lahore, Pakistan, sind Programmierer von Medizinalsoftware. Zu ihrem Leidwesen werden die Disketten immer öfter raubkopiert, und so sehen sich die Brüder gezwungen, ihr Programm zu schützen. Ein Virus, der allererste für das vorherrschende Betriebssystem MS-DOS, befällt alle Rechner, auf denen eine illegale Kopie läuft. Der Schädling selbst hat durchaus noch Charme: Im Code veröffentlichen die beiden Brüder nämlich ihre Postadresse mitsamt der Telefonnummer, damit man sie kontaktieren kann, um eine legale Kopie der Software zu kaufen und den befallenen Computer wieder zu desinfizieren. Immer mehr aufgebrachte Nutzer aus aller Welt rufen an. Die Brüder rechtfertigen sich wortreich, dass ihre Absicht keine schlechte gewesen sei – bis am Ende die Leitung zusammenbricht.

So kommt es, dass die Computerviren ihren Siegeszug antreten – und dass Antivirenprogramme ein Milliardengeschäft werden.

Doppelagent

Spione sind loyal – nur nicht gegenüber dem Land, in dem sie leben. Aber da gibt es Agenten, die kennen mehr als eine Loyalität: Doppelagenten spionieren für und gegen die eine wie die andere Regierung. Zum Beispiel die legendäre Nackttänzerin und Kurtisane Mata Hari. Mata Hari hiess tatsächlich Margaretha Geertruida Zelle und war nicht die Tochter eines indischen Brahmanen, sondern eines niederländischen Hochstaplers. Seit 1915 deutsche Spionin in Paris, horchte sie gleichzeitig Generäle für die Franzosen aus. Bloss: Schon früh kam der britische Secret Service zum Schluss, dass die Tänzerin zwar unvergleichlich schön, als Spionin aber harmlos war.

Im Halbdunkel geheimdienstlicher Scharaden verlieren zuweilen sogar Spione den Überblick. Hinter dem deutschen Doppelagenten namens «Bambi» soll sich der Geheimdienstler und Journalist Günter Tonn verborgen haben, der seit 1955 für den KGB spionierte. Nur: Was er weitergab, war fingiert, denn tatsächlich soll Tonn die Russen ausspioniert haben. Vieles liegt im Dunkeln, doch als sicher gilt: «Bambis» Führungsoffizier Heinz Felfe, war ebenfalls Doppelagent – aber diesmal tatsächlich im Dienste Moskaus; dass «Bambi» nicht zu trauen war, war den Russen bekannt – und egal. Denn als «Bambi» aufflog, beschleunigte das Felfes Karriere beim Bundesnachrichtendienst.

Doppelagenten sind ungemein effizient: Weil sie hartgesottene Spionageprofis sind, kennen sie das Metier, und sie liefern nicht bloss Geheimmaterial, sondern auch Einsichten in die Arbeit der Agentenjäger. Felfe, am Ende Gegenspionagechef in Pullach, war Doppelagent im ganz grossen Stil: 15 000 Geheimdokumente hat er weitergegeben, 190 deutsche und amerikanische Agenten enttarnt.

Dunning-Kruger-Effekt

Das Problem mit dummen Menschen ist, dass sie keine Ahnung haben, wie dumm sie wirklich sind.

Der bitterböse Sketch des britischen Komikers John Cleese ist tatsächlich ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. David Dunning, Professor für Sozialpsychologie und ein Freund von Cleese, schrieb 1999 zusammen mit seinem Kollegen Justin Kruger an der Cornell University ein anfänglich kaum beachtetes Papier. Es zeigte, dass Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz zu erkennen, zu einer überhöhten Selbsteinschätzung führen. Dunning und Kruger wiesen nach, dass Menschen mit spezifischen Schwächen – etwa beim Lesen, Autofahren oder Schach – dazu neigen, ihr eigenes Können zu überschätzen, während sie gleichzeitig das der anderen unterschätzen. Diesen «Dunning-Kruger-Effekt», wie das Phänomen heute heisst, beschreibt Dunning so:

Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. Die Fähigkeiten, die wir brauchen, um die Lösung eines Problems zu finden, sind genau die selben Fähigkeiten, die nötig wären, um die gefundene Lösung als richtig zu erkennen. Wir sind nicht so gut darin, zu wissen, was wir nicht wissen.

Auf die Spur gebracht hatte die Forscher ein Banküberfall: Der Bankräuber McArthur Wheeler in Pittsburgh hatte keine Maske getragen und war von Überwachungskameras gefilmt worden. Die Bilder kamen in den Nachrichten, und keine Stunde später wurde Wheeler verhaftet. Mit den Videos konfrontiert, murmelte der verblüffte Räuber: «Aber ich war doch voller Saft!» Er hatte felsenfest geglaubt, dass sein mit Zitronensaft eingeriebenes Gesicht für Kameras unsichtbar sei. Was nicht ganz den Tatsachen entsprach.

Farinet, Joseph-Samuel

Es gibt zweieinhalb Wege, um zu Geld zu kommen: arbeiten oder stehlen. Der dritte, es zu fälschen, ist bestenfalls ein halber, und wer ihn geht, steht mit einem Bein im Gefängnis.

Einer, der diesen Weg unverdrossen und mit grossem Geschick gegangen ist, war der 1845 im Aostatal geborene Bauernsohn Joseph-Samuel Farinet. Zusammen mit seinen Gehilfen fälschte Farinet nicht etwa Banknoten, wie dies die meisten seiner Berufskollegen tun, sondern vielmehr 20-Rappenstücke. Aus gutem Grund: Zum einen waren in den 1870-er Jahren 20 Rappen gutes Geld, und zum anderen genossen die Münzen das Vertrauen der Händler und Bauern, ganz anders als das Papiergeld der wegen Fehlspekulationen in Schieflage geratenen Walliser Kantonalbank.

Mehr als zehn Jahre lang brachte Farinet so viele 20-Räppler in Umlauf, dass am Ende ein Drittel aller Münzen sogenannte Farinets gewesen sein sollen. Von der schieren Menge an Falschgeld alarmiert, griff schliesslich der Bundesrat ein und verlangte von der Walliser Regierung die Festnahme des dreisten Falschmünzers. In einer Schlucht bei Saillon in die Enge getrieben, fand Farinet am 17. April 1880 den Tod – ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, behauptete die Polizei; kaltblütig erschossen, erzählten sich dagegen die Dörfler.

Literatur und Film haben Farinet ein Denkmal als «Robin Hood der Alpen» gesetzt, doch die Wahrheit ist viel prosaischer. Sein Leben war eine einzige Flucht: vor dem Elend und vor dem Gesetz.

Galvanisieren

Am 6. November 1780 macht Luigi Galvani eine makabre Entdeckung: Mit Eisen und Kupfer berührt er einen abgetrennten Froschschenkel, und der zuckt zusammen. Was es mit Elektronen und Elektrolyten auf sich hat, versteht Galvani zwar nicht die Spur, aber die tretenden Froschbeine faszinieren ihn aufs Höchste. Elektrische Spannung lässt sich schon lange erzeugen, doch wozu diese rätselhafte Energie gut ist, weiss niemand. Und auf einmal zuckt da ein toter Muskel. Also, folgert Galvani, muss Strom offenbar Leben spenden.

Mit wahrem Feuereifer macht sich die Medizin daran, diese wundersame Wiedererweckung der Toten zu erforschen. Praktischerweise führen die Ärzte ihre Experimente gleich an den Richtstätten durch. Soeben Hingerichteten werden Stromstösse versetzt, die Krämpfe werden gemessen, und das grausige Schauspiel zieht womöglich noch mehr Schaulustige an als zuvor die Hinrichtung selbst.

Lebendig wird keiner mehr. Das nach seinem Entdecker benannte «Galvanisieren» von Toten ist mehr Spekakel als Forschung und wird Anfang des 19. Jahrhunderts überall verboten. Doch mittlerweile wird Elektrizität längst an Lebenden erprobt: zur Behandlung von Nervenkrankheiten, von chronischen Schmerzen, von Schwermut.

Und so hält der Strom Einzug ins ärztliche Inventar. Der grausame Elektroschock, den Milos Forman 1975 in «One Flew Over the Cuckoos Nest» anprangerte, ist zwar Vergangenheit. Aber noch immer wird mit Strom behandelt: Die moderne Elektrokrampftherapie soll schwer depressiven Menschen helfen. Mit Luigi Galvanis zuckenden Froschbeinen hat diese Therapie nichts mehr zu tun: Behandelt wird nach allen Regeln der Kunst – und unter Narkose.