Notnagel

Der sprichwörtliche Notnagel ist nichts, was man gerne wäre.

Du, Bursche? Was, du? Der Nothnagel zu sein, wo die Menschen sich rar machen?,

verhöhnt der Protagonist Major Ferdinand von Walter den dümmlichen, gestelzten Hofmarschall von Kalb in Friedrich Schillers Drama «Kabale und Liebe».

Der wirkliche Notnagel aber gehörte bis in die 1960er-Jahre zur festen Ausrüstung der Feuerwehr. Es ist ein rund 20 Zentimeter langer, kräftiger, spitz zulaufender Vierkantnagel, dessen oberes Ende eine seitliche Öse trägt, die aussieht wie ein nach unten offenes P. Den Notnagel trugen Feuerwehrleute in einer kleinen Ledertasche am Gürtel. Beim Bekämpfen eines Brandes konnte es nämlich vorkommen, dass ihnen die Flammen auf einmal den Weg abschnitten und ein Rückzug nicht mehr möglich war. Um sich in Sicherheit zu bringen, konnte der Feuerwehrmann seinen Notnagel mit dem Beil in einen Balken oder den Zimmerboden einschlagen und sich mit dem mitgeführten Seil durch ein Fenster hindurch ins Freie abseilen.

Eine Weiterentwicklung war der sogenannte Notring.

Dem Nothring ist der Vorzug vor dem Notnagel zu geben,

steht in den «Illustrierten Feuerlöschregeln für jedermann» von 1878,

da sein Stift mit starken Widerhaken versehen ist und dadurch ein Wiederherausgleiten desselben aus dem Holze nahezu unmöglich gemacht wird.

Der Notnagel oder der Notring waren daher alles andere als ein Notbehelf, sondern vielmehr ein einfacher, kostengünstiger und erstaunlich effektiver Lebensretter.

Ombudsmann

Ein Ombudsmann – oder eine Ombudsfrau – wird in der Regel von einem Parlament eingesetzt. Sie sollen sicherstellen, dass die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern eingehalten werden, und sie überprüfen die Arbeit der Verwaltung. Der sperrige Name «Ombudsmann» kommt vom altnordischen Wort umboð, auf Deutsch «Auftrag» oder «Vollmacht». Der erste Ombudsmann der Geschichte war ein Schwede: Sein Amt wurde 1809 eingeführt und war als Vertrauensperson des Volkes gedacht. Das Beispiel machte Schule: Ombudsleute setzten sich erst in Skandinavien, nach dem Zweiten Weltkrieg dann auch in anderen Ländern Europas durch.

Heute haben die UNO, Regierungen, Organisationen und auch private Unternehmen eigene Ombudsleute. Ihre Dienste sind in der Regel kostenlos, sie arbeiten unabhängig, besitzen aber keine Verfügungsgewalt. Sie nehmen Beschwerden entgegen, hören zu, erklären, vermitteln und suchen Lösungen. Sie prüfen, ob die Verwaltung korrekt, verhältnismässig und bürgernah arbeitet. Viele Ombudsstellen stehen auch Angestellten der Verwaltung offen, die bei Problemen am Arbeitsplatz nicht weiterwissen.

Vorreiterin in der Schweiz war die Stadt Zürich, die 1971 eine erste Ombudsstelle einrichtete, andere Städte und Kantone folgten. Einzig auf Bundesebene hat’s bisher nicht geklappt: Viele Kantone und die bürgerlichen Parteien stellten sich quer, und so beschloss die zuständige Nationalratskommission 2004, auf ein entsprechendes Gesetz zu verzichten.

Palaver

Wenn die Roten sich einmal bei einem solchen Palaver befinden, pflegt dieses fast kein Ende zu nehmen,

schreibt Karl May in seinem Klassiker «Winnetou». Und so wissen wir seit unserer Kindheit, dass ein Palaver nichts als ein langatmiges, fruchtloses Gerede ist.

Im alten Griechenland war παραβολή, parabolē, noch ein literarisches Gleichnis, und als solches ist es verwandt mit der deutschen Parabel und der Parole. Als dieses Wort als palavra bei den Seeleuten Portugals ankam, wurde es zum Begriff für langwierige, oft ergebnislose Verhandlungen mit den Händlern an den Küsten Westafrikas.

Tatsächlich hat das Palaver auf dem afrikanischen Kontinent eine lange Tradition. Und hier ist es alles andere als leeres Geschwätz. Ein afrikanisches Palaver ist ein Dialog auf Augenhöhe, freundlich im Ton und friedvoll in der Absicht, und sein Ziel ist es, im weitesten Sinn ein Problem zu lösen. Keiner der Teilnehmer hat den Ausweg parat, keiner will ein Ergebnis durchsetzen. Lösungen werden gesucht und, von gleich zu gleich, entwickelt. Dabei geht es nie nur um die Sache, sondern immer auch um die Gemeinschaft, den Konsens. Mehrheit gegen Minderheit, eine Kontroverse, ein Streit, all das wird konsequent vermieden. Kurzum: Das Ziel des Palavers ist, was wir heute eine Win-win-Situation nennen.

Und weil ein Palaver viel mehr sucht als bloss den schnellen Ausweg, kann es viel Zeit in Anspruch nehmen. Aber: Am Ende steht die belastbare Übereinkunft, die für alle bindend ist, weil alle sie gemeinsam erarbeitet und ihr am Ende zugestimmt haben. So gesehen, wäre der Welt durchaus mehr Palaver zu wünschen.

Panzerknacker

Roter Kittel, blaue Hose und Mütze, die schwarze Maske im Gesicht und die Sträflingsnummer auf der Brust: Die Panzerknacker aus Entenhausen hatten höchst reale Vorbilder. Wie zum Beispiel die Gebrüder Franz und Erich Sass aus Berlin. Im deutschen Reich der 1920er-Jahre wurden sie zu gefeierten Medienstars.

Wochenlang hatten sie geschuftet, um den Tunnel zu graben, doch nun, an diesem 27. Januar 1929, waren sie am Ziel, im Tresorraum der Diskontobank an der Kleiststrasse 23. Staubig und verschwitzt leerten die beiden Bankräuber zur Feier des Sonntags zwei Flaschen Wein. Die Schliessfächer waren aufgebrochen, und alles, was die Berliner Hautevolee der Bank anvertraut hatte, lag zum Abtransport bereit.

Es sollte eine Weile dauern, bis der Einbruch überhaupt bemerkt wurde. Als der Kassierer am Montagmorgen den Tresor öffnen wollte, stellte er verblüfft fest, dass sich die Panzertür nicht bewegen liess. Die Bank vermutete einen Defekt, und erst nach zwei Tagen gelang es, die massive Wand zu durchbrechen. Um Zeit zu gewinnen, hatten die Sassens die Tür von innen blockiert.

Der Fall schlug hohe Wellen. Die Kriminalpolizei hatte sofort die Brüder Sass im Visier, doch es half alles nichts: Keine Fingerabdrücke, von der Beute keine Spur. Als die Sassens aus der U-Haft freikamen, schenkten sie der begeisterten Presse Champagner aus.

Fünf Jahre später wurden die Ganoven dann doch überführt und 1940 auf Befehl Adolf Hitlers erschossen. Die 2,5 Mio. Reichsmark aus der Diskontobank dagegen sind bis heute verschollen.

Parkett

Parkettböden, versiegelt oder geölt, sind zeitlos elegant und sehr beständig. Sie sind so alt wie die Architektur. Bei Steinböden nämlich zeigte sich oft ein Problem: Beim Fegen drang regelmässig Wasser durch die Fugen, was die tragenden Balken darunter morsch werden liess. Im Mittelalter waren daher unbehandelte Holzbohlen ein einfacher, robuster Zweckbelag.

Das änderte sich, als der französische König Louis XIV im Jahr 1677 das Schloss Versailles zum offiziellen Regierungssitz machte. Um den Hofstaat aufnehmen zu können, musste der Palast um- und ausgebaut werden. Den Boden des neuen Spiegelsaals liess Architekt Jules Hardouin-Mansart mit rautenförmigen Tafeln aus französischer Eiche belegen. Tatsächlich kommt «Parkett» vom Diminutiv von parc und bedeutete «abgetrennter Raum» oder «hölzerne Einfassung».

Die Herstellung der Tafeln war alles andere als trivial. Die Grösse der einzelnen Kassetten musste perfekt auf den 73 Meter langen und 10,5 Meter breiten Prunksaal und die an den beiden Enden gelegenen Salons abgestimmt werden. Eine erste Parketttafel wurde gezeichnet, und nach ihr hatten sich alle Gesellen und Lehrlinge bis ins letzte Detail zu halten.

Das charakteristische Flechtmuster aus Eichenholz wurde bald zum Inbegriff höfischer Eleganz. Wer etwas auf sich hielt – erst Adel und Kirche, schliesslich wohlhabende Bürger –, liess seinen Salon mit Versailler Parkett schmücken. Und wenn die Kasse stimmt, wird das Parkett des französischen «Sonnenkönigs» bis heute verlegt.