Handschuhehe

1490 sollte die dreizehnjährige Anna von Bretagne mit dem deutschen Kronprinzen Maximilian verheiratet werden. Staatsgeschäfte hielten den Bräutigam aber davon ab, nach Rennes zu reisen, und so schickte er einen Gesandten, der vor versammeltem Hof ein Bein bis zum Knie entblösste und es in das Prunkbett schob, in dem die Prinzessin lag und so tat, als würde sie schlafen. Damit galt die Ehe symbolisch als geschlossen.

Eine Adelshochzeit war in Europa stets auch eine Allianz zwischen Mächten, und eine Ehe entschied oft genug über Krieg oder Frieden. Weil eine Hochzeit aber wochenlanges Reisen voraussetzte, dachten sich die Habsburger eine Art Stellvertreterhochzeit aus, die sogenannte Handschuhehe. Die heisst so, weil der Diplomat als Zeichen seines Auftrags einen Handschuh des abwesenden Bräutigams zu überreichen pflegte. Für eine solche Stellvertreterhochzeit gab es unterschiedliche Protokolle. So konnte es, als andere Variante, auch sein, dass sich der Gesandte in voller Rüstung neben die prachtvoll gekleidete Braut legte, dazwischen lag aus Gründen der Sittlichkeit ein blankes Schwert.

In einzelnen Staaten Südeuropas, Südamerikas und verschiedenen US-Bundesstaaten sind Handschuhehen bis heute möglich, doch in den meisten Rechtsordnungen sind sie ausgeschlossen. Eigentlich hatten sie immer schon ihre Tücken. Weil Maximilians und Annas Ehe nie vollzogen wurde, und weil die Verbindung den Interessen des französischen Königs zuwiderlief, wurde die Hochzeit auf massiven Druck hin schon ein Jahr später vom Papst wieder annulliert.

Hash

#foodporn, #metoo, #art: Der Hashtag ist in aller Munde – oder besser: in aller Hand. Die sozialen Medien strotzen nur so von klickbaren Schlüsselwörtern, die immer mit einem sogenannten hash beginnen. Auch der Hash selbst kennt viele Namen. Das charakteristische Zeichen aus zwei senkrechten und zwei waagrechten Strichen heisst auf Deutsch «Doppelkreuz», «Raute», «Lattenzaun», «Kanalgitter» oder «Schweinegatter» – und auf Schweizerdeutsch meist ganz einfach «Gartehag».

Der Hashtag ist zwar eine Erfindung des Computer-Zeitalters; den Hash als typografisches Zeichen dagegen gibt es schon seit dem Mittelalter. Das römische Pfund hiess auf Latein libra pondo. Aus pondo wurde schliesslich das deutsche Pfund, und libra, ebenfalls ein Wort für «Pfund», wurde von englischen Schreibern seit dem 14. Jahrhundert abgekürzt – als «lb» mit einem darüberliegenden horizontalen Strich, um die Abkürzung anzuzeigen. Im frühen Buchdruck gab es sogar ein «lb»-Zeichen mit Überstrich, währenddem sich das handschriftliche, oft hastig hingeworfene Pfund-Zeichen verschliff und zum «Lattenzaun» wurde, den wir heute auf Englisch hash nennen.

Und der kann noch viel mehr als nur soziale Medien. In der Musik erhöht er als Ersatzzeichen für das Kreuz um einen Halbton, in Computersprachen kennzeichnet er Kommentare oder Sprungmarken. Den «Hash» finden wir auf der Telefontastatur und auf Rechenmaschinen; er bezeichnet Nummern und Parallelogramme, bedeutet Schachmatt und – in der Medizin – sogar den Bruch eines Knochens. Der Hash im Hashtag ist ein Hansdampf in allen Gassen.

Herrlich, dämlich

Was eine rechte Feministin ist, hat es immer schon gewusst: Die Unterdrückung der Frau in einer Welt der Männer hinterlässt Spuren – im Gemüt und in der Sprache. Herren sind herrlich, Damen einfach dämlich. Über den Einfluss von Sprache auf Denken und Handeln wurden schon ganze Bibliotheken geschrieben. In diesem Fall allerdings zu Unrecht. Denn «herrlich» hat mit Männern ebensowenig zu tun wie «dämlich» mit Frauen.

«Herrlich» kommt vom althochdeutschen hêr, das «glänzend» und «hervorragend» hiess. «Hehr» kommt heute etwas gar pathetisch daher, was unter anderem am Schweizerpsalm liegt, wonach «Gott im hehren Vaterland» wohnen soll. Schon früh wurde «hehr» allerdings mit den Herren der Schöpfung in Verbindung gebracht, weshalb sich Betonung und Schreibweise fälschlicherweise an «Herr» angeglichen haben.

«Dämlich» auf der anderen Seite stammt von einem heute vergessenen Verb ab, das dämeln und noch früher temelen hiess und «schlaftrunken sein» oder «taumeln» bedeutete, aber auch «dummes Zeug faseln», «sich albern benehmen» oder «nicht ganz bei Sinnen sein». Der Ursprung von «dämlich» ist Jahrtausende alt und geht allein schon deshalb nicht auf «Dame» zurück, weil die von der lateinischen domina abstammt und erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Deutschen ankam. Dass es nicht männlicher Chauvinismus war, der Dämlichkeit den Damen zuschrieb, zeigt sich am «Dämlack». Der ist erzdämlich – und ein Mann.

Luise F. Pusch übrigens, Feministin und Sprachforscherin, empfiehlt allen «dämlich» gescholtenen Frauen, eifrig zuzustimmen: Na klar doch! Herren sind herrlich, Damen dämlich, Winzer winzig und ihr Wein zum Weinen.

Homo oeconomicus

Robinson Crusoe, der Held aus Daniel Defoes berühmtem Roman von 1719, ist das, was man heute einen homo oeconomicus nennt: Als Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel angespült, verwandelt Robinson in 28 Jahren die feindliche Natur Schritt für Schritt in eine Utopie.

Der homo oeconomicus ist ein Mensch, der stets zu seinem Vorteil handelt. Als einer der ersten hat ihn 1888 der irische Dichter John Kells Ingram beschrieben; den lateinischen Namen gab ihm 1906, in Anlehnung an den homo sapiens, der italienische Ökonom Vilfredo Pareto.

Seither geistert der homo oeconomicus durch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, durch die Philosophie und die Feuilletons. Der ökonomische Mensch ist ein eigennütziger, aber rationaler und gut informierter Akteur. Immer trachtet er danach, seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Ein knallharter Egoist, möchte man sagen: Der «homo oeconomicus» ist zwar Grundlage vieler Wirtschaftsmodelle, aber er wurde zu allen Zeiten kontrovers diskutiert. Heute sieht man ihn differenzierter. Der homo oeconomicus ist nicht Menschenbild oder Doktrin, sondern vielmehr ein abstraktes Instrument der Wissenschaft, das dazu dient, ökonomische Gesetzmässigkeiten zu erforschen.

Aber auch als Konzept hat er seine Schattenseiten. Was genau ist eigentlich «Nutzen»? Was ist mit Entscheiden, deren Nutzen erst irgendwann und nur vielleicht eintritt? Was ist mit Menschen, die aus Altruismus handeln oder gänzlich irrational? Untersuchungen zu bestimmten Situationen widerlegen den homo oeconomicus immer wieder. Und doch: Wenn’s ums liebe Geld geht, steckt ein bisschen Robinson in uns allen drin.

Hungerbrot

Hungerbrot ist Brot, wie es in Notzeiten gebacken wurde. Es war hart, nur etwa faustgross, und das Mehl war mit Gras, Stroh oder sogar Sägemehl gestreckt. Gebacken wurde Hungerbrot vor allem im Jahr 1816, das als «Jahr ohne Sommer» in die Geschichte einging. Ein Jahr davor war der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen und hatte Zehntausende in den Tod gerissen. Milliarden Tonnen Staub, Asche und Schwefel legten sich wie ein Schleier um die Erde und liessen das Klima abkühlen. In den USA gab es im Sommer Frostnächte, in Europa Unwetter und Überschwemmungen. In der Schweiz schneite es jeden Monat, am 2. und am 30. Juli 1816 sogar bis in tiefe Lagen.

Ernteausfälle liessen die Getreidepreise in die Höhe schiessen, und Brot wurde für Arme schier unerschwinglich. Chronisten berichten, dass Menschen vor lauter Hunger sogar Gras assen. Wer kostbares Mehl besass, streckte es mit allem, was zur Hand war – in Schweden gab es Hungerbrot mit Sauerampfersamen, in Finnland mit Kiefernrinde, überall in Europa mit Eicheln. Die Fasern vermittelten zwar das Gefühl, satt zu werden, aber die Brote waren hart wie Stein und enthielten viel weniger Vitamine und Nährstoffe.

Das «Jahr ohne Sommer» brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein, und Andenken sollten die Menschen an die Hungersnot erinnern: Eine Familie aus Hohenheim bei Stuttgart bewahrt bis heute ein Kästchen auf mit zwei kleinen, trockenen Hungerbroten. Auf seinem Boden steht zu lesen: «Anno 1817 haben diese 2 Creuzer Weken 2½ Loth gewogen».