Rolltreppe

Der Weg der Rolltreppe war ziemlich holprig. Einen ersten Anlauf nahm 1859 Nathan Ames, ein Patentanwalt, der zwar visionär, aber nicht sonderlich praktisch veranlagt war. Ames hatte wenig Ahnung, wer seine Rolltreppe dereinst benutzen sollte, und gar keine, wie sich seine Erfindung dereinst antreiben liesse. Und weil seine Mechanik ausserordentlich kompliziert war, wurde keine seiner Rolltreppen je gebaut. Das änderte sich 1892 mit dem «endlosen Förderband», wie der Ingenieur Jesse W. Reno seine Erfindung nannte. Eine Rolltreppe war zwar auch das noch nicht – eher ein breites Gummiband auf Rollen, mit schrägen, starren Holzlatten –, aber immerhin wurden diese stufenlosen Förderbänder in den USA dreissig Jahre lang gebaut.

Den weltweiten Durchbruch schaffte die Rolltreppe aber erst mit den Stufen, auf denen man ganz normal stehen konnte, mit dem Kamm am Ende, der verhinderte, dass sich die Schuhsohlen säumiger Passagiere verklemmten – und mit der Weltausstellung von 1900 in Paris, wo die Rolltreppe des Erfinders Charles Seeberger und der Otis Elevator Company als Sensation gefeiert wurde und prompt einen Grossen Preis und Gold gewann, was bei den Zehntausenden vergebener Preise und Medaillen zwar nicht so viel bedeutete, aber immerhin viel Publicity brachte.

Bequem ist sie ohne Zweifel, die Rolltreppe. Gesünder allerdings wäre es, auf sie zu verzichten. Treppensteigen ist nämlich eine erstaunlich effektive Fitnessübung für den Alltag. 400 Treppenstufen zu Fuss, sagen Fachleute, entsprechen einer Viertelstunde Jogging.

Rotwelsch

Rotwelsch kommt von rot, einem alten Wort für «falsch», und welsch, für eine romanische, fremde, unverständliche Sprache. Es ist eine im Mittelalter entstandene Gaunersprache wie das Berner Mattenenglisch, eine Art Geheimcode der unteren Zehntausend. Der Zweck des Rotwelschen ist es, von der Obrigkeit nicht verstanden zu werden. Kassiber (aus der Zelle geschmuggelter Zettel), Blüte (gefälschte Banknote), baldowern (auskundschaften) oder mopsen (stehlen) – eine ganze Reihe von Begriffen haben es zwar in unseren Alltag geschafft, die meisten anderen aber bleiben unverständlich.

Der Polente, der Polizei, war das seit jeher ein Dorn im Auge. Anfang der dreissiger Jahre durchforstete das preussische Innenministerium seine Personalakten, um jemanden zu finden, der Rotwelsch, Jiddisch und Zigeunersprachen beherrschte. Mit Erfolg: Die Beamten stiessen auf den Studenten Siegmund Wolf, der als Jugendlicher lange mit Fahrenden umhergezogen war. Wolf wurde nach Berlin zitiert, wo man ihm Studiengeld und einen Vertrag anbot. Seine Aufgabe: eine umfassende Literaturrecherche und das Anlegen eines Rotwelsch-Wörterbuchs.

Kurz vor Kriegsbeginn ging Wolfs Vokabular an einen Verlag in Leipzig – und fiel dort prompt einem Bombenangriff zum Opfer. Nach Kriegsende brauchte Wolf volle elf Jahre, um das Manuskript wiederherzustellen. 1956 war es endlich soweit: In Mannheim erschien das «Wörterbuch des Rotwelschen» mit gegen 6500 erklärten Ausdrücken, zur grossen Genugtuung der Polizei und zum grossen Verdruss der Gauner.

Rubikon

Die Würfel sind gefallen: Dieses Zitat schreibt der römische Geschichtsschreiber Sueton dem grossen Julius Cäsar zu, als der, im Morgengrauen des nasskalten 11. Januar 49 v. Chr., mit seiner Armee im Rücken am gallisch-italienischen Grenzfluss Rubikon stand und darüber nachdachte, dass sein Vorrücken unweigerlich einen Bürgerkrieg auslösen würde. Cäsar zögerte, bis ein aus dem Nichts auftauchender Hüne einem Trompeter die Tuba entriss und kurzerhand zum Angriff blies. Cäsar wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Seither ist der Rubikon der sprichwörtliche Fluss of no return. Das kleine Flüsschen Rubicone entspringt 40 Kilometer nordöstlich von Florenz auf halber Höhe des Apennin, fliesst an Forlì und Ravenna vorbei und mündet am Ende in die Adria. Nur: Ob das tatsächlich Cäsars Rubikon ist, darüber wird seit Jahrhunderten erbittert gestritten. Die Sache ist verzwickt. In der fraglichen Region gibt es nämlich gleich drei Flussläufe. Jeder davon hat im Lauf der Jahrhunderte mehrmals sein Bett gewechselt, und an jedem Ufer finden sich Überreste römischer Brücken oder Münzen.

Eines der Flüsschen pflegte Italiens Diktator Benito Mussolini regelmässig zu überqueren – in der Staatskarosse und auf dem Weg von seinem Heimatort zu seiner Strandvilla bei Rimini. Die Vorstellung, ein wahrhaft historisches Gewässer zu überqueren, muss dem Duce gefallen haben: Per Dekret vom 4. August 1933 wurde der unscheinbare Bach zum historischen Rubikon.

Doch jedes neu entdeckte Gemäuer, jeder neue Fund lässt den alten Streit neu aufflammen. Und weil Cäsar nur von Würfeln und von Krieg gesprochen hat, liegt der genaue Ort des Diktums wohl für immer im Dunkel der Geschichte.

Runen

Runen sind uns unverständlich, wir sagen ihnen magische Wirkungen nach, und dass die Nazis sie missbrauchten, hat sie vollends in Verruf gebracht. Dabei sind sie nichts anderes als ein altes Alphabet germanischer Völker in Südskandinavien. Runen wurden vom 2. bis ins 14. Jahrhundert gebraucht, und erhalten sind geritzte Inschriften auf Steindenkmälern und Gebrauchsgegenständen.

Die Runenschrift ist, wie die unsere, eine Lautschrift, aber jede Rune trägt dazu den Namen einer Sache, für die sie ebenfalls stehen kann. Das älteste bekannte Runenalphabet heisst, nach seinen ersten fünf Buchstaben, «Futhark». Sein erster Buchstabe gleicht unserem heutigen F und hiess fehu, auf Deutsch «Vieh». Die zweite Rune, ein umgekehrtes U, hiess uruz, «Auerochse», und die dritte, die aussieht wie der Dorn einer Rose, hiess auch so: thorn. Als sich ab dem 5. Jahrhundert die Angeln, Sachsen und Jüten in blutigen Schlachten durch England kämpften (wovon unter anderem die Artus-Sagen erzählen), wanderte mit ihnen auch die Dornenrune ein: Im Altenglischen stand der thorn für den Laut, den wir heute mit th schreiben. Sein Ende kam mit der Schlacht bei Hastings im Jahr 1066, als die Normannen unter Herzog Wilhelm II England eroberten und der Inselaristokratie ihre lateinisch-französische Sprache aufzwangen.

Neben allfälliger Magie hatten Runen übrigens noch eine zweite, höchst praktische Eigenschaft: Weil sie ausschliesslich aus geraden Linien bestehen, lassen sie sich gut in Ton, Metall oder Stein ritzen. Graviert wurden Urkunden oder Bannsprüche, aber manchmal auch ganz einfach Graffiti: In eine Marmorbrüstung der Hagia Sofia in Istanbul kritzelte vor eintausend Jahren ein Vikingergardist: «Halfdan war hier».

Sabotage

Moses hob den Stab und schlug ins Wasser, vor Pharao und seinen Beamten. Und das Wasser verwandelte sich in Blut. Die Fische starben, und der Strom begann zu stinken, so dass die Ägypter das Wasser nicht mehr trinken konnten.

Die erste der zehn Plagen, die über Ägypten kamen, ist, je nach Standpunkt, eine gerechte Strafe – oder aber eine frühe Form von Sabotage. Ein Saboteur ist, wer mit Absicht staatliche, wirtschaftliche oder militärische Einrichtungen schädigt, sei es durch passiven Widerstand oder durch gezielte Beschädigung oder Zerstörung.

Das Wort kommt vom französischen sabot, wörtlich «Holzschuh», auch «Bremsklotz» oder «Hemmschuh». Ende des 19. Jahrhunderts diskutierte die französische Arbeiterbewegung Sabotageakte als legitimes Mittel des Klassenkampfs. Im grossen französischen Eisenbahnerstreik von 1910 zerschlugen die Arbeiter die sabots genannten Halterungen der Schienen, um die Züge zum Entgleisen zu bringen.

Die zerstörerische Idee machte Schule: Vordenker der in den USA gegründeten Gewerkschaft «Industrial Workers of the World» propagierten in vielbeachteten Broschüren die Sabotage von Maschinen und Anlagen als wirksame Waffe der Arbeiterbewegung. «Sabotage», so schrieb 1916 die Aktivistin und spätere Kommunistin Elizabeth Gurley Flynn, sei «der bewusste Entzug der industriellen Effizienz des Arbeiters». «Ich werde nicht versuchen, Sabotage zu rechtfertigen. Wenn die Arbeiter Sabotage aber für nötig halten, macht sie das automatisch zur moralischen Sache.»

Das sieht der Staat heute naturgemäss etwas anders. Laut schweizerischem Militärstrafrecht steht auf Sabotage eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren.