Kursivschrift

Kursiver Text neigt sich leicht nach vorn, als hätte er es eilig. Deshalb heisst er auch kursiv, vom lateinischen currere, «laufen». Normal gesetzte Schrift dagegen steht gerade und heisst deshalb recte.

Als Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz seine erste Bibel druckte, war deren Schrift nur «recte». Kursive Lettern wurden erst 50 Jahre später erfunden, in der sogenannten «Aldus-Offizin», dem Verlag des Aldo Pio Manuzio in Venedig. Das war kein Zufall: In Venedig befand sich eine der grössten Bibliotheken der Zeit mit einem grossen Bestand an griechischen und lateinischen Manuskripten. Manuzios Geschäft war es, diese Texte nachzudrucken, relativ preisgünstig und in einem handlichen Format, so dass Kunden aus ganz Europa auf einmal Literatur lesen konnten, die bis dahin nur wenigen Gelehrten zugänglich gewesen war.

Manuzio legte Wert auf hochwertige Typographie. Er plante eine Ausgabe der gesammelten Werke des römischen Dichters Horaz, und dafür entwickelte Aldus’ Geschäftspartner in Bologna, der Stempelschneider Francesco Griffo, eine moderne, elegante Druckschrift, und die besass zum ersten Mal auch kursive Lettern. Die Horaz-Ausgabe erschien 1501 und wurde, wie viele andere Werke aus dem Aldus-Verlag, ein grosser Erfolg.

Die sogenannten «Aldinen» trugen viel bei zur Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance und zur Entwicklung des Humanismus. Und weil ihre Druckschrift aus Italien stammt, heissen kursive Buchstaben auf Englisch bis heute italics.

Latènezeit

Der Bieler Oberst Friedrich Schwab war vermögend – und ein begeisterter Sammler. In seinem Auftrag suchte der Fischer Hans Kopp 1857 am Neuenburgersee nach archäologischen Fundstücken. Schon früher waren da immer wieder Überreste prähistorischer Siedlungen entdeckt worden. Am Ausfluss der Zihl, in der heutigen Gemeinde La Tène, stiess Kopp unverhofft auf Pfähle, die aus dem flachen Seegrund ragten. Mit langen Zangen gelang es ihm, in nur einer Stunde vierzig erstaunlich gut erhaltene Eisenwaffen aus dem Wasser zu ziehen. Sie stammten aus dem 3. und 2. Jh. v. Chr., einer Zeit, in der die Kelten die Gegend besiedelt hatten.

Und das war nur der Anfang: Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. wurden am See grossangelegte Grabungen durchgeführt. Dabei entdeckten Archäologen Tausende Fundstücke: Waffen – Schwerter und Schwertscheiden, Dolche, Lanzenspitzen und Schilde –, daneben auch Schmuck, Werkzeug und Kessel. Im feuchten Boden hatte sich nicht nur Metall erhalten, sondern sogar Holz, Textilien und Flechtwerk.

Doch was um Himmels willen hatte sich da einmal befunden? Die Spekulationen reichten vom Pfahlbauerdorf, einer Fluchtburg, einer Zollstation und einem Waffenlager bis hin zum Heiligtum. Heute dagegen glauben Forscher, dass sich in La Tène einst ein Kriegerdenkmal befunden hat, in dem die Waffen einer wichtigen Schlacht zur Schau gestellt wurden.

Was der Fischer Hans Kopp in La Tène entdeckte, war für die Wissenschaft so bedeutend, dass heute die jüngere Eisenzeit in Europa ganz einfach «Latènezeit» genannt wird.

Lazarett

Die alte Republik Venedig war nicht nur eine Grossmacht des Mittelalters, sondern auch eine Vorreiterin in Sachen öffentliche Gesundheit. Im 14. Jahrhundert erfanden die venezianischen Behörden nicht nur die Quarantäne, die vorsah, dass mit der Pest in Berührung gekommene Reisende 40 Tage lang isoliert werden sollten («Quarantäne» kommt von der biblischen Zahl 40); aus Venedig stammt auch das Lazarett, in das sie anschliessend gebracht wurden, wenn sie vor Ablauf der «quarantena» höllische Kopfschmerzen, glühendes Fieber und dunkle, eitrige Beulen bekamen.

Der «Lazzaretto Vecchio», 1423 gegründet, war ein Pestspital auf einem 220 Meter langen und 145 Meter breiten Inselchen, in sicherer Distanz vom Stadtkern entfernt. Hier stand die Kirche Santa Maria di Nazareth, von deren Namen angeblich unser heutiges Lazarett abstammen soll. (Tatsächlich aber kommt der Name vom heiligen Lazarus und vom italienischen Wort für Aussätzige, lazzaro.) Mit einem heutigen Spital hatte dieses Ur-Lazarett wenig zu tun. Die Ärzte wusste noch nichts von Ansteckungswegen oder Pestbakterien und führten die Seuche auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte und auf stickige, modrige Lüfte zurück. Behandeln hiess waschen, zu Ader lassen und allem voran isolieren.

Heute ist das Lazarett ein Behelfsspital in Krisengebieten oder im Krieg, und seit 1949 steht es laut den Genfer Konventionen unter strengem völkerrechtlichem Schutz. Im 14. Jahrhundert dagegen war das Lazarett vor allem ein Ort zum Sterben: Seit 2007 haben Archäologen auf Venedigs flacher Pestinsel mehr als 1500 Skelette geborgen, die man dort in Einzel- und Massengräbern verscharrt hatte. Der «Lazzaretto Vecchio» ist heute unbewohnt und dient nur noch als Tierheim für streunende Hunde.

Leben

Am Leben hängt der Mensch: Fast bedingungslos ist unser Wunsch nach Gesundheit und nach einem langen Leben.

Lange Zeit war das ein frommer Wunsch. Bis ins frühe Mittelalter betrug die Lebenserwartung der Menschen gerade mal zwischen 25 und 32 Jahren – dass namentlich viele Frauen so früh starben, lag an mangelnder Hygiene, schlechter Ernährung und dem Kindbettfieber, wie man die oft tödlichen Komplikationen bei der Geburt nannte. In der Steinzeit gar wurden die Menschen durchschnittlich nur gerade 20 bis 25 Jahre alt. Das führt zum häufigen Missverständnis, dass ein 25-jähriger Pfahlbauer bereits ein alter Mann gewesen sei, und das ist natürlich falsch. Ein Mensch konnte schon damals gut und gern 60, 70 Jahre alt werden. Aber: Viele starben bereits im Säuglings- oder Kindesalter.

Heute lebt der Mensch so lange wie noch nie. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Schweizer Männern beträgt heute 79 Jahre, bei Frauen gar 84 Jahre. Dass wir immer älter werden, liegt am medizinischen Fortschritt und am steigenden Wohlstand. Noch 1950, in der entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden Schweizer Männer durchschnittlich 66, Frauen 71 – das Leben dauerte damals also im Durchschnitt 13 Jahre weniger lang.

Ein langes Leben ist auch dem Wort beschieden: «Leben» lässt sich bis in dunkelste Zeiten zurückverfolgen zu einem indogermanischen Wörtchen namens lei. lei bedeutete feucht, schleimig, glitschig oder klebrig. In der Bedeutung «kleben bleiben», «übrig bleiben» wandelte es sich zum heutigen bleiben – und zu Leben.

Am Leben hängt – und klebt – der Mensch: Auch die Bedeutung «kleben» hat nämlich überlebt. Mit dem Wort Leben eng verwandt ist, ausgerechnet, der Leim.

Limerick

1843 erschien in London ein Büchlein mit dem Titel «A Book of Nonsense», und dieses Büchlein hatte es in sich. Es enthielt 107 Nonsens-Gedichte des britischen Schriftstellers und Malers Edward Lear, von ihm selbst illustriert, die alle einem verblüffend eingängigen Schema folgten. Zwei lange Zeilen, die sich reimen. Dann zwei kurze, die sich ebenfalls reimen, am Ende ein fünfter langer Vers mit dem Anfangsreim. Immer nahm Lear eine fiktive Person auf die Schippe, die an einem realen Ort lebt, und die sich durch eine geradezu absurde Angewohnheit oder Eigenschaft auszeichnet.

Weil diese Strophenform einem alten irischen Soldatenlied gleicht, «Will You Come up to Limerick», wurde der Scherzvers bald einmal «Limerick» genannt. Auch wenn Dichter Lear nicht der Erfinder war – schon bei Shakespeare finden sich ähnlich gebaute Verse –, traf der Limerick einen Nerv. Mit einer Pointe, in die Schlusszeile verpackt, zählt er heute zum festen Repertoire von Humoristen in aller Welt. In der Version des Schweizer Kabarettisten César Keiser klang das 1964 zum Beispiel so:

Da gab’s einen Forscher in Brahmen
Der bastelte künstliche Damen,
Wobei ihm die vierte
Zum Teil explodierte,
Jetzt bastelt er keine mehr. Amen.

Wer jetzt vom Ehrgeiz gepackt ist und sich fragt, wie genau man einen Limerick zu schreiben hat, dem sei auch das erklärt. Am besten in einem Limerick:

Ein Limerick-Dichter aus Leimen
War stolz auf sein treffliches Reimen.
Doch macht’s nicht allein
Der treffliche Reim:
Man muss auch den Rhythmus gut timen.