Kaffeefilter

Melitta Bentz liebte ihre wöchentlichen Kaffeekränzchen. Was die Dresdner Hausfrau aber nicht ausstehen konnte, war der lästige Kaffeesatz, der sich nur leider nicht vermeiden liess: Wie alle anderen goss Melitta Bentz den gemahlenen Kaffee auf, liess ihn einen Augenblick stehen und goss ihn dann ab. Dabei, selbst mit einem Sieb oder einer Stoffsocke, blieb immer ein bisschen Satz zurück, und das trübte den Genuss. So nahm Melitta Bentz eines Tages eine Konservendose zur Hand, schlug mit Hammer und Nagel Löcher in den Boden und legte ein zurechtgeschnittenes Löschpapier hinein. Darauf kam das gemahlene Pulver; mit kochendem Wasser übergossen, rann satzfreier Kaffee heraus – das Kaffeekränzchen war begeistert. Melitta Bentz experimentierte weiter, und 1908 wurde der

mit Filtrierpapier arbeitende Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern

patentiert.

Die Konkurrenz schlief nicht. Bald stellten verschiedene Hersteller Filter mit gelochtem oder geschlitztem Bodensieb vor, Kaffee-Eier, Siebrohre, Kaffeekannen mit herausnehmbarem Filtereinsatz. Das Rennen aber machten die Einwegpapierfilter mit dem passenden Halter, erst aus Aluminium oder emailliertem Blech, später, damit man sich nicht die Finger verbrannte, aus Porzellan.

Einfach, günstig, ökologisch – und bei manchen gar als sorgsam inszeniertes Kaffeeritual mit ausgeklügelter Aufgusstechnik: Selbst heute, bei all den Vollautomaten, Kapsel- und Kolbenmaschinen ist der Kaffee aus dem (biologisch abbaubaren) Filter alles andere als von gestern. In Schweizer Kaffeebars wird wieder Filterkaffee ausgeschenkt, und in Deutschland ist er von allen Zubereitungsarten nach wie vor die Nummer eins.

Kakao

Kakao ist die Bohne des Kakaobaums – oder genauer: das aus ihr gewonnene Pulver. Kakaobohnen sind ein wichtiges Exportprodukt vieler Länder Südamerikas, Westafrikas und Südostasiens. Das Wort stammt aus alten Sprachen der Ureinwohner Mexikos und später der Maya und der Azteken.

Die Kakaofrucht und die darin eingebetteten Bohnen werden seit Jahrtausenden genutzt. Archäologen haben in Honduras Gefässe aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. ausgegraben, in denen Kakaoreste nachgewiesen wurden. Getrunken allerdings wurde nicht Kakao aus der gemahlenen Bohne. Getrunken wurde vielmehr eine Art Kakaobier aus dem zuckerhaltigen, vergorenen Fruchtfleisch der Kakaofrucht. Die Bohne dagegen war bei den Maya und Azteken weniger Genuss- als vielmehr Zahlungsmittel. Und wenn aus ihr doch ein Getränk wurde, dann – weil kostbar – nur für die oberen Zehntausend und zum Zweck religiöser Rituale.

Als Hernándo Cortés und seine conquistadores 1519 die Halbinsel Yucatán eroberten, kam ihnen der leicht bittere, ungesüsste Trank anfänglich spanisch vor. Als Heissgetränk aber, mit Rohrzucker, Gewürzen und Milch zubereitet, fand der Kakao seinen Weg in die Tassen der Alten Welt, zuerst als Heilmittel, dann als Luxus an Königs- und Fürstenhöfen.

Lange Zeit wurde darüber gestritten, ob Kakao eine Speise sei. Weil sein Genuss aber das kirchliche Fastengebot gebrochen hätte und mittlerweile auch die angerufenen Päpste nicht mehr verzichten mochten, lautete am Ende das Verdikt: Es ist ein Getränk. Kakao erhielt den päpstlichen Segen und wurde damit endgültig zum Stoff, aus dem die süssen Träume sind.

Kalauer

Kalauer sind alle Buchstaben von A bis J – weil sie alle auf das K lauern.

Ein mehr oder weniger geistreiches Wortspiel mit unterschiedlichen Bedeutungen nennt man «Kalauer». Über ihren Witz lässt sich trefflich streiten – tatsächlich sind Kalauer oft platt. Mehr noch: Sie sind gerade deshalb witzig, weil sie schlechte Witze sind – ganz nach dem Motto: Je Flachwitz, desto Kalauer.

Seinen Ursprung hat der Kalauer in calembour, dem französischen Wort für «fauler Witz». Die sprichwörtliche Berliner Schnauze machte daraus unseren heutigen «Kalauer», nach dem Vorbild der 100 Kilometer südlich gelegenen, für ihre tüchtigen Schuster bekannten Kleinstadt Calau (früher mit K, heute mit C geschrieben). Die Berliner Schnauze, das war vor allem der jüdische Satiriker Elias Levy, der nach seiner Taufe mit neun den Namen Ernst Dohm annahm. Dohm studierte Theologie und Philosophie und wurde Chefredakteur des «Kladderadatsch», einer von 1848 bis 1944 erschienenen Satirezeitung, die für ihre bissige Satire ebenso berühmt wie berüchtigt war und die unter Dohms Leitung zu einer der einflussreichsten Zeitschriften Deutschlands wurde. Dohm pflegte seinen Urlaub in Calau zu verbringen, und von da schickte er seine oft derben Witze in die Redaktion, die stets mit der Formel begannen: «Aus Kalau wird berichtet…».

Heute wird gekalauert, was das Zeug hält: Dohms Flachwitzen sollte ein langes Leben beschieden sein. Genau wie diesem hier, der noch heute auf dem Witzerundgang in der Stadt Calau zu lesen steht:

Sagt der Arzt zum Künstler: «Sie sind kerngesund. Sie werden noch sehr lange leben.» Darauf der Künstler erschrocken: «Aber Herr Doktor, wovon denn?»

Kanton

Deutschland hat seine Länder, Frankreich und Italien haben ihre Regionen, Departemente und Provinzen. Das leuchtet alles ein – weniger allerdings, wie die Schweiz ausgerechnet auf den Kanton gekommen ist. Bündnispartner der mittelalterlichen Eidgenossenschaft waren nämlich Städte und Länder, und in den frühen Bundesbriefen hiessen sie auch so. Weil aber eine Bergregion wie Uri herzlich wenig mit einer Stadt wie Bern zu tun hatte, sprach man ab dem 15. Jahrhundert ganz neutral von «Orten».

Französisch hiess das canton. Der stammt vom italienischen cantone ab, und der wiederum ist eng verwandt mit der deutschen Kante und hiess Bezirk oder Landstrich. So weit, so gut, nur: Die Deutschschweizer rümpften die Nase – und erfanden, als noblere Bezeichnung, den «Stand». Der klang stolz nach Freiheit und Souveränität – und hat sich in der kleinen Parlamentskammer, dem Ständerat, bis heute gehalten.

Mit dem Einmarsch der französischen Truppen und der Errichtung der helvetischen Republik nach französischem Vorbild wurde wieder alles anders. Im Frühling 1798 wurde die Schweiz erst in 10, dann 22 und schliesslich 19 je ungefähr gleich grosse Gebiete eingeteilt, die nun endgültig cantons oder Kantone hiessen, die aber bloss Verwaltungsbezirke waren, mit je einem Regierungsstatthalter an der Spitze. Die alten Stadtkantone blieben nur dem Namen nach und teils in völlig neuen Grenzen erhalten, und neu erfunden wurden die Kantone Léman, Wallis, Oberland, Aargau, Baden, Waldstätten, Lugano, Bellinzona, Thurgau, Linth, Säntis und Rätien.

Die Geschichte aber war unerbittlich. Die Helvetik und ihr politisches Reissbrett gingen kurz nach 1800 unter. Geblieben ist einzig der Kanton.

Kapuze

Die Kapuze, an den Pullover, die Jacke oder den Mantel genäht, ist jederzeit zur Hand, und sie schützt zuverlässig vor Regen und vor Kälte. Weil eine Kapuze aber nicht nur das Wetter abhält, sondern auch Blicke, hat sie immer etwas Unheimliches.

Wer dem Kloster geht vorbei
Mitternächtlich, sieht die Fenster
Hell erleuchtet. Ihren Umgang
Halten dorten die Gespenster.

Eine düstre Prozession
Toter Ursulinerinnen;
Junge, hübsche Angesichter
Lauschen aus Kapuz‘ und Linnen.

So dichtete 1851 Heinrich Heine. Bis heute wird der Tod meist mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze dargestellt.

Nüchtern betrachtet, kommt das Wort vom lateinischen caputium, wörtlich «das, was den Kopf bedeckt». Italienisch capuccio, französisch capuce, spanisch capucha – die Kapuze ist ziemlich universell. Mönche und Soldaten schätzten sie gleichermassen. Weil der dunkelbraune Habit des franziskanischen Bettelordens mit einer besonders markanten Kapuze geschmückt ist, nannte man die Brüder bald einfach «Kapuziner». Und der schwere Filzmantel der Schweizer Armee mit seiner ausladenden Kapuze war jahrzehntelang Teil der Militärausrüstung. Bei Kälte geschätzt, doch seines Gewichts wegen verwünscht, hiess er in der Soldatensprache ganz einfach «Kaputt».

Übrigens: Ein «Kapuziner» ist in Wien ein Mokka mit Schlagrahm, dessen Dunkelbraun an die Mönchskutte erinnert. Der cappuccino, ein mit geschäumter Milch aufgegossener Espresso, ist daher nichts anderes als ein Kaffee mit Kapuze.