F-Loch

Nicholas Makris ist Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology und entwickelt akustische Ortungsgeräte, mit denen sich Meerestiere aufspüren lassen. In seiner Freizeit spielt er Laute, und als Wissenschaftler, der er ist, beschloss er 2014, dem Klang von Saiteninstrumenten auf den Grund zu gehen.

Die Laute besitzt, ebenso wie die Gitarre, in der Korpusmitte ein rundes Schallloch, durch das die bewegte Luft entweichen kann. Frühmittelalterliche Fiedeln hatten ebenfalls runde Schalllöcher, allerdings zwei, auf jeder Seite des Stegs eines. Im Lauf der Jahrhunderte begann sich bei den Geigen die Form der Löcher zu ändern – im 12. Jh. zu halbkreisförmigen, im 13. Jh. zu c-förmigen und im 16. Jh. schliesslich zu f-förmigen Schalllöchern. Makris’ Team begann, Instrumente aus der goldenen Zeit des Geigenbaus zu untersuchen – von Amati, Stradivari, Guarneri, anhand von Plänen aus Museen, Datenbanken von Sammlern, mit Röntgen und Computertomographie.

Was die Forscher herausfanden, war zunächst trivial: Je grösser das f-Loch und je fester der Boden, desto voller der Klang. Tatsächlich wurden vom 16. bis ins 18. Jahrhundert die f-Löcher länger, die Böden dicker, und beides führte zu einem mächtigeren Ton.

Ob die berühmten Geigenbauer genau wussten, was sie taten, lässt sich nicht beantworten. Doch mit Sicherheit wussten sie den Klang einer ganz besonders gelungenen Geige zu beurteilen und nutzten die dann als Vorlage für die nächste. So veränderte sich die Form von Instrument und f-Loch, besser und besser, in kleinen und kleinsten Schritten, bis hin zu den Meistergeigen von heute.

Faradayscher Käfig

Der Versuch am 15. Januar 1836 in der Royal Institution in London war spektakulär. Im Hörsaal stand ein Würfel aus Holzlatten, etwa zweimal mannshoch, die Seitenflächen mit einem Netz aus Draht bespannt. Der Forscher Michael Faraday schloss den Würfel an eine Elektrisiermaschine an, stieg hinein und mass die elektrischen Felder – Ergebnis: null. Jeder Punkt des Raums war frei von Elektrizität. Eine geschlossene Hülle aus Metall, die ihr Inneres vor elektromagnetischen Feldern schützt, heisst seither «Faradayscher Käfig».

Ob das Flugzeug, dessen Passagiere vor Blitzschlag sicher sind; das Auto, das die Antenne auf dem Dach trägt, weil sonst das Radio nichts empfangen kann; der Mikrowellenherd, dessen Innenraum aus Metallgitter die Umgebung von jeder Strahlung abschirmt; das Elektrolabor, dessen leitende Wände die empfindlichen Messgeräte von Störfeldern schützen: allesamt Faradaysche Käfige.

Tatsächlich war das Phänomen schon 80 Jahre davor entdeckt worden. Ein anderer Forscher mit Namen Benjamin Franklin hatte 1755 eine ungeladene Kugel an einem Seidenfaden in eine elektrisch geladene Metalldose fallen lassen.

Obwohl die Kugel den Boden berührte,

schrieb Franklin später,

wurde sie nicht elektrisch geladen, wie das bei einer Berührung der Aussenseite der Fall gewesen wäre.

Franklins Dose war nichts anderes als ein Faradayscher Käfig.

Auch Franklin kennen wir heute weniger als Wissenschaftler als vielmehr als Staatsmann. Er hatte am Entwurf der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten mitgearbeitet und gilt heute als einer der Gründerväter der USA.

Farinet, Joseph-Samuel

Es gibt zweieinhalb Wege, um zu Geld zu kommen: arbeiten oder stehlen. Der dritte, es zu fälschen, ist bestenfalls ein halber, und wer ihn geht, steht mit einem Bein im Gefängnis.

Einer, der diesen Weg unverdrossen und mit grossem Geschick gegangen ist, war der 1845 im Aostatal geborene Bauernsohn Joseph-Samuel Farinet. Zusammen mit seinen Gehilfen fälschte Farinet nicht etwa Banknoten, wie dies die meisten seiner Berufskollegen tun, sondern vielmehr 20-Rappenstücke. Aus gutem Grund: Zum einen waren in den 1870-er Jahren 20 Rappen gutes Geld, und zum anderen genossen die Münzen das Vertrauen der Händler und Bauern, ganz anders als das Papiergeld der wegen Fehlspekulationen in Schieflage geratenen Walliser Kantonalbank.

Mehr als zehn Jahre lang brachte Farinet so viele 20-Räppler in Umlauf, dass am Ende ein Drittel aller Münzen sogenannte Farinets gewesen sein sollen. Von der schieren Menge an Falschgeld alarmiert, griff schliesslich der Bundesrat ein und verlangte von der Walliser Regierung die Festnahme des dreisten Falschmünzers. In einer Schlucht bei Saillon in die Enge getrieben, fand Farinet am 17. April 1880 den Tod – ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, behauptete die Polizei; kaltblütig erschossen, erzählten sich dagegen die Dörfler.

Literatur und Film haben Farinet ein Denkmal als «Robin Hood der Alpen» gesetzt, doch die Wahrheit ist viel prosaischer. Sein Leben war eine einzige Flucht: vor dem Elend und vor dem Gesetz.

Federn, fremde

Sich mit fremden Federn zu schmücken, ist kein schöner Zug, aber ungemein beliebt: Leistungen anderer als die eigenen auszugeben, ist da Alltag, wo Menschen allzu sehr auf ihren Schein bedacht sind.

Die sprichwörtlichen Federn stammen von einem antiken Pfau. Phaedrus, ein kurz nach Christi Geburt von Kaiser Augustus freigelassener Sklave, war ein leidenschaftlicher Fabeldichter, der mit seinen Texten ein Sittenbild des dekadenten Rom malte – und dessen fabelhafte Anspielungen ihm prompt den tierischen Zorn der Mächtigen zutrug.

Eine dieser Fabeln handelt von einer listigen Krähe, die eifrig glänzende Pfauenfedern sammelt, sich mit ihnen schmückt und anschickt, sich den prachtvollen Vögeln anzuschliessen. Die aber fallen auf die Verkleidung nicht herein, rupfen dem Eindringling die gestohlenen Federn aus und hacken mit ihren Schnäbeln auf ihn ein. Arg zerzaust schleicht sich die Krähe zu ihresgleichen zurück, um auch von ihren Artgenossen verspottet und verjagt zu werden. Die Fabel ist ein uraltes Gleichnis für eine verbreitete menschliche Schwäche, und jedes Jahrhundert und jede Sprache kennt ihre eigene Fassung davon. Lessing verarbeitete die Geschichte ebenso wie der französische Schriftsteller La Fontaine, dessen Krähenfabel sich schliesslich gar zur Redensart y laisser des plumes verdichtete, auf Deutsch «Federn lassen müssen». In England schliesslich sagt der Volksmund: Fine feathers don’t make fine birds, «schöne Federn machen noch lange keine schönen Vögel».

Die Krähen des Phädrus tummeln sich besonders gern im Reich der Schreibfedern. Ob Kultur oder Wissenschaft – sich mit fremden Federn zu schmücken war noch nie so einfach wie heute: mit Copy & Paste.

Fettnapf

Es ist so schnell passiert: Eine unbedachte Bemerkung, ein flapsiger Spruch, ein fauler Witz, und schon hat man seinen Gesprächspartner gekränkt oder beleidigt. Tja, und damit ist man dann voll ins sprichwörtliche Fettnäpfchen getreten.

Die Redensart gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Schon Jacob Grimm hat das Fettnäpfchen im Jahr 1862 ins Deutsche Wörterbuch aufgenommen:

damit wirst du ihm schön ins fettnäpfchen treten,

steht da zu lesen, heisse

damit wirst dus bei ihm verschütten.

Das war in einer Zeit, in der es den Fettnapf tatsächlich noch gegeben hat. In der Bauernküche wurde für gewöhnlich Speck, Schinken oder Wurst geräuchert. Das abtropfende Fett, das später als Speise- und Bratfett diente, wurde in einem untergestellten Napf gesammelt. Im Erzgebirge, wo die Redensart herkommt, stand in Bauernhäusern zwischen Tür und Ofen überdies ein Napf mit Stiefelfett bereit, Fett, das mit Tierknochenasche schwarz gefärbt wurde. Mit einem Lappen konnten die Eintretenden ihre nassen Lederschuhe unverzüglich schmieren, damit die Schuhe wasserdicht und geschmeidig blieben, und damit das Leder beim Trocknen nicht brüchig wurde.

Ob Speise- oder Stiefelfett: Der Fettnapf hatte die Eigenheit, gelegentlich an der falschen Stelle zu stehen und war im Fall eines Fehltritts im Dunkeln nur allzu rasch umgestossen. Das zähflüssige Fett ergoss sich auf die Holzdielen, und die schwarze, rutschgefährliche Lache musste mühselig wieder weggefegt werden, was dem tapsigen Besucher die Hausfrau nicht unbedingt zur Freundin machte.