Diskette

Es ist noch gar nicht so lange her, da liess die Diskette die Welt Bauklötze staunen. Texte im Umfang halber Bibliotheken liessen sich bequem auf einer dieser futuristisch anmutenden Scheiben speichern und einfach so in die Tasche stecken. Die Diskette gaukelte eine beruhigende Physis der körperlosen Daten vor – jedenfalls solange kein Dateifehler ein Lesen unmöglich machte.

Die allererste Diskette stammte vom amerikanischen Ingenieur Alan Shugart und hatte Jahrgang 1969. Sie war für Grossrechner des Typs IBM S/370 bestimmt, fasste umgerechnet die Textmenge von 40 A4-Seiten und diente nur als preisgünstiger Träger der Systemsoftware. Beschreiben liess sie sich nicht. Das fand selbst der Tüftler Shugart unbefriedigend, und so erfand er Ende der siebziger Jahre die 5¼ Zoll grosse, biegsame Floppy Disk in ihrem schwarzen Pappmantel. Deren Nachfolger war die 1981 von Sony eingeführte 90-mm-Diskette im starren Plastikgehäuse, die am Ende die schier unvorstellbare Datenmenge von 1,4 MB speichern konnte – weniger als ein heutiges Handyfoto.

Die Diskette sollte sich ein volles Vierteljahrhundert lang halten – noch Windows 95, ein Meilenstein der Computerentwicklung, war auf insgesamt 13 Disketten lieferbar. Tempi passati. Auch an Disketten nagt der Zahn der Zeit, und selbst wenn sich die jahrzehntealten Daten heute noch lesen lassen, fehlen längst die Laufwerke. Und doch: So etwas wie Disketten gibt es immer noch. Sie heissen SD-Karten, als Abkürzung für Secure Digital Memory Card, sind so gross wie eine Briefmarke und fassen den Inhalt von 1,5 Millionen einstiger Floppy Disks.

Dow Jones

Wie will man, bei all dem Auf und Ab, das Geschehen an der Börse messen? Das fragte sich 1896 der amerikanische Journalist Charles Dow – und errechnete kurzerhand einen Index der damals zwölf wichtigsten Aktien. Namen wie aus dem Wilden Westen: da war die American Cotton Oil Company, oder die Tennessee Coal, Iron and Railroad Company. Charles Dow zählte die Kurse dieser zwölf an der New Yorker Börse gehandelten Unternehmen zusammen und dividierte, ganz einfach, wieder durch zwölf. Damit war er geboren, der Dow-Jones-Index, benannt nach Charles Dow und seinem Kollegen Edward Jones, beide Herausgeber des renommierten Wall Street Journal.

Heute setzt sich der Dow Jones aus 30 der grössten US-Unternehmen zusammen und ist sozusagen der Blutdruck der Weltwirtschaft. Und er macht vor allem von sich reden, wenn er fällt. Sein grösster Sturz an einem einzigen Tag war 570 Punkte oder über 25 Prozent tief – an jenem Schwarzen Montag, dem 19. Oktober 1987, den wir heute als Börsenkrach kennen.

Der Dow Jones ist heute gewichtet – nicht alle Aktien haben bei der Berechnung das gleiche Gewicht -, aber zusammen lesen sie sich wie das Who is Who der Weltwirtschaft: von McDonald’s und Coca-Cola bis zu IBM und Microsoft.

Der allererste Dow Jones, am 26. Mai 1896, lag bei 40,94 Punkten, und schon am 8. August desselben Jahres fiel er auf den tiefsten Wert aller Zeiten, auf 28,48 Punkte. Mehr als tausend Punkte beträgt der Dow Jones auf Dauer erst seit Anfang der Achtziger Jahre. Und heute gilt ein Fall des Dow Jones unter 10 000 Punkte bereits als Vorbote des Weltuntergangs.

Dabei ist er doch nur ein Durchschnittswert, der manchmal mit Wirtschaft weniger zu tun hat als mit angewandter Psychologie.

Dr. Seuss

1. Oktober 1941. Die Karikatur der New Yorker Zeitung «PM» zeigt eine Mutter mit ihren beiden Kindern. Sie trägt einen Pullover mit der Aufschrift «America First», sitzt im Sessel und liest aus dem Buch vor mit dem Titel: «Adolf the Wolf»:

Und der Wolf frass die Kinder und spie ihre Knochen aus. Es waren Ausländerkinder, und darum war das nicht so schlimm.

Dieser rabenschwarze Cartoon stammt von Dr. Seuss, mit bürgerlichem Namen Theodor Seuss Geisel und von Beruf Kinderbuchautor. Dr. Seuss, 1904 in Springfield, Massachusetts, geboren, ist vor allem bekannt als Erfinder des grünen Grinch, der in einer Höhle lebt und Weihnachten hasst, aber tatsächlich war Seuss ein durch und durch politischer Mensch. Seine Cartoons für «Vanity Fair», «Life» und «PM» richteten sich immer wieder gegen die ausländerfeindliche Bewegung mit ihrem Slogan America first, die das Heil Amerikas in wirtschaftlichem Protektionismus und aussenpolitischem Isolationismus sah. Mit diesem Slogan hetzten in den 1930er-Jahren die Zeitungen des Tycoons William Randolph Hearst gegen den neugewählten Präsidenten Franklin D. Roosevelt, und am Ende wurde America first gar zum Motto amerikanischer Nazi-Sympathisanten.

From this day forward, it’s going to be only America first, America first.

Als Donald Trump am 20. Januar 2017 in seiner ersten Rede als Präsident America first zur Leitidee erhob, rief er damit Erinnerungen an dunkelste Stunden der Weltgeschichte wach, gegen die der Cartoonist Dr. Seuss ein halbes Leben lang angezeichnet hatte.

Dusche

Mindestens einmal täglich zu duschen, ist quasi der Eintrittspreis in die zivilisierte Welt. Die Duschkabine, eine im Grunde höchst einfache Vorrichtung mit Brause, Duschvorhang und Wanne, ist zum Lieblingskind der Architekten geworden: Der Boden beheizt, die Wände aus Naturstein und Glas, der Abfluss bodeneben und verdeckt – die Dusche ist ein Statussymbol und ihren stolzen Besitzern lieb und sehr teuer.

Geduscht wird seit Jahrtausenden. In Bädern der alten Griechen waren erste Duschen in Gebrauch, die Wasserfällen nachgebildet waren und deren kalter Strahl Löwen- oder Wildschweinköpfen aus Keramik entsprang. In seiner «Naturalis Historia» beschreibt Plinius der Ältere, wie der geschäftstüchtige Gaius Sergius Orata im ersten Jahrhundert n. Chr. Villen aufkaufte, mit Duschen ausstattete, die man «hängende Bäder» nannte, und anschliessend mit sattem Gewinn wieder verkaufte. Den Namen hat die Dusche tatsächlich von den alten Römern. Ductio, Latein für «Wasserleitung», wurde im Französischen zu douche und wanderte schliesslich ins Deutsche ein.

Und doch: Lange Zeit war Duschen unbeliebt. Noch im Mittelalter meinten die Ärzte zu wissen, dass Wasser Krankheiten übertrug. Jean Pidoux, Leibarzt des französischen Hochadels, beschrieb zwar in einer Schrift von 1597 die heilende Wirkung regelmässigen Duschens. Und doch: Erst Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Menschen, sich in grossem Stil unter die Brause zu stellen. Der Grund war, ausgerechnet, das Militär: Die Feldherren Frankreichs und Preussens erkannten, dass mit zum Himmel stinkenden, verlausten Heeren keine Schlachten zu gewinnen waren – und dass man allein mit Duschen so viele Soldaten so rasch wieder sauber bekam.

Ediacarium

Tag für Tag lagern sich auf der Erde Stoffe ab – Staub, Sand, Geröll, die Reste von Pflanzen und Tieren. Auf diese Weise schreibt die Natur seit Beginn der Erdgeschichte vor 4,6 Milliarden Jahren ein Tagebuch, Seite für Seite, Schicht für Schicht.

Dieses Tagebuch wird von Geologinnen und Paläontologen gelesen. Bloss: Vor einer Milliarde Jahren reissen die Aufzeichnungen ab. Ein rund 500 Millionen Jahre langes Kapitel fehlt; aus dieser Zeit hat so gut wie nichts überdauert. Forscher nennen diesen mysteriösen Abschnitt «Ediacarium».

Der Name kommt von den Ediacara Hills im Süden Australiens. Hier stiess 1946 der Forscher Reginald Sprigg auf Seiten dieses fehlenden Erdkapitels. Die Schichten enthalten Versteinerungen von Geschöpfen, die aussehen, als kämen sie von einem anderen Planeten: Meerestiere, die aussehen wie Farne oder Schwämme, wie gerippte Omeletten, Seesterne ohne Arme oder kriechende Fische ohne Knochen und Augen. Die Ediacara-Wesen waren sozusagen die Betaversion unserer heutigen Fauna: 60 Millionen Jahre lang bevölkerten sie die Flachmeere der Urzeit, bis sie vor 540 Millionen Jahren auf einmal verschwanden – genau dann, als sich unsere heutigen Tierstämme ausbreiteten.

Warum man aus diesem «Ediacarium» kaum Spuren findet, weiss die Wissenschaft erst seit kurzem: Gestaute vulkanische Hitze hob die Landmassen immer weiter an; bis sämtliche Schichten von Wind und Wetter abgetragen wurden, so dass am Ende nichts mehr übrigblieb.