Infografik

Vor 20 000 Jahren lebten die Menschen in Höhlen. Ein Jäger in der französischen Dordogne erkannte, dass er den Buben die Technik des Jagens besser beibringen konnte, wenn er Waffen und Beute – Rinder, Hirsche, Wildpferde, Bären – auf die Höhlenwand malte. Die Wände der Höhle von Lascaux sind damit so etwas wie die älteste Infografik der Welt.

Infografiken kommentieren nicht, sie informieren. Sie kommen überall da zum Einsatz, wo wir hinsehen: in der Zeitung, in Büchern, im Fernsehen, im Web. Ihre Aufgabe ist es, abstrakte und komplexe Vorgänge zu veranschaulichen. Die Umweltzerstörung am Amazonas, der Verlauf des Irakkriegs, die Geschichte der Typografie – kaum ein Thema, das sich nicht in eine Infografik fassen liesse.

Als erstes erkannt hat das 1786 der schottische Statistiker William Playfair. Er zeichnete die ersten Balken- und Kreisdiagramme, die Handel, Löhne und Preise auf einen Blick sichtbar machten. Noch weiter ging 1869 der französische Bauingenieur Charles Joseph Minard mit seiner beklemmenden Visualisierung von Frankreichs desaströsem Russlandfeldzug. Von 422 000 Soldaten der Grande Armée, die Napoleon 1812 im weissrussischen Kaunas Richtung Osten in Marsch gesetzt hatte, sollten nur 16 000 wieder zurückkehren. Die kämpfende, frierende, hungernde Armee in Form zweier immer dünner werdenden Äste, die dem Marsch nach Moskau und zurück folgen – diese erste Infografik im modernen Sinn geht selbst heute noch, nach bald 150 Jahren, unter die Haut.

Ingwer

Ach, geh doch dahin, wo der Pfeffer wächst! Wenn Sie das zu jemandem sagen, dann sind sie ihm, nun ja, nicht besonders freundlich gesinnt. Und Sie drücken damit aus, dass er – gelinde gesagt – verreisen möge. Scharf wie Pfeffer, aber viel aromatischer, ist die Ingwerwurzel, und mit Reisen hat sie auch zu tun.

Ingwer
Ingwer
Denn die Wurzel wie das Wort sind viel gereist. Ingwer, die Gewürzwurzel, wächst in Südamerika, in Indien, Indonesien, China, Japan und Australien. Das liegt nicht gerade vor der Haustür, und als Händler das Gewürz im 9. Jahrhundert zum ersten Mal hierher brachten, hatten die charakteristischen, milde riechenden, aber scharf schmeckenden Knollen bereits wochenlange Reisen hinter sich.

Buchstäblich jahrhundertelang gereist ist auch das Wort. Ingwer heisst in nahezu allen Sprachen so – französisch gingembre, englisch ginger, die Lateiner sprachen vom zingiber und die Griechen von zingíberis. Sprachforscher haben sozusagen den Keim des Wortes gefunden: in singiverasingi-, einem südostasiatischen Wort für Ingwer, und -vera, dem altindischen Wort für Wurzel. Händler, die mit der Gewürzknolle auf Handelsreise gingen, lösten, wo immer sie hinkamen, Staunen aus. Und weil es nirgendwo eine Pflanze gegeben hätte, die ähnlich aussah oder schmeckte, übernahmen die Käuferinnen und Käufer der Einfachheit halber mit der Knolle auch gleich das Wort. Und so reisten sie beide, Wort und Wurzel, buchstäblich rund um die ganze Welt.

Beide reisen sie noch heute. Ingwer nämlich ist sehr gesund und gehört ins Reisegepäck. Ingwer regt Speicheldrüsen, Magen und Darm an, und er beugt wirksam dem Erbrechen vor. Wer also tatsächlich dahin reist, wo der Pfeffer wächst und dabei unter Seekrankheit leidet, wird am Ingwer nicht nur die wortgeschichtliche, sondern vor allem die heilkräftige Seite schätzen lernen.

Inkunabel

Eine Inkunabel ist ein Buch der ersten Stunde. Inkunabeln sind das, was Johannes Gutenberg und seine Gesellen im 15. Jahrhundert gedruckt haben. Nach dem lateinischen Wort für «Wiege» oder «Windel» nennt man diese Ur-Bücher auch «Wiegendrucke» – Wiegendrucke deshalb, weil der Buchdruck buchstäblich noch in den Windeln lag. Nicht nur der Name, auch die zeitliche Zuordnung mutet seltsam an: Sie dauert von der Erfindung des Druckverfahrens mit beweglichen Bleilettern ums Jahr 1450 exakt bis zum 31. Dezember 1500. Nicht dass die Bücher ab 1501 anders gedruckt worden wären – die Zeit der Inkunabeln ist einfach eine Festlegung, so willkürlich sie auch scheinen mag.

Die Inkunabel unterscheidet sich in vielem vom modernen Buch. Was heute ein Buch ausmacht – Titelblatt, Impressum, Inhaltsverzeichnis, Seitenzahlen – all diese Konventionen gab es noch nicht. Inkunabeln standen noch ganz in der Tradition der alten Handschriften – nicht selten liess der Druck an Kapitelanfängen einen grossen Leerraum frei,  in den später von Hand prachtvolle Initialen gemalt wurden. Drucker, oft als Wanderdrucker unterwegs, gaben als Druckort gern die Stadt oder das Dorf an, wo sie gerade waren; ein Druckdatum fehlte häufig, ein Inhaltsverzeichnis konnte gut und gern erst ganz am Schluss stehen.

Eines aber sind sie geblieben, diese ersten Bücher: Sie sind prachtvolle Zeugen einer Zeit, in der die Medienrevolution nicht Internet, sondern Buchdruck hiess.

Innovation

Von Küchengerät bis Kulturveranstaltung: Nichts, das heute nicht innovativ wäre. Innovation ist in – man möchte meinen, erst die Innovation habe den homo erectus so richtig zum homo sapiens gemacht. Doch weit gefehlt: Obwohl das Wort vom lateinischen innovare («erneuern») abstammt, ist es erst in den 1960er-Jahren aus dem Englischen ins Deutsche eingewandert. Eine echte sprachliche Innovation, möchte man meinen, denn zuvor waren die Dinge ganz einfach nur neu.

Ob innovativ oder neu: Sprachlich ist das im Grunde einerlei. Die beiden sind Zwillinge, und ihre Urmutter ist das alte indogermanische Wort navas («neu», «jung», «frisch») dessen Spuren sich in vorchristlichen indischen Tempelsprachen verliert.

Mit den Innovationen unserer Tage ist es ein bisschen wie in der Kunst: Man kann sie weder anordnen noch planen noch produzieren. Sie sind zunächst nichts als eine Behauptung. Ob die Idee, das Produkt oder die Dienstleistung irgendwann tatsächlich den Ritterschlag verdient, zeigt sich erst später, viel später. Wahre Innovation steht erst am Ende eines langen, ephemeren Prozesses, und der hat längst nicht nur mit der Genialität des Erfinders zu tun, sondern mehr noch mit Werbung und mit Markt.

Man kann’s auch umgekehrt formulieren: Wären Innovationen wirklich so zahlreich, wie uns die Werbung weismachen will, gerieten Fehlschläge nachgerade zur Ausnahme. Und wir sähen vor lauter innovativen Bäumen den Wald der Nützlichkeit nicht mehr.

Interpret

Das alte Rom zu den Zeiten der Republik, den Zeiten des Marcus Tullius Cicero und des sechs Jahre jüngeren Gaius Julius Cäsar, war alles andere als eine Demokratie. Doch selbst wenn die Macht beim Adel lag: Ein Wörtchen mitzureden hatte das Volk doch. Auf dem Marsfeld vor den Toren der Stadt wählten Volksversammlungen die Ädile und die Volkstribunen, die Prätoren und die beiden höchsten Beamten der Republik, die Konsuln. Damals wie heute galt: Demokratie ist eine feine Sache, so lange es das Volk mit der Mitbestimmung nicht übertreibt. Und so erlag manch einer der Versuchung, seiner ersehnten Wahl etwas nachzuhelfen.

Dazu brauchte er einen Helfer, den sogenannten interpres. Dieser Interpret war ein Mittler zwischen Oberschicht und Untergrund. Er kontaktierte die Funktionäre der Wahlkreise und handelte mit ihnen den Preis aus – je mehr Stimmen, desto höher die Summe. Das Geld wurde dann an einen sequester übergeben, einen Treuhänder, der das Bargeld in Verwahrung nahm. Ausgezahlt wurden die Sesterzen erst nach erfolgter Wahl und durch einen weiteren Gauner, den divisor, den Verteiler.

Dieses komplizierte System hatte einen grossen Vorteil: Wurde einer der Zwischenhändler geschnappt und zum Reden gebracht, konnte er schlimmstenfalls seinen nächsten Mittelsmann nennen – von den kriminellen Auftraggebern hatte er keine Ahnung. Die blieben ebenso im Dunkeln wie ihre Mittelsmänner, die Interpreten, die im alten Rom eben keine Künstler, sondern ganz einfach Wahlfälscher waren.