Tschernobyl

Es ist still in Pripjat, jener Geisterstadt nördlich von Kiew, in der Ukraine, nahe der Grenze zu Weissrussland. Totenstill. Erst 1970 – zusammen mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl – für die Arbeiter und ihre Familien gebaut, wurde Pripjat in den letzten Apriltagen 1986 vollständig geräumt.

Denn kurz zuvor, am 26. April, war Block 4 des Kraftwerks nach einer missglückten Notfallübung des Chefingenieurs Anatoli Djatlow «instabil» geworden, wie es hiess. Noch während der Turbinenmeister den Nachlauf der gewaltigen Lager prüfte, setzte im Reaktorraum eine Kernschmelze ein. Die diensthabenden Techniker bemerkten die Kettenreaktion Augenblicke zu spät, die über dem Uran hängenden Steuerstäbe klemmten im sich bereits verformenden Reaktor. Unterhalb des Betondecke bildeten sich grosse Mengen von Wasserstoffgas, eine gewaltige Explosion zerriss das Gebäude und setzte die Graphitbeschichtung in Brand, während sich der schmelzende Reaktorkern langsam in die Tiefe frass. Tagelang wüteten schwere Brände, die mit Bor, aus Helikoptern abgeworfen, mit Blei, Dolomit, Sand und Lehm, von so genannten «Liquidatoren» herbeigeschafft, erstickt werden sollten.

Bis zu 800 000 Aufräumarbeiter waren es, die die Hinterlassenschaft einer der grössten technologischen Katastrophen unserer Zeit beseitigen sollten. 1000 von ihnen wurden allein am ersten Tag tödlich verstrahlt; wieviele genau geopfert wurden, bleibt bis heute geheim.

Die Arbeiterfamilien in der Kraftwerksstadt Pripjat wurden innert Stunden aus ihren Wohnungen, die Kinder aus Schulen und Kindergärten geholt, in Busse verfrachtet und evakuiert. Noch jahrelang wurden die leeren Gebäude mit Abwärme der verbleibenden Tschernobyl-Reaktoren weiter beheizt – wenn sie verfallen, wird ihr Staub über das fruchtbare Land wehen und den Boden weiter verstrahlen.

Vespasienne

Vespasian, mit vollem Namen Titus Flavius Vespasianus, war Machtmensch, Politiker, General, loyaler Gefolgsmann Neros und wurde, nach dessen Selbstmord im Jahr 68 n. Chr., durch geschicktes Taktieren und Paktieren Kaiser von Rom. Realpolitiker, der er war, wusste er, dass seine Herrschaft vom Pegel der Staatskasse abhängen würde. Zu viele Kollegen, vom einfachen Senator bis hoch zum Kaiser, hatte er an leeren Kassen scheitern sehen. Not macht erfinderisch: Damit ihm nicht Gleiches widerführe – und weil Nero einen riesigen Schuldenberg hinterlassen hatte –, dachte sich Vespasian eine Latrinensteuer aus. In Rom war menschlicher Urin, so unappetitlich das klingen mag, ausgesprochen begehrt: Das darin enthaltene alkalische Ammoniak wurde für das Gerben von Leder und sogar für die Wäschereinigung gebraucht. Entlang belebter Strassen der Stadt wurden daher Amphoren aufgestellt, die von Gerbern und Wäschern täglich geleert wurden und deren Benutzung auf Anordnung des Kaisers ab sofort steuerpflichtig werden sollte.

Der römische Geschichtsschreiber Sueton berichtet, dass Vespasians Sohn Titus an dieser Steuer wenig Gefallen fand. Als er dagegen aufbegehrte, hielt ihm Vespasian eine Handvoll Sesterzen unter die Nase und fragte:

Stört dich der Geruch?

Als Titus verneinte, befand der Vater barsch:

Und doch kommt es von der Pisse.

In verkürzter Form – pecunia non olet, «Geld stinkt nicht» – fand das Diktum Eingang in den abendländischen Zitatenschatz, und bis heute nennt man in Frankreich die männliche Stehtoilette vespasienne, als dunkle Erinnerung an römische Latrinen und einen gerissenen Kaiser.

WEF

Das jährliche Managertreffen in Davos ist in der Öffentlichkeit bekannt unter dem Namen WEF. Und das ist eigentlich falsch. Das Weltwirtschaftsforum nämlich ist eine private Stiftung in Genf. Aber klar: Schlagzeilen macht das WEF nicht mit dem stillen Wirken hinter den Kulissen, sondern mit seiner riesigen Bühne in Davos: Jedes Jahr treffen sich im Kongresszentrum zweieinhalbtausend Wirtschaftsvertreter, dazu Hunderte von Politikern, religiösen Führern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, aus einhundert Ländern der Erde. Für die Sicherheit der alles in allem 6000 Besucher, von Präsidentin bis Kammerdiener, sind 5000 Soldaten zuständig. Und fürs nötige Rampenlicht sorgen 400 Medienleute jeder Couleur.

Nur: Soviel Rampenlicht will nicht so recht zum lichtscheuen WEF passen. Wirklich Wichtiges wird in gut abgeschirmten Sitzungszimmern und Hotelsuiten besprochen, fernab jeder Öffentlichkeit. Die bleibt allein schon wegen der Teilnahmegebühr von 14 000 Franken fern. Kritiker monieren, dass am WEF zwar die Probleme dieser Welt diskutiert werden, dass aber die Menschen, namentlich in der Dritten Welt, kaum oder gar nicht vertreten sind. Die militanten WEF-Gegner schliesslich, die immer wieder mit Ausschreitungen auf sich aufmerksam machen, hätscheln sorgfältig das Image vom Forum als Fratze der Globalisierung.

Das WEF als riesiger Wirtschafts-, Polit- und Medienbetrieb hat da ein Imageproblem. Abhilfe schaffen soll die neue Internetplattform welcom.org. Hier sollen sich Wirtschaftsführer, Spitzenpolitikerinnen und Experten ungestört austauschen können – zum Wohle der Menschheit natürlich. Der Menschheit? Die Seite enthält vor allem ein Eingabefeld für das Passwort. Denn sie funktioniert fast wie das WEF: unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zehnt

Der Zehnt ist die älteste Steuer der Geschichte. Und dass es 10 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge sein sollten, steht schon in der Bibel:

Von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben,

verspricht Jakob, nachdem er im Traum die Himmelsleiter und die auf- und absteigenden Engel gesehen hat. Der Zehnt war seit jeher in vielen Kulturen bekannt und wurde vom frühen Christentum übernommen. Der Kirchenzehnt war für den Unterhalt des Pfarrers bestimmt, später zusätzlich auch des Bischofs, für Kirchenverwaltung, Schul- und Armenwesen. Im Jahr 1140 legte der in Bologna lehrende Kirchenrechtler Gratian erstmals ein formelles Regelwerk für den Zehnten fest.

Der Zehnt, das waren längst nicht immer 10 Prozent. Je nach Qualität des Ackerlandes konnte er bis zu einem Drittel betragen; gelagert wurde er in den sogenannten Zehntscheunen, nach der Kirche oft das grösste Gebäude im Dorf. Beim Erfinden von Zehnten war die Kirche ziemlich kreativ. Es gab den Grosszehnten auf Getreide und Grossvieh, den Kleinzehnten (andere Feldfrüchte), den Fruchtzehnten (Obst, Gemüse), den Weinzehnten, den Heu-, Holz- und Fleischzehnten. Auf frisch gerodetes Ackerland stand der Neubruchzehnt, auf Bergwerke der Bergzehnt, neue Kreuzzüge wurden mit dem (zeitlich befristeten) Kreuzzugszehnt finanziert.

Mit dem Einmarsch Napoleons 1798 wurde der Zehnte kurzzeitig abgeschafft, nur um kurz darauf aufs Neue eingeführt zu werden. Seine endgültige Ablösung durch staatliche Steuern zog sich über Jahrzehnte hin und verlief, ganz nach gutschweizerischer Manier, von Kanton zu Kanton verschieden.

Zeitkapsel

Behutsam nahmen im Herbst 2017 zwei Restauratorinnen die Jesusfigur der Dorfkirche von Sotillo de la Ribera, Spanien, vom Kreuz. Mit den Jahrhunderten war das Holz rissig geworden, und die Figur musste dringend repariert werden. Was die Frauen zu Gesicht bekamen, als sie den Jesus umdrehten, hatten sie nicht erwartet: Statt einem Po hatte die Figur ein grosses Loch, und darin steckten zwei vergilbte Papierrollen, eng beschrieben, aus dem Jahr 1777. Joaquín Mínguez, früherer Kaplan der nahegelegenen Kathedrale von Burgos, schrieb darin über das öffentliche Leben der Region, über grassierende Krankheiten wie Sumpffieber und Typhus, über den Gang der Wirtschaft, über Schulen und Universitäten – und natürlich über den Künstler, der den hohlen Jesus geschnitzt hatte.

Funde wie diesen nennen Historiker «Zeitkapsel»: ein Behälter zur Aufbewahrung zeittypischer Dokumente wie Münzen, Geldscheine, Zeitungen, Statistiken oder ganze Chroniken. Die Urnen, Schatullen, Kassetten, manchmal auch Flaschen werden oft in die Fundamente bedeutender Bauten eingemauert oder in die Spitze von Kirchtürmen eingelassen. Bei Restaurierungen werden die Kapseln geöffnet, die alten Inhalte öffentlich präsentiert, mit aktuellen Dokumenten ergänzt und am Ende wieder deponiert. Für die Geschichtswissenschaft sind diese Zeitkapseln wahre Fundgruben.

In Sotillo de la Ribera, 150 Kilometer nördlich von Madrid, soll der restaurierte Jesus dereinst wieder an seinem angestammten Kreuz hängen. In seinem Inneren wird eine originalgetreue Kopie der Chronik liegen; das Original wird in den erzbischöflichen Archiven verwahrt.