WEF

Das jährliche Managertreffen in Davos ist in der Öffentlichkeit bekannt unter dem Namen WEF. Und das ist eigentlich falsch. Das Weltwirtschaftsforum nämlich ist eine private Stiftung in Genf. Aber klar: Schlagzeilen macht das WEF nicht mit dem stillen Wirken hinter den Kulissen, sondern mit seiner riesigen Bühne in Davos: Jedes Jahr treffen sich im Kongresszentrum zweieinhalbtausend Wirtschaftsvertreter, dazu Hunderte von Politikern, religiösen Führern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, aus einhundert Ländern der Erde. Für die Sicherheit der alles in allem 6000 Besucher, von Präsidentin bis Kammerdiener, sind 5000 Soldaten zuständig. Und fürs nötige Rampenlicht sorgen 400 Medienleute jeder Couleur.

Nur: Soviel Rampenlicht will nicht so recht zum lichtscheuen WEF passen. Wirklich Wichtiges wird in gut abgeschirmten Sitzungszimmern und Hotelsuiten besprochen, fernab jeder Öffentlichkeit. Die bleibt allein schon wegen der Teilnahmegebühr von 14 000 Franken fern. Kritiker monieren, dass am WEF zwar die Probleme dieser Welt diskutiert werden, dass aber die Menschen, namentlich in der Dritten Welt, kaum oder gar nicht vertreten sind. Die militanten WEF-Gegner schliesslich, die immer wieder mit Ausschreitungen auf sich aufmerksam machen, hätscheln sorgfältig das Image vom Forum als Fratze der Globalisierung.

Das WEF als riesiger Wirtschafts-, Polit- und Medienbetrieb hat da ein Imageproblem. Abhilfe schaffen soll die neue Internetplattform welcom.org. Hier sollen sich Wirtschaftsführer, Spitzenpolitikerinnen und Experten ungestört austauschen können – zum Wohle der Menschheit natürlich. Der Menschheit? Die Seite enthält vor allem ein Eingabefeld für das Passwort. Denn sie funktioniert fast wie das WEF: unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zehnt

Der Zehnt ist die älteste Steuer der Geschichte. Und dass es 10 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge sein sollten, steht schon in der Bibel:

Von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben,

verspricht Jakob, nachdem er im Traum die Himmelsleiter und die auf- und absteigenden Engel gesehen hat. Der Zehnt war seit jeher in vielen Kulturen bekannt und wurde vom frühen Christentum übernommen. Der Kirchenzehnt war für den Unterhalt des Pfarrers bestimmt, später zusätzlich auch des Bischofs, für Kirchenverwaltung, Schul- und Armenwesen. Im Jahr 1140 legte der in Bologna lehrende Kirchenrechtler Gratian erstmals ein formelles Regelwerk für den Zehnten fest.

Der Zehnt, das waren längst nicht immer 10 Prozent. Je nach Qualität des Ackerlandes konnte er bis zu einem Drittel betragen; gelagert wurde er in den sogenannten Zehntscheunen, nach der Kirche oft das grösste Gebäude im Dorf. Beim Erfinden von Zehnten war die Kirche ziemlich kreativ. Es gab den Grosszehnten auf Getreide und Grossvieh, den Kleinzehnten (andere Feldfrüchte), den Fruchtzehnten (Obst, Gemüse), den Weinzehnten, den Heu-, Holz- und Fleischzehnten. Auf frisch gerodetes Ackerland stand der Neubruchzehnt, auf Bergwerke der Bergzehnt, neue Kreuzzüge wurden mit dem (zeitlich befristeten) Kreuzzugszehnt finanziert.

Mit dem Einmarsch Napoleons 1798 wurde der Zehnte kurzzeitig abgeschafft, nur um kurz darauf aufs Neue eingeführt zu werden. Seine endgültige Ablösung durch staatliche Steuern zog sich über Jahrzehnte hin und verlief, ganz nach gutschweizerischer Manier, von Kanton zu Kanton verschieden.

Zeitkapsel

Behutsam nahmen im Herbst 2017 zwei Restauratorinnen die Jesusfigur der Dorfkirche von Sotillo de la Ribera, Spanien, vom Kreuz. Mit den Jahrhunderten war das Holz rissig geworden, und die Figur musste dringend repariert werden. Was die Frauen zu Gesicht bekamen, als sie den Jesus umdrehten, hatten sie nicht erwartet: Statt einem Po hatte die Figur ein grosses Loch, und darin steckten zwei vergilbte Papierrollen, eng beschrieben, aus dem Jahr 1777. Joaquín Mínguez, früherer Kaplan der nahegelegenen Kathedrale von Burgos, schrieb darin über das öffentliche Leben der Region, über grassierende Krankheiten wie Sumpffieber und Typhus, über den Gang der Wirtschaft, über Schulen und Universitäten – und natürlich über den Künstler, der den hohlen Jesus geschnitzt hatte.

Funde wie diesen nennen Historiker «Zeitkapsel»: ein Behälter zur Aufbewahrung zeittypischer Dokumente wie Münzen, Geldscheine, Zeitungen, Statistiken oder ganze Chroniken. Die Urnen, Schatullen, Kassetten, manchmal auch Flaschen werden oft in die Fundamente bedeutender Bauten eingemauert oder in die Spitze von Kirchtürmen eingelassen. Bei Restaurierungen werden die Kapseln geöffnet, die alten Inhalte öffentlich präsentiert, mit aktuellen Dokumenten ergänzt und am Ende wieder deponiert. Für die Geschichtswissenschaft sind diese Zeitkapseln wahre Fundgruben.

In Sotillo de la Ribera, 150 Kilometer nördlich von Madrid, soll der restaurierte Jesus dereinst wieder an seinem angestammten Kreuz hängen. In seinem Inneren wird eine originalgetreue Kopie der Chronik liegen; das Original wird in den erzbischöflichen Archiven verwahrt.

Zoll

«Zoll» kommt vom griechischen telṓnion, «Zollhaus», und das Geschäftsmodell ist seit dem Altertum gang und gäbe. Ein Zoll ist eine Abgabe, den der Fuhrmann einst für die Benutzung einer Strasse oder beim Übergang über eine Brücke zu zahlen hatte. Diese Wege- oder Brückenzölle waren zwar wenig beliebt, aber noch durchaus einleuchtend: Der Bau hatte eine Menge Geld gekostet, und man konnte es dem Erbauer nicht verdenken, wenn er, Abgabe für Abgabe, sein Geld wiedersehen wollte. Der Zoll als Steuer dagegen, die erst an den Kaiser oder König, später dann an den Staat ging, leuchtete weniger ein. Aber nur so lange, bis die örtliche Wirtschaft begriff, dass dieser Einfuhrzoll tatsächlich ein ziemlich wirksamer Schutz war: Fremde Ware wurde per se um den Zollbetrag teurer als hiesige; von Auswärtigen unterboten zu werden, wurde also schwieriger. Und damit war der Schutzzoll geboren – und der sogenannte Protektionismus zählte bald zum Standardrepertoire der Aussenhandelspolitik.

Zölle werden heute kritisch betrachtet, denn sie behindern den internationalen Handel. Sie haben den Nachteil, verkrustete Strukturen und damit unwirtschaftliche Branchen zu schützen, die Preise künstlich hoch zu halten und damit der Allgemeinheit mehr zu schaden als zu nützen. 1947 rückte das allgemeine Zoll und Handelsabkommen GATT den Zöllen weltweit auf den Leib, seit 1995 tut dies die Welthandelsorganisation WTO. Aber ganz der Vergangenheit gehören sie noch lange nicht an. Wer im Ausland shoppen geht, tut das zollfrei nur bis 300 Franken. Geht’s gar um Fleisch, Tabak oder Alkohol, helfen nur noch Merkblätter weiter – oder, ganz zeitgemäss, die App «QuickZoll».