Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.

Sündenbibel

Robert Barker war Drucker in London und von Berufes wegen auf exaktes Arbeiten bedacht. Sein Vater war königlicher Drucker gewesen. Nach seinem Tod erbte Sohn Robert das Patent und war nun offizieller Drucker von King James I.

Barkers wichtigstes Werk ist die King-James-Bibel, die bis heute einflussreichste englischsprachige Bibelübersetzung. Die erste Ausgabe erschien 1611 – ein gewaltiges Werk: Im Auftrag des Königs hatten 47 Gelehrte jahrelang daran gearbeitet.

Im Alten Testament, im 2. Buch Mose, steht in der King-James-Bibel

Thou shalt not commit adultery,

«du sollst nicht ehebrechen». Und ausgerechnet hier unterlief dem Drucker Robert Barker ein fataler Fehler. King James’ Sohn Charles war nach James’ Tod mittlerweile selbst König von England. Er hatte eine neue Auflage in Auftrag gegeben und 1000 Bibeln bestellt. Monate nach dem Druck im Jahr 1631 fiel der Blick des Königs bei den zehn Geboten auf den verhängnisvollen Satz

Thou shalt commit adultery,

«Du sollst ehebrechen» – das Wörtchen «not» war aus unerfindlichen Gründen beim Satz verloren gegangen.

Der König war ausser sich. Die Drucker wurden zu einer horrenden Geldstrafe verurteilt. Die bereits ausgegebenen Exemplare wurden beschlagnahmt und verbrannt. Indes: Einige wenige Exemplare entgingen der Vernichtung. Sie werden heute Wicked Bible genannt, «Sündenbibel», und sie sind Sammlern auf Auktionen Zehntausende Pfund wert.

Sündenbock

Wo immer etwas schief läuft, da wird ein Sündenbock gesucht. Nur gut, dass wir es da nicht mehr so halten wie in der Bibel:

Und Aaron soll den Ziegenbock herbringen. Er soll seine beiden Hände auf seinen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetaten der Israeliten (…). Er soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn (…) in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle Missetaten auf sich nehme und in die Wildnis trage. Und man lasse ihn in der Wüste.

Der zu einem grausamen Tod verurteilte Sündenbock stammt aus einer ausführlichen Opferanleitung des Alten Testaments. Dem dritten Buch Mose zufolge hat Gott das Ritual Moses älterem Bruder Aaron befohlen. Es bildet den Hintergrund des höchsten jüdischen Feiertags, des Jom Kippur. Der Jom Kippur, übersetzt «Tag der Sühne», wird von vielen Juden eingehalten. Gläubige fasten 25 Stunden lang. In Israel steht das öffentliche Leben still – die Strassen sind autofrei, Restaurants und Cafés sind ebenso geschlossen wie die Grenzübergänge und der Flughafen.

Die Vorstellung, einen Bock für die Menschen zu opfern, gibt es in vielen Kulturen. Auch in der Schweiz: Unterhalb von Göschenen liegt der 2000 Tonnen schwere Teufelsstein, der Sage nach vom Teufel aus Wut dorthin geschleudert. Für den erfolgreichen Bau der Teufelsbrücke hatte man ihm die Seele des ersten Wesens versprochen, das darüber ginge. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Niemand kam zu Schaden – ausser einem armen Bock.

Talisman

Talisman in Carneol
Gläubigen bringt er Glück und Wohl

So schreibt Goethe in seinem «West-östlichen Divan». Ein Talisman ist ein Glücksbringer, jedenfalls solange wir an ihn glauben. Wie genau der Talisman das bewerkstelligt, ist dabei so rätselhaft wie das Wort. télesma heisst auf Griechisch «Abbild», «Zauberbild» und stammt aus dem alten Byzanz. Im arabischen Plural telsamân wanderte es nach Spanien und Italien ein und kam im 18. Jahrhundert im Deutschen an. In England, Holland, Skandinavien, Frankreich, Spanien, Italien – der Talisman heisst in allen Sprachen so und klingt verheissungsvoll nach Scheherazade und der Zauberwelt des Orients.

Die Vorstellung vom glücksbringenden Zauberbild kommt aus dem alten Mesopotamien, dem Gebiet zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat im heutigen Syrien und Irak. Vor allem in den alten Metropolen Babylon und Ninive war es Brauch, jedes Wohnhaus mit einem schützenden Bild zu versehen, einer in Stein gemeisselten, oft rätselhaften Zwittergestalt zwischen Göttern, Menschen und Tieren. Heute ist ein Talisman ein kleiner Gegenstand, oft eine bildliche Darstellung aus Metall oder Halbedelstein, die man in der Tasche oder um den Hals trägt. Glück soll er bringen, und damit ist er gleichsam das Gegenteil des Amuletts, das Unglück abwehren und Krankheiten und bösen Zauber fernhalten soll.

Es ist nicht so, dass Menschen nicht auch hierzulande auf Glücksbringer vertraut hätten: Die Hasenpfote und der Glückspfennig sind uns, was den alten Ägyptern der Skarabäus war. Und wenn wir heute am Kühlergrill eines Lastwagens ein Hufeisen sehen, dann ist das ein fernes Echo der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Teigtaschen

Dem wahren Feinschmecker sind sie ein Graus: die Ravioli. Das liegt weniger am Gericht als vielmehr an seiner Verpackung: Seit Generationen gibt es sie, in eintöniger Tomatensauce schwimmend, in Dosen zu kaufen; kurz aufgewärmt, ergeben sie eine hastige Mahlzeit.

Ravioli, diese kulinarischen Einwanderer aus Italien, sind also Fastfood? Von wegen. Teigtaschen aus Hefe, Blätter- oder Nudelteig und mit Gemüse-, Fisch- oder Fleischfüllung sind auf der ganzen Welt heimisch. Ihre Zubereitung ist simpel: Der Teig aus Mehl oder Hartweizengriess, Wasser, Salz und Ei wird flach ausgerollt und zugeschnitten. Jeder Teil wird mit der gewünschten Füllung belegt, mehr oder weniger kunstvoll geschlossen und danach gekocht, gedünstet, gebraten oder frittiert. Das Ergebnis heisst dann je nach Weltengegend Krapfen, Maultaschen, Tortelloni, Kreplach, Piroggen, Empanadas, Pelmeni, Boraki, Wareniki oder Pow. Alle sind sie ein bisschen anders und doch ein bisschen gleich, denn allen ist gemeinsam, dass man von aussen nicht erkennen kann, was drinsteckt.

Und das ist Absicht. Denn zum einen lassen sich so patent die Reste vom Vortag verarbeiten, und zum anderen verbirgt die Tarnung aus Teig diskret, dass die Zutaten nicht zwingend von der allerbesten Qualität zu sein brauchen. Und dann gab es noch diesen einen, ganz besonders gewichtigen Grund: An Freitagen durften fastende Katholiken im Gedenken an den Karfreitag, den Hinrichtungstag Jesu Christi, kein Fleisch essen. Teigtaschen machten es möglich, sich selbst im Kloster hemmungslos der Fleischeslust hinzugeben. Im Schwabenland heissen die Maultaschen daher treuherzig «Herrgottsbscheisserle».