Projektor

Kaum ein Geräusch hat soviel mit Erinnerungen zu tun – die ersten Gehversuche der lieben Kleinen, das grosse Familienfest, der sonnige Sandstrand. Der Projektor spulte den verwackelten, von Streifen gezeichneten Film ab, und das Publikum blickte auf die Leinwand – je nach Beteiligungsgrad gebannt oder gelangweilt.

Projektor
Heute ist er selbst nur noch eine Erinnerung: der Projektor, das Gerät mit der starken Glühlampe, die ihr Licht durch einen Film, ein Dia und durch Linsen hindurch auf die Leinwand warf. Wörtlich, denn Projektor heisst lateinisch nichts anderes als «Hinwerfer». Zugegeben, ein etwas despektierlicher Ausdruck für ein Gerät, das Optik und Mechanik zu einer derart faszinierenden Erinnerungsmaschine verband.

Diese Magie trägt der Ur-Projektor in seinem Namen: laterna magica, Zauberlaterne, hiess das Gerät des niederländischen Physikers Christiaan Huygens, das im Jahr 1656 zum ersten Mal Bilder projizierte. Sonderlich viel Zauber war nicht dabei – eine Öllampe in einem Gehäuse, auf der Rückseite ein Hohlspiegel, davor handgemalte Laternbilder und das Objektiv. Magisch aber war die Wirkung: Die laterna magica wurde so aufgestellt, dass sie nicht zu sehen war, und projiziert wurde auf Rauch, der die Figuren frei im Raum schweben liess. Auch wenn die Kerzen von Glühlampen, die gemalten Bilder von Dias und der Rauch von Leinwänden abgelöst wurden – die Lichtbilder verloren nichts von ihrem Glanz.

Laterna magica, Projektor – heute sind sie Geschichte. Immerhin: Auch im Zeitalter von Beamer oder Youtube ist die Magie der Erinnerungsbilder ungebrochen.

Radio

21. Mai 1910: Das erste Radiosignal Europas stammt vom Observatorium im Pariser Eiffelturm, das, mit dem sinnigen Stationszeichen «FL», das Zeitzeichen ausstrahlt. Noch ahnt niemand, dass das der Urahn des Radios sein wird. Aber: Schon ein Jahr später werden in der Schweiz die ersten drei Empfangskonzessionen erteilt – an die Universität Lausanne, an die Uhrmacherschule in La-Chaux-de-Fonds und an den Uhrmacher Türler in Zürich -, auch wenn alle drei keineswegs Medien im Sinn haben, sondern vielmehr die genaue Zeit.

Radio
Das ändert sich rasch: Der Wetterbericht und gesprochene Nachrichten gehören zum Radio seit 1912, als die Physikabteilung der Uni Basel die erste Schweizer Radioantenne aufspannte – zwischen einem Uhrmacheratelier am Nadelberg und dem Turm der Peterskirche.

Was vor knapp 100 Jahren staunen machte, ist heute Alltag: Radio. Das Wort ist die Kurzform von Radiotelegrafie, die Übermittlung von Nachrichten mit elektromagnetischen Wellen. Weniger bekannt ist, dass Radio auf radius zurückgeht, den halben Kreisdurchmesser. Und der wiederum ist lateinisch und heisst «Speiche» oder «Strahl». Obgleich in den deutschsprachigen Ländern von Amtes wegen bereits in den 1920er Jahren der Begriff Rundfunk eingeführt wurde, hat sich Radio erhalten.

Heute sprechen wir von Neuen Medien und meinen damit das Internet. Falsch: Das Web ist Schrift und Bild, Ton und Film – und selbst kein Medium. Ein Neues Medium ist vielmehr das Radio. Selbst wenn es uns wie ein altes Medium vorkommt: Radio ist noch nicht einmal 100 Jahre alt.

Satire

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Dies schreibt Kurt Tucholsky 1919 im «Berliner Tageblatt». Als Sozialist, Politiker, Journalist und Schriftsteller muss er es schliesslich wissen: Leitartikel, Gerichtsreportagen, Glossen, Satiren, Buchbesprechungen, Gedichte, Lieder, Kabarett – in welcher Form er seine flammenden Anklagen gegen den aufziehenden Totalitarismus auch verbreitet (teils unter einer ganzen Reihe von Pseudonymen), sie verhallen zumeist ungehört.

Satire ist Spottdichtung, eine literarische Form, die Missstände sprachlich überspitzt und verspottet. In Antike, Mittelalter oder Gegenwart, ob als Prosatext, Gedicht oder Theater – Satire will im Grunde viererlei: Sie will polemisieren, kritisieren, belehren und unterhalten. Das ist ein hoher Anspruch, und daran scheitern viele: Autoren, weil gute Satire ausgesprochen schwierig ist; Leser, weil Ironie und Sarkasmus nicht immer ganz einfach zu verstehen sind, und Schreiber, weil allein schon das Wort eine Stolperfalle darstellt. Denn die Satire stammt nicht etwa vom Satyr ab, jenem mythologischen Mischwesen der alten Griechen, sondern vielmehr von satura lanx, was auf Lateinisch «gefüllte Obstschale» bedeutet, als Sinnbild für buntes Allerlei.

Tucholsky war Zeit seines kurzen Lebens ein leidenschaftlicher Satiriker. Im Text «Requiem» macht er sich sogar über sein eigenes Begräbnis lustig und schlägt einen Grabspruch vor, zu schreiben «in silbernen Buchstaben auf einen Grabstein aus Granit»:

Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – gute Nacht!

Second Life

Vielleicht war’s ja nicht gleich der Traum vom Paradies. Aber eine bessere Welt sollte es schon werden: Secondlife.com, die Schöpfung von Linden Lab, einer Firma in San Francisco mit nur 31 Angestellten.

Second Life: das ist zu allererst ein Computerprogramm. Es ist, wie es sich für eine bessere Welt gehört, kostenlos und lässt sich im Internet herunterladen. Es entführt uns User, wie wir Menschen heute heissen, in eine gigantische künstliche Welt, wo wir als erstes wie die Kinder staunen lernen. In Second Life können wir uns neu erfinden – das Selbst unserer Wünsche sieht aus wie eine Comicfigur, kann fliegen wie ein Vogel – und ist entweder ganz anders oder ganz genau so wie wir. In Second Life gibt es Land und Wasser, Dörfer und Städte. Und vor allem Menschen: Schon 7,5 Millionen tummeln sich mindestens gelegentlich in Second Life. Man kann gemeinsam Ausflüge unternehmen, sich vergnügen und sich per Tastatur unterhalten.

Wer diese detailverliebte Comicwelt gründlich bestaunt hat, kommt rasch dahinter: Second Life ist ein Paradies auf Erden, vor allem für die Werbung: Firmen bieten Produkte feil – wie etwa virtuelle Massanzüge fürs virtuelle Ego – oder ganz reale Dienstleistungen wie die Abendschlagzeilen. Es ist auch ein Paradies für Linden Lab: Hab und Gut – alles kostet. Bezahlt wird in Linden-Dollars, und die wiederum gibt’s gegen ganz reales Geld; in der spieleigenen Börse und zum Kurs von zur Zeit knapp 270:1. Da ist die Gier nicht weit. In Second Life gibt’s bereits die ersten Betrüger, die mit virtuellen Liegenschaften echte Menschen um echtes Geld bringen und echte Gerichte beschäftigen. Von Pornografie und anderem ganz zu schweigen.

Es ist ein Traum geblieben. Second Life ist zwar nichts weniger als eine neue Welt. Nur: Wirklich besser ist sie nicht geworden.

Shitstorm

Das Wort gehört eindeutig nicht zum guten Ton, und doch entfährt es uns so manches Mal, wenn – Sch…! – Verzeihung, so manches Mal, wenn uns etwas misslingt. Auch die englische Übersetzung sh… ist im Schwang, und wenn sich die gleich kübelweise über den Urheber eines Blogs oder einer Facebookseite ergiesst, in Form von Schimpf-und-Schande-Kommentaren im Minutentakt, dann spricht man von einem Shitstorm. Wenn man das fremde Fäkalwort meiden wollte, könnte man wie der Duden von «Empörungswelle» sprechen, oder, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache vorschlägt, von «Netzhetze». Vergeblich. Wenn im Web ein Entrüstungssturm losbricht, wenn es Schmähungen nur so hagelt, dann spricht man neudeutsch von einem Shitstorm.

Das Wort erfreut sich einiger Beliebtheit. In der Schweiz wurde «Shitstorm» 2012 gar zum Wort des Jahres gekürt. Betroffen ist der Politiker, der sich seinen Doktortitel erschummelt hat, ebenso wie der Konzern, der betrügerischer Absprachen überführt wird. Für den Shitstorm gibt es eine Art Beaufort-Skala: von 0 (Windstille, keine kritischen Rückmeldungen) bis 6 (ungebremste Polemik eines aufgepeitschten Publikums, Orkan). Wenn ein solcher Sturm erst einmal so richtig tobt, dann reichen die Ratschläge selbsternannter Krisenkommunikationsexperten von Abschalten betroffener Webseiten bis hin zu fieberhafter Versöhnungshektik. Und alles taugt dann in etwa so viel wie das Aufspannen eines Regenschirms inmitten des Tornados.

Immerhin: Wie alle Stürme zieht auch der Shitstorm weiter. Irgendwann. Und die gebeutelten Social-Media-Manager mögen sich trösten mit der Erkenntnis, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Wie sagt doch der Volksmund? Wenn Dir ein Vogel auf den Kopf sch…, dann sei froh, dass Elefanten nicht fliegen können.