Guillotine

Der französische Theologe und Arzt Joseph-Ignace Guillotin war von der revolutionären Idee der «égalité», der Gleichheit, beseelt. 1789, im Jahr der französischen Revolution, amtierte Guillotin als Sekretär der Assemblée Constituante und setzte sich mit seiner Auffassung durch, dass die «égalité» auch im Tod gelten sollte: Ungeachtet ihres Standes sollten alle zum Tod Verurteilten auf ein und dieselbe Weise hingerichtet werden, nämlich durch präzise, maschinelle und damit «humane» Enthauptung. Keine Selbstverständlichkeit: Nur Adlige und Reiche waren bis anhin mit dem Schwert geköpft worden; das gemeine Volk wurde, je nach Straftat, gevierteilt, gehängt, ertränkt, verbrannt oder gar in siedendem Öl gesotten. Auf eine Abschaffung der Todesstrafe konnten sich die Abgeordneten nicht einigen, und so verständigte man sich immerhin auf egalitäres Enthaupten.

Es war ausgerechnet der Leibarzt des Königs, Antoine Louis, der das drei Meter hohe Fallbeil mit der 40 Kilogramm schweren Klinge und der kurzen Bank entwarf – drei Jahre später, 1792, wurde das Hinrichten mit der Guillotine Gesetz. Gegen 13 000 Menschen, darunter Louis XVI und seine Frau Marie Antoinette, sollten ihr allein in der Revolutionszeit zum Opfer fallen.

Doch nicht nur französische, sondern auch Schweizer Henker waren der Moderne des Tötens zugetan. Als letzter Kanton kaufte 1904 Luzern eine Guillotine für 1000 Franken, die man bei Bedarf auslieh. Als letzter Schweizer wurde 1940 der Mörder Hans Vollenweider guillotiniert – in der Werkstatt der Strafanstalt Sarnen.

Der Arzt Guillotin übrigens litt zeitlebens unter dem Namen des schrecklichen Apparats, den er weder erfunden noch je in Aktion gesehen hatte.

Gutenberg, Johannes

Kennen Sie Henne Gensfleisch? Natürlich kennen Sie ihn. Nur vielleicht nicht unter diesem Namen, sondern als Johannes Gutenberg. Und «kennen» ist womöglich ein etwas starkes Wort, denn die Geschichte des Johannes Gutenberg liegt über weite Strecken im Dunkeln.

Alle wissen wir, dass Gutenberg ums Jahr 1450 den modernen Buchdruck erfunden hat. Nur ist das nicht ganz richtig. Das Verbreiten von Schrift mittels Hochdruck – mit einer Art von Stempeln aus Holz – gab es in China schon lange vor Christi Geburt. Was Gutenberg aber erfand, war das Drucken mit beweglichen Lettern, von der Legierung aus Zinn, Blei und Antimon bis hin zur Druckerpresse. Gutenberg war der Erfinder des modernen Druckprozesses, der, zum ersten Mal in der Geschichte, eine industrielle Herstellung von Büchern möglich machte.

Das ist sozusagen die öffentliche Seite Gutenbergs. Seine Person, sein Leben allerdings liegen weitgehend im Dunkeln; vieles ist Spekulation und Legende. Zum Beispiel sein Porträt: Der Kupferstich zeigt einen Herrn in mittleren Jahren, mit gepflegtem Kinnbart und strengem Blick. Das Porträt indes entstand erst lange nach Gutenbergs Tod – und ist pure Erfindung. Von seiner Kindheit in Mainz ist nichts bekannt, ein Studium in Erfurt wird vage vermutet. Belegt sind sein Beruf als Goldschmied und Spiegelmacher und – ganz im Verborgenen, weil Geschäftsgeheimnis – erste Drucke in Strassburg. Zurück in Mainz, entstand sein wichtigstes Werk: der Druck der Bibel, die ihn auf einen Schlag berühmt machte. Die Druckerei aber hatte Unsummen verschlungen – Geld, das sich Gutenberg vom reichen Kaufmann Johann Fust geliehen hatte. Skrupellose Rückforderungen und ein verlorener Prozess sollten Gutenberg bis zu seinem Tod 1468 ruinieren.

Johannes Gutenberg hinterliess Bücher, Schriften, Typen – und eine Erfindung, ohne die die moderne Geistesgeschichte nicht denkbar wäre.

Hallo

«Hallo» ist ein sperriges Wort. Seine aufgesetzte Freundlichkeit wirkt immer ein bisschen anbiedernd, tapsig, plump. Und zu allem Übel klingt «hallo» immer ein bisschen nach Fremdwort. Doch gerade das ist falsch.

Der Wild- und Rheingraf stiess ins Horn:
Halloh, halloh, zu Fuss und Ross!

So dichtete Gottfried August Bürger im Sturm und Drang des 18. Jahrhunderts. Sogar unsere gesteigerte Fröhlichkeit namens «hallihallo» ist nachweislich uralt. So trällert ein altes deutsches Handwerkerlied:

Die Arbeit macht ihm Freude.
In Saffian und Seide
Bindt er die Bücher ein.
Halli hallo halli hallo!
Buchbinder sind stets froh.

Was wir uns im Büro in vollendeter Kumpelhaftigkeit zurufen, geht sogar bis in althochdeutsche Zeiten zurück. Der Ursprung ist das Verb halôn, «holen» oder «herbeirufen». Mit hola wurden im Mittelalter Bedienstete herbeizitiert oder der Fährmann vom anderen Flussufer herbeigerufen. Und als Substantiv bedeutet das Hallo seit jeher den Lärm, das Geschrei oder Getümmel.

Auch heute noch hat der Zuruf mehr Bedeutungen, als uns manchmal lieb sein kann: Vordergründig ein freundlicher Gruss im Vorbeigehen, lautet der peinliche Subtext nur allzu oft: «Ach, wie ist mir das peinlich, dass mir dein Name schon wieder entfallen ist».

Hamburger

Ein Brötchen, in zwei Hälften geschnitten, dazwischen ein Hacksteak, Ketchup, Zwiebeln: Fertig ist der Hamburger. Von einem Gericht zu sprechen, ist arg übertrieben: Das Sandwich namens Hamburger ist so simpel, dass sich ein eigentlicher Erfinder kaum mehr ausmachen lässt.

Sogar der Name liegt im Dunkeln. Dass er von der Hansestadt abstammt, liegt auf der Hand. Bloss wie genau? Die einen sagen, dass der Hamburger ein Kind jenes Snacks ist, der in Norddeutschland «Rundstück warm» heisst. Ein Rundstück ist ein Weizenbrötchen, in der Mitte steckt ein Stück Braten. Andere wollen wissen, dass der Hamburger – als Frikadelle zwischen zwei Brotscheiben – 1847 auf den Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie zur Welt kam.

Vielleicht ist die Sache aber auch noch komplizierter: 1885 kam es auf dem Jahrmarkt der von deutschen Auswanderern gegründeten Stadt Hamburg im US-Bundesstaat New York zu einer verhängnisvollen Panne. Die beiden Brüder Frank und Charles Menches, Besitzer einer Imbissbude, hatten den Appetit der Besucher unterschätzt. Als das Schweinefleisch für die warmen Sandwiches alle war, musste ganz rasch Nachschub her – und auf die Schnelle gab es nur gehacktes Rind. Die Brüder klemmten unverzagt das Rindfleisch zwischen die Brotscheiben, und fertig war der Ur-Hamburger.

Ob der nun tatsächlich aus dem amerikanischen Hamburg stammt, bleibt umstritten. Immerhin: 2003 schlug der Tierschützer Joe Haptas allen Ernstes vor, die Stadt umzubenennen, von «Hamburg» in «Veggieburg». Ohne Erfolg – Hamburg blieb Hamburg.

Handschuhehe

1490 sollte die dreizehnjährige Anna von Bretagne mit dem deutschen Kronprinzen Maximilian verheiratet werden. Staatsgeschäfte hielten den Bräutigam aber davon ab, nach Rennes zu reisen, und so schickte er einen Gesandten, der vor versammeltem Hof ein Bein bis zum Knie entblösste und es in das Prunkbett schob, in dem die Prinzessin lag und so tat, als würde sie schlafen. Damit galt die Ehe symbolisch als geschlossen.

Eine Adelshochzeit war in Europa stets auch eine Allianz zwischen Mächten, und eine Ehe entschied oft genug über Krieg oder Frieden. Weil eine Hochzeit aber wochenlanges Reisen voraussetzte, dachten sich die Habsburger eine Art Stellvertreterhochzeit aus, die sogenannte Handschuhehe. Die heisst so, weil der Diplomat als Zeichen seines Auftrags einen Handschuh des abwesenden Bräutigams zu überreichen pflegte. Für eine solche Stellvertreterhochzeit gab es unterschiedliche Protokolle. So konnte es, als andere Variante, auch sein, dass sich der Gesandte in voller Rüstung neben die prachtvoll gekleidete Braut legte, dazwischen lag aus Gründen der Sittlichkeit ein blankes Schwert.

In einzelnen Staaten Südeuropas, Südamerikas und verschiedenen US-Bundesstaaten sind Handschuhehen bis heute möglich, doch in den meisten Rechtsordnungen sind sie ausgeschlossen. Eigentlich hatten sie immer schon ihre Tücken. Weil Maximilians und Annas Ehe nie vollzogen wurde, und weil die Verbindung den Interessen des französischen Königs zuwiderlief, wurde die Hochzeit auf massiven Druck hin schon ein Jahr später vom Papst wieder annulliert.