Freemium

Gratis kostet nichts? Quatsch. «Gratis» ist tatsächlich das bauernschlaueste Geschäftsmodell der Welt. Wer eine Gratis-App herunterlädt, will bald mehr Funktionen haben und bezahlt die teure Vollversion. Wer sein Handy gratis bekommt, bezahlt jahrelang die hohen Gebühren.

Auf Neudeutsch heisst das Modell «Freemium», von englisch free, «gratis», und premium. «Freemium» gibt’s in vielen Varianten: Das Programm oder der Dienst ist zwar unzweifelhaft gratis. Aber nur für Studenten. Oder nur 30 Tage lang. Oder mit zuwenig Speicher. Oder mit fehlenden Optionen. Oder ohne Support. Oder, ganz besonders nett, der Nachbar hat’s gratis bekommen, doch danach war leider Schluss.

Das Geschäftsmodell namens «Freemium» treibt bunte Blüten. Die jüngste Knospe sind die sogenannten «In-App-Käufe»: Das Handyspiel macht süchtig, wird aber immer schwieriger – und am Ende so vertrackt, dass man irgendwann steckenbleibt. Es sei denn, man kaufe sich zusätzliche Züge oder am besten gleich zusätzliche Leben. Für nur einen Dollar. Pro Mal, versteht sich.

Das erfolgreichste dieser Freemium-Games heisst «Candy Crush», ein Puzzlespiel mit kitschigen, knallbunten Bonbons, das täglich von bis zu 100 Millionen Menschen gespielt wird. Es stammt vom Londoner Unternehmen King Digital Entertainment, das mit «Candy Crush» zeitweise eine Dreiviertelmillion Dollar einnahm – pro Tag. Heute beschäftigt King 1500 Angestellte und macht einen Jahresumsatz von weit über 2 Milliarden Dollar. Das Geschäftsmodell namens «Freemium» ist der Goldesel des Digitalzeitalters.

Fussball

Geld regiert die Welt, sagt man. Nur: Wenn man bedenkt, dass der internationale Fussballverband, die Fifa, nach Schätzungen des Wall Street Journal im WM-Jahr 2010 insgesamt 3,8 Milliarden Franken umsetzt, ist es vielleicht doch eher der Fussball, der die Welt regiert.

Fussball
Fussball
Die Geschichte des Spiels liegt im Dunkeln. Zwar weiss man, dass es in China bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus ein fussballähnliches Spiel gab. Spiel ist allerdings das falsche Wort – es handelte sich viel eher um ein militärisches Trainingsprogramm, und seine Regeln sind nicht überliefert.

Doch das Leder, das da buchstäblich mit Füssen getreten wird, hat’s in sich. Aus gegerbtem Leder eine Kugel zu formen, ist nämlich – theoretisch – ebenso unmöglich wie das Falten einer Erdkugel aus einem Blatt Papier. Praktisch, das heisst annäherungsweise, geht das natürlich doch. Mathematiker würden einen Fussball als ein «abgestumpftes Ikosaeder» bezeichnen, einen Körper, der aus 12 Fünfecken und 20 Sechsecken gebildet wird.

Und aus Fünf- und Sechsecken werden sie auch genäht, die Fussbälle. Leder wird dabei kaum mehr verwendet. Ein moderner Fussball besteht aus Kunstleder, hergestellt aus Polyurethan oder dem billigeren PVC. PVC ergibt dabei die schlechteren Bälle und ist ausserdem problematisch, weil bei seiner Verbrennung das hoch giftige Dioxin entstehen kann.

Genäht werden sieben von zehn Fussbällen dieser Welt übrigens in einer einzigen Region: in der Stadt Sialkot im Nordosten von Pakistan. Hier leben 30 000 Menschen davon, dass sie die 32 Kunstlederstücke eines Balls mit Nadel und Faden zusammennähen, 40 Millionen Bälle pro Jahr. Niedriglöhne und Kinderarbeit sind dabei immer noch die dunkle Seite des Fussballs.

Ghettoblaster

JVC RC-M90 oder Sharp GF-777: Sie waren die ungekrönten Könige der späten 1970-er und der 1980-er Jahre. Sie waren mit Tragegriff versehene Hi-Fi-Anlagen der Sonderklasse: 10 bis 15 Kilo schwer und mit bis zu 100 Watt Leistung, und sie pflegten Batterien zu fressen wie Kühe Gras. Mit ihrer Soundgewalt vermochten sie ganze Strassenzüge leerzufegen; nicht umsonst nannte man sie auf Englisch boombox oder ghetto blaster – von Englisch to blast, «in die Luft jagen». Tragbar waren sie mit Einschränkungen – mit mehr oder weniger elegantem Schwung pflegte sich der breaker die koffergrossen Kraftwerke auf die Schulter zu wuchten, um anschliessend mit rhythmischem Hüftschwung die hämmernden Bässe durchs Viertel zu tragen.

Ghettoblaster
Der Ghettoblaster war in den USA nicht nur Musikmaschine, sondern Programm. In den Vierteln sozial benachteiligter Schichten wurde der Ghettoblaster rasch zum Instrument einer Strassenkultur, die sich «Hip-hop» nannte und die eigentliche music battles auszutragen pflegte, Breakdance-Duelle, bei denen die b-boys genannten Tänzer gegeneinander antraten, sich zu Boden fallen liessen, um dort mit atemberaubend akrobatischen Drehungen und Sprüngen ihrem Protest lautstark Ausdruck zu geben.

Die «Rock Steady Crew», 1977 in der New Yorker Bronx entstanden, war eine dieser Gruppen. Ihre Tanzakrobaten mit Fantasienamen wie «Crazy Legs» oder «Frosty Freeze» trugen dazu bei, dass aus dem New Yorker Hip-Hop eine weltweite Bewegung wurde – und die Soundmaschine namens Ghettoblaster zum Statussymbol.

Goldberg, Rube

Reuben Lucius Goldberg, Jahrgang 1883, war Ingenieur mit Abschluss an der University of California in Berkeley. Seine wahre Leidenschaft aber galt dem Zeichnen, zuerst als Cartoonist in San Francisco, später in New York. Für seine politischen Karikaturen in der «New York Sun» erhielt Rube Goldberg 1948 den Pulitzer-Preis. Seine bekannteste Figur aber ist Professor Lucifer Gorgonzola Butts, und der ist über die Massen komisch. In diesem Comic kommen immer wieder die kompliziertesten Maschinen zur Bewältigung der einfachsten Aufgaben vor. Diese hier erklärte Goldberg in einem Film von 1940 gleich selbst:

Kellner setzt Katze B auf den Geschirrstapel A. Katze B sieht ausgestopfte Maus C. Katze springt auf Maus und betätigt damit Hebel D, der brennende Kerze E an Zündschnur F hält, worauf Bombe G explodiert, was ganz sanft Tür H öffnet.

Unsinnige Apparate wie dieser Türöffner machten die nach ihrem Zeichner benannten «Rube-Goldberg-Maschinen» zum Inbegriff unnötig komplizierter Technik.

Goldbergs detailverliebte Mechanismen erinnern an Patentschriften, und sie ziehen Nerds bis heute in ihren Bann. Auf Youtube versuchen sich Rube-Goldberg-Tüftler gegenseitig zu überbieten, mit Hunderten komplexester Konstruktionen mit Kugeln und schiefen Bahnen, Rädern und Hebeln, Glaskolben und Bunsenbrennern, ja selbst Kaninchen und Goldhamstern, die nach minutenlanger Arbeit am Ende nichts anderes vollbringen als etwa das Umblättern einer Zeitung. Rube Goldberg und sein verrückter Comicprofessor hätten ihre helle Freude daran.

Hauptsendezeit

20.15 Uhr ist eine Zäsur. Sie teilt den Tag in ein Vorher und Nachher. Das Davor ist Arbeit und Alltag, das Danach hingegen ist Inbegriff von Feierabend und Freizeit. Vom Sonderfall Schweiz einmal abgesehen, beginnt in Europa Punkt viertel nach Acht der Film.

Nur ist 20.15 Uhr als Uhrzeit etwas schräg. In all den Jahrzehnten hat uns das Radio beigebracht, dass wirklich Wichtiges immer zur vollen Stunde stattfindet. Genau genommen ist das auch beim deutschen Fernsehen so, wo die sogenannte «Hauptsendezeit» ihren Ursprung hat. Am Anfang des deutschen Nachkriegsfernsehens, am 26. Dezember 1952, stand um 20 Uhr die allererste Ausgabe der «Tagesschau» auf dem Programm. Die aus dem Off kommentierten Berichte handelten von der Rückkehr des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower aus Korea, dem neuen Fernsehstudio in Hamburg, einem Fussball-Länderspiel und einer Eisrevue – alles Filme, die man für die Kinowochenschau nicht hatte brauchen können. Diese erste «Tagesschau» dauerte 15 Minuten – das Zweitwichtigste begann erst danach: ein Unterhaltungsprogramm mit dem Titel «Eine nette Bescherung», moderiert vom legendären Entertainer Peter Frankenfeld und gesendet aus einem notdürftig umgebauten, stickigen Hamburger Luftschutzbunker.

Bis heute beginnen Krimi und Spielfilm eisern um 20.15 Uhr. In ganz Europa hat sich, allen Medienrevolutionen zum Trotz, dieses schräge Viertel gehalten. In ganz Europa? Nein. Ein unbeugsames helvetisches Fernsehen SRF hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Auf den 1. Januar 1980 wurde die Schweizer «Tagesschau» um 10 Minuten verlängert. Also beginnt sie seither schon um 19.30 Uhr – und der Film um acht.