Blaumachen

In vielen Handwerksbetrieben war der Montag traditionell der Tag, an dem nur mit halber Kraft oder gar nicht gearbeitet wurde. Dass man vom «blauen Montag» sprach, geht aber auf das Handwerk der Färber zurück. Am Sonntag tauchten die Färbergesellen Leinen oder Wolle in eine Lösung aus Färberwaid, einer Pflanze aus der Familie der Kreuzblütler. Das Kraut wird bis zu eineinhalb Meter hoch und enthält sogenanntes Indican. Man tat dies am Sonntag, damit die Farbe in Ruhe einziehen konnte; am Montag wurde der Stoff dann zum Trocken aufgehängt. An der Luft begann das Indican zu oxidieren; das Tuch wurde gelb, grün und schliesslich indigoblau. Das dauerte Stunden, und während dieser Zeit hatten die Färber nichts zu tun. Sie vertrieben sich die Zeit mit Essen und Trinken – von daher kommt das Sprichwort

Blauer Montag, volle Kröpfe, leere Beutel, tolle Köpfe.

Aus diesem «blauen Montag», so nimmt man an, wurde unser Ausdruck «blaumachen».

Blau machte lange Zeit auch die katholische Kirche: Je nach Fest und Zeit im Kirchenjahr haben die liturgischen Gewänder und Tücher, die sogenannten Paramente, eine andere Farbe – Weiss als Zeichen für Reinheit etwa an Ostern und Weihnachten. Auch Blau spielte eine wichtige Rolle, als Farbe der heiligen Maria, bis Papst Pius V 1570 Blau aus der liturgischen Palette strich. Blau wird heute nur noch in der anglikanischen Kirche getragen, und auch in Spanien und Südamerika: Hier gilt eine Ausnahmeregelung – für Marienfeste und an Marienwallfahrtsorten.

Blog

Alle haben einen – Bundesrat Moritz Leuenberger hat einen, Blogging Tom hat auch einen. Sie vermehren sich wie die Karnickel: die sogenannten «Blogs». 1994 standen Blogs noch in den Sternen, und heute gibt’s schon 71 Millionen davon. Nur: Was ist ein Blog?

Blogs sind tagesaktuelle Webseiten, ganz persönliche sogar. Sie enthalten meist täglich wechselnde Beiträge, die aus Texten, Bildern, Hörproben und Videos bestehen können, und aus Links, die zu besonders bemerkenswerten Stellen im Internet führen. Blogs kosten nichts – was man dazu braucht, steht kostenlos im Internet -, und Blogs werden gern als Möglichkeit des kleinen Mannes gehandelt, sich und seinen Anliegen wirkungsvoll Gehör zu verschaffen. Enthusiasten sprechen schon vom citizen journalism, vom Bürgerjournalismus. Allerdings: Blogs sind meist anonym – ihre Verfasser tragen klingende Pseudonyme, ein aussagekräftiges Impressum findet sich selten.

Wir aber, das potenzielle Publikum, stolpern erst einmal über das Wort: Der Blog? das Blog? Der Duden ist keine rechte Hilfe – er sagt nämlich: Sowohl als auch. Beides ist richtig. Was hilft, ist die Wortgeschichte: Das Wort Blog ist ein Zusammenzug aus Web, dem weltweiten Datennetz, und Log, dem Geschwindigkeitsmesser aus der Schiffahrt.

Tatsächlich waren Blogs ursprünglich digitale Logbücher von Menschen, die nächtelang das Web bereisten und ihren Fans ihre Schätze zeigten – Bemerkenswertes und Nichtssagendes, Schönes und Skurriles. Auf ihren Blogs veröffentlichten diese virtuellen Seefahrer ihre kurzen Texte, ihre Bilder und ihre Links, und ihr Publikum sah, las und klickte staunend.

Wo sich Öffentlichkeit findet (auch wenn’s nur eine virtuelle ist), da sind auch Narzissmus und Exhibitionismus nicht fern: Immer mehr wurden die Blogs auch zu öffentlichen Tagebüchern. Dieser pikante Gegensatz versprach und verspricht Aufmerksamkeit, und so zeichnet Blogs vor allem eines aus: das Buhlen um ein Publikum.

Nun: Massenmedien gibt’s ja nicht erst seit gestern – Flugblätter mit den neuesten Nachrichten tauchten bereits im 15. Jahrhundert auf. Und seit da suchen sie ein lesendes Publikum. Die Frage sei daher erlaubt: Heute, da Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet gelesen, gesehen und gehört sein wollen, kommen nun noch 71 Millionen Blogs hinzu – wer um Himmels willen soll das alles lesen?

Am Ende ist es mit dem Sprachrohr des kleinen Mannes wohl doch nicht so weit her. Wer Bundesrat Moritz Leuenberger ist, wussten wir schon vor der Erfindung des Blogs. Und wer Blogging Tom ist, wissen wir noch immer nicht.

Butterfield, Stewart

Es war 1999, da hatte der damals 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield eine Wut im Bauch. Es war die Zeit, als man die Bytes noch einzeln durch die Leitung rieseln hörte, und Butterfield wartete mal wieder endlos auf das Laden einer Webseite. Ursache der epischen Ladezeiten war die immer schlampigere Internetprogrammierung, die immer schnellere Verbindungen erzwang, die wiederum noch schlampigeres Programmieren zuliessen. Ein Teufelskreis. Also schrieb Butterfield zusammen mit Freund Eric Costello einen Wettbewerb für gute Webseiten aus – welchen Inhalts, war egal. Hauptsache, sie wogen weniger als 5 Kilobytes. Das ist ungefähr die Datenmenge maschinengeschriebenen A4-Seite. Unmöglich? Weit gefehlt: Unter den Einsendungen fanden sich ein funktionsfähiges Schachspiel oder das kleinste Kunstmuseum der Welt.

Drei Jahre später, 2002, folgte Butterfields nächster Streich: ein noch nie dagewesenes Onlinegame, in dem die Spieler virtuelle Landschaften erkunden und miteinander chatten konnten. Das Game war noch in der Testphase, da fiel Butterfield auf, dass die Spieler vor allem eigene Fotos hochluden, um sie anderen zu zeigen. Butterfield roch Lunte, legte das Game auf Eis und entwickelte www.flickr.com. Flickr ist heute die wichtigste Foto-Plattform der Welt, mit mehr als 5 Milliarden hochgeladenen Bildern und Videos.

Nachdem er Flickr für geschätzte 35 Millionen Dollar an Yahoo verkauft hatte, begann sich der Flickr-Chef zu langweilen. Und heute, da Google, Facebook & Co. vollauf damit beschäftigt sind, immer noch grösser zu werden, fängt Butterfield mal wieder von vorn an. Sein liegen gebliebenes Game heisst ironisch «Glitch» – auf Deutsch Fehler oder Panne – und wird demnächst fertig. Vom Programmierer und Philosophen Stewart Butterfield wird noch so einiges zu hören sein.

Casino

Fjodor Dostojewskis Roman «Der Spieler», fieberhaft in nur 26 Tagen seiner Stenografin und späteren Ehefrau Anna diktiert, war eine Studie seiner eigenen Sucht: Geld rann Dostojewski wie Wasser durch die Finger, Spielcasinos zogen ihn magnetisch an.

Doch nicht immer war das Casino ein Ort des Lasters. «Casino» war ursprünglich bloss ein Diminutiv von casa und bedeutete auf Italienisch einfach «Häuschen», etwa ein schmuckes Gartenhaus, wie es italienische Barockfürsten bauen liessen. In Venedig war ein «casino» ein privater Raum, den Adlige in der Nähe des Dogenpalastes unterhielten, um dort vor Ratsversammlungen ihre Amtstracht anzulegen; der legendäre Venezianer Giacomo Casanova wohnte zeitweise gar in einem dieser Casinos.

Im frühen 19. Jh. begannen die vielen neu gegründeten politischen, kaufmännischen, literarischen, musikalischen und Bildungsvereine sogenannte «Casinos» zu bauen, die bald wichtige Orte städtischer Geselligkeit waren. Das Offizierscasino war ein Speise- und Gesellschaftsraum, und an der Stelle des heutigen Bundeshauses in Bern stand bis 1895 ein Casino mit Restaurant und einem grossen Saal für Tanz und Theater. Auch das heutige, 1909 eröffnete Casino Bern ist ein Konzerthaus.

Zum Mekka der Spieler wurde das Casino wiederum in Venedig: 1638 wurde im Palazzo Dandolo das erste öffentliche Spielcasino eröffnet, und als im 18. Jahrhundert das Glücksspiel ganz Europa eroberte, wurden die Vereinshäuser namens «Casino» nach und nach zu jenen Spielhöllen, in denen Dostojewski seinen traurigen Helden Aleksej buchstäblich seinen allerletzten Gulden setzen lässt.

Cotton, Jerry

Jerry Cotton, pardon: G-man Jerry Cotton ist ein Held, der Held der erfolgreichsten deutschen Krimiserie in deutscher Sprache. Dank ihm wissen wir, dass ein knallroter Jaguar das Ende aller Träume ist, aber dass – Folge «Die letzte Fahrt im Jaguar» – auch ein roter XK 150 ein Ende haben kann. Und nur dank ihm wissen wir, dass G-man amerikanischer Slang ist und FBI-Beamter bedeutet.

Im richtigen Leben hat Jerry Cotton Jahrgang 1954. Da schrieb der damals 31-jährige Waschmittelvertreter Delfried Kaufmann den Groschenroman «Ich suchte den Gangster-Chef», als 68. Folge der Krimireihe des deutschen Bastei-Verlags. Das Heft schlug ein wie eine Kugel aus der Smith & Wesson seines Titelhelden, und zwanzig Hefte später machte Bastei aus Jerry Cotton eine eigenständige Serie. Die Person des Autors Delfried Kaufmann blieb jahrelang streng geheim – der Verlag sprach vage von einem «Waschmittelvertreter Herr K.» –, und vor allem nicht allein: Die Welt wollte Woche für Woche ein neues Jerry-Cotton-Abenteuer sehen, und bis heute haben 100 oder je nach Quelle gar bis zu 180 Autoren nach minuziösen Verlagsvorgaben Jerry Cottons geschrieben – Vorgaben deswegen, weil Jerry nicht jedesmal andere Freunde und Kollegen haben sollte. (Feinde dagegen schon, aber die – das liegt in der Natur des Groschenkrimis – überlebten in der Regel das aktuelle Heft nicht, auf jeden Fall nicht in Freiheit.)

Dem Vertreter Delfried Kaufmann war die Figur eines FBI-Ermittlers auf einem Spaziergang mit seinem Freund, dem Autor Kurt Reis, eingefallen. Ein Held sollte er nicht sein, eher eine Parodie, eine «Juxfigur Jeremias Baumwolle». Der Welt und den Kiosken aber stand der Sinn nicht nach Witz, sondern nach blutigem Ernst. Jerry Cotton Nummer 2690 heisst «Eiskalt und ohne Skrupel». Killerin Hester endet hinter Gittern, und Jerry Cotton, mittlerweile in seinen besten Jahren, bleibt unsterblich.