Zinken

«Zinken» ist Rotwelsch – so nennt man die Sprache der Gauner. Sie ist dazu da, von der Obrigkeit nicht verstanden zu werden – eine Art Geheimcode der unteren Zehntausend. Und trotzdem haben es viele rotwelsche Wörter in unser heutiges Deutsch geschafft: Kassiber (aus der Gefängniszelle geschmuggelter Zettel), Blüte (gefälschte Banknote) oder baldowern (auskundschaften).

Baldowern ist die Königsdisziplin des gewissenhaften Einbrechers. Um die Erkenntnisse seinen Kumpanen mitzuteilen, bedient er sich einer geheimen Schriftsprache: der sogenannten «Zinken». Zinken sind einfache Zeichen, die für das ungeübte Auge aussehen wie Kinderkritzeleien. Was sie tatsächlich mitnichten sind. Ein schlichter Kreis oder eine einfache waagrechte Linie, unauffällig in den Fenster- oder Türrahmen geritzt, ist einigermassen beruhigend, denn es bedeutet: «Hier gibt es nichts». Kleine Ringe oder ein doppelter Gartenzaun dagegen sagen, dass es hier sehr wohl etwas zu holen gibt, im besten Fall sogar bares Geld. Und weil das niemand einfach so hergibt, sind viele Zinken Warnungen: Eine gezackte Linie heisst «Vorsicht, bissiger Hund!», ein Kreis mit zwei Schrägstrichen «Die Leute rufen die Polizei!», ein Kreis mit zwei waagrechten Pfeilen «Abhauen, aber subito!».

Das Wort «Zinken» selbst ist alt. Es stammt entweder vom lateinischen signum ab, Zeichen, oder aber vom alten deutschen Wort für «Zweig», weil Diebe einander den Weg zur Beute mit am Wegrand eingesteckten Zweigen wiesen. Und auch die Zinken sind in unsere Alltagssprache eingewandert: «Gezinkt» sind die falschen Spielkarten, die der Gauner beim Pokern aus dem Ärmel zieht.

Zunder

«Brennen wie Zunder» ist eine Redensart, und falsch ist sie obendrein. Zunder ist ein glockenförmiger Schwamm, der als Parasit auf dem Stamm von Laubbäumen wuchert, bis 30 Jahre alt und bis 30 Zentimeter gross wird, und der zum Feuermachen dient, aber nicht brennt, sondern glimmt.

Von Zunder und Feuerstein ist der Mensch seit jeher Feuer und Flamme. Schon in der Steinzeit wurde mit dem getrockneten Pilzgewebe gezündelt – auch Ötzi hatte Zunder dabei, als er vor 5300 Jahren von einem Pfeil in den Rücken getroffen wurde. In der Neuzeit wurde die Zunderherstellung raffinierter. Man entdeckte, dass die Mittelschicht des Schwamms – gekocht, geklopft, in Urin eingelegt und getrocknet – einen rehbraunen Filz ergibt, der buchstäblich beim ersten Funken zu glimmen beginnt.

Doch der Zunderschwamm, lateinisch fomes fomentarius oder französisch amadouvier, kann noch viel mehr. Im Mittelalter machte man aus ihm Westen oder Kappen – noch heute werden in Rumänien Zunderhüte und -taschen an Touristen verkauft. Bis ins 19. Jahrhundert war Zunder auch eine Heilpflanze: Als blutstillenden Verband gab es den so genannten fungus chirurgorum oder Wundschwamm beim Apotheker zu kaufen. Die Nachfrage nach dem braunen Gewächs war zeitweise so gross, dass der in Asien, Nordamerika und Europa überall heimische Zunder gar importiert werden musste. Heute hat der korkartige Schwamm nur noch einen dekorativen Zweck: Man findet ihn auf dem Blumengesteck oder auf dem Grabkranz.

Das ist durchaus stimmig, denn am Stamm alter, kranker Bäume ist er ein übler Schädling: Zunder verursacht Fäule und lässt die Birke, Buche oder Eiche am Ende brechen.

Zwetschge

In einem Schweizer Obstgarten stehen Kirsch-, Apfel- und Birnbäume – und ganz bestimmt ein Zwetschgenbaum. Dieser Tage erfreut sich der grosser Beliebtheit: Am Ende des Sommers werden die Zwetschgen geerntet, und einer alten Schweizer Tradition zufolge kommt am eidgenössischen Buss– und Bettag, dem jeweils dritten Sonntag im September, ein Zwetschgenkuchen auf den Tisch.

Was wir da zwar mit viel Genuss, aber wenig Wissen verzehren, ist ein eigentliches Wunderwerk der Natur. Der Baum zählt wie alle anderen Obstbäume zur grossen Familie der Rosengewächse. Zwetschgenholz ist dunkel und hart – die Farbe geht dabei von dunklen Brauntönen bis ins Violette – und eignet sich ausgezeichnet für Schmuck, Einlegearbeiten oder Musikinstrumente. Die Zwetschge, je nach Region auch Quetsche oder Bauernpflaume genannt, ist etwas spitzer, fester und kleiner als die eng verwandte Pflaume. Und der Zwetschgenkern lässt sich wesentlich leichter aus dem Fruchtfleisch lösen. Zwetschgen sind natürliche Abführmittel, und sie enthalten eine Menge Beta-Carotin und Kalium. Ihre Haut ist glatt und hat einen Belag, den so genannten Duftfilm, der aus einem natürlichen Wachs besteht.

Das Rezept für einen Zwetschgenkuchen nach Schweizer Art ist denkbar einfach: Teig, reichlich Zwetschgen, dazu Rahm, Eier, Zucker und geriebene Haselnüsse. Allerdings: Mit dem Namen ist das schon schwieriger. Das Wort Zwetschge kommt, genau wie das englische damson, vom lateinischen prunus damascunum, auf Deutsch Damaszenerpflaume. Damaskus war das antike Zentrum des Pflaumenhandels. Im zweiten Jahrhundert vor Christus kam die Zwetschge von Syrien über Griechenland nach Europa.

Und seither, am Ende des Sommers, auch hierzulande auf den Tisch.