Diderot, Denis

Denis Diderot war Literat. Philosoph. Universalgelehrter. Doch sein einflussreichstes Medium waren nicht Roman oder Kampfschrift, sondern vielmehr ein Lexikon. So etwas wie die «Encyclopédie» hatte die Welt des Ancien Régime nie gesehen: 17 Bände, 72 000 Artikel über die Wissenschaft, die Künste, die Berufe, über das gesamte Wissen der Zeit. Diderot trug allein 6000 Artikel bei; die restlichen stammen von 142 Wissenschaftlern aus ganz Europa, aber auch von einfachen Berufsleuten wie Buchdruckern oder Uhrmachern.

Die ersten Bände erschienen 1751, und die Leser waren begeistert. Juristen, Ärzte, Beamte, Ingenieure – alle kauften und verschlangen sie die druckfrischen Seiten. Denn die «Encyclopédie» warf ein völlig neues Licht auf die Welt: Wissenschaft statt Glaube, Vernunft statt Hörensagen, Erkenntnis statt Obrigkeitsgläubigkeit: Das war ein Frontalangriff auf das Primat der Kirche und das Gottesgnadentum der Könige. Rasch zog sich Diderot den Zorn der Mächtigen zu. Schon vor Erscheinen der ersten Bände sass er monatelang in Haft. Er wurde vorsichtig und begann, seine radikalen Ansichten in frechen Anmerkungen zu verstecken: Unter «Menschenfresserei» etwa steht der sarkastische Hinweis: «Siehe auch unter Eucharistie, Kommunion, Altar etc.».

Die Enzyklopädie war das Fundament, das den mächtigen Bau der Aufklärung erst möglich machte. Ihr Anspruch war enorm: Sie sollte, so schrieb Diderot unter dem Stichwort «Encyclopédie»,

(…) die auf der Erde verstreuten Kenntnisse sammeln und sie den nach uns kommenden Menschen überliefern, damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.

Dr. Seuss

1. Oktober 1941. Die Karikatur der New Yorker Zeitung «PM» zeigt eine Mutter mit ihren beiden Kindern. Sie trägt einen Pullover mit der Aufschrift «America First», sitzt im Sessel und liest aus dem Buch vor mit dem Titel: «Adolf the Wolf»:

Und der Wolf frass die Kinder und spie ihre Knochen aus. Es waren Ausländerkinder, und darum war das nicht so schlimm.

Dieser rabenschwarze Cartoon stammt von Dr. Seuss, mit bürgerlichem Namen Theodor Seuss Geisel und von Beruf Kinderbuchautor. Dr. Seuss, 1904 in Springfield, Massachusetts, geboren, ist vor allem bekannt als Erfinder des grünen Grinch, der in einer Höhle lebt und Weihnachten hasst, aber tatsächlich war Seuss ein durch und durch politischer Mensch. Seine Cartoons für «Vanity Fair», «Life» und «PM» richteten sich immer wieder gegen die ausländerfeindliche Bewegung mit ihrem Slogan America first, die das Heil Amerikas in wirtschaftlichem Protektionismus und aussenpolitischem Isolationismus sah. Mit diesem Slogan hetzten in den 1930er-Jahren die Zeitungen des Tycoons William Randolph Hearst gegen den neugewählten Präsidenten Franklin D. Roosevelt, und am Ende wurde America first gar zum Motto amerikanischer Nazi-Sympathisanten.

From this day forward, it’s going to be only America first, America first.

Als Donald Trump am 20. Januar 2017 in seiner ersten Rede als Präsident America first zur Leitidee erhob, rief er damit Erinnerungen an dunkelste Stunden der Weltgeschichte wach, gegen die der Cartoonist Dr. Seuss ein halbes Leben lang angezeichnet hatte.

Dürrenmatt, Friedrich

«Eine Geschichte», schrieb Friedrich Dürrenmatt 1961, «ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat». So steht es in den viel diskutierten «21 Punkten zu den Physikern». Der Satz war Programm: Dürrenmatts Stücke führen kunstvoll und konsequent zum bitteren Ende, was auch nur irgendwie zum bitteren Ende geführt werden kann.

Dürrenmatt ist der Meister der gnadenlosen Konsequenz, und seine Stücke sind eigentliche Deklinationen des Tragischen. Und dennoch: Ihre Überspanntheit macht sie weniger zu Tragödien als vielmehr zu Satiren. Dürrenmatt hat einen ausgeprägten Sinn fürs Komödiantische, fürs Groteske. Seien es die genialisch-irren Physiker oder der Hühner züchtende Faun Romulus: Immer drängt das Drama zum Schwank.

Dürrenmatts Stücke gewinnen da an Tiefe, wo sie über das Plakative und das Komische hinaus ragen: «Der Besuch der Alten Dame» mit deren unmoralischem Milliardenangebot wird nicht deshalb zur Weltenbühne, weil Güllens Bewohner den Filou Alfred Ill am Ende tatsächlich dem Tod überlassen, sondern wegen des leisen, unaufhaltsamen Übergangs von moralischer Entrüstung zur unverhüllten Gier in Dialogen, die geradezu beängstigend an Stammtischdebatten oder Gemeinderatssitzungen gemahnen.

Friedrich Dürrenmatt war und bleibt ein überragender Theaterautor. Wo er seine traurigen Helden mit unbarmherzigem Scharfblick in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt, wo uns das Lachen im Hals stecken bleibt, genau da bleibt der Stückeschreiber Dürrenmatt von einer beklemmenden Modernität.

Farinet, Joseph-Samuel

Es gibt zweieinhalb Wege, um zu Geld zu kommen: arbeiten oder stehlen. Der dritte, es zu fälschen, ist bestenfalls ein halber, und wer ihn geht, steht mit einem Bein im Gefängnis.

Einer, der diesen Weg unverdrossen und mit grossem Geschick gegangen ist, war der 1845 im Aostatal geborene Bauernsohn Joseph-Samuel Farinet. Zusammen mit seinen Gehilfen fälschte Farinet nicht etwa Banknoten, wie dies die meisten seiner Berufskollegen tun, sondern vielmehr 20-Rappenstücke. Aus gutem Grund: Zum einen waren in den 1870-er Jahren 20 Rappen gutes Geld, und zum anderen genossen die Münzen das Vertrauen der Händler und Bauern, ganz anders als das Papiergeld der wegen Fehlspekulationen in Schieflage geratenen Walliser Kantonalbank.

Mehr als zehn Jahre lang brachte Farinet so viele 20-Räppler in Umlauf, dass am Ende ein Drittel aller Münzen sogenannte Farinets gewesen sein sollen. Von der schieren Menge an Falschgeld alarmiert, griff schliesslich der Bundesrat ein und verlangte von der Walliser Regierung die Festnahme des dreisten Falschmünzers. In einer Schlucht bei Saillon in die Enge getrieben, fand Farinet am 17. April 1880 den Tod – ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, behauptete die Polizei; kaltblütig erschossen, erzählten sich dagegen die Dörfler.

Literatur und Film haben Farinet ein Denkmal als «Robin Hood der Alpen» gesetzt, doch die Wahrheit ist viel prosaischer. Sein Leben war eine einzige Flucht: vor dem Elend und vor dem Gesetz.

Fender, Leo

Sie heissen Telecaster, Stratocaster, Precision Bass und Jazz Bass. Sie haben zweierlei gemeinsam: Sie sind elektrisch, und sie heissen – Fender. Und noch etwas: Sie haben Musikgeschichte geschrieben. Zum Beispiel in den Händen des genialen Bassisten Jaco Pastorius.

Meilensteine des Jazz, undenkbar ohne den gelernten Buchhalter Leo Fender. Der eröffnete 1938 in Fullerton, Kalifornien, ein Radiogeschäft, und begann wenig später, quasi nebenher Hawaiigitarren und Verstärker zu bauen. 1946 sattelte er um und gründete die Fender Electrical Instrument & Co. Und vier Jahre später war sie da: die erste in Serie gebaute Elektrogitarre der Welt, die Telecaster. Sie bestand – und besteht bis heute – aus einem massiven Holzklotz aus Erlen- oder Eschenholz, mit eingesetzten single-coil-Pickups, also Ein-Spulen-Tonabnehmern, und einem aufgeschraubten Gitarrengriffbrett. Dann war da der Fender Precision Bass, die erste elektrische Bassgitarre mit Bundstäben. Kurz darauf: die nächste Erfindung: die Stratocaster. Diese futuristische Gitarre sah ein bisschen aus wie ein 1952er Chevrolet – tatsächlich liess sich Fender von den Autobauern inspirieren –, und sie besass einen neuartigen Hebel, mit dem sich der Ton beugen liess.

Leo Fenders Kundenliste liest sich wie ein Who is Who: Eric Clapton, Jimi Hendrix, Mark Knopfler, Bruce Springsteen – und natürlich David Gilmour von Pink Floyd mit seinem unsterblichen Solo im Song «Another Brick in the Wall part II». Leo Fender musste die Firma 1965 an CBS verkaufen; er starb 1991 an Parkinson. Er hatte sich Zeit seines Lebens geweigert, selbst Gitarre zu spielen.