Broch

Ein Broch ist ein Wohnturm aus der Eisenzeit. Er hat keine Wände, sondern meterdicke Rundmauern, keinerlei Fenster und statt einer Tür einen niedrigen Eingangstunnel. Brochs wurden vor über zweitausend Jahren gebaut – im nordöstlichsten Zipfel Schottlands und auf den noch nördlicher gelegenen Inseln Orkney und Shetland. Die mächtigen Gebäude aus Trockenmauern, von Hand aufgeschichtet und ohne jeden Mörtel, boten Schutz vor Regen, Kälte und Wind – und vor den Feinden, die zu allen Zeiten übers Meer kamen und die es auf das fruchtbare Ackerland und die reichen Fischgründe abgesehen hatten.

Der Broch von Mousa auf den Shetlands ist der besterhaltene überhaupt. Er misst 15 Meter im Durchmesser, ist mehr als 13 Meter hoch und fast vollständig erhalten. Die viereinhalb Meter dicken Aussenmauern sind doppelwandig und hohl. Sie enthalten drei Kammern und eine Steintreppe, die bis auf die Mauerkrone hochführt. Im Inneren des kreisrunden Schlots sind ein Wassertank und eine Feuerstelle eingebaut.

Längst nicht alle Rätsel sind gelöst: Wie viele Menschen lebten in einem Broch? Gab es Holzböden, mehrere Stockwerke? Wie wurden die Dächer konstruiert, und womit wurden sie gedeckt? Klarer scheint dagegen, dass die Türme von den Rundhäusern abstammen, wie sie für die britischen Inseln typisch waren. Die hatten nämlich einen grossen Vorteil: Im Verhältnis zum Raum, den sie bieten, haben runde Bauten die kleinste Oberfläche.

Dass wir Brochs heute noch bestaunen können, hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Weil das Klima im Norden für Bäume zu rauh ist, baute man mit Stein – mit Stein, der die Jahrtausende, im Gegensatz zum Holz, fast unbeschadet überdauerte.

Bücherrad

Dies ist eine schöne künstliche Maschine, die sehr nützlich ist, weil man mit ihr in einer grossen Menge Bücher blättern kann, ohne sich von der Stelle zu bewegen.

So beschreibt der italienische Ingenieur Agostino Ramelli 1588 das von ihm erfundene Bücherrad. Diese Lesemaschine sieht ein bisschen aus wie ein Wasserrad für Bücher. Es besteht aus einem Holzgestell und zwei mannshohen Radscheiben. Dazwischen befinden sich acht Lesepulte, die von Zahnrädern so bewegt werden, dass die aufgeschlagenen Bücher ihre Neigung stets behalten und nicht zu Boden fallen. Auf diese Weise kann ein Leser durch einfaches Drehen zwischen verschiedenen Bänden und Textstellen hin und her springen – das Bücherrad gilt deshalb auch als eine Art Kindle des 16. Jahrhunderts.

Das Bücherrad wird im 700-Seiten-Wälzer mit dem Titel «Die verschiedenen und kunstvollen Maschinen des Capitano Agostino Ramelli» als einer von insgesamt 195 Apparaten beschrieben und abgebildet. Im Grunde war das Bücherrad unnötig kompliziert: Solche epizyklischen Getriebe waren bis dahin nur in astronomischen Uhren verbaut worden. Vermutlich auch deshalb hat Ramelli selbst nie ein solches Bücherrad gebaut, es ging ihm vor allem darum, sein mathematisches Genie unter Beweis zu stellen.

Ob es Bücherräder tatsächlich gegeben hat, ist nicht bekannt, doch aufwändige Nachbauten sind in einer ganzen Reihe europäischer Museen zu sehen.

Büroklammer

Ein Stückchen Draht, zu zwei rechteckigen Schlaufen gebogen, und fertig ist die Erfindung, die lose Blätter zuverlässig zusammenkneift: Die Büroklammer ist so einfach wie genial.

Nur wer der geniale Erfinder ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Paper clips, wie die Büroklammern auf Englisch heissen, gibt es nämlich schon lange – eckig und rund, mit einer oder mit zwei Schlaufen. Seit 1890 werden sie in England industriell hergestellt, doch ein Patent auf unsere heutige Klammer – mitsamt der Fabrikationsmaschine – erhält erst am 7. November 1899 der Amerikaner William Middlebrook aus Connecticut. Und so tritt die mit Zink, Messing oder Kupfer beschichtete und damit rostfreie Drahtklammer ihren Siegeszug an.

Der simple Draht allerdings kann mehr, viel mehr: Nur mit einer Büroklammer liessen sich Mac-Disketten auswerfen, wenn der Servomotor mal wieder streikte, nur mit ihr lassen sich SIM-Karten in Handys einsetzen, und – einen sterbenslangweiligen Arbeitstag vorausgesetzt – sie lässt sich zu einem funktionsfähigen Kreisel biegen, wie der japanische Physikprofessor Takao Sakai herausgefunden hat. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie gar zum Nationalsymbol von Norwegen: Nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im April 1940 begannen die Menschen an Kragen und Revers Büroklammern zu tragen, zum Zeichen des nationalen Zusammenhalts und des Widerstandes gegen die Nazis.

Und damit ist die Büroklammer ist nicht nur ein patenter Helfer, sondern auch ein Stückchen Weltgeschichte.

Bus

Der pensionierte Oberst Stanislas Baudry ist ein gewiefter Geschäftsmann. In einem Dorf ausserhalb von Nantes besitzt er eine Mühle, die von Dampfmaschinen angetrieben wird. Das heisse Wasser seiner Maschinen, so denkt er sich, müsste sich doch weiternutzen lassen, und so lässt er gleich nebenan ein öffentliches Bad bauen. Bloss, die Stadt ist weit, und die Badegäste bleiben aus. Also lässt Baudry zu festen Zeiten Pferdekutschen fahren – von Nantes zu seinem Bad. Tatsächlich: Bei der Abfahrt sind die Wagen rappelvoll, doch beim Badehaus kommen sie leer an: Die Menschen fahren mit den Kutschen in der Stadt umher und steigen nach Belieben wieder aus. Unternehmer Baudry versteht, schliesst kurzerhand Bad und Mühle und eröffnet 1825 in der Stadt ein öffentliches Kutschennetz.

Bleibt die Sache mit dem Namen. Am Anfang heisst die Firma «Entreprise générale des dames blanches», benannt nach der damals sehr populären Oper «La dame blanche» des Komponisten François-Adrien Boieldieu. Die weissen Damen verheissen zwar reichlich Glamour, sind aber irreführend, weil der Kutschendienst ja für alle gedacht ist, egal welchen Geschlechts oder welcher Schicht. Also werden die Kutschen umbemalt und tragen neu den lateinischen Namen «Omnibus», auf Deutsch «für alle». Der Betrieb floriert, und Baudry expandiert nach Bordeaux und Paris. Bald heissen öffentliche Kutschen überall «Omnibus», später «Autobus» – und heute, kurz und bündig, einfach «Bus».

Butterzentrale

Die Lage wurde kritisch. «Krasse Übelstände» gebe es zu bekämpfen, schrieb der Bundesrat am 18. August 1917. Weil aufwändiger als Rohmilch, aber weniger rentabel als Käse, wurde im Ersten Weltkrieg immer weniger Butter produziert. Die wurde ein rares Gut: Bauern hielten ihre eigene Butter zurück und schmuggelten sie an den amtlichen Kontrollen vorbei. Während sich Herr und Frau Schweizer in den Vorkriegsjahren pro Monat noch ein volles Pfund Butter aufs Brot streichen konnten, fiel der Verbrauch im Krieg auf unter 100 Gramm.

Ab sofort, so ordnete der Bundesrat an, werde der Butterhandel daher unter staatliche Kontrolle gestellt. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, wurden eine «Eidgenössische Zentralstelle für Milch und Milchprodukte» und in den Regionen sogenannte «Verbandsbutterzentralen» ins Leben gerufen. Diese Zentralen sollten dafür sorgen, dass Butter nicht mehr unter der Hand und zu überhöhten Preisen beim Bauern, sondern nur noch in konzessionierten Käsereien gekauft werden konnte. Ausserdem sollten die Butterzentralen das Horten verhindern, die vom Bundesrat festgesetzten Höchstpreise durchsetzen und dem Bundesrecht Geltung verschaffen: Einzelne Kantone hatten sich mit kantonalen «Ausfuhrverboten» geweigert, ihre knappe Butter über die Kantonsgrenzen zu lassen.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Butterversorgung in der Schweiz fragil: In den Zwischenkriegsjahren brach der Milchpreis ein, im Zweiten Weltkrieg wurden Milchprodukte wieder knapp. Unter dem Namen «Butyra» blieben die Butterzentralen noch bis 1999 am Leben.