Green Book

1936 erscheint in New York ein unscheinbarer Reiseführer: Das Büchlein kostet 25 Cents, hat 16 Seiten, ein dunkelgrünes Cover, und es heisst «The Negro Motorist Green Book», das Green-Buch für schwarze Autofahrer. Es wird von Victor Hugo Green herausgegeben, einem afroamerikanischen Postangestellten in New York City. Und es enthält Reiseziele und Adressen von Hotels, Tankstellen oder Ärzten in der Umgebung von New York, die Schwarze nicht abweisen.

Denn in den USA ist das zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. Zwar ist die Sklaverei seit 1865 offiziell abgeschafft, doch die sogenannten Jim-Crow-Gesetze sorgen noch immer für eine vor allem in den Südstaaten durchgesetzte Rassentrennung. Seit den 1930er-Jahren kommen erste Farbige zu Wohlstand, leisten sich sogar einen Wagen. Doch hat ein Schwarzer eine Panne, kann es sein, dass die nächste Werkstatt sich weigert, das Auto zu reparieren. Es gibt Orte, in denen Schwarze nach Sonnenuntergang sogar die Stadt oder das County verlassen müssen. Hier hilft das «Green Book»: Wer übernachten will oder in einer Notlage ist, weiss, wohin er sich wenden kann.

Das «Green Book» ist ein Erfolg. Jedes Jahr bringt Green eine neue, erweiterte Ausgabe heraus, bis zu seinem Tod 1960. Der letzte, mittlerweile auf 100 Seiten angewachsene Reiseführer erschien 1966. Was bleibt, sind unscheinbare, verschossene Büchlein in Bibliotheken und Archiven, mit Hunderten von Tipps und Adressen, stumme Zeugen einer rassistisch geprägten, unmenschlichen Realität.