Auf gut Glück

Zeitkapsel

Behutsam nahmen im Herbst 2017 zwei Restauratorinnen die Jesusfigur der Dorfkirche von Sotillo de la Ribera, Spanien, vom Kreuz. Mit den Jahrhunderten war das Holz rissig geworden, und die Figur musste dringend repariert werden. Was die Frauen zu Gesicht bekamen, als sie den Jesus umdrehten, hatten sie nicht erwartet: Statt einem Po hatte die Figur ein grosses Loch, und darin steckten zwei vergilbte Papierrollen, eng beschrieben, aus dem Jahr 1777. Joaquín Mínguez, früherer Kaplan der nahegelegenen Kathedrale von Burgos, schrieb darin über das öffentliche Leben der Region, über grassierende Krankheiten wie Sumpffieber und Typhus, über den Gang der Wirtschaft, über Schulen und Universitäten – und natürlich über den Künstler, der den hohlen Jesus geschnitzt hatte.

Funde wie diesen nennen Historiker «Zeitkapsel»: ein Behälter zur Aufbewahrung zeittypischer Dokumente wie Münzen, Geldscheine, Zeitungen, Statistiken oder ganze Chroniken. Die Urnen, Schatullen, Kassetten, manchmal auch Flaschen werden oft in die Fundamente bedeutender Bauten eingemauert oder in die Spitze von Kirchtürmen eingelassen. Bei Restaurierungen werden die Kapseln geöffnet, die alten Inhalte öffentlich präsentiert, mit aktuellen Dokumenten ergänzt und am Ende wieder deponiert. Für die Geschichtswissenschaft sind diese Zeitkapseln wahre Fundgruben.

In Sotillo de la Ribera, 150 Kilometer nördlich von Madrid, soll der restaurierte Jesus dereinst wieder an seinem angestammten Kreuz hängen. In seinem Inneren wird eine originalgetreue Kopie der Chronik liegen; das Original wird in den erzbischöflichen Archiven verwahrt.

Auf gut Glück

Zins

Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; ihr sollt keinerlei Zinsen von ihm nehmen.

Das sagt klipp und klar das 2. Buch Mose. Zinsen sind Teufelszeug. Bloss: Zinsen sind auch ein gutes Geschäft. Also mussten kreative Lösungen her.

Wie zum Beispiel die von Wichmann von Seeburg, Erzbischof von Magdeburg im 12. Jahrhundert. Er baute Kirchen und führte Krieg, und beides war teuer. Also griff Wichmann zum sogenannten «Schwundgeld». Alle sechs Monate wurden die Münzen in Magdeburg kurzerhand für ungültig erklärt. Die alten Münzen liessen sich zwar in die frisch geprägten neuen umtauschen, doch erhielten die Bürger für zwölf alte Münzen jeweils nur noch neun neue. Halbjahr für Halbjahr ging so ein volles Viertel an den Erzbischof. Dessen Kasse füllte sich, und der Geldumlauf wurde beschleunigt, denn um dem empfindlichen Wertverlust zu entgehen, brachten die Magdeburger ihr Geld so rasch wie möglich wieder in Umlauf.

Der Trick mit dem Schwundgeld war im Mittelalter weit verbreitet, denn er war mit dem biblischen Zinsverbot kompatibel: Ein Kredit musste mit derselben Anzahl Münzen zurückgezahlt werden. Im Klartext: Wer 100 (alte) Münzen geliehen hatte, musste nach Ablauf der Kreditdauer 100 (neue) Münzen zurückzahlen, und der Kredit blieb (scheinbar) zinslos. Bloss: Während der ganzen Zeit trug der Schuldner die vollen Kosten, die jedesmal beim Münztausch anfielen, was ja de facto nichts anderes als Zinsen waren.

Kniffe und Tricks ohne Zahl: Jahrhundertelang brachte das Zinsverbot den Geldhandel in Not. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch.

Auf gut Glück

Zoll

«Zoll» kommt vom griechischen telṓnion, «Zollhaus», und das Geschäftsmodell ist seit dem Altertum gang und gäbe. Ein Zoll ist eine Abgabe, den der Fuhrmann einst für die Benutzung einer Strasse oder beim Übergang über eine Brücke zu zahlen hatte. Diese Wege- oder Brückenzölle waren zwar wenig beliebt, aber noch durchaus einleuchtend: Der Bau hatte eine Menge Geld gekostet, und man konnte es dem Erbauer nicht verdenken, wenn er, Abgabe für Abgabe, sein Geld wiedersehen wollte. Der Zoll als Steuer dagegen, die erst an den Kaiser oder König, später dann an den Staat ging, leuchtete weniger ein. Aber nur so lange, bis die örtliche Wirtschaft begriff, dass dieser Einfuhrzoll tatsächlich ein ziemlich wirksamer Schutz war: Fremde Ware wurde per se um den Zollbetrag teurer als hiesige; von Auswärtigen unterboten zu werden, wurde also schwieriger. Und damit war der Schutzzoll geboren – und der sogenannte Protektionismus zählte bald zum Standardrepertoire der Aussenhandelspolitik.

Zölle werden heute kritisch betrachtet, denn sie behindern den internationalen Handel. Sie haben den Nachteil, verkrustete Strukturen und damit unwirtschaftliche Branchen zu schützen, die Preise künstlich hoch zu halten und damit der Allgemeinheit mehr zu schaden als zu nützen. 1947 rückte das allgemeine Zoll und Handelsabkommen GATT den Zöllen weltweit auf den Leib, seit 1995 tut dies die Welthandelsorganisation WTO. Aber ganz der Vergangenheit gehören sie noch lange nicht an. Wer im Ausland shoppen geht, tut das zollfrei nur bis 300 Franken. Geht’s gar um Fleisch, Tabak oder Alkohol, helfen nur noch Merkblätter weiter – oder, ganz zeitgemäss, die App «QuickZoll».

Von A bis Z

Zappen

Wenn Sie sich über eine Sendung ärgern, dann tun Sie etwas ganz Naheliegendes: Sie drücken einen Knopf Ihrer Fernbedienung, und – zap. Wussten Sie, dass dieses zappen eine ganz und gar blutrünstige Angelegenheit ist? To zap ist ursprünglich ein englisches, lautmalerisches Wort für das Geräusch eines elektrischen Kurzschlusses – und heisst heute nichts anderes als abknallen, eine Tätigkeit, die im Western ganz besonders beliebt ist, bei Revolverhelden wie beim Publikum. Mittels zapping sorgen die Helden dafür, dass sie so selten sind, und das Publikum, dass es ausser Western auch noch andere Filme gibt.

Seine Blüte erreichte das Zappen in den neunziger Jahren mit dem Überhandnehmen von Unterbrecherwerbung am Fernsehen – für Filmfans eine regelrechte Plage. Die bereitliegende Fernbedienung lud, für die Dauer der Werbespots, zu einem lustvollen Streifen durch die anderen Programme ein.

Aber auch das Zappen ist eine Zeiterscheinung. Steter Tropfen höhlt den Stein, und Fernsehwerbung ist ganz normal geworden. Eine aktuelle deutsche Umfrage zeigt, dass eine Mehrheit von 56 Prozent kaum mehr zappt. Das Publikum, so vermuten die Fachleute, ist wählerischer geworden. Besonders Menschen ab 35 nutzen gezielt Programmzeitschriften und Internet und sehen sich einmal ausgewählte Sendungen oder Filme bis zum Schluss an.

Und dennoch wird munter weitergezappt. Lästige Werbung gibt’s nämlich auch im Internet – hier werden schreiende, blinkende Popups ebenfalls weggezappt. Oder ist der Kunde mit einem Unternehmen nicht mehr zufrieden, zappt er kurz entschlossen zur Konkurrenz. Ob sozial, kulturell, sportlich oder beruflich: Es wird gezappt wie nie.

Bleibt nur dieses ganz und gar unmögliche Wort – und die leise Hoffnung auf einen erlösenden Knopf.

Zeitball

Die Uhrzeit wird von Zeigern angezeigt, die wir uns vors Gesicht halten, um sie abzulesen. Grosse Distanzen erfordern grosse Zeiger – der Minutenzeiger des Big Ben in London misst 4,3 Meter.

Von noch weiter her sichtbar und dabei noch genauer als selbst der längste Minutenzeiger war der sogenannte Zeitball. Zeitbälle waren im 19. Jahrhundert für Seeleute gedacht. Auch sie waren auf die exakte Uhrzeit angewiesen, weil sich die geografische Länge der Schiffsposition nur in Kenntnis der exakten Uhrzeit bestimmen liess.

Ein Zeitball war eine schwarze Signalkugel aus Korbgeflecht von einem bis zwei Metern Durchmesser. Dieser Ballon wurde an einer weithin sichtbaren Stelle des Hafens an einem Mast aufgezogen und oben von einem Sperrhaken festgehalten. Täglich um 13 Uhr Greenwich-Zeit wurde der Haken durch ein elektrisches Signal der örtlichen Sternwarte ausgelöst, mit der sein Mechanismus verbunden war. Der Zeitball glitt dem Mast entlang in die Tiefe und stellte klar: Es ist jetzt genau 13 Uhr und null Sekunden.

Der erste Zeitball, die Erfindung eines britischen Kapitäns, wurde 1829 in Portsmouth getestet, ein zweiter wurde 1833 in der Sternwarte Greenwich aufgestellt. Das System war einfach und robust – und seines optischen Signals wegen ausgesprochen präzise: Der Klang eines Horns oder einer Glocke wäre bereits in einem Kilometer Entfernung erst mit drei Sekunden Verzögerung zu hören gewesen.

Und so verbreitete sich der Zeitball allmählich über die Häfen Englands und Europas – bis die weltweit existierenden 160 Zeitbälle Anfang des 20. Jahrhunderts schliesslich von Funk und Radio abgelöst wurden.

Zeitkapsel

Behutsam nahmen im Herbst 2017 zwei Restauratorinnen die Jesusfigur der Dorfkirche von Sotillo de la Ribera, Spanien, vom Kreuz. Mit den Jahrhunderten war das Holz rissig geworden, und die Figur musste dringend repariert werden. Was die Frauen zu Gesicht bekamen, als sie den Jesus umdrehten, hatten sie nicht erwartet: Statt einem Po hatte die Figur ein grosses Loch, und darin steckten zwei vergilbte Papierrollen, eng beschrieben, aus dem Jahr 1777. Joaquín Mínguez, früherer Kaplan der nahegelegenen Kathedrale von Burgos, schrieb darin über das öffentliche Leben der Region, über grassierende Krankheiten wie Sumpffieber und Typhus, über den Gang der Wirtschaft, über Schulen und Universitäten – und natürlich über den Künstler, der den hohlen Jesus geschnitzt hatte.

Funde wie diesen nennen Historiker «Zeitkapsel»: ein Behälter zur Aufbewahrung zeittypischer Dokumente wie Münzen, Geldscheine, Zeitungen, Statistiken oder ganze Chroniken. Die Urnen, Schatullen, Kassetten, manchmal auch Flaschen werden oft in die Fundamente bedeutender Bauten eingemauert oder in die Spitze von Kirchtürmen eingelassen. Bei Restaurierungen werden die Kapseln geöffnet, die alten Inhalte öffentlich präsentiert, mit aktuellen Dokumenten ergänzt und am Ende wieder deponiert. Für die Geschichtswissenschaft sind diese Zeitkapseln wahre Fundgruben.

In Sotillo de la Ribera, 150 Kilometer nördlich von Madrid, soll der restaurierte Jesus dereinst wieder an seinem angestammten Kreuz hängen. In seinem Inneren wird eine originalgetreue Kopie der Chronik liegen; das Original wird in den erzbischöflichen Archiven verwahrt.

Zeitmessung

Zeit fällt nicht vom Himmel, Zeit brennt nicht, Zeit macht keinen Lärm. Doch dass es sie gibt – und vor allem: dass sie eine unumkehrbare Richtung hat –, daran besteht kein Zweifel: Jedes Geschehen hat eine zeitliche Abfolge, und Ruinen zeugen davon, dass die Zeit auch einen Zahn hat.

Als der Mensch noch in Höhlen wohnte, bemass sich die Zeit an der Dauer des Tageslichts und am Niederbrennen des Feuers. Die alten Ägypter wollten es genauer wissen: Aus der Zeit Thutmosis III stammt der Fund einer Sonnenuhr, eines hölzernen Winkels, der, am Morgen nach Osten und am Mittag nach Westen gerichtet, die Angabe von zwölf Tagesstunden ermöglichte.

Später kamen die Wasseruhr, die Erfindung eines ägyptischen Beamten um 1500 vor Christus, die Kerzenuhr des angelsächsischen Königs Alfred um 900, die moderne Räderuhr, deren Bau englischen Uhrmachern um 1700 gelang, am Ende die Quartz- und Atomuhren unserer Zeit.

Zwei Dinge allerdings sind weniger bekannt. Erstens: dass schon die alten Griechen um 100 vor Christus eine hochkomplexe astronomische Zahnraduhr gebaut haben, die den Kalender und den Lauf von Sonne und Mond, von Mars und Venus vorausberechnen konnte. Und zweitens: dass der Vater des Radios die Zeitmessung ist: Am 21. Mai 1910 wurde vom Observatorium im Pariser Eiffelturm mit dem Zeitzeichen das erste Radiosignal der Welt ausgestrahlt.

Ein Zeitmass sind übrigens auch diese 100 Sekunden Wissen: … 97, 98, 99, 100.

Zement

Es könnte unscheinbarer nicht sein: das graue Pulver, das auf keiner Baustelle fehlt – der Zement. High Tech sieht anders aus. Und doch ist der Zement der Stoff, aus dem buchstäblich die Neuzeit besteht.

Der moderne Zement, der so genannte Portlandzement, wurde 1824 vom Briten Joseph Aspdin erfunden, in jahrelangen Experimenten im Hinterhof seines Geschäfts im Zentrum von Leeds. Aspdin war so eine Art Alchemist des 19. Jahrhunderts, auf der Suche nach dem Stein der Weisen – sein Patent mit der Nummer 5022 trägt den Titel: Improvements in the modes of producing an artificial stone – Verbesserte Herstellung von künstlichem Stein.

Aspdins Erfindung war eine ausgeklügelte Mischung aus gemahlenem Kalkstein und Ton, der sich brennen, mit Wasser anrühren und mit Bruchstein vermischen liess – und der nach dem Trocknen einen beständigen Baustoff ergab. Portland nannte Aspdin seinen Zement deshalb, weil Kalkstein von der gleichnamigen Insel im Ärmelkanal beim Bau von Prestigebauten grosse Mode war: Aus Portland-Stein besteht etwa der Bankettsaal von Whitehall in London, den sich 1619 der Stuart-König James I bauen liess, und ebenso das UNO-Hauptquartier in New York.

Zement, dieser geniale Leim der Baumeister, aber ist noch viel älter. Zementiert haben schon die alten Römer. Das Wort kommt von caedere, «mit dem Meissel zerschlagen» oder «hauen». Tatsächlich hat der römische Kaiser Hadrian schon in den Jahren 118-125 nach Christus aus sogenanntem opus caementitium, einer Art Beton aus gebranntem Kalk und Bruchstein, auf dem Marsfeld das Pantheon bauen lassen, einen allen Göttern Roms geweihten Tempel. Bis auf den heutigen Tag ist das kreisrunde Dach des Pantheons die grösste nicht-bewehrte Kuppel der Welt.

Zement, dieser römische Stein der Weisen, ist buchstäblich ein Stein für die Ewigkeit.

Zinken

«Zinken» ist Rotwelsch – so nennt man die Sprache der Gauner. Sie ist dazu da, von der Obrigkeit nicht verstanden zu werden – eine Art Geheimcode der unteren Zehntausend. Und trotzdem haben es viele rotwelsche Wörter in unser heutiges Deutsch geschafft: Kassiber (aus der Gefängniszelle geschmuggelter Zettel), Blüte (gefälschte Banknote) oder baldowern (auskundschaften).

Baldowern ist die Königsdisziplin des gewissenhaften Einbrechers. Um die Erkenntnisse seinen Kumpanen mitzuteilen, bedient er sich einer geheimen Schriftsprache: der sogenannten «Zinken». Zinken sind einfache Zeichen, die für das ungeübte Auge aussehen wie Kinderkritzeleien. Was sie tatsächlich mitnichten sind. Ein schlichter Kreis oder eine einfache waagrechte Linie, unauffällig in den Fenster- oder Türrahmen geritzt, ist einigermassen beruhigend, denn es bedeutet: «Hier gibt es nichts». Kleine Ringe oder ein doppelter Gartenzaun dagegen sagen, dass es hier sehr wohl etwas zu holen gibt, im besten Fall sogar bares Geld. Und weil das niemand einfach so hergibt, sind viele Zinken Warnungen: Eine gezackte Linie heisst «Vorsicht, bissiger Hund!», ein Kreis mit zwei Schrägstrichen «Die Leute rufen die Polizei!», ein Kreis mit zwei waagrechten Pfeilen «Abhauen, aber subito!».

Das Wort «Zinken» selbst ist alt. Es stammt entweder vom lateinischen signum ab, Zeichen, oder aber vom alten deutschen Wort für «Zweig», weil Diebe einander den Weg zur Beute mit am Wegrand eingesteckten Zweigen wiesen. Und auch die Zinken sind in unsere Alltagssprache eingewandert: «Gezinkt» sind die falschen Spielkarten, die der Gauner beim Pokern aus dem Ärmel zieht.

Zins

Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; ihr sollt keinerlei Zinsen von ihm nehmen.

Das sagt klipp und klar das 2. Buch Mose. Zinsen sind Teufelszeug. Bloss: Zinsen sind auch ein gutes Geschäft. Also mussten kreative Lösungen her.

Wie zum Beispiel die von Wichmann von Seeburg, Erzbischof von Magdeburg im 12. Jahrhundert. Er baute Kirchen und führte Krieg, und beides war teuer. Also griff Wichmann zum sogenannten «Schwundgeld». Alle sechs Monate wurden die Münzen in Magdeburg kurzerhand für ungültig erklärt. Die alten Münzen liessen sich zwar in die frisch geprägten neuen umtauschen, doch erhielten die Bürger für zwölf alte Münzen jeweils nur noch neun neue. Halbjahr für Halbjahr ging so ein volles Viertel an den Erzbischof. Dessen Kasse füllte sich, und der Geldumlauf wurde beschleunigt, denn um dem empfindlichen Wertverlust zu entgehen, brachten die Magdeburger ihr Geld so rasch wie möglich wieder in Umlauf.

Der Trick mit dem Schwundgeld war im Mittelalter weit verbreitet, denn er war mit dem biblischen Zinsverbot kompatibel: Ein Kredit musste mit derselben Anzahl Münzen zurückgezahlt werden. Im Klartext: Wer 100 (alte) Münzen geliehen hatte, musste nach Ablauf der Kreditdauer 100 (neue) Münzen zurückzahlen, und der Kredit blieb (scheinbar) zinslos. Bloss: Während der ganzen Zeit trug der Schuldner die vollen Kosten, die jedesmal beim Münztausch anfielen, was ja de facto nichts anderes als Zinsen waren.

Kniffe und Tricks ohne Zahl: Jahrhundertelang brachte das Zinsverbot den Geldhandel in Not. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch.

Zippo

Ein «Zippo» ist ein Feuerzeug. Es ist quasi unzerstörbar und besteht aus Benzintank, Docht, Reibrad, Feuerstein. Schräg ist nur der Name: «Zippo» kommt vom englischen zipper, «Reissverschluss». Das Wort gefiel dem Erfinder George Grant Blaisdell, weil es Tempo hatte: Genauso schnell, wie ein zipper die Hose schloss, machte sein Zippo Feuer.

Harley-Davidson
Zippo
Dabei hatte Blaisdell eigentlich kaum etwas erfunden: Er hatte ein österreichisches Benzinfeuerzeug zum Vorbild genommen, die Rechte gekauft und das Original so umgebaut, dass man es mit einer Hand bedienen konnte. Die ersten Zippos von 1933 gingen für 1.95 Dollar über den Ladentisch.

Das Messinggehäuse mit seinen gerundeten Kanten liegt gut in der Hand. Mit dem Daumen lässt sich der Deckel zurückschnippen, und das knarzende Reibrad macht Feuer, selbst bei Regen und Sturm. Besonders praktisch: War das Zippo einmal leer und gerade kein Feuerzeugbenzin zur Hand, band man es kurzerhand an einen Draht und versenkte es im Tank des nächsten Lastwagens.

Unentbehrlich waren die Zippos für die US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg und in Vietnam. Die Legende, das Blechgehäuse habe so manchem Soldaten das Leben gerettet, weil eine feindliche Kugel daran abgeprallt sei, liess das Zippo zum Talisman werden. Der oft genug versagte: Gravierte Zippos gefallener Soldaten werden von Sammlern zu horrenden Preisen gehandelt.

Ein Feuerzeug für die Ewigkeit, mit lebenslanger Garantie:

It works or we fix it free

(«Es funktioniert, oder wir reparieren es kostenlos»), verspricht die Zippo Manufacturing Company. Bis auf den heutigen Tag.

Zirkus

Mit Zirkus kann vieles gemeint sein: Artisten und Clowns, Politik, Börse. Doch ob Arena, Parlament oder Ring – eines ist allen Zirkussen gemein: sie sind rund. Und diese Rundung gab ihnen den Namen – circus heisst lateinisch nichts anderes als Kreis. Im übertragenen Sinn wurde daraus, etwa im Circus Maximus in Rom, die Arena, in der man Rennen fuhr – und in denen gestorben wurde. Zum Glück ist nicht jeder Zirkus so blutig – man denke nur an die leisen, poetischen Nummern eines Clowns wie Grock.

Zirkus
Zirkus
Der Zirkus, wie wir ihn heute kennen, ist eine junge Erfindung: Sein Schöpfer ist der britische Ex-Kavallerist und Kunstreiter Philip Astley. 1768 eröffnete Astley in London eine Reitschule. Da gab er morgens Unterricht – und nachmittags Vorführungen, begleitet von seiner Frau Patty, die dazu die Trommel schlug. Seine Arena war rund, weil das Publikum so von allen Seiten freie Sicht auf die Bühne hatte, und weil sich beim Reiten im Kreis die Zentrifugalkraft für Kunststücke nutzen liess. Astleys erster Zirkus, der einfach Pferdetheater hiess, hatte ursprünglich einen Durchmesser von 19 Metern; später verkleinerte er den Ring auf 42 Fuss – 13 Meter, wie sie auch heute noch üblich sind. Diese Grösse ist für das stehende Balancieren auf dem Rücken trabender Pferde optimal.

Unglücklicherweise hatten auch andere eine gute Nase: Es war Astleys schärfster Konkurrent Charles Dibdin, der ganz in der Nähe einen zweiten Zirkus eröffnete. Dibdin kopierte Astleys erfolgreiches Programm – und gab seinem Unternehmen den klingenden Namen The Royal Circus. Damit war der moderne Zirkus geboren, von Knie bis Nock, von Monti bis Krone: der Zirkus als Sinnbild für Artistik und für Affentheater.

Zoll

«Zoll» kommt vom griechischen telṓnion, «Zollhaus», und das Geschäftsmodell ist seit dem Altertum gang und gäbe. Ein Zoll ist eine Abgabe, den der Fuhrmann einst für die Benutzung einer Strasse oder beim Übergang über eine Brücke zu zahlen hatte. Diese Wege- oder Brückenzölle waren zwar wenig beliebt, aber noch durchaus einleuchtend: Der Bau hatte eine Menge Geld gekostet, und man konnte es dem Erbauer nicht verdenken, wenn er, Abgabe für Abgabe, sein Geld wiedersehen wollte. Der Zoll als Steuer dagegen, die erst an den Kaiser oder König, später dann an den Staat ging, leuchtete weniger ein. Aber nur so lange, bis die örtliche Wirtschaft begriff, dass dieser Einfuhrzoll tatsächlich ein ziemlich wirksamer Schutz war: Fremde Ware wurde per se um den Zollbetrag teurer als hiesige; von Auswärtigen unterboten zu werden, wurde also schwieriger. Und damit war der Schutzzoll geboren – und der sogenannte Protektionismus zählte bald zum Standardrepertoire der Aussenhandelspolitik.

Zölle werden heute kritisch betrachtet, denn sie behindern den internationalen Handel. Sie haben den Nachteil, verkrustete Strukturen und damit unwirtschaftliche Branchen zu schützen, die Preise künstlich hoch zu halten und damit der Allgemeinheit mehr zu schaden als zu nützen. 1947 rückte das allgemeine Zoll und Handelsabkommen GATT den Zöllen weltweit auf den Leib, seit 1995 tut dies die Welthandelsorganisation WTO. Aber ganz der Vergangenheit gehören sie noch lange nicht an. Wer im Ausland shoppen geht, tut das zollfrei nur bis 300 Franken. Geht’s gar um Fleisch, Tabak oder Alkohol, helfen nur noch Merkblätter weiter – oder, ganz zeitgemäss, die App «QuickZoll».

Zunder

«Brennen wie Zunder» ist eine Redensart, und falsch ist sie obendrein. Zunder ist ein glockenförmiger Schwamm, der als Parasit auf dem Stamm von Laubbäumen wuchert, bis 30 Jahre alt und bis 30 Zentimeter gross wird, und der zum Feuermachen dient, aber nicht brennt, sondern glimmt.

Von Zunder und Feuerstein ist der Mensch seit jeher Feuer und Flamme. Schon in der Steinzeit wurde mit dem getrockneten Pilzgewebe gezündelt – auch Ötzi hatte Zunder dabei, als er vor 5300 Jahren von einem Pfeil in den Rücken getroffen wurde. In der Neuzeit wurde die Zunderherstellung raffinierter. Man entdeckte, dass die Mittelschicht des Schwamms – gekocht, geklopft, in Urin eingelegt und getrocknet – einen rehbraunen Filz ergibt, der buchstäblich beim ersten Funken zu glimmen beginnt.

Doch der Zunderschwamm, lateinisch fomes fomentarius oder französisch amadouvier, kann noch viel mehr. Im Mittelalter machte man aus ihm Westen oder Kappen – noch heute werden in Rumänien Zunderhüte und -taschen an Touristen verkauft. Bis ins 19. Jahrhundert war Zunder auch eine Heilpflanze: Als blutstillenden Verband gab es den so genannten fungus chirurgorum oder Wundschwamm beim Apotheker zu kaufen. Die Nachfrage nach dem braunen Gewächs war zeitweise so gross, dass der in Asien, Nordamerika und Europa überall heimische Zunder gar importiert werden musste. Heute hat der korkartige Schwamm nur noch einen dekorativen Zweck: Man findet ihn auf dem Blumengesteck oder auf dem Grabkranz.

Das ist durchaus stimmig, denn am Stamm alter, kranker Bäume ist er ein übler Schädling: Zunder verursacht Fäule und lässt die Birke, Buche oder Eiche am Ende brechen.

Zwetschge

In einem Schweizer Obstgarten stehen Kirsch-, Apfel- und Birnbäume – und ganz bestimmt ein Zwetschgenbaum. Dieser Tage erfreut sich der grosser Beliebtheit: Am Ende des Sommers werden die Zwetschgen geerntet, und einer alten Schweizer Tradition zufolge kommt am eidgenössischen Buss- und Bettag, dem jeweils dritten Sonntag im September, ein Zwetschgenkuchen auf den Tisch.

Was wir da zwar mit viel Genuss, aber wenig Wissen verzehren, ist ein eigentliches Wunderwerk der Natur. Der Baum zählt wie alle anderen Obstbäume zur grossen Familie der Rosengewächse. Zwetschgenholz ist dunkel und hart – die Farbe geht dabei von dunklen Brauntönen bis ins Violette – und eignet sich ausgezeichnet für Schmuck, Einlegearbeiten oder Musikinstrumente. Die Zwetschge, je nach Region auch Quetsche oder Bauernpflaume genannt, ist etwas spitzer, fester und kleiner als die eng verwandte Pflaume. Und der Zwetschgenkern lässt sich wesentlich leichter aus dem Fruchtfleisch lösen. Zwetschgen sind natürliche Abführmittel, und sie enthalten eine Menge Beta-Carotin und Kalium. Ihre Haut ist glatt und hat einen Belag, den so genannten Duftfilm, der aus einem natürlichen Wachs besteht.

Das Rezept für einen Zwetschgenkuchen nach Schweizer Art ist denkbar einfach: Teig, reichlich Zwetschgen, dazu Rahm, Eier, Zucker und geriebene Haselnüsse. Allerdings: Mit dem Namen ist das schon schwieriger. Das Wort Zwetschge kommt, genau wie das englische damson, vom lateinischen prunus damascunum, auf Deutsch Damaszenerpflaume. Damaskus war das antike Zentrum des Pflaumenhandels. Im zweiten Jahrhundert vor Christus kam die Zwetschge von Syrien über Griechenland nach Europa.

Und seither, am Ende des Sommers, auch hierzulande auf den Tisch.

Zwickelerlass

Sommer 1932. Die Weltwirtschaftskrise tobt, Unternehmen schliessen zu Tausenden ihre Tore, die Weimarer Republik taumelt ihrem Ende entgegen. Die deutsche Politik müht sich ab, sieben Millionen Arbeitslose zu ernähren und zu kleiden. Nur der konservative Beamte Franz Bracht hat andere Sorgen. Und denkt sich flugs eine Notverordnung aus, die ausgerechnet eine hinreichende Bekleidung von Badenden durchsetzen soll.

§ 1. Das öffentliche Nacktbaden oder Baden in anstössiger Bekleidung ist verboten.

So lautet am 18. August 1932 die neue Bestimmung des strammen Katholiken Bracht. Berlin wundert sich, frönt aber unbeirrt seiner Freizügigkeit, und am 28. September legt der erzürnte Sittenwächter nach:

§ 1.1. Das öffentliche Nacktbaden ist untersagt.

§ 1.2. Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist.

§ 1.3. Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist.

Die Wirtschaft lag darnieder, Menschen hungerten, und da verordnete ein stellvertretender Reichskommissar den Badenden doch tatsächlich einen «Zwickel», wie das dreieckige, von Gesetzes wegen exakt im Schritt auf die Badehose aufzunähende Stoffdreieck hiess. Berlin nahm’s mit Humor: Dutzende Kabarettisten zehrten von der obrigkeitlichen Regulierungswut, und das Publikum prustete. Bis vier Monate später, am 30. Januar 1933, Adolf Hitler dem fröhlichen Treiben ein düsteres Ende setzte.

zip

Nach dem Rad ist der Reissverschluss die wohl bedeutendste Erfindung der Geschichte: Ein Kleidungsstück, eben noch offen, ist – zip – zu. Weil das schneller geht, als man hingucken kann, heisst das auf Englisch to zip.

Tempo, das wollte auch der amerikanische Programmierer Phil Katz. Er schrieb ein Programm, das beliebig viele Dateien komprimierte und in eine einzige Datei packte, und dazu ein zweites, mit dem man sie wieder auspacken und in ihrer ursprünglichen Verzeichnisstruktur speichern konnte. Beides war so effizient, dass Katz seine Software «PKzip» nannte – PK wie Phil Katz, zip, schnell wie ein zipper.

Phil Katz war mehr Genie als Unternehmer. Seine Erfindung, das zip-Format, das Mathematiker heute noch staunen lässt, gab er zur kostenlosen Nutzung frei. Dass seine Firma PKware Inc. heute noch existiert, ist das Verdienst seiner Mutter Hildegard, die sich ums Büro und die Kunden kümmerte, wenn sich Katz – nicht immer, aber immer öfter – volllaufen liess. Dennoch war die zip-Software ein Erfolg. Andere Kompressionsprogramme taten dasselbe, nur schlechter, und PKzip fegte sie förmlich vom Markt. Heute kann jeder Computer Dateien per Mausklick zippen und entpacken. Und nicht nur das: Italienische Linguisten zippen mittelalterliche Texte, deren Urheber bisher unbekannt waren. Und siehe da: Die individuelle Kompressionsrate, eine Art Fingerabdruck des Verfassers, erlaubt es, den anonymen Text einem bekannten Autor zuzuweisen.

Der zip-Algorithmus zählt heute zu den Meilensteinen der Computerentwicklung. Sein Schöpfer dagegen, Phil Katz, starb im Jahr 2000, erst 37-jährig, paranoid, vereinsamt, in einem billigen Hotelzimmer in Milwaukee, Wisconsin, in den Händen seine letzte Flasche Pfefferminzschnaps.