Auf gut Glück

SOS

Als sich am 3. Oktober 1906 die Teilnehmer der Internationalen Funkkonferenz in Berlin zusammensetzten, hatten sie ein Ziel: die Einführung eines einheitlichen Standards für ein Notsignal auf See. Dahinter standen nicht nur das menschliche Leid, sondern auch der Kommerz: Schiffsuntergänge waren teuer. Über die Art des Notrufs allerdings waren sich die Vertreter der 27 Länder uneins. In Deutschland war seit zwei Jahren das Morsesignal «SOS» vorgeschrieben, das übrige Europa und die USA dagegen sendeten die Morsezeichen «CQD». «CQD» kam vom französischen sécurité und détresse, frei übersetzt: «Achtung Notfall». Das deutsche «SOS» dagegen bedeutete – nichts, rein gar nichts; Deutungen wie save our souls, «Rettet unsere Seelen», wurden erst später hineininterpretiert. Beide Lager kämpften an der Konferenz erbittert für «ihre» Kombination, doch am Abend hatte sich SOS durchgesetzt. SOS hatte zwei Vorzüge: Die Kombination kam in kaum einem gebräuchlichen Wort vor und stach daher aus jedem normalen Morseverkehr heraus, und der charakteristische Code «dididit dahdahdah dididit» war überaus einprägsam.

Schon ein Jahr nach seiner offiziellen Einführung rettete SOS 110 Menschenleben: In der Nacht auf den 10. Juni 1909 lief das britische Kreuzfahrtschiff «Slavonia» in dichtem Nebel vor den Azoren auf Grund und drohte auseinanderzubrechen. Der Funker sendete das neue SOS-Signal. Und siehe da: Zwei deutsche Schiffe waren in der Nähe und nahmen die Passagiere auf.

1999 wurde das gemorste SOS abgeschafft, nach neun Jahrzehnten und unzähligen Geretteten. Heute funken Schiffe in Seenot mit GMDSS, einem modernen, satellitengestützten Seenotfunksystem.

Auf gut Glück

Safir

Jacob Schmidheiny und sein Freund Anton Dufour waren jung, und sie waren Autonarren. Dufour war der erste Ostschweizer gewesen, der einen eigenen Wagen besass. 1907 gründeten die beiden die Autofabrik «Safir», eine Abkürzung für «Schweizer Automobil-Fabrik in Rheineck», einen Steinwurf vom heutigen Flughafen St. Gallen-Altenrhein entfernt.

Schmidheiny und Dufour stammten aus Industriellenfamilien, und Bescheidenheit war ihre Sache nicht. Schnelle Tourenwagen wollten sie bauen, dazu Busse und Lastwagen. Schon ein Jahr später, 1908, zog «Safir» ins Zürcher Industriequartier, dahin, wo heute der Prime Tower steht.

Unsere Kunden sprechen sich höchst anerkennend aus über die Rentabilität der von uns bezogenen Lastwagen,

rühmte der Firmenprospekt:

Geringster Benzinverbrauch, geringste Unterhaltskosten, geringste Gummiabnützung,

dazu Medaillen an Langstrecken-Testfahrten in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Belgien. Der 50 PS starke, maximal 97 km/h schnelle Tourenwagen mit seinem Kardanantrieb sei in der fünfwöchigen englischen Konkurrenzfahrt im Herbst 1907 «ohne jeden Defekt» angekommen und habe «den grössten Erfolg» errungen.

Dem Unternehmen dagegen war weniger Erfolg beschieden: Gegen die Wirtschaftskrise und die Konkurrenz im In- und Ausland kam «Safir» nicht an. Schon 1910, nach der Produktion weniger Dutzend Fahrzeuge, wurde der Betrieb wieder eingestellt. Gründer Jacob Schmidheiny aber machte weiter von sich reden: als Nationalrat, als Alleininhaber der gleichnamigen Ziegelei und als oberster Chef der Maschinenfabrik Escher Wyss.

Auf gut Glück

Schallmauer

Charles Elwood Yeager (den alle nur Chuck nennen) ist an diesem 14. Oktober 1947 alles andere als flugtüchtig: Bei einem nächtlichen Ausritt hat er ein Gatter übersehen und zwei Rippen gebrochen. Den peinlichen Unfall verschweigt er; nur einem Freund vertraut er sich an, weil er vor lauter Schmerzen die schwere Cockpithaube seines Jets nicht zuschieben kann. Abhilfe schafft ein zurechtgesägter Besenstiel, der als Hebel dient. Yeagers Maschine, eine «Bell X-1», ist ein von vier Raketentriebwerken angetriebenes Experimentalflugzeug der U.S. Air Force. Es kann nicht vom Boden aus, sondern nur am Bauch einer riesigen Boeing hängend in 2000 Metern Höhe starten. Um überhaupt ins Cockpit der X-1 zu gelangen, muss Yeager bei 400 Stundenkilometern Gegenwind eine Leiter hinabklettern.

Der Flug gilt als Todeskommando. Jedes Flugzeug, so glauben viele, müsse beim Erreichen der Schallgeschwindigkeit an der Schallmauer zerschellen wie ein Auto an einem Felsen. Tatsächlich sind bisher alle Testflugzeuge bei 1000 Stundenkilometern mit den auftretenden Belastungen nicht klargekommen, notgelandet oder tatsächlich auseinandergebrochen.

Yeager, endlich ins Cockpit gezwängt, startet die Triebwerke, steigt auf 13 100 Meter Höhe und erreicht über der Mojave-Wüste 1125 Stundenkilometer. Am Boden hören die Messtechniker zum ersten Mal den Überschallknall.

Der Flug sei eigentlich unspektakulär gewesen, sagt der waghalsige Pilot, als er aus dem Cockpit steigt. Von den schmerzenden Rippen abgesehen habe es sich nur angefühlt, als flöge er durch einen Wackelpudding.

Auf gut Glück

Shampoo

Georg IV war unbeliebt. Der britische König galt als Lebemann und Frauenheld, und seine Verschwendungssucht trug wenig dazu bei, seinen Ruf zu bessern. Obwohl stets knapp bei Kasse, liess King George 1815 im aufstrebenden Badeort Brighton den «Royal Pavilion» bauen, einen Palast, wie ihn England noch nie gesehen hatte – ein Prachtbau mit Säulenkolonnaden und Zwiebeltürmen im Stil indischer Maharadschapaläste, mit vergoldeten Möbeln, chinesischen Seidentapeten und einem tonnenschweren Kristalllüster in Form eines Drachen. Die oft viele Stunden langen Diners mit bis zu 100 Gängen hinterliessen ihre Spuren: King George trank zuviel, wurde fett, litt an Ödemen, Gicht und konnte sich am Ende nur noch in einem eigens für ihn konstruierten Rollstuhl fortbewegen. Das einzige, was half, waren Bäder und Massagen.

Der beste Masseur in Brighton war ein eingewanderter Bengale namens Sake Dean Mohammed. Mohammed, ein gewiefter Unternehmer, bot Dampfbäder und Massagen an, die er nach einem alten Hindi-Wort Shampoo nannte. Ein Shampoo war eine indische Kopfmassage mit pflanzlichen Pulvern oder Duftölen, und daraus machte Mohammed ein modernes Wellnessangebot für die oberen Zehntausend. Seine Shampoos erfreuten sich bald grosser Beliebtheit, allem voran bei King George höchstselbst, und bald verlieh der seinem Masseur den offiziellen Titel «Shampooing Surgeon of the King», Massage-Leibarzt des Königs. Erste Kosmetikhersteller entdeckten das verheissungsvolle Wort, und heute ist das Haarwaschmittel ganz selbstverständlich ein Shampoo.

Auf gut Glück

Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.

Auf gut Glück

Spiegelschrift

Mailand, 1490. Der 38-jährige Leonardo da Vinci notiert:

Es ist nützlich, andauernd zu beobachten, aufzuschreiben und nachzudenken.

Wohin Leonardo auch geht, stets baumelt ein Notizbuch von seinem Gürtel, und in dieses Buch notiert das Universalgenie, was immer ihn gerade beschäftigt und was als nächstes zu tun ist. So steht da:

Die genauen Masse von Mailand berechnen,
den Professor fragen, wie man ein Dreieck in ein gleich grosses Quadrat umwandelt,
Karte von Mailand zeichnen.

Bloss: So einfach lesen lassen sich die Notizen nicht, denn bis auf Briefe, die für andere bestimmt waren, hat Leonardo alles in Spiegelschrift geschrieben, immer seitenverkehrt und von rechts nach links. Wer seine Aufzeichnungen entziffern will, muss sie vor einen Spiegel halten.

Die Wissenschaft hat lange darüber gerätselt, weshalb. Wollte Leonardo seine Erfindungen vor unbefugten Lesern schützen? War es eine Geheimschrift; eine Art Patentschutz? Die Antwort ist einfacher. Leonardo da Vinci war Linkshänder, und die Spiegelschrift bewahrte ihn vor dem Verschmieren der Tinte. Genutzt wird sie bis heute. Polizei-, Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge, deren Beschriftung im Rückspiegel lesbar sein muss, werden vorn seitenverkehrt beschriftet.

Spiegelschrift von Hand ist eine Knacknuss. Wer Linkshänder ist wie Leonardo, aber mit rechts schreiben gelernt hat, ist dabei im Vorteil: Viele umgeschulte Linkshänder beherrschen die Spiegelschrift von Natur aus – ohne Übung und ohne nachzudenken, als ob sie schon immer so geschrieben hätten.

Auf gut Glück

Spitzmaus

Die Spitzmaus ist gar keine Maus: Sie zählt nicht zu den Nagetieren, sondern zu den Insektenfressern und ist damit eine Verwandte des Maulwurfs. Es gibt Hunderte von Arten, doch nur 10 leben auch in Mitteleuropa. Mit zwischen 5 und 10 Zentimetern ist die Spitzmaus klein, und sie ist sehr anpassungsfähig. Sie lebt an Land und im Wasser. Landspitzmäuse markieren ihr Territorium mit einem penetranten Duft (weshalb sie zwar von Katzen gefangen, aber nicht gefressen werden); Wasserspitzmäuse haben an den fünf Zehen ihrer Füsschen eine Art Schwimmhaut aus Borsten.

Für gewöhnlich ändern sich Körpermasse von Tieren nicht mehr, sobald sie ausgewachsen sind. Bei der Spitzmaus ist das anders. Organe und sogar Knochen beginnen sich auf den Winter hin zurückzubilden; im Februar wachsen die Tiere wieder. Das hat seinen Preis: Weil auch das Spitzmaushirn im Winter kleiner ist, sind die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt. Ausserdem wachsen die Tiere nicht so stark, wie sie vorher geschrumpft sind; sie sind im Frühling also etwas kleiner als vor dem Winter – ein enorm entbehrungsreicher Prozess, der zeigt, wie anpassungsfähig Säugetiere sein können.

Bleibt die Frage, warum die Spitzmaus so heisst, obwohl sie keine ist. 1942 beschloss die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde, die Spitzmaus in die ältere Bezeichnung «Spitzer» umzubenennen. Als Adolf Hitler davon in der Zeitung las, bekam er einen Wutanfall und liess den Zoologen befehlen, diese «derartig blödsinnige Umbenennung» unverzüglich wieder rückgängig zu machen – unter Androhung längerer Aufenthalte «in Baubataillonen an der russischen Front». Weshalb die Spitzmaus bis heute Spitzmaus heisst.

Auf gut Glück

Sudoku

Sudoku heisst auf Japanisch ganz einfach «einzelne Zahlen». Das Spiel gehört zu Japan wie der Vulkan Fuji, und genau das ist falsch. Denn Sudoku stammt nicht aus dem Land der aufgehenden Sonne, sondern aus Europa und den USA.

Der Urahn von Sudoku heisst magisches Quadrat, ein Quadrat aus Zahlenfeldern. Zählt man die Zahlen in jeder Zeile, Spalte und Diagonale zusammen, erhält man stets dieselbe Summe. Eines der ganz besonders vertrackten Zahlenquadrate hat sich 1514 der Maler und Mathematiker Albrecht Dürer ausgedacht, in seinem berühmten Kupferstich «Melancholia I».

Wenn man eine Reihe von Zahlen weglässt, lassen sich aus magischen Quadraten trefflich Rätsel fabrizieren. Besonders beliebt waren diese Rätsel im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und am 6. Juli 1895 stand in der Zeitung «La France» ein teilweise ausgefülltes Zahlenquadrat aus 81 Feldern, das nur die Ziffern von 1 bis 9 enthielt, ein Rätsel, das beinah identisch ist mit dem heutigen Sudoku.

Und dann kam Howard Garns. Garns, ein 74-jähriger pensionierter Architekt aus Connersville, Indiana, entwarf Zahlenrätsel für den Verlag «Dell Magazines», und 1979 erschienen Garns‘ erste modernen Sudokus, unter dem Namen «Number Place». So richtig Feuer fing die Rätselwelt allerdings erst, als 1984 der japanische Verlag Nikoli das Spiel in seinen Zeitschriften abzudrucken begann, unter dem japanischen Namen Sūji wa dokushin ni kagiru.

Erfinder Garns starb 1989 – dass seine Erfindung als «Sudoku» heute die halbe Welt in Atem hält, sollte er nicht mehr erleben.

Von A bis Z

SMS

Ich smse, Du smst, er smst – mit Verlaub: Das ist unmöglich. Erstaunlich, dass dieser Zungenbrecher, nach Handy und Internet, der grösste Erfolg der modernen Telekommunikation geworden ist. Und noch viel erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass SMS, der short message service, gar nicht als Dienst fürs Publikum gedacht war.

Aber von vorn: Der SMS-Dienst wurde Mitte der 80er Jahre vom finnischen Ingenieur Matti Makkonen erfunden. SMS, wie wir es heute kennen, hatte er überhaupt nicht im Sinn; Makkonen suchte lediglich nach einer Möglichkeit für Mobilfunkbetreiber, ihren Kunden eine simple Nachricht zukommen zu lassen, zum Beispiel, wenn der Handydienst mal wieder überlastet war. Daher auch die Beschränkungen: Eine SMS fasst auch heute noch höchstens 160 Zeichen.

Makkonens Idee überzeugte, und das weit mehr als er sich je erträumt hätte. SMS fand Eingang in den Mobilfunkstandard GSM, und rund ein Jahr nach dessen Einführung, am 3. Dezember 1992, ging das erste, sozusagen historische SMS von einem Computer an ein Handy im britischen Vodafone-Netz. Der Text, merry christmas, war zwar nicht ganz so historisch, aber dennoch: Als 1993 die ersten SMS-fähigen Handys auf den Markt kamen, reagierte das Publikum so begeistert, dass ausgerechnet diese mühselige Tipperei auf den winzigen Tasten dem Mobiltelefon erst so richtig zum Durchbruch verhalf. 2010, so schätzt die internationale Fernmeldeunion ITU, wurden weltweit 6,1 Billionen SMS verschickt. Wäre jedes dieser SMS durchschnittlich 12 Zentimeter lang, reichten sie alle zusammen bis hoch zum Jupiter.

Nur dieses unmögliche Verb! Aber die Gralshüter des guten Deutsch wissen Rat. Die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden schlägt vor: Wir simsen.

SOS

Als sich am 3. Oktober 1906 die Teilnehmer der Internationalen Funkkonferenz in Berlin zusammensetzten, hatten sie ein Ziel: die Einführung eines einheitlichen Standards für ein Notsignal auf See. Dahinter standen nicht nur das menschliche Leid, sondern auch der Kommerz: Schiffsuntergänge waren teuer. Über die Art des Notrufs allerdings waren sich die Vertreter der 27 Länder uneins. In Deutschland war seit zwei Jahren das Morsesignal «SOS» vorgeschrieben, das übrige Europa und die USA dagegen sendeten die Morsezeichen «CQD». «CQD» kam vom französischen sécurité und détresse, frei übersetzt: «Achtung Notfall». Das deutsche «SOS» dagegen bedeutete – nichts, rein gar nichts; Deutungen wie save our souls, «Rettet unsere Seelen», wurden erst später hineininterpretiert. Beide Lager kämpften an der Konferenz erbittert für «ihre» Kombination, doch am Abend hatte sich SOS durchgesetzt. SOS hatte zwei Vorzüge: Die Kombination kam in kaum einem gebräuchlichen Wort vor und stach daher aus jedem normalen Morseverkehr heraus, und der charakteristische Code «dididit dahdahdah dididit» war überaus einprägsam.

Schon ein Jahr nach seiner offiziellen Einführung rettete SOS 110 Menschenleben: In der Nacht auf den 10. Juni 1909 lief das britische Kreuzfahrtschiff «Slavonia» in dichtem Nebel vor den Azoren auf Grund und drohte auseinanderzubrechen. Der Funker sendete das neue SOS-Signal. Und siehe da: Zwei deutsche Schiffe waren in der Nähe und nahmen die Passagiere auf.

1999 wurde das gemorste SOS abgeschafft, nach neun Jahrzehnten und unzähligen Geretteten. Heute funken Schiffe in Seenot mit GMDSS, einem modernen, satellitengestützten Seenotfunksystem.

Sabotage

Moses hob den Stab und schlug ins Wasser, vor Pharao und seinen Beamten. Und das Wasser verwandelte sich in Blut. Die Fische starben, und der Strom begann zu stinken, so dass die Ägypter das Wasser nicht mehr trinken konnten.

Die erste der zehn Plagen, die über Ägypten kamen, ist, je nach Standpunkt, eine gerechte Strafe – oder aber eine frühe Form von Sabotage. Ein Saboteur ist, wer mit Absicht staatliche, wirtschaftliche oder militärische Einrichtungen schädigt, sei es durch passiven Widerstand oder durch gezielte Beschädigung oder Zerstörung.

Das Wort kommt vom französischen sabot, wörtlich «Holzschuh», auch «Bremsklotz» oder «Hemmschuh». Ende des 19. Jahrhunderts diskutierte die französische Arbeiterbewegung Sabotageakte als legitimes Mittel des Klassenkampfs. Im grossen französischen Eisenbahnerstreik von 1910 zerschlugen die Arbeiter die sabots genannten Halterungen der Schienen, um die Züge zum Entgleisen zu bringen.

Die zerstörerische Idee machte Schule: Vordenker der in den USA gegründeten Gewerkschaft «Industrial Workers of the World» propagierten in vielbeachteten Broschüren die Sabotage von Maschinen und Anlagen als wirksame Waffe der Arbeiterbewegung. «Sabotage», so schrieb 1916 die Aktivistin und spätere Kommunistin Elizabeth Gurley Flynn, sei «der bewusste Entzug der industriellen Effizienz des Arbeiters». «Ich werde nicht versuchen, Sabotage zu rechtfertigen. Wenn die Arbeiter Sabotage aber für nötig halten, macht sie das automatisch zur moralischen Sache.»

Das sieht der Staat heute naturgemäss etwas anders. Laut schweizerischem Militärstrafrecht steht auf Sabotage eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren.

Safir

Jacob Schmidheiny und sein Freund Anton Dufour waren jung, und sie waren Autonarren. Dufour war der erste Ostschweizer gewesen, der einen eigenen Wagen besass. 1907 gründeten die beiden die Autofabrik «Safir», eine Abkürzung für «Schweizer Automobil-Fabrik in Rheineck», einen Steinwurf vom heutigen Flughafen St. Gallen-Altenrhein entfernt.

Schmidheiny und Dufour stammten aus Industriellenfamilien, und Bescheidenheit war ihre Sache nicht. Schnelle Tourenwagen wollten sie bauen, dazu Busse und Lastwagen. Schon ein Jahr später, 1908, zog «Safir» ins Zürcher Industriequartier, dahin, wo heute der Prime Tower steht.

Unsere Kunden sprechen sich höchst anerkennend aus über die Rentabilität der von uns bezogenen Lastwagen,

rühmte der Firmenprospekt:

Geringster Benzinverbrauch, geringste Unterhaltskosten, geringste Gummiabnützung,

dazu Medaillen an Langstrecken-Testfahrten in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Belgien. Der 50 PS starke, maximal 97 km/h schnelle Tourenwagen mit seinem Kardanantrieb sei in der fünfwöchigen englischen Konkurrenzfahrt im Herbst 1907 «ohne jeden Defekt» angekommen und habe «den grössten Erfolg» errungen.

Dem Unternehmen dagegen war weniger Erfolg beschieden: Gegen die Wirtschaftskrise und die Konkurrenz im In- und Ausland kam «Safir» nicht an. Schon 1910, nach der Produktion weniger Dutzend Fahrzeuge, wurde der Betrieb wieder eingestellt. Gründer Jacob Schmidheiny aber machte weiter von sich reden: als Nationalrat, als Alleininhaber der gleichnamigen Ziegelei und als oberster Chef der Maschinenfabrik Escher Wyss.

Salat

Wenn Matrosen zu Kolumbus‘ Zeiten mit von Skorbut blutigem Zahnfleisch auf altem Pökelfleisch herumkauten, dann assen sie genau genommen Salat. Das Wort kommt nämlich vom latainischen salata, insalata – Gesalzenes, in Salz Eingelegtes. Salat war also ursprünglich die Speise und nicht die Pflanze.

Salat
Salat
Weil zu allen Zeiten das Haltbarmachen von Speisen an erster Stelle stand und die Salzkonservierung ein erprobtes Verfahren war, erfreute sich das Einsalzen namentlich in den Städten grosser Beliebtheit:

deszgleichen köhl, grünskraut und solat
fressen sie als gern in der statt.

So dichtete Jacob Ayrer im 16. Jahrhundert. Da galt das Wort bereits gesalzenem Salatgemüse an Essig und Öl.

Gemischten Salat, wie wir ihn heute essen, haben zwar schon die Römer und vor ihnen die Babylonier gemocht. Dem Mittelalter aber galt rohes Grünzeug als Hort von Krankheit und Seuche, und so wurde der Salat vorsichtshalber gründlich gekocht. Wagemutige wie die Schottenkönigin Maria Stuart, die gekochten Sellerie liebte, auf Salatblättern an einer sämigen Senfsauce mit Trüffeln, Kerbel und Ei, blieben die Ausnahme. Anno 1699 versuchte der passionierte Gärtner John Evelyn in seinem Buch «Acetaria: A Discourse on Sallets», den Briten den Salat schmackhaft zu machen – vergeblich. Die britische Küche blieb skeptisch und sott weiter.

Im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren Salate längst gang und gäbe; das skeptische Europa aber traute sich erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts so richtig ans rohe Grün heran. Heute ist die Schweiz bekehrt: Laut Bundesamt für Statistik essen vier von fünf Personen täglich frisches Gemüse oder Salat.

Salbe

Salbungsvoll, so hoffen wir, wenn uns ein Leiden plagt, ist der Apotheker: Er hält die Salbe bereit, die uns Linderung verschafft. Salbe, diese halbfeste Masse auf der Basis von Fett, enthält Wirkstoffe, die – weil der Fettfilm lange auf der Haut haftet – über längere Zeit hinweg freigesetzt werden und so Muskelkater oder Ausschläge wirksam lindern.

Gesalbt wird seit Jahrtausenden: Als Grundsubstanz diente Schweine- oder Gänseschmalz, Wollfett und, wenn auch erst seit 1859, die vom amerikanischen Chemiker Robert Chesebrough entdeckte Vaseline. Die fand sich als lästiger Rückstand auf den Bohrstangen der Ölförderanlagen von Titusville, Pennsylvania, und pflegte die Pumpen zu verstopfen. Andererseits hatten die Ölarbeiter herausgefunden, dass Brandwunden sehr viel besser heilten, wenn man sie mit der schmierigen Masse bestrich. Chesebrough analysierte, extrahierte – und stellte 1870 die erste reine Vaseline her, die er petroleum jelly, «Erdöl-Gel», nannte.

Salbungsvoll, so stellen wir am Sonntag in der Kirche fest, ist auch der Pfarrer. Und auch er kann dabei auf Jahrtausende zurückblicken: Das lateinische christus geht auf das noch ältere griechische christós zurück, dem Partizip von chríein, «salben, mit Salbe bestreichen». Mit Christus war ursprünglich also nicht die Person Jesu gemeint, sondern vielmehr seine Eigenschaft als mit kostbarem Öl Gesalbter.

«Salben» konnte im Lauf der Zeit gar mancherlei bedeuten: die Haut mit Duftstoffen einreiben, ein quietschendes Scharnier schmieren, Lederzeug einfetten, jemandem eine Tracht Prügel verabreichen, einen Leichnam einbalsamieren, weihen, sich rituell waschen – und selbst das blanke Gegenteil: sich schmutzig machen.

Am wichtigsten war dem Menschen aber zu allen Zeiten die Salbe als Heilmittel. Wie sagt doch ein iranisches Sprichwort:

Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt, ist die heile Haut.

Satire

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Dies schreibt Kurt Tucholsky 1919 im «Berliner Tageblatt». Als Sozialist, Politiker, Journalist und Schriftsteller muss er es schliesslich wissen: Leitartikel, Gerichtsreportagen, Glossen, Satiren, Buchbesprechungen, Gedichte, Lieder, Kabarett – in welcher Form er seine flammenden Anklagen gegen den aufziehenden Totalitarismus auch verbreitet (teils unter einer ganzen Reihe von Pseudonymen), sie verhallen zumeist ungehört.

Satire ist Spottdichtung, eine literarische Form, die Missstände sprachlich überspitzt und verspottet. In Antike, Mittelalter oder Gegenwart, ob als Prosatext, Gedicht oder Theater – Satire will im Grunde viererlei: Sie will polemisieren, kritisieren, belehren und unterhalten. Das ist ein hoher Anspruch, und daran scheitern viele: Autoren, weil gute Satire ausgesprochen schwierig ist; Leser, weil Ironie und Sarkasmus nicht immer ganz einfach zu verstehen sind, und Schreiber, weil allein schon das Wort eine Stolperfalle darstellt. Denn die Satire stammt nicht etwa vom Satyr ab, jenem mythologischen Mischwesen der alten Griechen, sondern vielmehr von satura lanx, was auf Lateinisch «gefüllte Obstschale» bedeutet, als Sinnbild für buntes Allerlei.

Tucholsky war Zeit seines kurzen Lebens ein leidenschaftlicher Satiriker. Im Text «Requiem» macht er sich sogar über sein eigenes Begräbnis lustig und schlägt einen Grabspruch vor, zu schreiben «in silbernen Buchstaben auf einen Grabstein aus Granit»:

Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – gute Nacht!

Schach

Schach ist ein Spiel mit Geschichte. Und wenn man’s genau nimmt, ist es sogar ein Spiel mit Geschichten – einer wahren und einer erfundenen.

Schach
Die wahre ist rasch erzählt: Man nimmt an, dass das Schach zwischen 500 und 100 v. Chr. in Indien entwickelt wurde. Seinen Namen erhielt es im alten Persien – Schach heisst auf Persisch «König». Araber brachten das Spiel über Nordafrika bis nach Spanien, und von da kam es ums Jahr 1000 nach Mitteleuropa. Seitdem hat das Schachspiel tatsächlich eine ganze Reihe von Königen gekrönt: Boris Spasski, Bobby Fischer, Anatoli Karpow – und einer dieser Schachkönige, Garri Kasparow, wurde 1997 von einem ungleichen Gegner entthront: von «Deep Blue», dem von IBM gebauten Schachcomputer.

Viel weniger profan ist die andere, die erfundene Geschichte: von einem Weisen namens Sessa Ebn Daher, der, so die Legende, das Schachspiel für seinen schwermütigen König Shehram erfunden hat. Der König war von diesem Spiel so begeistert, dass er dem weisen Sessa die Erfüllung eines Wunsches gewährte.

Der Weise lächelte – und bat um nichts weiter, als dass ihm auf das erste Feld des Schachbretts ein Weizenkorn gelegt werde, auf das zweite zwei, auf das dritte vier – und so immer weiter, immer auf das nächste Feld doppelt soviel wie auf das vorherige.

König Shehram war sehr ungehalten über diesen lächerlichen Wunsch – jedenfalls so lange, bis seine Hofmathematiker zu Ende gerechnet hatten. Zur Erfüllung des Wunsches hätte nämlich aller Reichtum der Welt nicht ausgereicht. Fällig gewesen wären am Ende mehr als 18 Trillionen Weizenkörner, eine Zahl mit 20 Stellen. Und soviel Weizen gibt es auf der ganzen Welt nicht – es sei denn, die ganze Erdoberfläche inklusive aller Meere und Polkappen, wäre fruchtbares Ackerland und würde zehn Jahre lang ausschliesslich mit Weizen bebaut.

Es gibt Geschichten, die so faszinierend sind, dass sie so etwas wie profane Wahrheit gar nicht nötig haben.

Schallmauer

Charles Elwood Yeager (den alle nur Chuck nennen) ist an diesem 14. Oktober 1947 alles andere als flugtüchtig: Bei einem nächtlichen Ausritt hat er ein Gatter übersehen und zwei Rippen gebrochen. Den peinlichen Unfall verschweigt er; nur einem Freund vertraut er sich an, weil er vor lauter Schmerzen die schwere Cockpithaube seines Jets nicht zuschieben kann. Abhilfe schafft ein zurechtgesägter Besenstiel, der als Hebel dient. Yeagers Maschine, eine «Bell X-1», ist ein von vier Raketentriebwerken angetriebenes Experimentalflugzeug der U.S. Air Force. Es kann nicht vom Boden aus, sondern nur am Bauch einer riesigen Boeing hängend in 2000 Metern Höhe starten. Um überhaupt ins Cockpit der X-1 zu gelangen, muss Yeager bei 400 Stundenkilometern Gegenwind eine Leiter hinabklettern.

Der Flug gilt als Todeskommando. Jedes Flugzeug, so glauben viele, müsse beim Erreichen der Schallgeschwindigkeit an der Schallmauer zerschellen wie ein Auto an einem Felsen. Tatsächlich sind bisher alle Testflugzeuge bei 1000 Stundenkilometern mit den auftretenden Belastungen nicht klargekommen, notgelandet oder tatsächlich auseinandergebrochen.

Yeager, endlich ins Cockpit gezwängt, startet die Triebwerke, steigt auf 13 100 Meter Höhe und erreicht über der Mojave-Wüste 1125 Stundenkilometer. Am Boden hören die Messtechniker zum ersten Mal den Überschallknall.

Der Flug sei eigentlich unspektakulär gewesen, sagt der waghalsige Pilot, als er aus dem Cockpit steigt. Von den schmerzenden Rippen abgesehen habe es sich nur angefühlt, als flöge er durch einen Wackelpudding.

Scheitern

Scheitern ist ganz einfach die Gelegenheit, nochmal von vorn anzufangen, nur diesmal intelligenter. Ehrlich zu scheitern, ist keine Schande. Eine Schande ist es nur, sich vor dem Scheitern zu fürchten.

Das schrieb 1922 der legendäre Autobauer Henry Ford in seiner Autobiografie «My Life and Work». Er musste es wissen: Obgleich ein Industriepionier von Weltrang, war Henry Ford tatsächlich ein Meister im Scheitern. Seine erste Autofirma, die Detroit Automobile Company, war, kaum gegründet, schon wieder bankrott. Seine Karriere als junger Autorennfahrer: ein Flop. Seine brasilianische Retortenstadt «Fordlândia» mit ihren Kautschuk-Plantagen für die Reifenherstellung: ein Desaster.

Scheitern will gelernt sein: Ohne Henry Ford wären das Auto und die industrielle Fertigung nicht, was sie heute sind. Und doch ist Scheitern verpönt, es einzugestehen, ist tabu. Das liegt nicht nur an der zwanghaft schönfärberischen Selbstdarstellung moderner Manager, sondern auch an der Herkunft des Wortes. «Scheitern» kommt nämlich von «zu Scheitern werden», und damit gemeint ist das Schicksal eines Schiffes, das an den Klippen zerschellt. Der hölzerne Rumpf, von der Brandung unerbittlich gegen den harten Fels gedrückt, gibt nach. Planken und Spanten, Gerüst und Aussenhaut des Schiffs, brechen auseinander und werden buchstäblich zu Scheitern – das Wort ist mit «scheiden» verwandt und bedeutet ursprünglich «das Gespaltene».

Und doch: Wer aus Furcht, zu scheitern, jedes Wagnis bleiben lässt, wird gar nicht erst zur See fahren, geschweige denn die Industrie revolutionieren wie ein Henry Ford.

Schienenzeppelin

So sieht die Zukunft aus: eine hellgraue, 26 Meter lange Zigarre auf Schienen, mit Rippen aus Aluminium und einer Haut aus Segeltuch. «Schienenzeppelin» nennt Ingenieur Franz Kruckenberg sein futuristisches Gefährt. Denn während Luftschiffe längst den Himmel bevölkern, ist der Schienenzeppelin der erste seiner Gattung. Zwei Jahre lang hat Kruckenberg, der vor dem Ersten Weltkrieg Flugzeuge gebaut hat, an seinem neuartigen Schienenfahrzeug getüftelt. 1930 ist es fertig: ein Zeppelin auf Rädern, mit einem 600-PS-Motor von BMW und einem gewaltigen Propeller aus Eschenholz im Heck. Dessen Achse ist leicht nach oben geneigt, damit das Fahrzeug nicht seinen Namensvettern nacheifert, sondern auf die Schienen gepresst wird. Wo immer der Schienenzeppelin vorgeführt wird – er zieht Technikbegeisterte in hellen Scharen an.

Hamburg-Bergedorf, 21. Juni 1931, 3.27 Uhr nachts, eine Zeit, in der im ganzen Reich kein Zug unterwegs ist. Pilot Kruckenberg dreht den Motor hoch. Nach der Durchfahrt in Karstädt, 150 Kilometer von Hamburg entfernt, erreicht der Schienenzeppelin eine Geschwindigkeit von über 230 Stundenkilometern. Um 5.05 Uhr, gut eineinhalb Stunden nach dem Start, hält der Zug im Lehrter Bahnhof in Berlin.

Trotz des enormen Tempos hat der Schienenzeppelin keine Zukunft: Die Luftschraube im Heck lässt keine weiteren Wagen zu, für Rangierfahrten ist ein Hilfsmotor nötig, und der offene Riesenpropeller ist eine Gefahr für die Passagiere. 1939, fünf Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird das exotische Fahrzeug verschrottet.

Überlebt haben einzig Schwarzweissfotos – und Modelle des Spielwarenherstellers Märklin.

Schilling

Ein Schilling geschenkt ist besser als zwanzig verliehen,

sagt ein altes deutsches Diktum. Sprichwörter galten dem 1803 verstorbenen Lehrer und Sprichwortsammler Karl Friedrich Wander als Schätze unverdorbenen Volkstums, und er sammelte sie so eifrig wie andere Schillinge.

Die waren schon seit den Zeiten Karls des Grossen ums Jahr 800 so etwas wie der heutige Euro: eine universale Währung mit einheitlicher Unterteilung. Die Formel lautete: ein Pfund gleich zwanzig Schillinge, ein Schilling gleich zwölf Pfennige. Französisch hiessen die Schillinge sous, die Pfennige deniers; England rechnete in shillings und pence. Das Pfund, die grösste Währungseinheit, war dabei wörtlich zu nehmen: Das karolingische Gesetz besagte, dass aus einem so genannten Karlspfund, etwas mehr als 400 Gramm Silber, exakt zwanzig Schillinge oder 240 Pfennige zu schlagen seien.

Das Pfund als Gewichtsmass kennt der Volksmund heute noch. Als Währung aber, unterteilt in Schilling und Pfennig, ging es ab 1795 unter, als das revolutionäre Frankreich den franc à einhundert centimes einführte. Ganz Europa fand zur dezimalen Zweierteilung: die Schweiz zu Franken und Rappen, Deutschland zu Mark und Pfennig, Österreich zu Krone und Heller, Italien zu lira und centesimo.

Ganz Europa? Nein! Eine von unbeugsamen Briten bewohnte Insel hörte nicht auf, dem dezimalen Eindringling Widerstand zu leisten. In England waren das pound zu 20 shillings oder 240 pence bis zum 15. Februar 1971 gängige Währung, was Reisende zur schieren Verzweiflung trieb. Dann aber war auch in England Schluss: Das Pfund gibt’s zwar immer noch, aber heute zu einheitlich-dezimalen 100 pence.

Schlaraffenland

Das Schlaraffenland ist das Land urmenschlicher Sehnsüchte: Dort gibt es, laut verlässlichen Quellen wie dem Nürnberger Meistersinger Hans Sachs anno 1530, Häuser mit Türen aus Lebkuchen und Zäunen aus Bratwürsten und Brunnen voller Wein. An den Tannen hängen Krapfen, in den Flüssen schwimmen die gebackenen Fische, und den fetten Schweinen, allesamt bereits mundfertig gebraten, steckt praktischerweise bereits ein Messer im Rücken.

Die geografische Lage des Schlaraffenlandes allerdings hat die Wissenschaft bis heute nicht ganz klären können, und ebensowenig den sprachlichen Ursprung. «Schlaraffenland» besteht aus dem mittelhochdeutschen Wort slur, das «Faulenzer» hiess und mit der heutigen Schludrigkeit oder dem Schlendrian verwandt ist, und dem althochdeutschen Wort für Affe, der in Sanskrit kapi hiess und der laut den Gebrüdern Grimm mit dem altnordischen gapa verwandt sein könnte, «das Maul aufsperren, gaffen». Dessen Bedeutung wiederum spiegelt sich noch heute, so vermuten die Sprachexperten, in der Redensart «Maulaffen feilhalten». So gesehen wäre ein «Schlaraffe» nichts anderes als ein nichtsnutziger Tagedieb.

Der Theologie gilt, nach Hochmut, Geiz, Wolllust, Zorn, Völlerei und Neid die Faulheit als siebte Todsünde, eben deshalb, weil sie ein urmenschliches Laster ist. Und die Welt trotz allem kein Schlaraffenland. Der da dem Meistersinger und Schlaraffenland-Erfinder Hans Sachs widerspricht, ist kein Geringerer als der alte Goethe:

Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen,
Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen;
Harte Bissen gibt es zu kauen:
Wir müssen erwürgen oder sie verdauen.

Schlitzohr

Das Ohr macht den Unterschied zwischen gut und Tunichtgut: Der Handwerksgeselle auf der Walz trägt einen Ohrring, nach alter Väter Sitte mit Hammer und Nagel ins mit Alkohol desinfizierte Ohrläppchen geschlagen. Dieser Ring diente einst als eiserne Reserve für Notzeiten oder, im schlimmsten Fall, für ein anständiges Begräbnis. Vor allem aber war er ein Ehrenzeichen. Dem Gesellen, der sich etwas zuschulden kommen liess, pflegte man den Ohrring kurzerhand auszureissen – die Narbe brandmarkte ihren Träger fortan als Schlitzohr.

Die Walz ist eine jahrhundertealte Tradition: Es sind die Wanderjahre, die der Handwerksgeselle nach seiner Lehrzeit absolviert, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Der Brauch ist klar geregelt: Ein Geselle, ein Zimmermann, Dachdecker oder Schreiner etwa, ist ledig, hat keine Kinder und keine Schulden – die Walz ist keine Flucht vor der Verantwortung. Während der Wanderschaft, die mindestens drei Jahre und einen Tag lang dauert, darf der Geselle seinem Heimatort nicht näher kommen als 50 Kilometer. Er geht zu Fuss oder per Anhalter; Bahn und Bus sind verpönt. Gearbeitet wird hier und da, überall, wo es Arbeit gibt.

Wandergesellen sind selten geworden, doch man erkennt sie an ihrer Uniform: Da ist die Kluft mit den Perlmuttknöpfen, dazu die weite Hose aus Samt, deren glockenförmige Beine vor Sägemehl schützen. Da sind der Stenz genannte Stock und das Bündel mit Wäsche und Werkzeug, der so genannte Charlottenburger. Da ist schliesslich der schwarze Hut mit der breiten Krempe, und darunter – so ist zu hoffen – ein unversehrtes Ohr.

Schnitt, goldener

Für den Mathematiker ist der Goldene Schnitt ein Verhältnis zweier Distanzen: Ein Punkt teilt eine Strecke dann im Goldenen Schnitt, wenn dabei der längere Teil zum kürzeren im selben Verhältnis steht wie die gesamte Strecke zum längeren. Es geht sogar noch trockener: Der Goldene Schnitt Φ (Phi) ist das Ergebnis einer Teilung der längeren durch die kürzere Strecke und beträgt rund 1,618.

Der Künstler dagegen erkennt in diesem ganz besonderen Verhältnis gestalterische Perfektion – nicht umsonst nannte man den Goldenen Schnitt auf Lateinisch proportio divina, die göttliche Proportion. Wir finden sie, wo immer Menschen Bedeutendes geschaffen haben: im Parthenon-Tempel in Athen (Säulen- im Vergleich zur Gesamthöhe: im Goldenen Schnitt), im Gemälde «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci (Jesus‘ offen auf dem Tisch liegende Hand: im Goldenen Schnitt), selbst in den Dimensionen unserer Kreditkarten (Breite und Höhe: im Goldenen Schnitt).

Über alle Zeiten hinweg: Diese rätselhafte Verhältniszahl 1,618 empfinden wir Menschen als ganz besonders ausgewogen und harmonisch. Vielleicht weil die Natur selbst diesem Verhältnis immer wieder folgt: in der Fibonacci-Folge, mit der Leonardo da Pisa im Jahr 1202 nachweisen wollte, wie sich Kaninchen im Lauf der Zeit vermehren, im spiralförmigen Aufbau von Tannzapfen oder Sonnenblumen, ja selbst in der Höhe der Wellenbewegungen, die heftigen Kursausschlägen an der Börse folgen.

Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben,

schrieb Galileo Galilei anno 1623. Falls dem so ist, müsste der Titel dieses Buches lauten: «Der Goldene Schnitt».

Schreber, Moritz

Gemüsebeet, Giesskanne, Gartenlaube und rund herum ein Lattenzaun: Ein Schrebergarten ist dem Städter, was Arkadien den alten Griechen war: Ein Naturidyll, das Befreiung von den Zwängen des Alltags – und dazu erst noch günstiges Gemüse verheisst.

Der Schrebergarten trägt den Namen von Daniel Gottlob Moritz Schreber, einem etwas exzentrischen Arzt und Professor an der Universität Leipzig. Schreber beschäftigte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Gesundheit der Kinder und den sozialen Folgen der Industrialisierung, die das Stadtbild regelrecht umpflügte: Fabriken und Mietskasernen schossen in die Höhe und verdrängten das verbleibende Grün. Viel Bewegung an der frischen Luft aber, davon war Schreber überzeugt, könne die Kinder verarmter Familien kurieren, die zunehmend an Mangelernährung und an Haltungsschäden litten. Letztere versuchte Schreber durch martialische Apparaturen zu heilen – lederne Kinnbänder, um Fehlbissen vorzubeugen, Schulterriemen, die das im Bett liegende Kind in Rückenlage zwangen, sogenannte «Geradhalter» für aufrechtes Sitzen und, ganz dem sexualfeindlichen Zeitgeist entsprechend, mechanische Gerätschaften zur «gesunden Triebabfuhr», im Klartext: um die Jugendlichen am Onanieren zu hindern.

Schrebers Schwiegersohn Ernst Hauschild war Schuldirektor und liess 1865 in Leipzig eine Wiese herrichten, die er «Schreberplatz» nannte. Hier konnten die Kinder unter Betreuung nach Herzenslust herumturnen und sich austoben. Aus diesem «Schreberplatz» schliesslich wurde unser heutiges Vorstadtidyll, das bis heute den Namen des Leipziger Medizinprofessors trägt.

Schreibmaschine, elektrische

7. Mai 1957: Die Hannover-Messe öffnete ihre Tore. In der Fachausstellung für Büromaschinen, der Mutter der heutigen CeBIT, stand der Star der Messe: die erste elektrische Schreibmaschine. Mechanische Schreibmaschinen gab es zwar schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts, und längst hatte der harte Anschlag das einstige Kratzen der Federkiele verdrängt.

Elektrische Schreibmaschine
Tippen war harte Arbeit: Eine Sekretärin, die pro Tag 100’000 Anschläge schaffte, drückte ein Gesamtgewicht von 6 Tonnen. Dass in Hannover nun ein Gerät präsentiert wurde, in dem ein Elektromotor die anstrengende Tipperei erledigte, verhiess Komfort und Effizienz.

Doch auch wenn sie zur Ikone der Geschäftswelt werden sollte: diese elektrische Schreibmaschine war bei weitem nicht die erste. Die hatte schon 1902 in Erie, Pennsylvania, der Erfinder George C. Blickensderfer entwickelt: die «Blick’s Electric». Sie war ein Wunder ihrer Zeit – und von Haus aus mit der so genannten «wissenschaftlichen» Tastatur versehen: Die im Englischen häufigsten Buchstaben D-H-I-A-T-E-N-S-O-R fanden sich auf der untersten Tastenreihe, wo sie der Schreiberin am nächsten waren. Das heutige Tastenlayout Q-W-E-R-T-Y hatte die Firma zwar auch auf Lager, riet aber streng davon ab.

Die «Blick’s Electric» mit ihrem wuchtigen, gusseisernen Rahmen konnte schon alles, was 60 Jahre später die legendäre Kugelkopf-Schreibmaschine «Selectric» von IBM auch konnte. Nur erfolgreich war sie nicht. Aber das lag weniger an der Maschine als vielmehr am Umstand, dass es in den Büros von 1902 etwas Entscheidendes noch gar nicht gab: elektrischen Strom.

Schubumkehr

Wir Nichtflieger kennen die Aviatik bestenfalls durch den Flugsimulator am Computer. Und unsere kläglichen Landeversuche bei schlechter Sicht und heftigen Seitenböen haben uns gelehrt, dass auch einfachere Flugmodelle ihre Tücken haben.

Ein Problem beim Landen ist das Tempo: Nach dem Aufsetzen muss gebremst werden, und das tüchtig: Die Landegeschwindigkeit eines modernen Airbus A 320, wie ihn etwa die Swiss einsetzt, beträgt 220 Stundenkilometer. Mit herkömmlichen Bremsen allein ist ein Passagierflugzeug schwer zu stoppen. Dazu braucht es bei Jets die Schubumkehr: Mit einer Stahlklappe, die sich von oben her schräg über den Abgasstrahl schiebt, wird dieser nach unten und nach vorn abgelenkt. Der damit gegen die Fahrtrichtung gerichtete Schub bremst das ausrollende Flugzeug stark ab; die Passagiere hören die Schubumkehr vor allem als Aufheulen der Triebwerke. Bei Tempo 110 wird die Schubumkehr wieder ausgeschaltet, damit aufgewirbelte Steine oder angesaugte Abgase das Triebwerk nicht beschädigen können. Den Rest erledigen dann mechanische Bremsen.

In der zivilen Luftfahrt dürfen nur Flughäfen angeflogen werden, die eine Landung auch ohne Schubumkehr zulassen. Namentlich bei schlechtem Wetter aber ist die Schubumkehr nötig; es hat schon mehrere Unfälle gegeben, weil die Piloten die Schubumkehr zu spät aktivierten. Umgekehrt kann ein Aktivieren vor dem Aufsetzen den Jet abstürzen lassen, und Umkehrschub während des Starts war ebenfalls die Ursache einer ganzen Reihe von Flugzeugunglücken.

Aller Katastrophen zum Trotz: In der Schweiz sind 2007 12 Menschen in Schweizer Flugzeugen ums Leben gekommen. Im Strassenverkehr waren es 384.

Schutzstaffel

Am Anfang war der «Stosstrupp Adolf Hitler», 1923 rekrutiert, im Jahr des ersten Putschversuchs im Münchner Bürgerbräukeller. Aus den Bodyguards von einst wurde die «Schutzstaffel», eine reichsweite Organisation, die sich gegen Widersacher im Inneren der Partei richtete. Dieser Wandel vom Schläger- zum Spitzeldienst war fatal: Die SS und insbesondere ihre Elite, die Waffen-SS, gab vor, das deutsche Volk zu schützen – nicht vor äusseren Feinden, sondern vielmehr vor angeblichen Schädlingen im Inneren: vor Juden, Kommunisten, Geisteskranken, Homosexuellen, Kriminellen, Arbeitsscheuen, Zigeunern und Landstreichern, wie sie im SS-Jargon hiessen. Mit «Schutzhaftbefehlen» wurde ohne Verfahren, auf blosse Denunziation hin oder nach reinem Gutdünken verhaftet, oft auf unbeschränkte Zeit und bis zum Tod durch Krankheit oder Folter. Die SS führte die Konzentrationslager, SS-Einheiten eskortierten die Züge, die Millionen in die Vernichtungslager brachten. Und in der Zentrale im Berliner Prinz-Albrecht-Palais wurden die Gräuel mit bürokratischem Irrwitz verwaltet: Jede Schreibmaschine verfügte eigens über eine Type mit der SS-Doppelrune.

Heinrich Himmler, oberster Chef dieser perversen Polizei, suchte nach Kriegsende hektisch nach Kontakten mit den Alliierten, um einer Strafe zu entgehen. Ohne Erfolg. Seine etwas zu neuen, auf den Namen «Heinrich Hitzinger» gefälschten Papiere fielen britischen Militärpolizisten auf, und am 23. Mai 1945 biss Himmler in einem Verhörzimmer in Lüneburg auf eine Zynkalikapsel. Die SS wurde formell aufgelöst, ihr Hauptquartier an der Prinz-Albrecht-Strasse gesprengt.

Heute steht auf der mit grauem Schotter bedeckten, leeren Fläche ein Dokumentationszentrum mit dem Namen «Topographie des Terrors».

Schwundgeld

Wie kommt man zu Geld? Die Frage ist fast so alt wie die Menschheit, und im Grunde gibt es darauf nur zwei Antworten: Entweder man arbeitet dafür, oder man knöpft es anderen ab. Letzteres leuchtete nicht nur Strassenräubern ein, sondern auch den Fürsten des Mittelalters. Zum Beispiel Wichmann von Seeburg: Im Jahr 1154 wurde er zum Erzbischof von Magdeburg geweiht und damit zu einem der bedeutendsten Kirchenfürsten der Zeit. Seine Idee: Einmal geprägt, wurden die Magdeburger Münzen alle sechs Monate «verrufen», d.h. kurzerhand für ungültig erklärt. Die alten Münzen konnten danach zwar in die frisch geprägten umgetauscht werden, doch obwohl das alte und das neue Geld denselben Gold- oder Silbergehalt aufwiesen, erhielten die Bürger für zwölf alte Münzen nur noch neun neue. Ein volles Viertel ging so an den Erzbischof, der damit Kirchen und Kriege finanzierte.

Mit der Erfindung dieses «Schwundgeldes» schlug Wichmann zwei Fliegen auf einen Streich: Zum einen flossen der Staatskasse so alle sechs Monate beträchtliche Geldmengen zu, und zum anderen wurde der Geldumlauf enorm beschleunigt, denn um dem empfindlichen Wertverlust zu entgehen, brachten Bürger, Handwerker und Händler die als «rostendes Geld» verspotteten Pfennige rasch wieder in Umlauf. Der Konsum kam in Schwung, und die Wirtschaft begann zu blühen.

Dieses radikale Konzept einer 25-prozentigen Kapitalsteuer war ein mittelalterlicher Erfolg, und während der grossen Depression 1932/33 kam der Bürgermeister des Tiroler Dorfs Wörgl auf die Idee, eigenes Schwundgeld drucken zu lassen, Banknoten, auf die jeden Monat Marken im Wert von einem Prozent ihres Werts aufgeklebt werden mussten. Wörgls Wirtschaft kam erstaunlich gut durch die Krise – bis die österreichische Nationalbank dem illegalen Experiment, unter Androhung eines Armeeeinsatzes, 1933 ein abruptes Ende setzte.

Scrib

Deutschland, England, USA – wie man es dreht und wendet, der Computer ist ein Ausländer. Doch einer seiner Vorfahren war ein echter Schweizer. Und das kam so:

1976 traf Jean-Daniel Nicoud, Physikprofessor an der EPFL Lausanne, auf einem Swissair-Flug nach Boston zufällig einen Vertreter der Lausanner Firma Bobst Graphic. Ein Wort gab das andere, und am Ende waren sich die beiden einig, gemeinsam einen tragbaren Computer für Journalisten zu entwickeln, der Texte speichern und verschicken konnte.

Das Ergebnis hiess «Scrib» und war eine mittlere Revolution. Das in Olivgrün und Beige gehaltene, 16 Kilo schwere Gerät sah aus wie eine elektrische Schreibmaschine und speicherte Texte auf zwei Mikrokassetten à je 8000 Zeichen. Auf der Rückseite befand sich ein 7-Zoll-Bildschirm, den man mithilfe eines ausklappbaren Spiegels sehen konnte, und mit einem Akustikkoppler liessen sich die Texte mit atemberaubenden 300 Bit pro Sekunde in die Redaktionen übermitteln. Nach dem Fussballspiel belagerten also die Reporter die wenigen Telefonkabinen des Stadions, und nach dem Senden folgte stets ein längeres Korrekturgespräch, weil der analoge Zeitimpuls des Münztelefons alle paar Zeilen die Sportprosa in Kauderwelsch verwandelt hatte.

Trotzdem war das Gerät ein Erfolg. Rund 1000 Stück wurden verkauft; 1978 erhielt der «Scrib» in San Francisco gar einen Designpreis. Die Firma Bobst Graphic ging unter, doch die «Scrib»-Maschinen zählten volle zehn Jahre lang zum Inventar von Zeitungsverlagen, die begriffen hatten, dass die Zukunft dem Computer gehört.

Second Life

Vielleicht war’s ja nicht gleich der Traum vom Paradies. Aber eine bessere Welt sollte es schon werden: Secondlife.com, die Schöpfung von Linden Lab, einer Firma in San Francisco mit nur 31 Angestellten.

Second Life: das ist zu allererst ein Computerprogramm. Es ist, wie es sich für eine bessere Welt gehört, kostenlos und lässt sich im Internet herunterladen. Es entführt uns User, wie wir Menschen heute heissen, in eine gigantische künstliche Welt, wo wir als erstes wie die Kinder staunen lernen. In Second Life können wir uns neu erfinden – das Selbst unserer Wünsche sieht aus wie eine Comicfigur, kann fliegen wie ein Vogel – und ist entweder ganz anders oder ganz genau so wie wir. In Second Life gibt es Land und Wasser, Dörfer und Städte. Und vor allem Menschen: Schon 7,5 Millionen tummeln sich mindestens gelegentlich in Second Life. Man kann gemeinsam Ausflüge unternehmen, sich vergnügen und sich per Tastatur unterhalten.

Wer diese detailverliebte Comicwelt gründlich bestaunt hat, kommt rasch dahinter: Second Life ist ein Paradies auf Erden, vor allem für die Werbung: Firmen bieten Produkte feil – wie etwa virtuelle Massanzüge fürs virtuelle Ego – oder ganz reale Dienstleistungen wie die Abendschlagzeilen. Es ist auch ein Paradies für Linden Lab: Hab und Gut – alles kostet. Bezahlt wird in Linden-Dollars, und die wiederum gibt’s gegen ganz reales Geld; in der spieleigenen Börse und zum Kurs von zur Zeit knapp 270:1. Da ist die Gier nicht weit. In Second Life gibt’s bereits die ersten Betrüger, die mit virtuellen Liegenschaften echte Menschen um echtes Geld bringen und echte Gerichte beschäftigen. Von Pornografie und anderem ganz zu schweigen.

Es ist ein Traum geblieben. Second Life ist zwar nichts weniger als eine neue Welt. Nur: Wirklich besser ist sie nicht geworden.

Sekunde

Das Ticken der Uhr ist eine Ikone der Vergänglichkeit – «Kinder flüchtiger Sekunden» dichtete der (im übrigen ziemlich erfolglose) Zürcher Autor und Journalist Heinrich Leuthold um 1850 und meinte damit den Augenblick, der, einmal verstrichen, nie mehr wiederkehrt.

Die Sekunde ist uns so vertraut, dass wir uns über ihren seltsamen Namen nie Gedanken machen. Sekunde heisst auf Lateinisch «die Zweite» – und warum nicht «Prim» oder «Terz»? Das hat mit der Teilung der Zeit in kleinere und kleinste Einheiten zu tun. Schon die alten Ägypter teilten den Tag in 24 Stunden auf. Die erste Tagesstunde begann mit Sonnenaufgang, in der zwölften ging die Sonne unter, mit der Dämmerung begann die erste Nachtstunde. Gemessen wurde das Mass aller zeitlichen Dinge mithilfe der Sonnenuhr. Mit der Erfindung mechanischer Uhrwerke im Mittelalter war das Stundenmass auf einmal nicht mehr genau genug, und so wurde die Stunde, ein erstes Mal, durch 60 geteilt. Die so entstehende Minute kommt von lateinisch minuere, «verkleinern», und hiess ursprünglich pars minuta prima, also jener Teil, der entsteht, wenn man die Stunde ein erstes Mal aufteilt. Pars minuta secunda, von der die Sekunde abstammt, ist also folgerichtig das Ergebnis einer zweiten Teilung durch 60 – durch 60 deshalb, weil das die Grundzahl des 4000 Jahre alten Sexagesimalsystems war, des Zahlensystems im alten Babylon, das nicht auf der 10 wie unser Dezimalsystem, sondern auf der 60 beruht.

Wenn wir heute also in bangen Momenten die Sekunden zählen, dann machen wir, ohne es zu wissen, eine sekundenlange Zeitreise durch die Jahrtausende.

Sen, Amartya

Die Harvard University ist sozusagen der Olymp der Wissenschaft. Hier lehrt der Ökonom, Philosoph und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Sein Forschungsgebiet ist Armut. Und das kam so.

Amartya Sen stammt aus dem indischen Bundesstaat Westbengalen. 1933 in einem wohlhabenden Elternhaus geboren, erlebte der achtjährige Sen einen Schock: Auf offener Strasse wurde der muslimische Tagelöhner Kader Mia von einem extremistischen Hindu niedergestochen. Schwer verletzt schleppte sich Mia zum Haus der Familie Sen. Auf dem Weg ins Spital flüsterte der Sterbende, seine Frau habe ihn genau davor gewarnt: als Ausländer in einem Land sozialer Unrast Arbeit zu suchen; doch weil seine Familie nichts zu essen habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben. «Der Tod dieses Mannes hat mich geprägt», schreibt Sen in einem biografischen Essay. «Er hat mir klargemacht, dass ökonomische Unfreiheit einen Menschen zum hilflosen Opfer macht.»

Und so begann Amartya Sen, die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Freiheit und sozialen Chancen zu untersuchen. Ihm fiel auf, dass die Wissenschaft das Phänomen der Armut ausgesprochen eindimensional betrachtete. Nicht einfach die Verteilung von Gütern bestimme, ob jemand arm sei, stellte Sen fest: Entscheidend sei vielmehr, wie viele Chancen auf Verwirklichung seiner Ziele ein Mensch habe. Diese capabilities seien es, die seinen Grad an ökonomischer Freiheit bestimmten.

Trotz all des Elends, das Amartya Sen erforscht, hat er sich seinen Schalk bewahrt: «Ich habe an vielen grossen Universitäten gelehrt», steht in seinem Lebenslauf zu lesen. «Einen anständigen nichtakademischen Job hatte ich nie.»

Serviette

Wenn’s um Tischmanieren geht, waren die alten Römer Barbaren. Im «Gastmahl des Trimalchio», das uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, tragen Dutzende Sklaven die erlesensten Speisen auf: In Honig und Mehl gebackene Haselmäuse, mit lebendigen Drosseln gefüllte Kuchenteigschweine und in Pfeffersauce schwimmenden Bratfisch. Unerlässliches Requisit dieses Inbegriffs der Dekadenz: Die lateinische mappa, die Serviette. Genaugenommen waren es deren zwei: Die grössere diente dazu, die mit teuren Stoffen bezogene Liege vor Flecken zu bewahren, die kleinere wurde in der linken Hand gehalten und diente als Mundtuch.

Mit Rom ging im 5. Jahrhundert auch die Serviette unter. Im dunklen Mittelalter pflegte man sich den Mund mit dem Ärmel und die Finger mit dem Tischtuch abzuwischen. Erst im 16. Jahrhundert entdeckte der Adel die Serviette neu. Das französische Wort bedeutet wörtlich «kleine Dienerin», und tatsächlich pflegten Bedienstete mit dem «Tellertuch», wie es auf Deutsch hiess, das Gedeck der hohen Gäste abzuwischen.

Ob Damast, Leinen oder Papier: Ohne Serviette nehmen wir heute keinen Happen mehr zu uns. Bei McDonald’s gibt’s zum Burger gleich ein halbes Dutzend davon. Meistens jedenfalls: Der 59-jährige Webster Lucas hatte Anfang 2014 zu seinem Big Mac eine einzige Papierserviette erhalten; eine zweite sei ihm, seiner Hautfarbe wegen und «aus rassistischen Gründen», verweigert worden. Einen Gratis-Burger zur Beschwichtigung schlug Lucas aus und verklagte McDonald’s stattdessen auf Schadenersatz. Im Umfang von 1,5 Millionen Dollar.

Shampoo

Georg IV war unbeliebt. Der britische König galt als Lebemann und Frauenheld, und seine Verschwendungssucht trug wenig dazu bei, seinen Ruf zu bessern. Obwohl stets knapp bei Kasse, liess King George 1815 im aufstrebenden Badeort Brighton den «Royal Pavilion» bauen, einen Palast, wie ihn England noch nie gesehen hatte – ein Prachtbau mit Säulenkolonnaden und Zwiebeltürmen im Stil indischer Maharadschapaläste, mit vergoldeten Möbeln, chinesischen Seidentapeten und einem tonnenschweren Kristalllüster in Form eines Drachen. Die oft viele Stunden langen Diners mit bis zu 100 Gängen hinterliessen ihre Spuren: King George trank zuviel, wurde fett, litt an Ödemen, Gicht und konnte sich am Ende nur noch in einem eigens für ihn konstruierten Rollstuhl fortbewegen. Das einzige, was half, waren Bäder und Massagen.

Der beste Masseur in Brighton war ein eingewanderter Bengale namens Sake Dean Mohammed. Mohammed, ein gewiefter Unternehmer, bot Dampfbäder und Massagen an, die er nach einem alten Hindi-Wort Shampoo nannte. Ein Shampoo war eine indische Kopfmassage mit pflanzlichen Pulvern oder Duftölen, und daraus machte Mohammed ein modernes Wellnessangebot für die oberen Zehntausend. Seine Shampoos erfreuten sich bald grosser Beliebtheit, allem voran bei King George höchstselbst, und bald verlieh der seinem Masseur den offiziellen Titel «Shampooing Surgeon of the King», Massage-Leibarzt des Königs. Erste Kosmetikhersteller entdeckten das verheissungsvolle Wort, und heute ist das Haarwaschmittel ganz selbstverständlich ein Shampoo.

Shitstorm

Das Wort gehört eindeutig nicht zum guten Ton, und doch entfährt es uns so manches Mal, wenn – Sch…! – Verzeihung, so manches Mal, wenn uns etwas misslingt. Auch die englische Übersetzung sh… ist im Schwang, und wenn sich die gleich kübelweise über den Urheber eines Blogs oder einer Facebookseite ergiesst, in Form von Schimpf-und-Schande-Kommentaren im Minutentakt, dann spricht man von einem Shitstorm. Wenn man das fremde Fäkalwort meiden wollte, könnte man wie der Duden von «Empörungswelle» sprechen, oder, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache vorschlägt, von «Netzhetze». Vergeblich. Wenn im Web ein Entrüstungssturm losbricht, wenn es Schmähungen nur so hagelt, dann spricht man neudeutsch von einem Shitstorm.

Das Wort erfreut sich einiger Beliebtheit. In der Schweiz wurde «Shitstorm» 2012 gar zum Wort des Jahres gekürt. Betroffen ist der Politiker, der sich seinen Doktortitel erschummelt hat, ebenso wie der Konzern, der betrügerischer Absprachen überführt wird. Für den Shitstorm gibt es eine Art Beaufort-Skala: von 0 (Windstille, keine kritischen Rückmeldungen) bis 6 (ungebremste Polemik eines aufgepeitschten Publikums, Orkan). Wenn ein solcher Sturm erst einmal so richtig tobt, dann reichen die Ratschläge selbsternannter Krisenkommunikationsexperten von Abschalten betroffener Webseiten bis hin zu fieberhafter Versöhnungshektik. Und alles taugt dann in etwa so viel wie das Aufspannen eines Regenschirms inmitten des Tornados.

Immerhin: Wie alle Stürme zieht auch der Shitstorm weiter. Irgendwann. Und die gebeutelten Social-Media-Manager mögen sich trösten mit der Erkenntnis, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Wie sagt doch der Volksmund? Wenn Dir ein Vogel auf den Kopf sch…, dann sei froh, dass Elefanten nicht fliegen können.

Skara Brae

Der Wind und die Gischt gehören zu Orkney, der Inselgruppe nördlich von Schottland, wie das Salz zum Meer. Sie sind schuld daran, dass hier keine Bäume wachsen. Und das ist ein Segen.

Denn Menschen pflegen mit dem zu bauen, was sie haben. In waldigen Mitteleuropa war das Holz, und bis auf Stümpfe im Seegrund, die von Pfahlbauern zeugen, ist von Bauten der Jungsteinzeit kaum etwas übrig geblieben.

Auf Orkney ist das anders. Hier bauten die Menschen vor 4500 Jahren mit Stein, dem feinkörnigen, rötlichen Sandstein, der sich dank seiner Schichtung leicht in ebene Platten spalten lässt. Und so hat auf Orkney ein ganzes Dorf aus der Jungsteinzeit überdauert – perfekt erhalten, fast so, als sei es gestern erst von seinen Bewohnern verlassen worden. Skara Brae wird das Dorf genannt, und dass es überhaupt entdeckt wurde, ist wieder dem Wetter zu verdanken. Nachdem die Mauern jahrtausendelang von einer Sanddüne bedeckt waren, riss im Winter 1850 ein schwerer Sturm Teile der Küste ins Meer, und erste Umrisse wurden sichtbar.

Skara Brae ist heute ausgegraben und konserviert. Die Siedlung besteht aus insgesamt neun Häusern und einer Werkstatt, deren Dächer zwar fehlen, deren Inneneinrichtung jedoch gut erhalten ist: Bettkästen, Wandnischen, Feuerstellen, Hausaltäre und rechteckige Wassertanks, in denen die Napfschnecken frisch gehalten wurden, die man als Köder zum Fischen benötigte. Die Bewohner fingen Dorsche, hielten Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine, bauten Gerste an und buken Brot. Und lebten in ihren wind- und wasserdichten, gut beheizten Steinhäusern so behaglich, wie das möglich war – gänzlich unbehelligt von Sturm und Gischt, die noch vorher da waren.

Smiley

Er ist eine Ikone des Glücklichseins: der gelbe Kreis mit zwei Punkten und einem aufwärts gerichteten Bogen, den wir als strahlendes Lächeln interpretieren und der in der Notation Semikolon-Bindestrich-Klammer mittlerweile jeden zweiten Satz ziert.

«Emoticon» nennt man solch stilisierte Fröhlichkeit, und zur Welt kam der Smiley – korrekt übrigens mit -ey und nicht etwa mit -ie geschrieben – im Jahr 1953. Um den Kitschfilm «Lili» mit Leslie Caron in der Hauptrolle bekannt zu machen, schalteten die Verleiher handgezeichnete Inserate, die zur Untermalung des Versprechens «Today you’ll laugh, cry, love» von drei lachenden, weinenden und liebenden Ur-Smileys geziert wurden. Der moderne Smiley – gelber Kreis, ovale schwarze Augen, Grübchen – ist bereits die Version 2.0. Gezeichnet hat ihn im Dezember 1963 der amerikanische Kriegsveteran und Werbegrafiker Harvey Ball, in 10 Minuten und im Auftrag einer Versicherung, die nach einer feindlichen Übernahme mit lustigen Anstecknadeln das Betriebsklima wieder heben wollte. Die Anstecker verbreiteten sich epidemisch, von den Angestellten und deren Familien übers ganze Land.

Der gelbe Strahlemann wirbt heute für alles, wofür es sich zu werben lohnt und macht viele Menschen reich. Allen voran den französischen Unternehmensberater Franklin Loufrani: Der meldete 1971 ein leicht verändertes Grinsen zum Patent an, das er sich zur Kennzeichnung der guten Nachrichten seines Auftraggebers «France Soir» angeblich selbst ausgedacht hatte. Loufrani ist heute Multimillionär und hält die Smiley-Nutzungsrechte in über 80 Ländern.

Erfinder Harvey Ball dagegen ging bis zu seinem Tod 2001 leer aus. Das Honorar für seinen Ur-Smiley waren gerade mal 45 Dollar.

Social Media

Vor fünf Jahren waren Social Media noch esoterischer Slang blasser Informatikgurus. Heute sind sie Alltag: Facebook und Twitter sind längst, was der Antike das Forum und dem Mittelalter der Marktplatz war. Nur der Begriff «Social Media» führt in die Irre. Denn sozial waren die Neuen Medien selbst dann schon, als es sie noch gar nicht gab.

Als nämlich 1989 der damals 33-jährige Wissenschaftler Tim Berners-Lee am Cern in Genf auf nur 12 Seiten das skizzierte, was wir heute Web nennen, nahm er Facebook & Co. glatt vorweg: Jedermann sollte, so seine Vision, Inhalte frei kommentieren und Links hinzufügen können. Das war, schon 1989 und Jahre vor dem ersten Webserver, die Urmutter dessen, was wir heute «posten», «liken», «twittern» oder «followen» nennen.

Sozial war das Web also von Anfang an, selbst dann, als es nicht länger nur eine Sache für Forscher, sondern für die ganze Welt war. Der Renner von Homepages der ersten Stunde waren die Gästebücher, weil sie einen öffentlichen Austausch zuliessen, und als 2002 ein anderer Visionär, der 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield, mit flickr.com eine Plattform ins Netz stellte, auf der jedermann nach Belieben nicht nur seinen Senf, sondern auch Bilder dazugeben konnte, hatte er nicht einfach ein gigantisches Fotoalbum erfunden, sondern ein soziales Netzwerk der ersten Stunde. Facebook und Twitter, die heute für die ganz grossen Schlagzeilen sorgen, kamen erst später.

Der Mensch ist ein durch und durch soziales Wesen, und mediale Litfasssäulen, gedruckt und gesendet, gibt es genug. Das Web kann gar nicht anders, als sozial zu sein.

Solitaire

Am 18. Mai 2015 liess Microsoft die Korken knallen. Zu feiern gab es das 25-Jahr-Jubiläum der wichtigsten Software, die in Redmond im US-Bundesstaat Washington je entwickelt worden war. Wichtig vielleicht weniger im Sinne der Produktivität als vielmehr des allgemeinen Wohlbefindens, denn das Programm heisst «Solitaire».

Solitaire ist ein Kartenspiel, eine Computer-Patience, die der Microsoft-Angestellte Wes Cherry 1989 geschaffen hat. Die Kollegen waren begeistert, bis hoch zum obersten Chef Bill Gates: Mit diesem Game, so erkannten sie, würden Computerneulinge spielerisch mit der Computermaus vertraut werden. Und so kommt es, dass Solitaire seit dem Betriebssystem Windows 3 zum Inventar der meisten PCs dieser Welt gehört. Bis heute zur Freude von Hunderten von Millionen Spielern rund um den Globus.

Mit verheerenden Auswirkungen: Ungezählte Arbeitsstunden, Jahre, Jahrhunderte wurden mit Solitaire verzockt. Der Büroangestellte Edward Greenwood hatte 2006 das Pech, dass Michael Bloomberg, als Bürgermeister von New York City immerhin sein oberster Chef, während eines Besuchs einen Blick auf seinen Bildschirm erhaschte. Auf dem dummerweise ein Solitaire-Spiel zu sehen war. Der Bürgermeister fackelte nicht lange und liess den unglücklichen Gamer auf der Stelle feuern.

Obwohl als Produktivitätskiller verschrieen, ist Solitaire nicht totzukriegen. Das letzte Windows, mittlerweile Version 8, wurde zum ersten Mal seit 1990 ohne Spiel angeboten – in den Augen der Patience-Profis ein Fehler. Die warten daher ungeduldig auf Microsofts nächsten Streich: Das neue Solitaire mit einem bisschen Windows 10 drum rum.

Spaghetti

Heisses Wasser, etwas Salz und eine Handvoll Spaghetti: Pasta, so könnte man sagen, sind das erste Fertiggericht der Geschichte.

Einer sehr langen Geschichte. Teigwaren stammen aus dem nördlichen China. Am Ufer des Gelben Flusses fanden Archäologen einen 4000 Jahre alten Topf, in dem sich noch Reste von Spaghetti befanden. Eine gigantische Flut hatte das jungsteinzeitliche Dorf überrollt, mit Mann und Maus und mitsamt dem Spaghettitopf, der kopfüber im Schlamm steckenblieb. In seinem Inneren bildete sich ein Vakuum, in dem die Teigwaren aus Hirsemehl überdauerten – bis zum Augenblick ihrer Entdeckung: Mit dem Ausgraben des Topfs gelangte das Jahrtausende alte Nudelknäuel an die frische Luft. Den Forschern blieb gerade genug Zeit, diese Ur-Spaghetti zu fotografieren; danach zerfielen sie vor ihren Augen zu Staub.

Nach Italien gelangten die Pasta lange vor Christi Geburt. In Gräbern der Etrusker, einem Volk in Norditalien, das später im römischen Reich aufging, finden sich farbenprächtige Fresken, die Nudelbrett, Nudelholz und Mehlsäckchen zeigen. Im 12. Jahrhundert, so berichtet der muslimische Geograph al-Idrisi, wurden auf Sizilien itryya bereits in grossen Mengen hergestellt. Itryya, in süditalienischen Dialekten trie, waren fadenförmige Spaghetti aus Hartweizen, die getrocknet und später in Salzwasser gekocht wurden.

Im vorindustriellen Italien waren Spaghetti eine Delikatesse, die, weil sehr aufwändig, grossen Festen vorbehalten war. Erst die maschinelle Verarbeitung des Nudelteigs machte aus den Teigwaren, was sie heute sind: eine Mahlzeit auf die Schnelle.

Spam

Um den halsstarrigen Pharao zur Einsicht zu bringen, liess Gott, dem zweiten Buch Mose zufolge, im 13. Jahrhundert vor Christus die zehn Landplagen über Ägypten kommen, darunter Heuschrecken, Finsternis und Tod. Halsstarrige Menschen soll es heute, 3500 Jahre später, immer noch geben. Und ebenso die Landplagen.

Eine davon heisst Spam, und gemeint sind die unglaublich lästigen E-Mails, die ungefragt den elektronischen Briefkasten verstopfen und hemmungslos für alles werben, worauf die (meist männliche) Menschheit schon immer gewartet hat: für Online-Casinos, Software und Potenzmittel. Obgleich nichts als Müll, war Spam ursprünglich ein Markenname für Dosenfleisch – spiced ham. Im Zweiten Weltkrieg, als Lebensmittel auch in den USA rationiert waren, war Spam zwar überall zu haben, aber wenig geniessbar. Zum Inbegriff des Unerwünschten wurde das Dosenfleisch durch einen Sketch: Die britische Comedytruppe Monty Python’s Flying Circus verulkte ein Speiselokal, in dem es nichts als Spam zu essen gab.

Dann kamen erst der Computer, und dann das Internet und E-Mail. Und weil auch leichtes Geld gutes Geld ist, kamen windige Geschäftemacher auf die Idee, auf der Suche nach Leichtgläubigen die Welt mit Werbung zu überziehen. Eine erste Spam-Mail wurde 1978 600-mal verschickt, heute sind es gegen 100 Milliarden Spams pro Tag. Spam wird längst nicht mehr von Hand verschickt, sondern von kleinen Computerschädlingen, die ungeschützte PCs infizieren und unbemerkt die unfrohe Botschaft verbreiten. Womit wiederum die Hersteller von Spamfiltern gute Geschäfte machen. (Kleiner Tipp: Der beste aller Spamfilter ist immer noch das Auge – englischer Titel plus unbekannte Adresse plus Schreibfehler gleich Spam.)

Vor 3500 Jahren waren sie noch analog, die Heuschrecken – heute sind sie digital. Spam ist und bleibt eine Landplage.

Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.

Spiegelschrift

Mailand, 1490. Der 38-jährige Leonardo da Vinci notiert:

Es ist nützlich, andauernd zu beobachten, aufzuschreiben und nachzudenken.

Wohin Leonardo auch geht, stets baumelt ein Notizbuch von seinem Gürtel, und in dieses Buch notiert das Universalgenie, was immer ihn gerade beschäftigt und was als nächstes zu tun ist. So steht da:

Die genauen Masse von Mailand berechnen,
den Professor fragen, wie man ein Dreieck in ein gleich grosses Quadrat umwandelt,
Karte von Mailand zeichnen.

Bloss: So einfach lesen lassen sich die Notizen nicht, denn bis auf Briefe, die für andere bestimmt waren, hat Leonardo alles in Spiegelschrift geschrieben, immer seitenverkehrt und von rechts nach links. Wer seine Aufzeichnungen entziffern will, muss sie vor einen Spiegel halten.

Die Wissenschaft hat lange darüber gerätselt, weshalb. Wollte Leonardo seine Erfindungen vor unbefugten Lesern schützen? War es eine Geheimschrift; eine Art Patentschutz? Die Antwort ist einfacher. Leonardo da Vinci war Linkshänder, und die Spiegelschrift bewahrte ihn vor dem Verschmieren der Tinte. Genutzt wird sie bis heute. Polizei-, Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge, deren Beschriftung im Rückspiegel lesbar sein muss, werden vorn seitenverkehrt beschriftet.

Spiegelschrift von Hand ist eine Knacknuss. Wer Linkshänder ist wie Leonardo, aber mit rechts schreiben gelernt hat, ist dabei im Vorteil: Viele umgeschulte Linkshänder beherrschen die Spiegelschrift von Natur aus – ohne Übung und ohne nachzudenken, als ob sie schon immer so geschrieben hätten.

Spiel des Lebens

Mathematik, mit Leib und Seele: John Horton Conway, Jahrgang 1937 und Professor in Princeton, entspricht nicht ganz dem kreidestaubigen Klischee. Denn er hat eine Schwäche: das Spielen. Für andere wäre «Unterhaltungsmathematik» eine Beleidigung. Nicht für John Conway.

1970 dachte er sich ein «Spiel für null Spieler» aus, wie er es augenzwingernd nannte. Das geht so: Man stelle sich ein unendlich grosses Schachbrett vor. Legt man einen Spielstein auf ein Feld, kann dieser Stein maximal acht Nachbarn haben, dann nämlich, wenn auf jedem umliegenden Feld ebenfalls ein Stein liegt. Conway streute wahllos Steine auf sein Brett und stellte sich dabei vor, jeder sei ein Lebewesen. Die virtuelle Natur sollte drei einfachen Regeln folgen: Ist ein leeres Feld von drei angrenzenden Zellen umgeben, dann entsteht darauf eine neue Zelle. Eine lebende Zelle, die zwei oder drei Nachbarn hat, bleibt am Leben; hat sie nur einen oder mehr als drei Nachbarn, geht sie zugrunde, je nachdem an Einsamkeit oder Übervölkerung.

Runde für Runde verändert sich so das Spiel, das Conway «Life» nannte, Spiel des Lebens. Nächtelang brütete er über seinen Spielsteinen – und entdeckte dabei faszinierende Muster: Figuren, die krabbeln können, Figuren, die sich in die Unendlichkeit ausdehnen – und dann urplötzlich in sich zusammenfallen.

Studenten dient das Spiel heute als Fingerübung im Programmieren, und Wissenschaftler sehen in ihm so genannte «zelluläre Automaten». Noch heute gibt es ganze Forscherteams, die das «Game of Life» in potenziell unendlichen Räumen erforschen.

Conway selbst hatte nichts als sein Spielbrett zur Verfügung. Und seinen ungebremsten Spieltrieb. So kommt es, dass die Conway-Krabbelfigur, der so genannte «Gleiter», zum Symbol geworden ist: nicht für die Gilde der Mathematiker, sondern der Computer-Hacker.

Spielkarten

Spielkarten sind Kulturgut par excellence. Und längst sind sie Teil der Alltagssprache – ob zwei Staaten ein Abkommen aushandeln oder zwei Bauern um eine Kuh feilschen: Beide werden sie sich nicht in die Karten blicken lassen. Dabei wären Karten genau dafür gemacht: Spielkarten sind deshalb punktsymmetrisch, damit man sie auch dann erkennen kann, wenn sie kopfstehen.

Mit Karten spielt buchstäblich die ganze Welt, und so verschieden die Menschen, so verschieden die Karten. In Indien gab es runde Karten und in China schmale, längliche Streifen. Auffällig ist, dass Kartenspiele fast ausnahmslos vier verschiedene Farbwerte aufweisen: Im französischen Blatt sind das Kreuz, Pik, Herz und Karo, im Schweizer Blatt Eicheln, Schilten, Schellen, und Rosen, oder in Italien und Spanien Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe. Verblüffend ist die Verwandtschaft mit den chinesischen Mahjongg-Spielsteinen und ihren Farbwerten Bambus, Zahl und Kreis – sowie Blumen, Jahreszeiten, Winde und Drachen. Mahjongg-Steine sind würfelzuckerklein und meist aus Bambus gemacht, aber klar, dass es das Spiel auch in Kartenform gibt.

Karten sind universell und daher, wie heute üblich, genormt. Der Standard ISO-216 kennt die Grössen Poker (63 mal 88 Millimeter) oder Bridge (sieben Millimeter schmaler). Der Grund: Der Pokerspieler muss die Karten seines Gegenübers auch über einen verrauchten Tisch hinweg erkennen können, und eine Bridge-Spielerin muss es schaffen, ein Blatt von 13 Karten in der Hand zu halten.

Spielkarten haben ihren Ursprung in Ostasien. Sie bestehen aus dünnem Karton, und der verbreitete sich in Europa erst im Mittelalter. Im Jahr 1367 verbot die Stadt Bern ein Spiel mit dem Namen «Das Gebetbuch des Teufels» – nach Ansicht von Forschern war damit ein Kartenspiel gemeint.

Spitzmaus

Die Spitzmaus ist gar keine Maus: Sie zählt nicht zu den Nagetieren, sondern zu den Insektenfressern und ist damit eine Verwandte des Maulwurfs. Es gibt Hunderte von Arten, doch nur 10 leben auch in Mitteleuropa. Mit zwischen 5 und 10 Zentimetern ist die Spitzmaus klein, und sie ist sehr anpassungsfähig. Sie lebt an Land und im Wasser. Landspitzmäuse markieren ihr Territorium mit einem penetranten Duft (weshalb sie zwar von Katzen gefangen, aber nicht gefressen werden); Wasserspitzmäuse haben an den fünf Zehen ihrer Füsschen eine Art Schwimmhaut aus Borsten.

Für gewöhnlich ändern sich Körpermasse von Tieren nicht mehr, sobald sie ausgewachsen sind. Bei der Spitzmaus ist das anders. Organe und sogar Knochen beginnen sich auf den Winter hin zurückzubilden; im Februar wachsen die Tiere wieder. Das hat seinen Preis: Weil auch das Spitzmaushirn im Winter kleiner ist, sind die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt. Ausserdem wachsen die Tiere nicht so stark, wie sie vorher geschrumpft sind; sie sind im Frühling also etwas kleiner als vor dem Winter – ein enorm entbehrungsreicher Prozess, der zeigt, wie anpassungsfähig Säugetiere sein können.

Bleibt die Frage, warum die Spitzmaus so heisst, obwohl sie keine ist. 1942 beschloss die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde, die Spitzmaus in die ältere Bezeichnung «Spitzer» umzubenennen. Als Adolf Hitler davon in der Zeitung las, bekam er einen Wutanfall und liess den Zoologen befehlen, diese «derartig blödsinnige Umbenennung» unverzüglich wieder rückgängig zu machen – unter Androhung längerer Aufenthalte «in Baubataillonen an der russischen Front». Weshalb die Spitzmaus bis heute Spitzmaus heisst.

Steganographie

Das kleine Einmaleins des Geheimniskrämers ist das Verschlüsseln, von der einfachen Buchstabentabelle für den Liebesbrief auf dem Schulhof bis hin zur legendären Enigma für die Verschlüsselung deutscher Telegramme im Zweiten Weltkrieg. Das Verschlüsseln hat eine kleine Schwester, die zwar weniger bekannt, aber genauso talentiert ist: die Steganografie.

«Steganografie» ist Griechisch und heisst wörtlich «verdecktes Schreiben». Das einfachste Beispiel ist das Schreiben mit Zitronensaft: Das Vertrauliche lässt sich mit normaler Tinte überschreiben und wird erst durch Erwärmen über einer Kerzenflamme sichtbar. Während klassisches Verschlüsseln aus einem Text unverständliches Kauderwelsch macht, bleibt ein Steganogramm lesbar. Nur der Empfänger weiss, was es damit auf sich hat – zum Beispiel, dass die versteckte Information aus den Anfangsbuchstaben aller Wörter besteht. Für den heimlichen Mitleser dagegen bleibt die Botschaft ohne weiteres verständlich. Und weil er nicht weiss, worum es wirklich geht, schöpft er keinen Verdacht und legt den Brief zur Seite.

Steganografie wird längst nicht mehr nur auf Text angewandt. Eine geheime Planskizze lässt sich in einem harmlos aussehenden Katzenfoto verstecken, indem ein Stückchen Information zur Beschreibung jedes einzelnen Bildpunkts zweckentfremdet wird. Mit entsprechendem Werkzeug lässt sich selbst Spionage-Software in Ton oder Video verwandeln. Auf diese Weise bleibt nicht nur die versteckte Information vertraulich, sondern sogar der Umstand, dass da überhaupt etwas versteckt ist – Steganographie ist sozusagen Geheimniskrämerei im Quadrat.

Stereo

Ein halbes Jahrhundert ist es her, da war der Röhrenempfänger Gegenwart, das Transistorradio Moderne, und Stereophonie Inbegriff der Zukunft. Klang, dessen Ursprung sich im Raum orten liess – das war eine Art achtes Weltwunder.

Stereo
Heute, da Konzertsäle in jedem Handy Platz finden, ist kaum mehr vorstellbar, mit welcher Andacht die ersten Stereoaufnahmen gehört wurden. Dabei ist die Technik rasch erklärt: Eine Stereoaufnahme gibt zwei Aufnahmen wieder, Aufnahmen, die mit verschiedenen Mikrofonen an unterschiedlichen Orten gemacht wurden, jede davon auf ihrem eigenen Kanal. Die Aufnahme des einen Mikrofons bei den Geigen im linken, die des anderen zwischen Celli und Bässen im rechten Ohr: Das liess den Musikfan gleichsam zum Dirigenten werden. Anlagen, die den Stereoeffekt voll zur Geltung bringen konnten, waren nicht Unterhaltungselektronik, sondern Hausaltar.

Stereo ist Griechisch und kommt von stereos, «hart», «starr» oder «Raum». Erste Experimente gab es bereits 1940 im Walt-Disney-Zeichentrickfilm «Fantasia», dessen Stereoton allerdings nur wenige Kinos wiedergeben konnten. Instrumente links, Gesang rechts: Das war es, was die Beatles unter stereo verstanden, und andere Bands liessen den Popsound von links nach rechts und wieder zurück wandern – ein Pingpong-Effekt, der den Freundeskreis in Andacht erstarren liess.

Nicht überall aber wurde die neue Technik verehrt. Mit «Fünf Mann Menschen» produzierten 1968 Ernst Jandl und Friederike Mayröcker das erste vollständig in Stereo produzierte Hörspiel. Indes: Das mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Stück galt dem deutschen Hörspielpapst Heinz Schwitzke als «Kind einer Zeit des Überflusses und des Konsums».

Stewi

Der Stewi ist ein Stück Schweiz. Nur: Wer hat’s erfunden? Nein: Nicht die Schweizer. Seinen ersten Auftritt hat der Stewi (so heisst er übrigens nur in der Schweiz; in Deutschland ist das ein Wäscheschirm oder eine Wäschespinne) in einer britischen Patentschrift von 1923. Ausgeheckt haben ihn die beiden Ingenieure Frederick Fairbourn und William Stevenson. Bis anhin pflegte man die Wäsche an fest montierten Gestellen mit langen Leinen aufzuhängen, was nicht nur mit einiger Laufarbeit verbunden ist, sondern auch viel Platz braucht. Das futuristische Gerät namens Rotary Folding Clothes Dryer ist anders: Es lässt sich drehen, so dass man beim Aufhängen an Ort und Stelle stehenbleiben kann, und ist die Wäsche einmal trocken, lässt sich der Schirm ruckzuck zusammenklappen, aus der Halterung ziehen und wegräumen.

Seinen Namen verdankt der Stewi dem findigen Schweizer Unternehmer Walter Steiner. 1947 beginnt der 26-Jährige in einem Anbau des elterlichen Wohnhauses in Winterthur-Töss, nach britischem Vorbild Klappschirme zu bauen – die ersten Modelle noch aus Holz und mit einer Wäscheleine aus Hanf. Sein Unternehmen nennt er Stewi (aus «Steiner» und «Winterthur»), und sein Ziel ist es, «der Hausfrau die Arbeit so einfach wie möglich zu machen», wie er sagt. Steiners Taktik ist clever: Kunden, die an viel befahrenen Strassen oder Bahnlinien wohnen, bekommen Rabatt. Die modernen Gestelle mit ihren keck ausgestreckten Armen erregen Aufsehen und werden immer öfter gekauft. Aus der Werkstatt wird eine Firma, aus dem Tüftler ein Patron – und aus der britischen Wäschespinne der Schweizer Stewi, der noch heute in jedem zweiten Garten steht.

Stonehenge

5100 Jahre ist es her, da beschlossen die Menschen in Südengland, einen Tempel zu bauen. Einen Tempel, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte und der die Zeiten überdauern sollte. Was er auch tat – er steht in Wiltshire, 13 Kilometer nördlich von Salisbury. Wie ihn seine Erbauer nannten, wissen wir nicht. Wir nennen ihn Stonehenge, was in altenglischer Sprache «hängende Steine» bedeutet.

Doch das ist auch schon das Ende der Gewissheit. Die Forschung nimmt an, dass die gigantischen Blöcke – die grössten davon wiegen 50 Tonnen – auf Einbäumen geflösst und auf Holzschlitten geschleift wurden, bis zu 380 Kilometer weit über Meer, Flüsse und Pfade mit geringer Steigung, mit mächtigen Ochsengespannen und schierer Muskelkraft von Dutzenden von Männern. Auch über den Bauprozess gibt es plausible Theorien – das Absenken der Blöcke in tiefe Gruben, das Aufrichten der Säulen mit eingefetteten Lederseilen, die über hölzerne Dreibeine liefen, das Anheben der Decksteine mit Hebeln und einem wachsenden hölzernen Unterbau.

Doch wozu? Wozu ein derart gigantisches Bauwerk – in einer Zeit, in der die Menschen vollauf damit beschäftigt waren, Krieg, Kälte und Hunger zu entkommen? Forscher sagen: Stonehenge war eine Pilger- und Heilstätte, eine Art Lourdes der Jungsteinzeit. Andere behaupten: Stonehenge war ein astronomischer Kalender. Wieder andere: eine Stadt für die Toten, der grösste Friedhof Grossbritanniens. Erich von Däniken schliesslich wusste schon immer, dass Stonehenge ein Modell des Kosmos ist, gebaut von Ausserirdischen.

Virtuell nachgebaut wurde Stonehenge jedenfalls von einem höchst irdischen Baumeister namens Google. Street View sei Dank wandeln wir, jederzeit und überall, mitten hindurch, durch diesen mystischen Tempel der Urzeit.

Storch

Woher die Kinder kommen? Kinderbücher und Grosseltern haben uns beigebracht: Der Storch pflegt so mal eben übers Haus zu fliegen und – husch! – ein Schwesterchen oder Brüderchen in den Kamin plumpsen zu lassen. Über kleine Ungereimtheiten (im Schlafzimmer gab’s keinen Kamin) pflegten wir Kinder grosszügig hinwegzusehen.

Die Mär vom Storch als Kinderbringer gilt allgemein als uralt. Sie soll damit zusammenhängen, dass Weissstörche während der Brutsaison monogam leben, dass beide – Männchen und Weibchen – sich gleichermassen um ihre Brut kümmern und dass Störche oft an Teichen, in Sümpfen und Mooren zu sehen sind, wo alten Sagen zufolge die Seelen ungeborener Kinder wohnen.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass die Mär vielmehr der bürgerlichen Prüderie des 19. Jahrhunderts entstammt. Die Geschichte vom Storch, der die Mutter ins Bein beisst und sie so ins Krankenbett zwingt, worauf er ihr ein Baby bringt – diese Mär war ein schamhaftes Manöver, um den zu allen Zeiten ganz normalen kindlichen Fragen nach Sexualität und Fortpflanzung elegant auszuweichen.

Doch der Storch als Kinderbringer ist nicht auszurotten. Eine deutsche Studie von 2004 zeigte auf, dass in Niedersachsen die Anzahl der Störche von 1970 bis 1985 ebenso sank wie die der Neugeborenen; danach blieben beide Werte konstant. In Berlin, wo es kaum Störche gibt, verzeichneten die Statistiker zwischen 1990 und 2000 einen Anstieg der Hausgeburten. Die Forscher bezogen darauf das Berliner Umland in ihre Storchenzählung mit ein – und siehe da, dort wuchs die Storchenpopulation proportional zu den Berliner Hausgeburten. Der logische Schluss: Der Storch vom Lande bringt die Babys in die Stadt.

Strafe, drakonische

Drakonische Strafen sind grausam. Und doch tragen sie nicht den Namen eines Scharfrichters, sondern, im Gegenteil, eines Gelehrten.

Drakon von Athen war ein Jurist, der sich im Jahr 621 v. Chr. anschickte, einen Katalog aller bekannten Strafen zu erstellen und den Strafvollzug zu vereinheitlichen. Neben einer ellenlangen Liste teils barbarischer Bestrafungsmethoden führte Drakon auch zwei wichtige Neuerungen ein: die Unterscheidung zwischen vorsätzlicher und fahrlässiger Tötung und den Grundsatz, dass Fälle stets an spezialisierte Gerichtshöfe zu verweisen seien.

Damit die Athener dieses neue Strafgesetzbuch auch wirklich lasen, liess Drakon die Gesetze auf Holztafeln schreiben und auf Dreibeinen oder Säulen auf dem Marktplatz aufstellen. Diese «drakonischen Gesetze» galten bald als ausserordentlich grausam. Bei Plutarch steht zu lesen:

Drakons Gesetze, so sagte man, waren nicht mit Tinte, sondern mit Blut geschrieben. Drakon selbst wurde einmal gefragt, weshalb denn auf die allermeisten Taten der Tod stehe. Das sei ganz einfach, antwortete er: Schon für kleinere Vergehen halte er die Todesstrafe für gerechtfertigt, und für schwere Verbrechen gebe es halt einfach keine härtere Strafe.

Drakon der Richter hat der sprichwörtlichen drakonischen Strafe den Namen gegeben. Eines wird dabei aber übersehen: Drakon war nicht Henker, sondern Reformer. Er systematisierte geltendes Recht, setzte zum ersten Mal ein staatliches Gewaltmonopol durch – und schaffte damit die alten, ausufernden, noch viel grausameren und bis hin zur Blutrache reichenden Strafen ein für allemal ab.

Styropor

Träume sind Schäume, und Styropor ist ein Traum von einem Schaumstoff. Er ist billig, leicht, formbar, dabei aber druckfest, wetterfest, isoliert gegen Strom und gegen Kälte, lässt sich mit heissem Draht schneiden und nach Gebrauch vollständig wiederverwerten. Wir kennen den Stoff als Platte, die Häuser isoliert, und als Verpackung, die Eier und Computer schützt.

Am Anfang stand der Zufall. 1835 kaufte der Berliner Apotheker Eduard Simon eine Menge Harz des Amberbaums, der auf Rhodos und in der Türkei wächst. Dieses Harz namens «Styrax» wurde seit jeher für Arznei, Räucherwerk und Parfüm genutzt. Simon destillierte das Harz, erhielt eine klare Flüssigkeit, die er «Styrol» nannte, und wenn er das Wässerchen ein paar Monate lang stehen liess, war es auf einmal keines mehr, sondern vielmehr eine dickflüssige Masse – eine Substanz namens «Polystyrol», der Vater des Stoffs, aus dem die Schäume sind.

Gut 100 Jahre später experimentierte der BASF-Chemiker Fritz Stastny weiter, vergass dabei prompt eine der Proben – und erlebte sein blaues Wunder: «Klare Lösung bei Raumtemperatur bis 1. Dezember 1949 gelagert», schrieb er in sein Laborjournal. «Durchsichtige harte Scheibe entnommen. Diese Scheibe, die in einer Schuhcremedose im Trockenschrank vergessen worden war, verwandelte sich in den folgenden 36 Stunden zu einem kleinen Schaummonster. Der Dosendeckel sass neckisch wie eine Baskenmütze auf einem 26 Zentimeter hohen Schaumstrang.»

Damit war der Styropor erfunden. Nur auf einen einheitlichen Markennamen konnte man sich nie einigen, und so heisst der Stoff von Land zu Land anders: in Deutschland «Styrodur», in Österreich «Austrotherm», in Ungarn «Hungarocell» und in der Schweiz «Sagex».

Suchmaschine

Die wichtigste Maschine des modernen Lebens kocht keinen Kaffee, und sie treibt auch kein Auto an. Die Internet-Suchmaschine hat weder Kolben noch Zylinder, sondern besteht aus einer schlichten Seite mit einem Eingabefeld. Wir tippen einen Begriff ein, und schon durchsucht die Suchmaschine das weltweite Datennetz und listet ihre Funde auf.

Nur: Ganz so einfach ist es nicht. Eine Suchmaschine ist ein hoch raffiniertes Computerprogramm, das nur auf den leistungsfähigsten Rechnern der Welt läuft. Zudem ist das Internet so gross, dass es im Grunde gar nicht mehr durchsuchbar ist. Rund 150 Millionen Websites, so schätzen Analysten, sind zur Zeit in Betrieb, und jede davon enthält Dutzende, vielleicht Zehntausende von Dokumenten. Im Vergleich zu diesem Datenozean ist selbst die grösste Bibliothek der Welt, die Library of Congress in Washington, ein Notizbuch.

Damit uns eine Suchmaschine dennoch finden lässt, wonach wir suchen, muss sie sich sehr geschickt anstellen. Das Web ist verteilt auf Abermillionen einzelner Computer und wäre für eine Suche viel zu langsam. Also erstellt eine Suchmaschine mit speziellen Hilfsprogrammen einen sogenannten Index – eine Datenstruktur des Web – und speichert ihn ab. Diese Indexdaten lassen sich viel rascher durchsuchen, sind aber dafür von gestern: Allein Google braucht mehrere Wochen, um das Web einmal neu zu indexieren. Aktuelles, von Medien abgesehen, hat so fast keine Chance. Ein weiteres Problem: Das Web wächst schneller, als die Suchmaschinen es indexieren können, davon abgesehen, dass gar nicht alle Inhalte für die Öffentlichkeit bestimmt sind und gezielt versteckt werden. Die Folge: Die meisten Dokumente bleiben im Dunkel des so genannten «Deep Web».

Das «Surface Web» allerdings ist auch so noch gross genug. Der Begriff «Suchmaschine», bei Google eingegeben, liefert mehr als 21 Millionen Treffer.

Sudoku

Sudoku heisst auf Japanisch ganz einfach «einzelne Zahlen». Das Spiel gehört zu Japan wie der Vulkan Fuji, und genau das ist falsch. Denn Sudoku stammt nicht aus dem Land der aufgehenden Sonne, sondern aus Europa und den USA.

Der Urahn von Sudoku heisst magisches Quadrat, ein Quadrat aus Zahlenfeldern. Zählt man die Zahlen in jeder Zeile, Spalte und Diagonale zusammen, erhält man stets dieselbe Summe. Eines der ganz besonders vertrackten Zahlenquadrate hat sich 1514 der Maler und Mathematiker Albrecht Dürer ausgedacht, in seinem berühmten Kupferstich «Melancholia I».

Wenn man eine Reihe von Zahlen weglässt, lassen sich aus magischen Quadraten trefflich Rätsel fabrizieren. Besonders beliebt waren diese Rätsel im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und am 6. Juli 1895 stand in der Zeitung «La France» ein teilweise ausgefülltes Zahlenquadrat aus 81 Feldern, das nur die Ziffern von 1 bis 9 enthielt, ein Rätsel, das beinah identisch ist mit dem heutigen Sudoku.

Und dann kam Howard Garns. Garns, ein 74-jähriger pensionierter Architekt aus Connersville, Indiana, entwarf Zahlenrätsel für den Verlag «Dell Magazines», und 1979 erschienen Garns‘ erste modernen Sudokus, unter dem Namen «Number Place». So richtig Feuer fing die Rätselwelt allerdings erst, als 1984 der japanische Verlag Nikoli das Spiel in seinen Zeitschriften abzudrucken begann, unter dem japanischen Namen Sūji wa dokushin ni kagiru.

Erfinder Garns starb 1989 – dass seine Erfindung als «Sudoku» heute die halbe Welt in Atem hält, sollte er nicht mehr erleben.

Sündenbock

Wo immer etwas schief läuft, da wird ein Sündenbock gesucht. Nur gut, dass wir es da nicht mehr so halten wie in der Bibel:

Und Aaron soll den Ziegenbock herbringen. Er soll seine beiden Hände auf seinen Kopf legen und über ihm bekennen alle Missetaten der Israeliten (…). Er soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn (…) in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle Missetaten auf sich nehme und in die Wildnis trage. Und man lasse ihn in der Wüste.

Der zu einem grausamen Tod verurteilte Sündenbock stammt aus einer ausführlichen Opferanleitung des Alten Testaments. Dem dritten Buch Mose zufolge hat Gott das Ritual Moses älterem Bruder Aaron befohlen. Es bildet den Hintergrund des höchsten jüdischen Feiertags, des Jom Kippur. Der Jom Kippur, übersetzt «Tag der Sühne», wird von vielen Juden eingehalten. Gläubige fasten 25 Stunden lang. In Israel steht das öffentliche Leben still – die Strassen sind autofrei, Restaurants und Cafés sind ebenso geschlossen wie die Grenzübergänge und der Flughafen.

Die Vorstellung, einen Bock für die Menschen zu opfern, gibt es in vielen Kulturen. Auch in der Schweiz: Unterhalb von Göschenen liegt der 2000 Tonnen schwere Teufelsstein, der Sage nach vom Teufel aus Wut dorthin geschleudert. Für den erfolgreichen Bau der Teufelsbrücke hatte man ihm die Seele des ersten Wesens versprochen, das darüber ginge. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Niemand kam zu Schaden – ausser einem armen Bock.

Sütterlin, Ludwig

Ludwig Sütterlin, 1865 im Schwarzwald geboren, war Grafiker und Lehrer aus Leidenschaft. Sein Ausnahmetalent verhalf ihm 1911 in Berlin zu einem ganz besonderen Auftrag: Preussen hatte erkannt, dass mit der bisherigen Schreibschrift kein Staat mehr zu machen war. Das Schreiben mit den spitzen Stahlfedern war schwierig. Die unterschiedlichen Strichbreiten erforderten einen wechselnden Druck und zwangen die Schulkinder zu einer unnatürlichen, verkrampften Handhaltung.

Sütterlin vereinfachte radikal: Er richtete die schrägen Buchstaben auf und stellte sie senkrecht auf die Grundlinie. Die überlangen Ober- und Unterzüge wurden gekürzt, der Schwellzug abgeschafft. Der Minister war beeindruckt. Die neu gestaltete Schrift liess sich mit Gleichzugfeder und einheitlicher Strichstärke schreiben. Noch im selben Jahr wurde sie eingeführt, und bis in die dreissiger Jahre begannen die meisten deutschen Länder die «Sütterlin» zu schreiben.

Am 3. Januar 1941 allerdings fand die Erfolgsgeschichte ein abruptes Ende. Adolf Hitler verbot die alte,

schlecht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton, von Frauenschönheit und Männerkraft, von hochgehobenem Haupt und trotzigem Sinn

passende und dazu angeblich von Juden stammende Schrift und liess seinen Kanzleichef Martin Bormann die heutige, auf runden Formen basierende Handschrift durchsetzen.

Den begnadeten Gestalter Ludwig Sütterlin focht das nicht mehr an. Er war 1917, noch vor Ende des Ersten Weltkriegs, eines der vielen Opfer der alliierten Blockade geworden und in Berlin buchstäblich verhungert.