Auf gut Glück

Rasterfahndung

1979 standen die Frankfurter Polizei und das Bundeskriminalamt vor einem Problem, und die Lösung, die der damalige BKA-Chef vorschlug, hiess «Rasterfahndung». Zwei Jahre waren seit dem Terrorjahr 1977 vergangen: Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer waren erschossen worden, die Lufthansa-Maschine «Landshut» gekapert und entführt.

In der Zwischenzeit aber war die Polizei den Terroristen immer näher gekommen. Sie wusste, dass die RAF in Frankfurt am Main unter falschen Namen Wohnungen gemietet hatte, aber sie wusste nicht, wo. Klar war, dass die Terroristen ihre Stromrechnungen nicht von einem normalen Bankkonto bezahlten, sondern in bar – um keine Spuren zu hinterlassen. Die Fahnder beschafften also ein Magnetband, auf dem alle 18 000 Frankfurter Bürger gespeichert waren, die ihre Rechnungen in bar bezahlten. Rasterfahndung, das heisst: Nach und nach alle unverdächtigen Namen nach bestimmten Kriterien (oder «Rastern») aus der Liste löschen: Die gemeldeten Einwohnerinnen. Autobesitzer. Rentnerinnen. Bezüger von Stipendien. Versicherte. Hausbesitzer – und so immer weiter, bis am Ende noch genau zwei Namen übrig blieben: der eines Drogenhändlers und tatsächlich der eines Mitglieds der RAF.

Die Rasterfahndung ist umstritten, denn alle erfassten Personen werden am Anfang verdächtigt, und die raffiniert miteinander kombinierten Daten können leicht missbraucht werden. 1979 in Frankfurt aber war die Methode erfolgreich: Nach einer Schiesserei und schwer verletzt konnte der gesuchte Terrorist Rolf Heißler in der angegebenen Wohnung verhaftet werden.

Von A bis Z

Radikal

Wenn wir etwas ganz und gar tun, dann tun wir es radikal. Radikal ist ein Begriff der Alltagssprache, aber mit einer weit verzweigten und eminent politischen Geschichte.

Radikal
Radikal
Radikal stammt von radix ab, der lateinischen Wurzel, ebenso wie unser Rettich und das Radieschen. Die Redensart will es, dass man Unkraut und Übel am besten an der Wurzel packt. Und so wurde das englische radical oder das französische radical im frühen 19. Jahrhundert zum eigentlichen Schimpfwort für eine politische Bewegung, die die alten Herrschaftsverhältnisse aus Korn nahm und lautstark nach Reformen schrie. Von den Konservativen als Radikale verleumdet, drehten die Republikaner in Frankreich 1835 ganz kokett den Spiess um – und nannten sich selbst ab sofort parti radical. Und so wurde das Wort salonfähig.

Radikale gab es auch in der Schweiz, und ihre Politik war eng mit dem Liberalismus verknüpft. Der junge Albert Bitzius, für kurze Zeit Vikar an der Heiliggeistkirche in Bern, sympathisierte anfangs mit den revolutionären Ideen. Weil sich die Radikalen in ihrem Kampf für Volksrechte zunehmend gegen die Obrigkeit stellten, waren sie dem alten Jeremias Gotthelf, mittlerweile Pfarrer von Lützelflüh, ein Dorn im Auge: «Wenn die einmal recht am Brett sind», wettert er in einem seiner späten Romane, «so verbrennen die die Bibel, schliessen die Kirchen, verbieten bei Todesstrafe das Beten und befehlen, alle Tage sieben Stunden im Wirtshause oder im Kaffeehause oder auch im Theater zu sitzen, und zwar alles aus Freisinnigkeit und wegen dem entschiedenen Fortschritt.»

A propos Freisinnigkeit: Aus den Liberalen und Radikalen dieser Zeit ist tatsächlich die moderne FDP geworden. Französisch heisst sie noch heute PLR – parti libéral-radical.

Radio

21. Mai 1910: Das erste Radiosignal Europas stammt vom Observatorium im Pariser Eiffelturm, das, mit dem sinnigen Stationszeichen «FL», das Zeitzeichen ausstrahlt. Noch ahnt niemand, dass das der Urahn des Radios sein wird. Aber: Schon ein Jahr später werden in der Schweiz die ersten drei Empfangskonzessionen erteilt – an die Universität Lausanne, an die Uhrmacherschule in La-Chaux-de-Fonds und an den Uhrmacher Türler in Zürich -, auch wenn alle drei keineswegs Medien im Sinn haben, sondern vielmehr die genaue Zeit.

Radio
Das ändert sich rasch: Der Wetterbericht und gesprochene Nachrichten gehören zum Radio seit 1912, als die Physikabteilung der Uni Basel die erste Schweizer Radioantenne aufspannte – zwischen einem Uhrmacheratelier am Nadelberg und dem Turm der Peterskirche.

Was vor knapp 100 Jahren staunen machte, ist heute Alltag: Radio. Das Wort ist die Kurzform von Radiotelegrafie, die Übermittlung von Nachrichten mit elektromagnetischen Wellen. Weniger bekannt ist, dass Radio auf radius zurückgeht, den halben Kreisdurchmesser. Und der wiederum ist lateinisch und heisst «Speiche» oder «Strahl». Obgleich in den deutschsprachigen Ländern von Amtes wegen bereits in den 1920er Jahren der Begriff Rundfunk eingeführt wurde, hat sich Radio erhalten.

Heute sprechen wir von Neuen Medien und meinen damit das Internet. Falsch: Das Web ist Schrift und Bild, Ton und Film – und selbst kein Medium. Ein Neues Medium ist vielmehr das Radio. Selbst wenn es uns wie ein altes Medium vorkommt: Radio ist noch nicht einmal 100 Jahre alt.

Rasterfahndung

1979 standen die Frankfurter Polizei und das Bundeskriminalamt vor einem Problem, und die Lösung, die der damalige BKA-Chef vorschlug, hiess «Rasterfahndung». Zwei Jahre waren seit dem Terrorjahr 1977 vergangen: Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer waren erschossen worden, die Lufthansa-Maschine «Landshut» gekapert und entführt.

In der Zwischenzeit aber war die Polizei den Terroristen immer näher gekommen. Sie wusste, dass die RAF in Frankfurt am Main unter falschen Namen Wohnungen gemietet hatte, aber sie wusste nicht, wo. Klar war, dass die Terroristen ihre Stromrechnungen nicht von einem normalen Bankkonto bezahlten, sondern in bar – um keine Spuren zu hinterlassen. Die Fahnder beschafften also ein Magnetband, auf dem alle 18 000 Frankfurter Bürger gespeichert waren, die ihre Rechnungen in bar bezahlten. Rasterfahndung, das heisst: Nach und nach alle unverdächtigen Namen nach bestimmten Kriterien (oder «Rastern») aus der Liste löschen: Die gemeldeten Einwohnerinnen. Autobesitzer. Rentnerinnen. Bezüger von Stipendien. Versicherte. Hausbesitzer – und so immer weiter, bis am Ende noch genau zwei Namen übrig blieben: der eines Drogenhändlers und tatsächlich der eines Mitglieds der RAF.

Die Rasterfahndung ist umstritten, denn alle erfassten Personen werden am Anfang verdächtigt, und die raffiniert miteinander kombinierten Daten können leicht missbraucht werden. 1979 in Frankfurt aber war die Methode erfolgreich: Nach einer Schiesserei und schwer verletzt konnte der gesuchte Terrorist Rolf Heißler in der angegebenen Wohnung verhaftet werden.

Razzia

Grosseinsatz der Polizei, Waffen und Drogen beschlagnahmt, Mafiosi in Haft. Und wieder berichten die Medien über eine erfolgreiche Razzia. Ein sperriges Wort: «Razzia» kommt aus dem Arabischen und bedeutet ursprünglich «Schlacht» oder «Raubzug».

Streng genommen war die Razzia bei den Beduinen eine Sache der Gesetzesbrecher, nicht seiner Hüter. Wenn nach einer winterlichen Dürre oder einer Viehseuche die Kamele verendeten und der Proviant knapp wurde, unternahmen Krieger kurze Überfälle auf feindliche Sippen oder Stämme. Sofern eine solche Razzia nicht im Schutz der Nacht geschah und nach bestimmten Regeln ablief, galt sie nicht als ehrenrührig, ganz im Gegenteil: Den Moralvorstellungen der Wüste zufolge waren solche Razzien gleichsam sportliche Wettkämpfe, deren Teilnehmer Blutvergiessen nach Möglichkeit vermieden und deren Preis die Beute war. Sogar die Feldzüge des Propheten Mohammed auf der arabischen Halbinsel werden vom muslimischen Geschichtsschreiber Ibn Ishaq im 8. Jh. als غزوة, als «Beutezug», bezeichnet.

1830 begann die Kolonialmacht Frankreich mit der Eroberung Algeriens, und so hielt die Razzia Einzug ins militärische Vokabular, als Begriff für blutige Vergeltungsschläge gegen aufrührerische Berberstämme, die von einem grossarabischen Reich träumten und die französischen Soldaten mit Waffengewalt aus Algerien vertreiben wollten.

Wüstenkodex und Kolonialismus sind Geschichte. Heute gehört die Razzia nur noch in den Polizeijargon – und in die vermischten Meldungen.

Rechenmaschine

Um es mit Karl Valentin zu sagen: Rechnen ist schön, macht aber viel Arbeit. Und tatsächlich erfindet der Mensch technische Hilfsmittel, seit er rechnen kann. Schon vor 3000 Jahren wurde in China der Abakus gebaut, jener patente Zählrahmen mit den aufgereihten Holzperlen, mit dem fingerfertige Händler in Sekundenschnelle addierten und subtrahierten und dessen Gebrauch in russischen Schulen noch bis in die Neunzigerjahre gelehrt wurde. Im 17. Jahrhundert konstruierten Mathematiker wie der Franzose Blaise Pascal oder der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz die ersten mechanischen Rechenmaschinen, die addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren konnten und von denen einzelne Modelle bis heute erhalten sind.

In den 1940-er Jahren entwickelte der Österreicher Curt Herzstark den ersten mechanischen Taschenrechner namens «Curta». Er hat die Form einer kleinen Konservendose, wird über eine Reihe von Schiebereglern und Kurbeln bedient und kann selbst Dreisatzrechnen und Wurzeln ziehen. 140 000 «Curtas» wurden bis 1970 in Liechtenstein produziert. Und im selben Jahr schliesslich kam mit dem Canon Pocketronic der erste elektronische Taschenrechner auf den Markt, mit zwölf Stellen und den vier Grundoperationen, zum Preis von umgerechnet 2400 Dollar.

Neuer, kleiner, leistungsfähiger: Diese Formel allerdings ist falsch. Der erste mechanische Computer der Geschichte berechnete Sonnen- und Mondkalender, Tag- und Nachtgleichen und die Umlaufbahnen von fünf Planeten. Dieser sogenannte Mechanismus von Antikythera, möglicherweise gebaut vom griechischen Mathematiker Archimedes von Syrakus, stammt aus dem 1. Jahrhundert vor Christus.

Registrierkasse

Ladenbesitzer haben es nicht leicht: Immer wieder stellen sie fest, dass abends zuwenig Geld in der Kasse liegt. Einer dieser Chefs ist James Ritty, Inhaber eines Saloons in Dayton, Ohio. Als Ritty 1878 eine Schiffsreise nach Europa unternimmt, entdeckt er im Maschinenraum einen Apparat, der zuverlässig die Umdrehungen der Schiffsschraube zählt. Damit, so überlegt er, müsste es doch auch möglich sein, Zahlungen zu registrieren und den Langfingern das Handwerk zu legen.

Zurück in Dayton, beginnt Ritty zusammen mit seinem Bruder John, einen solchen Zählautomaten zu bauen. Für jeden Betrag zwischen 5 und 100 Cents gibt es eine Taste, die mit einer Klingel verbunden ist. Am Ende zeigt der Apparat auf einem Zifferblatt den Gesamtbetrag an. Ihre Erfindung nennen die Brüder Ritty’s Incorruptible Cashier – «Ritty’s unbestechlicher Kassierer» –, und 1879 wird diese erste Registrierkasse der Welt patentiert.

Zusätzlich zu ihrem Saloon errichten die Rittys eine kleine Fabrik, in der sie ihre Registrierkasse in Serie zu bauen beginnen. Indes, zwei Geschäfte auf einmal werden James Ritty zuviel. Er verkauft alle Anteile, und der neue Chef John Patterson verbessert die Kasse stark: Sie erhält ein Druckwerk mit Papierrolle für den Kassenbeleg, und ein Buchhaltungsjournal, das sämtliche Beträge aufzeichnet. Unter dem neuen Namen «National Cash Register Company» steigt NCR zum Weltmarktführer auf und ist heute, im Zeitalter digitaler Kassensysteme, ein Weltkonzern mit über 30 000 Mitarbeitern.

Was immer James Ritty beim kometenhaften Aufstieg seines früheren Geschäfts empfunden hat: Neid war nicht dabei. Mit Nachfolger John Patterson blieb er in Freundschaft verbunden.

Reisen

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, dichtete Matthias Claudius im 18. Jahrhundert. Heute haben wir eine Menge zu erzählen, denn nie ist die Menschheit so oft und so weit gereist wie heute. Das Bundesamt für Statistik hat errechnet, dass 2005 jeder Schweizer und jede Schweizerin 10 Tagesreisen unternommen haben, dazu 2,7 Reisen, die mehr als einen Tag dauerten. Tagesreisen fanden innerhalb der Schweiz statt, jede zweite Reise mit Übernachtungen dagegen ging ins Ausland.

Nur: Was die Statistiker als Reise bezeichnen, ist uns längst nicht mehr in jedem Fall als Reise bewusst. Wenn wir mit dem Zug nach Bern fahren und ins Museum gehen, nennen wir das einen Ausflug. Das ist noch nicht lange so: Jeremias Gotthelf alias Albert Bitzius beschreibt anschaulich in seinem kaum bekannten Roman «Jakobs Wanderungen», was Reisen in den 1840er Jahren bedeutete: Titelheld Jakob «trappete also durch den Kot dahin, den kürzesten Weg nach Paris über Bern Genf zu, von wo es gar nicht mehr weit bis Paris sei, wie er aus sicheren Quellen vernommen hatte. Indessen die Wege von Zürich gegen Bern hin sind grausam lang, sei es Kot, sei es Staub.»

Eine Reise war seit jeher grosses Unterfangen: Im Mittelalter war eine Reise ein Aufbruch – auf eine Handelsreise, in die Emigration, auf einen Kriegszug. Der Ursprung ist das althochdeutsche risan, das steigen hiess, und ebenso fallen. Beide Bedeutungen gibt es heute noch: als «steigen» im englischen to rise – als «fallen» im deutschen rieseln.

Heute ist Reisen ein Klacks. Wir steigen ins Auto, in den Zug, ins Flugzeug, und reisen lässt es sich so angenehm, wie sich das Gotthelfs Jakob nie hätte träumen lassen. Übrigens: Reisen tun wir vor allem privat: Nur jede achte Reise, so fanden die Statistiker des Bundes heraus, dient geschäftlichen Zwecken.

Reservebanknoten

Die 1000-Franken-Note des damals erst 29-jährigen Luzerner Künstlers Hans Erni zeigt in strenger Zentralperspektive die Schnittdarstellung einer mächtigen Wasserturbine, rechts davon, in Reih und Glied, eine Reihe von Transformatoren. Eine Vision des Fortschritts vor schattigem Alpenmassiv – die Banknote von 1938 sollte in den Jahren der aufziehenden Weltkriegskatastrophe eine moderne, stabile, autarke Schweiz verkörpern.

Die Banknote hat nur einen Makel: Keiner hat sie je in der Hand gehalten. Und das kommt so: Im Gegensatz zum Münzgeld, das sich nicht gar so leicht fälschen lässt, sind Banknoten nichts weiter als bedrucktes Papier, und dieser Umstand zieht Fälscher an wie der Mist die Fliegen. Der Plan B der Schweiz: Sollten die Fälscher oder, noch schlimmer, eine feindliche Macht das Land mit Blüten überschwemmen, wollte die Schweizerische Nationalbank jederzeit in der Lage sein, quasi über Nacht sämtliche im Umlauf befindlichen Banknoten für ungültig zu erklären, einzuziehen und durch nagelneue zu ersetzen. In den Tresoren lagen daher stets Reservebanknoten bereit. Zwei vollständige Serien, die von Hans Erni und seinem Künstlerkollegen Victor Surbeck aus dem Jahr 1938 und eine weitere von 1984, waren genauso wie einzelne Noten frührerer Serien reine Reserve.

Der Plan, das gesamte Papiergeld von einem Tag auf den anderen zu ersetzen, existierte nicht nur in der Schweiz, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas. Doch Reservenoten waren stets eine Notlösung, und eine ausgesprochen teure dazu. In der Schweiz war die Reserveserie von 1984 daher die letzte: Die Sicherheitsmerkmale der Banknoten sind nach Ansicht der Nationalbank heute so ausgeklügelt, dass ein Plan B gar nicht mehr nötig ist.

Reziprozität

Sie kennen das: Sie werden von Bekannten zum Nachtessen eingeladen, und selbst wenn es Ihnen nicht schmeckt, erwarten die Gastgeber eine Gegeneinladung – oder aber Sie haben ein mächtig schlechtes Gewissen. Warum? Die Wissenschaft spricht in diesem Fall von «Reziprozität». Damit ist nichts anderes gemeint als Gegenseitigkeit als Grundprinzip menschlichen Handelns, und diese Gegenseitigkeit ist ein Tummelplatz der Soziologie.

Der polnische Anthropologe Bronisław Malinowski war davon überzeugt, fundierte Erkenntnisse nur im engen, lange dauernden Kontakt zu den Untersuchten gewinnen zu können. 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, befand sich Malinowski auf Forschungsreise auf einer Inselgruppe in Papua-Neuguinea. Hier stiess er auf ein faszinierendes Tauschsystem, das die Eingeborenen «Kula» nannten: Zwischen den im Kreis angeordneten Inseln wurden im Uhrzeigersinn Halsketten aus kleinen roten Muschelplättchen getauscht, in der Gegenrichtung gegen weisse Muschel-Armreife. Beide, Ketten und Reife, besassen nur sakralen Wert und mussten nach einer Weile weiterverschenkt werden. Malinowski fand heraus, dass jeder Beschenkte die Verpflichtung einging, dem Geber innerhalb einer bestimmten Zeit etwas Entsprechendes zurückzugeben. Das «Kula»-Ritual brachte keinerlei direkten wirtschaftlichen Nutzen, aber es schuf Vertrauen und stärkte die sozialen Bindungen.

Das soziale Prinzip namens «Reziprozität» steckt tief in uns allen drin. Im Volksmund heisst es ganz einfach:

Wie du mir, so ich dir.

Rhetorik

Rhetorik ist Griechisch und heisst «Redekunst». Nicht alle, die Reden halten, sind Künstler – ob Tischreferat oder Ansprache: Reden ist Mundwerk und nur ganz selten wirklich Kunst.

Im alten Griechenland war die Rhetorik hoch angesehen. Sie zählte (zusammen mit Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zu den sieben freien Künsten, der Bildung, nach der ein freier Mann strebte. Denn wem es gelang, vor Gericht oder auf dem Forum Menschen zu überzeugen, der hatte Macht.

So zu reden will geübt sein. Marcus Tullius Cicero war ein stotternder Aussenseiter im Establishment des alten Rom – und ein rhetorisches Jahrhunderttalent. Er studierte bei allen Meistern seiner Zeit. Ihren gekünstelten Stil (der in Rom führende Anwalt Hortensius wurde als «Tanzmeister» verspottet) fand Cicero lächerlich, und so schrieb er sich auf Rhodos beim griechischen Rhetor Molon ein. Einen ganzen Frühling und Sommer lang liess sich der junge Cicero drillen: Turnübungen, Atemübungen, Redeübungen – und kein einziges geschriebenes Wort, getreu Molons Devise:

Bei der Redekunst zählen nur drei Dinge: der Vortrag, der Vortrag und der Vortrag.

Und Cicero lernte gut: Zurück in Rom, brachte er den mächtigen Gaius Verres, den räuberischen Prätor von Sizilien, vor Gericht. Verres und sein Verteidiger, eben jener Tänzer Hortensius, hatten nicht den Hauch einer Chance: Von zwei verfassten Brandreden brauchte Ankläger Cicero nur die erste zu halten, da floh der korrupte Verres bei Nacht und Nebel nach Marseille und kehrte nie wieder zurück.

Von Anakoluth bis Zeugma: Rhetorische Figuren tragen bis heute antike Namen. Doch ob Anklage oder Poetry Slam – nur auf drei Dinge kommt es an: den Vortrag, den Vortrag und den Vortrag. (Das übrigens ist die womöglich älteste aller Figuren. Man nennt sie repetitio.)

Riesenrad

Chicago, 1892. Die Vorbereitungen für die Weltausstellung laufen auf Hochtouren. Der Eisenbahningenieur George Washington Gale Ferris aus Illinois hat einen kühnen Plan: Seine Erfindung soll das bekannteste Bauwerk der Zeit, den Pariser Eiffelturm, in den Schatten stellen. Einen Turm hat Ferris nicht im Sinn. Er denkt an ein Rad, eine Art «hochkant gestelltes Karussell», über 80 Meter hoch, mit 36 Gondeln, gross wie Eisenbahnwaggons, die über 2000 Passagiere aufnehmen können.

Vom Organisationskomitee wird der schlaksige Ingenieur erst einmal ausgelacht: Zu fragil, zu unsicher, viel zu teuer. Doch Ferris ist zäh. Wieder und wieder spricht er vor, und als dem Komitee am Ende die Zeit davonläuft – eine Attraktion à la Eiffelturm ist nicht in Sicht –, erhält Ferris grünes Licht.

In den wenigen Monaten bis zur Eröffnung begeistert Ferris Investoren, gründet die «Ferris Wheel Company» und baut zusammen mit neun Stahlbaufirmen das grösste Rad seit dessen Erfindung. Als die Weltausstellung 1893 ihre Tore öffnet, dreht sich das Riesenrad, von Dampfmaschinen angetrieben, um eine Stahlachse, die allein 56 Tonnen wiegt. Die Presse bejubelt den Triumph amerikanischer Ingenieurskunst, Millionen Besucher steigen mit dem Riesenrad in luftige Höhen.

Doch dann geht es bergab. Im November ist die Weltausstellung zu Ende, das Rad wird abgebaut und eingemottet. Ferris, gesundheitlich angeschlagen, sucht fieberhaft nach neuen Möglichkeiten. Vergeblich. Ein Börsencrash lähmt die Wirtschaft, Patentjäger bauen das Rad in grossem Stil nach, Ferris stirbt, erst 37-jährig und vereinsamt, an Typhus. Den Ruhm des Erfinders aber kann ihm keiner nehmen: Auf Englisch heisst «Riesenrad» bis heute Ferris wheel.

Rimessen

Menschen ohne Arbeit sind zum Auswandern gezwungen, und ganze Familien, Dörfer, ja ganze Landstriche leben von den Löhnen, die in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten verdient werden. Dieses Geld, das Migranten regelmässig in ihre Heimat zurückschicken, um ihre Angehörigen zu unterstützen, nennt man «Rimessen», vom lateinischen Verb remittere, was ganz einfach «zurückschicken» heisst.

Rimessen sind keine Kinkerlitzchen. Die Weltbank schätzt, dass heute 230 Millionen Menschen gegen 600 Milliarden Dollar pro Jahr nach Hause schicken; allein aus der Schweiz sind es über 7 Milliarden Dollar. Der Löwenanteil geht in Entwicklungsländer. Zum Vergleich: Entwicklungshilfegelder betragen weltweit nur ein Viertel dessen, was Migranten an Rimessen entrichten. Mit diesem Geld werden Kinder zur Schule geschickt, werden Häuser gebaut, werden Geräte gekauft, wird der tägliche Bedarf der Familie gedeckt.

Das belebt die lokale Wirschaft, lässt die Einschulungsquote steigen und die Kindersterblichkeit sinken. In Ländern wie Moldawien, Tadschikistan, Kirgisien, Nepal, Liberia, Gambia oder Haiti machen Rimessen ein Viertel bis sogar ein Drittel dessen aus, was überhaupt an Waren hergestellt oder an Dienstleistungen erbracht wird.

Unter den Empfängern sind nicht nur Angehörige, sondern gelegentlich auch Kriminelle oder in seltenen Fällen gar Terroristen, und daher geraten die Rimessen immer wieder ins Visier der Behörden. Angesichts der enormen Beträge und ihrer vitalen Bedeutung aber sind sie aus dem Leben ganzer Kontinente nicht mehr wegzudenken.

Risiko

Wenn Sie alle Risiken vermeiden wollen, haben Sie bald keine Risiken mehr zu vermeiden, weil Sie nicht mehr im Geschäft sind.

Solcherlei Logik stammt von Joe Ackermann, dem Noch-Chef der Deutschen Bank und Bald-Chef der Zürich-Versicherung.

Was heute an den Märkten in aller Munde ist, hatte früher ganz einfach mit Mut zu tun – ob mit dem Mut des Seefahrers oder dem des Ritters, darüber streitet die Sprachwissenschaft bis heute. Risiko geht, so sagen die einen, auf das griechische rhizikon oder das spanische risco zurück, auf Deutsch «Klippe». Die anderen sind davon überzeugt, dass Risiko von einem frühromanischen Verb rixicare abstammt, auf Deutsch «streiten, Widerstand leisten». Und so streiten die Forscher munter weiter, auch wenn beide, die Seefahrer und die Turnierkämpfer, den schlagenden Beweis schuldig bleiben.

Ob zu Wasser oder zu Land: Der Kampf mit den Wellen und der gegen den Gegner war unberechenbar. Und eben diese Unkalkulierbarkeit war zu allen Zeiten der Schrecken der Kaufleute. Ob ihre Schiffsladung an Klippen zerschellte oder einem Krieg zum Opfer fiel – das Geschäft war und blieb ein Wagnis.

Wie der Kaufmann mit diesem Risiko umgeht, das beschreibt die so genannte Entscheidungstheorie. Schielt er nach dem grössmöglichen Gewinn und setzt alles auf eine Karte, ist er risikoaffin. Entscheidet er dagegen allein nach sachlichen Kriterien, ist er risikoneutral, geht er auf Nummer sicher, dann ist er risikoscheu. Und die Ackermänner dieser Welt wissen: Vermeidet der Kaufmann das Risiko ganz, dann ist er bald keiner mehr.

Roboter

Roboter sind High-Tech-Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen sollen, und manchmal gleichen sie uns mehr als uns lieb sein kann:

Es ist eben nicht so, als ob man Roboter nur in den Fabriken fände; und es braucht nur ein wenig Nachdenken über den Rahmen, in welchem sich das Leben des modernen Städters abpielt, um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass wir alle in irgendeiner Hinsicht Roboter sind,

schrieb schon 1951 der belgische Sozialist und Sozialpsychologe Hendrik de Man.

Roboter
Wozu unser technisches alter ego eigentlich gut sein soll, weiss die Wortgeschichte: «Roboter» kommt von robota, dem tschechischen Wort für «Arbeit». Der wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Bergen-Belsen umgebrachte Künstler Josef Čapek erfand das Wort 1920 für seinen Bruder. Der nämlich hatte das Stück «R.U.R» geschrieben, eine Parabel über das Unternehmen «Rossums Universalroboter», das künstliche Menschen produziert. Als rechtlose Billigarbeiter versehen sie ihren Dienst und verändern nach und nach die gesamte Weltwirtschaft, bis sie sich schliesslich gegen die Menschheit richten, die sie erschaffen hat.

Die Vorstellung von der Mensch-Maschine aber ist noch viel älter. Sie geht auf den alten jüdischen Mythos vom Golem zurück, eine aus Lehm geschaffene Gestalt mit übermenschlichen Kräften, die durch Magie zum Leben erweckt wird und die gehorchen, aber nicht sprechen kann. Auch dem Talmud zufolge sind wir alle ein bisschen Roboter: Die Erschaffung Adams wird hier beschrieben wie die eines Golems: aus einem formlosen Klumpen Lehm.

Rotwelsch

Rotwelsch kommt von rot, einem alten Wort für «falsch», und welsch, für eine romanische, fremde, unverständliche Sprache. Es ist eine im Mittelalter entstandene Gaunersprache wie das Berner Mattenenglisch, eine Art Geheimcode der unteren Zehntausend. Der Zweck des Rotwelschen ist es, von der Obrigkeit nicht verstanden zu werden. Kassiber (aus der Zelle geschmuggelter Zettel), Blüte (gefälschte Banknote), baldowern (auskundschaften) oder mopsen (stehlen) – eine ganze Reihe von Begriffen haben es zwar in unseren Alltag geschafft, die meisten anderen aber bleiben unverständlich.

Der Polente, der Polizei, war das seit jeher ein Dorn im Auge. Anfang der dreissiger Jahre durchforstete das preussische Innenministerium seine Personalakten, um jemanden zu finden, der Rotwelsch, Jiddisch und Zigeunersprachen beherrschte. Mit Erfolg: Die Beamten stiessen auf den Studenten Siegmund Wolf, der als Jugendlicher lange mit Fahrenden umhergezogen war. Wolf wurde nach Berlin zitiert, wo man ihm Studiengeld und einen Vertrag anbot. Seine Aufgabe: eine umfassende Literaturrecherche und das Anlegen eines Rotwelsch-Wörterbuchs.

Kurz vor Kriegsbeginn ging Wolfs Vokabular an einen Verlag in Leipzig – und fiel dort prompt einem Bombenangriff zum Opfer. Nach Kriegsende brauchte Wolf volle elf Jahre, um das Manuskript wiederherzustellen. 1956 war es endlich soweit: In Mannheim erschien das «Wörterbuch des Rotwelschen» mit gegen 6500 erklärten Ausdrücken, zur grossen Genugtuung der Polizei und zum grossen Verdruss der Gauner.

Rubikon

Die Würfel sind gefallen: Dieses Zitat schreibt der römische Geschichtsschreiber Sueton dem grossen Julius Cäsar zu, als der, im Morgengrauen des nasskalten 11. Januar 49 v. Chr., mit seiner Armee im Rücken am gallisch-italienischen Grenzfluss Rubikon stand und darüber nachdachte, dass sein Vorrücken unweigerlich einen Bürgerkrieg auslösen würde. Cäsar zögerte, bis ein aus dem Nichts auftauchender Hüne einem Trompeter die Tuba entriss und kurzerhand zum Angriff blies. Cäsar wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Seither ist der Rubikon der sprichwörtliche Fluss of no return. Das kleine Flüsschen Rubicone entspringt 40 Kilometer nordöstlich von Florenz auf halber Höhe des Apennin, fliesst an Forlì und Ravenna vorbei und mündet am Ende in die Adria. Nur: Ob das tatsächlich Cäsars Rubikon ist, darüber wird seit Jahrhunderten erbittert gestritten. Die Sache ist verzwickt. In der fraglichen Region gibt es nämlich gleich drei Flussläufe. Jeder davon hat im Lauf der Jahrhunderte mehrmals sein Bett gewechselt, und an jedem Ufer finden sich Überreste römischer Brücken oder Münzen.

Eines der Flüsschen pflegte Italiens Diktator Benito Mussolini regelmässig zu überqueren – in der Staatskarosse und auf dem Weg von seinem Heimatort zu seiner Strandvilla bei Rimini. Die Vorstellung, ein wahrhaft historisches Gewässer zu überqueren, muss dem Duce gefallen haben: Per Dekret vom 4. August 1933 wurde der unscheinbare Bach zum historischen Rubikon.

Doch jedes neu entdeckte Gemäuer, jeder neue Fund lässt den alten Streit neu aufflammen. Und weil Cäsar nur von Würfeln und von Krieg gesprochen hat, liegt der genaue Ort des Diktums wohl für immer im Dunkel der Geschichte.

Rubikwürfel

Alea iacta est.

«Der Würfel ist gefallen» – an jenes legendäre Zitat Julius Cäsars wird auch einer gedacht haben, der mit Macht und Politik nichts, dafür mit Design und Architektur ganz viel im Sinn hatte: Ernö Rubik, Jahrgang 1944 und Dozent an der Hochschule für industrielle Kunst in Budapest, ersann den Rubikwürfel, um das räumliche Vorstellungsvermögen seiner Studenten zu trainieren.

Der Rubikwürfel hat eine Kantenlänge von etwas weniger als sechs Zentimetern, besteht aus insgesamt 26 Teilwürfeln, deren Flächen mit farbiger Folie beklebt sind und deren Anordnung jede Menge Kopfzerbrechen bereitet. Denn alle drei Würfelebenen lassen sich in jeder Raumachse drehen, was eine immense Zahl an Kombinationen zulässt – insgesamt, so rechnen Mathematiker vor, gibt es mehr als 43 Trillionen Möglichkeiten, den bunten Würfel zu verdrehen. Nur eine einzige allerdings ist die richtige – die nämlich, die am Ende auf jeder Seite eine einfarbige Fläche zeigt.

Der Würfel, 1975 patentiert und heute fast so berühmt wie Cäsars Diktum, hielt bald Einzug in den kapitalistischen Westen. 1981 erreichte die Würfelmanie ihren Höhepunkt. 160 Millionen Würfel – aus britischer und amerikanischer Produktion, aber auch in Form fernöstlicher Billigprodukte – wurden schon damals verdreht und verdreht und verdreht, mit endloser Geduld und in der Regel ohne Erfolg. Bis das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein Einsehen hatte und in Ausgabe Nummer 4/1981 eine Komplettlösung veröffentlichte.

Das tat dem Zauber des Würfels keinen Abbruch: Die jüngsten Rubikwürfel drehen sich im Web und auf dem iPhone, und an offiziellen Meisterschaften im so genannten speedcubing messen sich die Besten. Weltrekordhalter ist der Holländer Erik Akkersdijk – 2008 schaffte er den Rubikwürfel in 7,08 Sekunden.

Rubinstein, Jon

Wie jedes Jahr lud Apple Ende Februar 2001 zur Kultmesse, auf der der oberste Apple-Chef Steve Jobs jeweils seine neuesten Gadgets vorstellt. Der Konferenzsaal an der «Macworld» in Tokio war restlos ausgebucht, und Jobs sprach: Digitalkameras und Organizer hätten längst ihren Siegeszug angetreten, nur die Musikplayer, das wohl wichtigste Requisit des modernen Menschen, seien nach wie vor «gross und sperrig oder aber klein und nutzlos», ihre Software «unglaublich hässlich». Das Publikum hörte gebannt hin – volle 12 Minuten lang unterbrach kein Applaus das Evangelium des Steve Jobs, bis dato ein Rekord.

Nur einer fehlte im Saal: der Apple-Entwicklungschef Jon Rubinstein. Der nutzte die Messe für eine Stippvisite bei den Ingenieuren von Toshiba. Die führten ihm voller Stolz ihre neueste Errungenschaft vor: eine nur viereinhalb Zentimeter kleine Computerfestplatte mit einer Kapazität von 5 Gigabyte. Auf Rubinsteins verblüffte Frage, wozu dieser Winzling denn dienen sollte, herrschte betretenes Schweigen: Toshiba hatte schlicht keine Ahnung.

Jon Rubinstein dagegen schon. Kurzerhand lieh er sich das Minilaufwerk aus, führte es seinem Chef Steve Jobs vor und machte sich ans Werk. Nur acht Monate später war er geboren: der allererste iPod von der Grösse einer Handseife, mit gerundeten Kanten, elegant verchromtem Rücken, blau leuchtendem Display und Platz für 1000 Songs.

Ein Wunderding. Zusammen mit der Musiksoftware iTunes und dem Music Store machte der iPod Apple zum Giganten: Bis heute sind gegen 300 Millionen Stück verkauft, und das laufende Geschäftsjahr wird für Apple ein glänzendes sein: mit einem Gewinn von über 20 Milliarden Dollar.

Runen

Runen sind uns unverständlich, wir sagen ihnen magische Wirkungen nach, und dass die Nazis sie missbrauchten, hat sie vollends in Verruf gebracht. Dabei sind sie nichts anderes als ein altes Alphabet germanischer Völker in Südskandinavien. Runen wurden vom 2. bis ins 14. Jahrhundert gebraucht, und erhalten sind geritzte Inschriften auf Steindenkmälern und Gebrauchsgegenständen.

Die Runenschrift ist, wie die unsere, eine Lautschrift, aber jede Rune trägt dazu den Namen einer Sache, für die sie ebenfalls stehen kann. Das älteste bekannte Runenalphabet heisst, nach seinen ersten fünf Buchstaben, «Futhark». Sein erster Buchstabe gleicht unserem heutigen F und hiess fehu, auf Deutsch «Vieh». Die zweite Rune, ein umgekehrtes U, hiess uruz, «Auerochse», und die dritte, die aussieht wie der Dorn einer Rose, hiess auch so: thorn. Als sich ab dem 5. Jahrhundert die Angeln, Sachsen und Jüten in blutigen Schlachten durch England kämpften (wovon unter anderem die Artus-Sagen erzählen), wanderte mit ihnen auch die Dornenrune ein: Im Altenglischen stand der thorn für den Laut, den wir heute mit th schreiben. Sein Ende kam mit der Schlacht bei Hastings im Jahr 1066, als die Normannen unter Herzog Wilhelm II England eroberten und der Inselaristokratie ihre lateinisch-französische Sprache aufzwangen.

Neben allfälliger Magie hatten Runen übrigens noch eine zweite, höchst praktische Eigenschaft: Weil sie ausschliesslich aus geraden Linien bestehen, lassen sie sich gut in Ton, Metall oder Stein ritzen. Graviert wurden Urkunden oder Bannsprüche, aber manchmal auch ganz einfach Graffiti: In eine Marmorbrüstung der Hagia Sofia in Istanbul kritzelte vor eintausend Jahren ein Vikingergardist: «Halfdan war hier».