Auf gut Glück

Odeon

Das odeion war ein Kulturhaus bei den alten Griechen. Es hatte einen halbkreisförmigen Grundriss, aber im Gegensatz etwa zum offenen Theater hatte ein ᾠδεῖον ein Dach und war für Konzerte, Rezitale, Vorträge oder für Ratsversammlungen gedacht – odeion kommt denn auch (wie die deutsche «Ode») vom griechischen Wort für «Lied». Das älteste bekannte odeion stammt von einem Architekten namens Theodorus und wurde rund 600 Jahre v. Chr. am Markt von Sparta gebaut. Später entstanden Odeen in Athen und in allen anderen griechischen Stadtstaaten; im 1. Jahrhundert n. Chr. erhielt unter Kaiser Domitian dann auch Rom ein odeum, draussen auf dem Marsfeld und für insgesamt 5000 Zuschauer. Das odeum des Domitian galt lange Zeit als eine der prestigeträchtigsten Bauten der ganzen Stadt.

«Odeon» klingt nach Bildung und Geschichte, und als in der Neuzeit grosse Säle für Musik, Theater und Tanz entstanden, das «Odeon» in München, das in Wien oder das «Théâtre National de l’Odéon» in Paris etwa, besann man sich auf den alten griechischen Namen. Im 20. Jahrhundert dann, als der noch junge Film um einen Platz in der Kultur rang, wurden die ersten Vorführsäle in den USA nickelodeon genannt, weil es da für einen nickel, eine Fünf-Cent-Münze, mehrere kurze Stummfilme zu sehen gab, die von Klavier oder Akkordeon begleitet wurden. Nach jedem Film musste die Filmrolle gewechselt werden, und so gab es in manchen Nickelodeons musikalische Pausenstücke, bei denen das Publikum mit song slides, aufwändig auf Glas gemalten Songtexten, zum Mitsingen aufgefordert wurde – eine Art Massen-Karaoke, an dem die Erfinder des antiken odeions ihre helle Freude gehabt hätten.

Auf gut Glück

Oechsle, Ferdinand

Ferdinand Oechsles erste Liebe war das Gold. Als «Grossherzoglich-badischer Goldkontrolleur» wusste er: Goldschmiedearbeit ist Feinarbeit, und so fand Oechsle zu seiner zweiten Liebe, der Präzisionsmechanik. 1810 hatte er in Pforzheim eine Werkstatt eröffnet, in der er Waagen herstellte – von der mächtigen Brückenwaage für ganze Fuhrwerke bis hin zur Goldwaage.

Oechsle liebte nicht nur Gold und Präzision, sondern auch den Wein. Guten Wein. Ihm war klar, dass der Zuckergehalt der Trauben zwar nicht das einzige, aber doch ein wichtiges Qualitätskriterium des späteren Weins ist.

Wenn man nun den Zuckergehalt des Mostes messen könnte, müsste es doch möglich sein, die Entwicklung des auszubauenden Weins besser vorauszusehen

– und damit auch dessen Qualität, überlegte er und wurde zum Erfinder. Zusammen mit seinem Sohn Christian Ludwig schickte er sich an, die damals gebräuchlichen Mostwaagen zu verbessern. Die bestanden im Wesentlichen aus einem mit Gewichten versehenen Glaszylinder. Der Winzer liess das Glas in den Most hinab, und je süsser der Traubensaft war, desto weniger tief sank das Glas ein. Denn Zucker ist schwerer als Wasser, und je zuckerhaltiger der Most, desto höher seine Tragfähigkeit. Um das genaue Mostgewicht zu ermitteln, wurde der Zylinder solange mit Gewichten beschwert, bis er ganz in den Most eingetaucht war – das kostete Zeit, war ungenau und ziemlich klebrig obendrein. Oechsle versah das Gerät mit einer genauen Skala, so dass sich das Mostgewicht ganz einfach anhand der Eintauchtiefe ablesen liess. Die Skala teilte er in hundert Grad – Grade, die bis heute Oechsles Namen tragen.

Von A bis Z

Obelisk

Asterix‘ bester Freund heisst Obelix. Und das ist pure Ironie: Obelix kommt von Obelisk, jener steinernen Spitzsäule der alten Ägypter. Was Obelix dagegen aus seinem Steinbruch haut, gleicht viel eher den rohen Menhiren der Bretagne, und die Korpulenz des Steinhauers hat mit den schlanken Obelisken auch herzlich wenig zu tun.

Ein Obelisk wurde von Hunderten von Arbeitern mit Steinkugeln aus dem kostbaren Rosengranit der Steinbrüche von Assuan geschlagen. In der Vorstellungswelt der alten Ägypter ist er eine Verbindung zwischen Mensch und den Göttern. Die ältesten Obelisken stammen aus der Zeit um 2300 vor Christus, als der altägyptische Pharao Teti II zwei damals noch glatte, schmucklose Granitsäulen vor dem Tempel des Sonnengottes Re aufstellen liess. Nur die Spitze war vergoldet und reflektierte das göttliche Sonnenlicht. Später erhielten die immer paarweise gesetzten Obelisken, deren Gewicht ohne weiteres 200 bis 500 Tonnen betragen konnte, aufwändige, senkrecht verlaufende Hieroglyphenbänder.

Die imposanten Säulen waren seit jeher beliebte Souvenirs der jeweiligen Machthaber. Ägyptische Obelisken stehen in Rom, London, New York. Vor dem Tempel Ramses II in Luxor steht nur noch eine einsame Spitzsäule, ihr Gegenstück, offiziell ein Geschenk Ägyptens, liess der französische König Louis Philippe an der Place de la Concorde in Paris aufstellen.

Nur ein Obelisk, der grösste aller Zeiten, liess sich nie von der Stelle bewegen: Er wiegt bis zu 1200 Tonnen, ist 42 Meter lang und liegt noch immer im Steinbruch von Assuan. Als sich herausstellte, dass ein Riss im Stein die Säule würde brechen lassen, wurde er, erst halb vollendet, aufgegeben.

Obolus

Auch im Reich der Mythologie wurde mit klingender Münze bezahlt. Der Einheitsarif des Fährmanns Charon für eine Fahrt über den Styx war den alten Griechen genau bekannt: Das Ticket in den Hades kostete einen Obolus. Und weil die Verstorbenen keinen Geldbeutel mitnehmen konnten, legte man ihnen diesen Obolus vor der Bestattung unter die Zunge. Ausgerechnet dieser Totenritus hat der unscheinbaren Münze ein langes Leben beschert: Noch heute leisten wir unseren Obolus, wenn wir eine Gebühr, ein Trinkgeld, eine Spende entrichten.

Der Obolus, diese Silbermünze im antiken Griechenland, war ein Sechstel einer Drachme wert. Das griechische Wort obolós bezeichnete ursprünglich allerdings kein Geldstück, sondern vielmehr einen kleinen Bratspiess. Als man die Münzen noch nicht aus runden Metallplättchen schlug und noch nicht mit den Porträts der jeweiligen Herrscher versah, hatten sie eine einfache, spitze Form und wurden im Volksmund ganz einfach «Spiesse» – oboloí – genannt. Mit dem Obolus sprachlich eng verwandt ist denn auch der Obelisk, jene schlanke Spitzsäule, die dem nicht ganz so schlanken Gallier Obelix den Namen gab.

Übrigens: Wer zu einer Sache sein Scherflein beiträgt, bezahlt genau gleich viel wie einst Charons Passagiere. Ab dem 12. Jahrhundert war Obolus nämlich das lateinische Wort für den deutschen Scherf, ebenfalls eine kleine Silbermünze. Ein Scherf gleich ein Obolus: Aller Inflation zum Trotz (und zum Verdruss des Fährmanns) blieb der Tarif ins Jenseits über die Jahrhunderte stets derselbe. In einem barocken Gedicht über Charon steht zu lesen:

Itzt klagt der starcke Greis mit einer sauren Miene,
dass ihm die Überfahrt nicht einen Scherff verdiene.

Odeon

Das odeion war ein Kulturhaus bei den alten Griechen. Es hatte einen halbkreisförmigen Grundriss, aber im Gegensatz etwa zum offenen Theater hatte ein ᾠδεῖον ein Dach und war für Konzerte, Rezitale, Vorträge oder für Ratsversammlungen gedacht – odeion kommt denn auch (wie die deutsche «Ode») vom griechischen Wort für «Lied». Das älteste bekannte odeion stammt von einem Architekten namens Theodorus und wurde rund 600 Jahre v. Chr. am Markt von Sparta gebaut. Später entstanden Odeen in Athen und in allen anderen griechischen Stadtstaaten; im 1. Jahrhundert n. Chr. erhielt unter Kaiser Domitian dann auch Rom ein odeum, draussen auf dem Marsfeld und für insgesamt 5000 Zuschauer. Das odeum des Domitian galt lange Zeit als eine der prestigeträchtigsten Bauten der ganzen Stadt.

«Odeon» klingt nach Bildung und Geschichte, und als in der Neuzeit grosse Säle für Musik, Theater und Tanz entstanden, das «Odeon» in München, das in Wien oder das «Théâtre National de l’Odéon» in Paris etwa, besann man sich auf den alten griechischen Namen. Im 20. Jahrhundert dann, als der noch junge Film um einen Platz in der Kultur rang, wurden die ersten Vorführsäle in den USA nickelodeon genannt, weil es da für einen nickel, eine Fünf-Cent-Münze, mehrere kurze Stummfilme zu sehen gab, die von Klavier oder Akkordeon begleitet wurden. Nach jedem Film musste die Filmrolle gewechselt werden, und so gab es in manchen Nickelodeons musikalische Pausenstücke, bei denen das Publikum mit song slides, aufwändig auf Glas gemalten Songtexten, zum Mitsingen aufgefordert wurde – eine Art Massen-Karaoke, an dem die Erfinder des antiken odeions ihre helle Freude gehabt hätten.

Oechsle, Ferdinand

Ferdinand Oechsles erste Liebe war das Gold. Als «Grossherzoglich-badischer Goldkontrolleur» wusste er: Goldschmiedearbeit ist Feinarbeit, und so fand Oechsle zu seiner zweiten Liebe, der Präzisionsmechanik. 1810 hatte er in Pforzheim eine Werkstatt eröffnet, in der er Waagen herstellte – von der mächtigen Brückenwaage für ganze Fuhrwerke bis hin zur Goldwaage.

Oechsle liebte nicht nur Gold und Präzision, sondern auch den Wein. Guten Wein. Ihm war klar, dass der Zuckergehalt der Trauben zwar nicht das einzige, aber doch ein wichtiges Qualitätskriterium des späteren Weins ist.

Wenn man nun den Zuckergehalt des Mostes messen könnte, müsste es doch möglich sein, die Entwicklung des auszubauenden Weins besser vorauszusehen

– und damit auch dessen Qualität, überlegte er und wurde zum Erfinder. Zusammen mit seinem Sohn Christian Ludwig schickte er sich an, die damals gebräuchlichen Mostwaagen zu verbessern. Die bestanden im Wesentlichen aus einem mit Gewichten versehenen Glaszylinder. Der Winzer liess das Glas in den Most hinab, und je süsser der Traubensaft war, desto weniger tief sank das Glas ein. Denn Zucker ist schwerer als Wasser, und je zuckerhaltiger der Most, desto höher seine Tragfähigkeit. Um das genaue Mostgewicht zu ermitteln, wurde der Zylinder solange mit Gewichten beschwert, bis er ganz in den Most eingetaucht war – das kostete Zeit, war ungenau und ziemlich klebrig obendrein. Oechsle versah das Gerät mit einer genauen Skala, so dass sich das Mostgewicht ganz einfach anhand der Eintauchtiefe ablesen liess. Die Skala teilte er in hundert Grad – Grade, die bis heute Oechsles Namen tragen.

Okay

In Ordnung, das war gestern. Heute heisst das okay. Ob es um den Preis eines Massanzugs geht oder die moralische Bewertung eines Seitensprungs: alles ist okay. Was uns da so selbstverständlich über die Lippen kommt, ist ein Lieblingskind der Sprachgeschichte.

Okay
Okay
«Ok» ruft abenteuerlichste Spekulationen hervor, und einige davon klingen ganz plausibel: Der deutsche Sprachrat vermutet den Ursprung auf deutschen Druckfahnen mit dem Vermerk «ohne Korrektur», o.k. Die deutsche Bundeswehr dagegen glaubt an die Abkürzung für «Ober-Kommando»; die american army an zero killed, null k, keine Opfer. Sprachforscher wiederum vermuten den Ursprung im Dialekt der Choctaw-Indianer, wo das Wort okeh soviel heisst wie «Ja, in Ordnung». Und schliesslich gibt’s da noch die Boxer und Humoristen, die behaupten, ok sei schlicht das Gegenteil von k.o.

Die plausibelste Herleitung stammt vom im Jahr 2002 verstorbenen amerikanischen Sprachwissenschaftler Allan Walker Read. Seine Geschichte geht so: In den 1830-er und 1840-er Jahren gab es an der amerikanischen Ostküste die beliebte Mode, alltägliche Ausdrücke mit möglichst unsinnigen Abkürzungen zu versehen. Da stand etwa kg für no go, ow stand für all right – ganz nach dem Motto: Je falscher, desto besser.

Ok, soviel fand Read heraus, stammt von einem Kolumnisten, der dieser Abkürzungsmasche erlag und am 23. März 1829 in einer Satire der Boston Morning Post ok schrieb – als spassige Abkürzung für all correct. All mit o, correct mit k: Das war gleich doppelt falsch – und in den Augen der Spassvögel also auch doppelt so gut.

Dass hinter ok also viel Falsches steckt, das wissen wir heute nicht mehr – oder höchstens dann, wenn wir hören, ein sündhaft teurer Massanzug oder ein kleiner Seitensprung seien «okay».

Oktobass

Hector Berlioz war hell begeistert.

Herr Vuillaume, Geigenbauer in Paris, dessen vortreffliche Geigen sehr gesucht sind, hat die Familie der Streichinstrumente mit einer schönen und mächtigen Individualität bereichert: mit dem Okto-Baß. (…) Dieses Instrument hat Töne von merkwürdiger Gewalt und Schönheit, voll und stark, ohne Rauheit. Es würde in einem großen Orchester außerordentliche Wirkungen hervorbringen und sollte bei Musikfesten, falls die Zahl der Instrumentalisten 150 übersteigt, wenigstens in dreifacher Besetzung vorhanden sein.

Dies schreibt der Komponist in seiner Instrumentationslehre. Das Instrument, das der Pariser Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume 1850 auf Berlioz‘ Wunsch nach einem noch voller klingenden Bass hin gebaut hatte, war tatsächlich enorm: Der Oktobass mit seinen drei Saiten, deren Stimmung eine Oktave unterhalb des Cellos liegt, misst volle dreieinhalb Meter. Das Griffbrett ist so lang und die Saiten sind so dick, dass der Musiker, auf einem eigens dafür gebauten Podest stehend, den Oktobass nur mit einem Mechanismus aus Hebeln oder Pedalen spielen kann. Die wenigen modernen Nachbauten sind sogar noch eine Oktave tiefer gestimmt: Der tiefste Ton schwingt bei für das menschliche Ohr nicht mehr hörbaren 16 Hertz.

Erfinder Vuillaume baute Zeit seines Lebens nur gerade drei Oktobässe, deren einer gar 1867 in London einem Grossbrand zum Opfer fiel. Und obwohl 2016 das Orchestre symphonique de Montréal unter seinem Chef Kent Nagano den Oktobass offiziell eingeführt hat, ist diese Riesin unter den Bassgeigen eine ausgesprochene Seltenheit geblieben.

Open source

Ruhm und Ehre – und sonst gar nichts: Dies wird Ihr Lohn sein, wenn Sie in nächtelanger Fronarbeit Computerprogramme schreiben und sich der Open-Source-Bewegung anschliessen. Das ist wenig, zugegeben, und erklärungsbedürftig ist es auch.

Open Source – dieser Begriff bezeichnet Software, die kostenlos ist. Jedermann darf sie im Internet herunterladen, nach Belieben nutzen und an beliebig viele andere weitergeben. Nicht nur das: Auch der Quelltext, also der für Programmierer lesbare Bauplan, ist für alle frei verfügbar und darf nach Herzenslust verändert und neu zusammengefügt werden. Die Open-Source-Bewegung glaubt, dass der Zugang zu Wissen immer häufiger die Benutzung von Computern voraussetzt. Die Hersteller von Programmen sollen daher, so lautet ihr elftes Gebot, von den Benutzern kein Geld verlangen.

Da hat uns also jenes amerikanische Unternehmen aus Redmond, das für Open-Source-Anhänger Teufel und Beelzebub in einem darstellt und hier für einmal nicht genannt werden soll, 30 Jahre lang weisgemacht, dass Computerprogramme eine ganz normale, teure Handelsware sind. Und nun erklären uns milchbärtige, chronisch übernächtigte und sich aus Pizzaschachteln ernährende Freaks allen Ernstes, dass – sinnbildlich – Privatverkehr ein Menschenrecht sei und sich daher jeder einen Wagen aussuchen und damit – mitsamt allen Plänen – einfach so und ohne zu zahlen nach Hause fahren darf.

Absurd? Keineswegs, sondern ein Erfolgsprogramm. Ein für alle privaten Zwecke bestens ausgerüsteter Computer lässt sich heute mit solchen Open-Source-Programmen betreiben. Das Betriebssystem Linux, das Office-Paket Open Office oder der Webbrowser Firefox – alles hört auf den Namen Open Source und ist ausgereift, einfach, leistungsfähig.

Milton Friedman, Übervater aller Ökonomen, formulierte das Grundgesetz der Marktwirtschaft so: «There ain’t no such thing as a free lunch». Friedman hatte nur fast recht: Kostenlose Mahlzeiten gibt’s tatsächlich nicht. Software dagegen schon.