Auf gut Glück

Ness of Brodgar

Am Ende der Jungsteinzeit, vor mehr als 5000 Jahren, war die Hauptinsel der schottischen Orkneys das Zentrum einer kaum bekannten Zivilisation. Weil auf Orkney kaum Bäume wachsen, bauten die Menschen mit Stein, und so sind prähistorische Grabanlagen, Steinkreise und – wie in Skara Brae an der Westküste – ganze Dörfer erhalten geblieben, die aussehen, als seien sie von ihren Bewohnern gerade erst verlassen worden.

Doch die grösste aller Fundstätten, der «Ness of Brodgar», bereitet der Wissenschaft bis heute Kopfzerbrechen. Auf der Landzunge zwischen zwei Seen stiess eine Bäuerin im April 2003 beim Pflügen auf eine Steinplatte mit vier exakt halbkreisförmigen Aussparungen. Die herbeigerufenen Archäologen waren nicht auf das gefasst, was sie in den folgenden Jahren nach und nach freilegen sollten: einen vier Fussballfelder grossen Tempelbezirk mit monumentalen Bauten. Spiegelglatte Mauern zeugen vom unglaublichen Geschick ihrer Baumeister. Die grösste Halle trug ein Dach aus dünnen Steinplatten, die Fugen säuberlich mit Ton abgedichtet, das Abwasser floss in eine Kanalisation.

Wer waren die Menschen, die um 3200 v. Chr. den «Ness of Brodgar» errichtet haben? Welche Gottheiten haben sie verehrt? All das ist bis heute unbekannt. Das grösste Rätsel aber sind die Feuerstellen und die Überreste von mehreren Hundert Rindern, die alle auf einmal geschlachtet wurden, um eine Unzahl von Gästen zu bewirten. Nach diesem gigantischen Festmahl, so fanden die Forscher heraus, rissen die Menschen Tempelmauern und Dächer ein und verliessen die Insel. Weshalb und mit welchem Ziel, darüber kann die Wissenschaft bis heute nur spekulieren.

Auf gut Glück

Neurofinanz

Unser Hirn besitzt Zentren für Furcht, Zorn, Freude, Trauer, Vertrauen, Ekel, Überraschung oder Neugier – aber keines für Geld. Die Verhaltensökonomen, Hirnforscher und Psychologen der Neurofinanzforschung haben herausgefunden, dass Geldsachen nur unmassgeblich im präfrontalen Cortex entschieden werden, der für verstandesmässiges Überlegen und das Regulieren der Gefühle zuständig wäre, sondern viel stärker im limbischen System, dem Sitz von Triebhaftigkeit und Emotion. Kontostand und Börsenkurs werden unmittelbar übersetzt: Gewinn in Glück, Verlust in Schmerz. Einen Kursverlust kann unser Hirn dabei nicht von einem verstauchten Fuss unterscheiden. Es tut weh, und wir greifen zur Abwehr der Urzeit, Kampf oder Flucht.

Als erstes rufen wir das Programm «Kampf» ab: Wir sind frustriert und kühlen unser Mütchen mit einem erbosten Anruf bei der Bank. Die Prozedur «Flucht» dagegen ist Abwiegeln – am besten gar nicht hinsehen. Fällt der Kurs weiter und weiter, beginnt die Nebennierenrinde Stresshormone auszuschütten. Unser Hirn fällt in den Panikmodus – und Panik ist die Mutter aller Börsencrashs. Selbst bei einem Gewinn wird der Verstand ausgeschaltet: Registriert das Hirn nämlich einen Profit, will es ihn haben, hier und jetzt. Das Belohnungszentrum namens nucleus accumbens wird aktiv, und was noch lange Gewinne abgeworfen hätte, wird zu früh verkauft.

Deshalb, sagen Neurofinanzforscher, verdient der durchschnittliche Anleger auf die Dauer auch kein Geld: Unser steinzeitliches Hirn ist mit der Komplexität der Börse überfordert. Wenn’s um Geld geht, regiert nicht der Kopf, sondern der Bauch.

Auf gut Glück

Normalverbraucher, Otto

Er ist kein sehr anziehender Genosse. Er hat keine besonderen Ansprüche. Er nicht besonders klug und nicht besonders dumm. Er hat weder Ecken noch Kanten. Er ist der personifizierte Durchschnitt.

Sein Name: Normalverbraucher, Vorname Otto. Otto ist Kriegsheimkehrer, der vergeblich versucht hat, sich vor der Einberufung in die Wehrmacht zu drücken und der sich, nach seiner Entlassung, im Deutschland des Jahres 1948 nicht mehr zurechtfindet. Denn: Otto Normalverbraucher, gespielt vom jungen Gert Fröbe, ist zwar nicht der Held – dafür ist er viel zu mittelmässig –, aber doch die Hauptfigur im Film «Berliner Ballade», einer gewagten Mischung aus expressionistischem Schwank und Science-Fiction-Satire. Die «Berliner Ballade» – eine der ersten Produktionen nach dem Zweiten Weltkrieg und gedreht an Originalschauplätzen im zerbombten Berlin –, karikiert die überbordende Bürokratie (ohne Zuzugsgenehmigung keine Aufenthaltsbewilligung, ohne Arbeitsbescheinigung keine Zuzugsgenehmigung, ohne Zuzugsgenehmigung keine Arbeitsbescheinigung), und das Leben mit dem allgegenwärtigen Mangel an Arbeit, an Essen und an Menschlichkeit.

Der Name «Normalverbraucher» war keine Erfindung des Drehbuchautors, sondern schon seit Kriegsausbruch bestes Beamtendeutsch: Die Ausgabe der Lebensmittelkarten, ohne die nichts mehr ging, folgte einem ausgeklügelten System. Am meisten erhielten die «Schwerstarbeiter», am wenigsten die «Normalverbraucher». Heute ist Otto Normalverbraucher, ebenso wie Kollege Max Mustermann, ganz einfach Inbegriff der Norm: Sprichwörtliches Mittelmass.

Auf gut Glück

Notaphon

Achtung, Achtung, hier Notaphon, Name und Adresse des Teilnehmers, sprechen Sie bitte jetzt.

Wer 1946 den deutschen Erfinder Willy Müller und dessen Firma Phonova AG in Küsnacht am Zürichsee anruft, hört die Nachricht eines der ersten Anrufbeantworter der Schweiz. Das neue Gerät, ein sogenannter «Telephonograph», ist der Neuen Zürcher Zeitung eine volle Seite wert. Tatsächlich gibt es einiges zu erklären:

Bei Abwesenheit des angerufenen Telephonteilnehmers schaltet sich der vollautomatische Telephonograph ein, nimmt die Meldung entgegen und spricht diese später dem Angerufenen zu, gleichgültig nach welcher Telephonstation der Welt.

Das «Notaphon», wie das Gerät heisst, ist zwar nicht der erste Anrufbeantworter der Welt, aber der bisher kleinste. Es hat die Masse und das Gewicht eines der damaligen Röhrenradios, und in seinem Inneren dreht sich eine 32 Zentimeter grosse Magnettonplatte, eine halbe Stunde lang aufzeichnen kann – ein technischer Durchbruch. Die über zwei Dutzend Regler, Tasten und Lämpchen setzen ein gründliches Handbuchstudium voraus. Und schon 1946 hat der Datenschutz oberste Priorität: Das Gerät lässt sich nur mit Schloss und Schlüssel entsperren, und will man die Nachrichten aus der Ferne und per Telefon abhören, horcht eine Funktion namens «Geheimschloss» auf ein Passwort aus gesprochenen Vokalen.

Das Notaphon,

jubelt 1948 die Militärzeitschrift «Pionier»,

ist ein Präzisionsgerät voller Eleganz, das durch seinen geringen Platzbedarf und seine Betriebssicherheit den Anforderungen an das moderne Leben ganz und gar entspricht.

Auf gut Glück

Null

Am Anfang war das Zählen. Doch das hatte Grenzen: Die Blätter an den Bäumen, die Sterne am Himmel – sie blieben unzählbar. Mit grossen Mengen taten sich die Menschen lange schwer, und das lag auch an der fehlenden Null.

Einer der Ursprünge unseres Zahlensystems liegt in Babylon. 3700 Jahre alte Schrifttafeln in Keilschrift enthalten Ziffern, deren Position schon ihren Wert angibt. Doch die Babylonier kannten keine Null: 216 konnte ebenso gut 2106 bedeuten – den Ausschlag gab erst der Kontext. Das mag seltsam klingen, ist aber bis heute nichts Ungewöhnliches: Two forty auf die Frage nach dem Preis eines Bustickets in London heisst zwei Pfund 40; geht es dagegen um ein Flugticket nach Paris, sind two forty 240 Pfund.

Auch im römischen Zahlensystem gab es keine Null, denn römische Zahlen dienten vor allem dazu, das Ergebnis des Zählens konkreter Güter festzuhalten, und «0» oder «-7» wären unsinnige Antworten auf die Frage gewesen, wie viele Ochsen ein Bauer zum Pflügen braucht.

Die Null hat ihren Anfang da, wo auch unsere Ziffern herkommen: in Indien. Forscher der Universität Oxford haben in einem aus dem heutigen Pakistan stammenden Manuskript aus 3. oder 4. Jh. die erste moderne Null entdeckt – in der Form eines schlichten Punkts. Aus diesem Punkt sollte sich über die Jahrhunderte unsere bauchige Null entwickeln – und mit ihr ein System, das auch negative Zahlen zulässt. Dezimal – 0 bis 9 –, binär – 0 und 1 –, Algorithmus, Computer, künstliche Intelligenz: Ohne Null wäre alles nichts. Ihre Erfindung war eine Sternstunde der Wissenschaft.

Von A bis Z

Narrativ

Das Narrativ ist das Modewort der Zeit. Ob politischer Vorstoss oder Autowerbung – alles hat neuerdings ein Narrativ. Was das genau ist, weiss die Sozial- und Kulturwissenschaft: Für sie ist das Narrativ schlechterdings jede mündliche oder schriftliche Äusserung. Allerdings: Ob Alltagsbericht oder Liebeslyrik – ein Narrativ vermittelt stets Inhalt und Kontext. Eine Geschichte wird auf eine ganz bestimmte Art erzählt und in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Teile werden ausgewählt, andere weggelassen, kurz: Das Narrativ interpretiert auf eine ganz bestimmte, kulturspezifische Art. Und damit wird es nicht nur zur Story, sondern zu einer Art kulturellem Fingerabdruck der Gesellschaft.

Dabei heisst das lateinische narrare ganz einfach «erzählen». Und das war nicht immer sonderlich hoch angesehen. Als im 18. Jahrhundert die ersten deutschen Entwicklungsromane erschienen, tobte unter den Lesern bald ein Meinungskrieg: Für die einen waren die neuen Werke Kunst, für die anderen waren sie erstunken und erlogen. Davor nämlich waren Erzählungen vor allem einer historisch-faktischen Wahrheit verpflichtet gewesen, die für künstlerische Gestaltung wenig Raum liess. Als Christoph Martin Wieland 1773 seine «Geschichte des Agathon» überarbeitete, sah er sich genötigt, in einem Vorwort das Verhältnis der Handlung zur griechischen Geschichte zu klären: Der Unterschied sei, dass in einem Bericht

das Erdichtete in die historische Wahrheit, in jenem [im Roman Agathon] hingegen das Historisch-Wahre in die Erdichtung eingewebt ist.

Ein bisschen Wahrheit und eine ganze Menge Fiktion: Das ist beim Narrativ in Politik und Werbung nicht anders.

Natel

Man schrieb das Jahr 1975. Geschäftsleute trugen noch keine Jeans, E-Mail hiess noch Telex, doch das Telefon wollte langsam von der Leine. Also startete die PTT, die auch noch lange nicht Swisscom hiess, ein ehrgeiziges Projekt mit dem Namen «Nationales Autotelefon», kurz «Natel». Das Ziel: Telefonie möglich zu machen, wo immer der Kunde gerade war.

Natel
Dieser Kunde, durchwegs männlich, verfügte dabei idealerweise über einen Wagen mit grossem Kofferraum. Denn «Natel» war nicht nur der Name des Projekts, sondern auch des Mobiltelefons von Brown-Boveri, Baujahr 1978. Mobil war es mit Einschränkungen – das Gerät war ein 26 Kilo schwerer Aluminiumkoffer mit aufsteckbarer Antenne, frass Strom wie eine Kuh Gras und verlangte Kabelkontakt mit dem Stromnetz oder der Autobatterie – für kurze Gespräche notabene, wenn man anschliessend auch wieder wegfahren wollte.

Danach setzte eine beispiellose Erosion ein. Die Miniaturisierung begann am Koffer zu nagen, und die nächste Generation hatte noch Grösse und Gewicht eines Ziegelsteins, die übernächste eines Tischrechners. Heute tendieren Mass und Gewicht der Mobiltelefone, die nur noch von Ewiggestrigen «Natels» genannt werden, asymptotisch gegen Null. Im Übrigen auch der Preis: Der 16 000-Franken-Fernsprechkoffer von Brown-Boveri war seinen Besitzern noch lieb und sehr teuer, wogegen ein Handy heute weniger kostet als ein (notabene leerer) Reisekoffer.

Handys sind heute Schreibmaschine, Terminkalender, Taschenrechner, Kursbuch, Wecker, Plattenspieler, Tonbandgerät, Fotoapparat, Videokamera und Spielkonsole. Wir nutzen sie für SMS, E-Mail, Internet. Und ab und zu sogar für ein Telefongespräch.

Neat

Neat – alles und jedes wird heute abgekürzt, und heraus kommen modische Kunstwörter, über die – am Anfang – jeder stolpert, und die doch bald schon Allgemeingut sind.

Die Neat ist eindeutig noch in der Stolperphase, auch wenn sie nicht mehr ganz so jung ist: Das Schweizer Stimmvolk stimmte dem Bau eines neuen Tunnelsystems durch die Alpen schon 1992 zu. Und heute nimmt sie Gestalt an, die Neat. Vorläufig noch als Baustelle von gigantische Ausmassen: am Gotthard – hier entsteht mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt – und am Lötschberg, mit einer Länge von knapp 35 Kilometern. Bald einmal wird auch am Ceneri gebaut, von zahllosen weiteren Aus- und Umbauten am Schweizer Bahnnetz ganz zu schweigen.

Was uns erwartet, ist ein Bauwerk der Superlative: Durch den Gotthard sollen 250 Stundenkilometer schnelle Züge rasen. Und 4000 Tonnen schwere Güterzüge. Der Lötschberg-Teil der Neat ist 2007 in Betrieb gegangen, auf den Gotthard werden wir noch bis mindestens 2016 warten müssen.

So mancher Politiker stolpert immer wieder auch über die Kosten: Als das Volk 1998 zur Finanzierung Ja sagte, rechneten die Neat-Optimisten noch mit Baukosten von 8 Milliarden Franken. Optimismus in allen Ehren heute rechnet Max Friedli, Direktor des Bundesamtes für Verkehr und quasi oberster Neat-Lokführer, schon mit bis zu 24 Milliarden Franken.

Trotzdem, so gigantisch diese Summe auch aussehen mag: Sie entspricht nur rund einem Fünftel dessen, was Bund und Kantone allein 2006 ausgegeben haben. Und dabei ist die Neat ohne Zweifel ein Jahrhundertbau. Ist sie erst einmal in Betrieb, wird, im bequemen Bahnsessel und bei Tempo 250, über ihren holprigen Namen garantiert niemand mehr stolpern.

Nelson, Horatio

Horatio Nelson war krank, oft und heftig – Zeit seines Lebens litt Englands berühmtester Admiral ausgerechnet an der Seekrankheit.

Und doch sollte die See seine Heimat werden. Sohn eines Reverend, lernte er schon als Bub segeln, und mit nur 12 Jahren heuerte er wie viele andere bei der Royal Navy an, nicht als Bootsjunge, sondern – weil sein erster Kapitän ein Onkel war – gleich als Midshipman und damit Offiziersanwärter. Nelsons offenkundiges Talent und die Protektion seines Onkels waren die steife Brise in den Segeln seiner Karriere.

Die Klippen waren gesundheitlicher Natur. Einmal zwang die Malaria Nelson von Bord, später das Gelbfieber, schliesslich Holzsplitter, die sich beim Treffer einer französischen Festungskanone in sein rechtes Auge gebohrt hatten, am Ende eine spanische Musketenkugel, die eine Amputation seines rechten Arms nötig machte.

Dennoch kletterte Nelson die Wanten von Militär und Adel hoch, wurde Vizeadmiral und Graf, als königlicher Dank für eine ganze Reihe gewonnener Gefechte.

Seine letzte, vier Stunden dauernde Seeschlacht schlug Nelson 1805 an Bord seines Flaggschiffs «HMS Victory» am Kap Trafalgar. Überragender Taktiker, der er war, brachte er den vereinigten Flotten Frankreichs und Spaniens eine vernichtende Niederlage bei. Auf Deck von einem französischen Scharfschützen getroffen, starb der Admiral, kurz nachdem man ihm von seinem überwältigenden Sieg berichtet hatte.

Damit der Leichnam nicht zerfiel, wurde Nelson in einem vollen Brandyfass nach London zurückgebracht. Sein Grab liegt in der St. Pauls Cathedral, sein Denkmal am Trafalgar Square, sein Schiff im Trockendock in Portsmouth. Unter Deck: noch immer das geschichtsträchtige Fass.

Nerd

Er ist jung, blass und genial. Er sitzt den ganzen Tag am Computer, bricht das Gesetz, ernährt sich von Pizza und ist genauso sozial wie sportlich, nämlich gar nicht. Das Klischee ist wenig zimperlich, wenn’s um den Nerd geht, wie der meist jugendliche Technik- und Computerfreak heute heisst. Dass wir immer wieder von Nerds lesen, die Datenbanken überfallen, trägt wenig dazu bei, dieses Vorurteil abzubauen.

Nerd
So schräg wie die Nerds ist auch ihr Name. Das Wort soll aus einem Kindergedicht von 1950 stammen oder eine Abkürzung für Northern Electric Research and Development sein. Wieder andere wollen wissen, dass es jugendlicher Unfug war, der darin bestand, das Wort drunk («betrunken») rückwärts auszusprechen. Phonetisch geschrieben, soll das «nerd» ergeben haben. Eines allerdings ist sonnenklar: Nerds sind lichtscheu. Das liegt daran, dass Computer nie an der Sonne stehen (eine ungesunde Blässe nennt man scherzhaft «Bildschirmbräune»), und natürlich auch daran, dass nicht immer mit dem Gesetz in Einklang steht, was Nerds so alles treiben.

Nicht immer legal, aber immer kreativ: im Film «War Games» spielte 1983 Matthew Broderick die Rolle des jungen, hochbegabten David, der sich mit seinen Hackerkünsten kostenlose Flugtickets ergaunert, auch wenn er schliesslich die Welt an den Rand eines Atomkriegs bringt. Einem anderen genialen Nerd, Steve Jobs‚ Freund Steve Wozniak, haben wir die «Blue Box» zu verdanken, ein Gerät, mit dem man schon 1971 kostenlos, wenngleich illegal Ferngespräche führen konnte.

Wozniaks nächste Erfindung allerdings, der erste Personal Computer namens «Apple I», hat Geschichte geschrieben. Ihm verdanken wir, dass Apple heute nicht nur ein Apfel und Nerd nicht nur ein Zungenbrecher ist.

Ness of Brodgar

Am Ende der Jungsteinzeit, vor mehr als 5000 Jahren, war die Hauptinsel der schottischen Orkneys das Zentrum einer kaum bekannten Zivilisation. Weil auf Orkney kaum Bäume wachsen, bauten die Menschen mit Stein, und so sind prähistorische Grabanlagen, Steinkreise und – wie in Skara Brae an der Westküste – ganze Dörfer erhalten geblieben, die aussehen, als seien sie von ihren Bewohnern gerade erst verlassen worden.

Doch die grösste aller Fundstätten, der «Ness of Brodgar», bereitet der Wissenschaft bis heute Kopfzerbrechen. Auf der Landzunge zwischen zwei Seen stiess eine Bäuerin im April 2003 beim Pflügen auf eine Steinplatte mit vier exakt halbkreisförmigen Aussparungen. Die herbeigerufenen Archäologen waren nicht auf das gefasst, was sie in den folgenden Jahren nach und nach freilegen sollten: einen vier Fussballfelder grossen Tempelbezirk mit monumentalen Bauten. Spiegelglatte Mauern zeugen vom unglaublichen Geschick ihrer Baumeister. Die grösste Halle trug ein Dach aus dünnen Steinplatten, die Fugen säuberlich mit Ton abgedichtet, das Abwasser floss in eine Kanalisation.

Wer waren die Menschen, die um 3200 v. Chr. den «Ness of Brodgar» errichtet haben? Welche Gottheiten haben sie verehrt? All das ist bis heute unbekannt. Das grösste Rätsel aber sind die Feuerstellen und die Überreste von mehreren Hundert Rindern, die alle auf einmal geschlachtet wurden, um eine Unzahl von Gästen zu bewirten. Nach diesem gigantischen Festmahl, so fanden die Forscher heraus, rissen die Menschen Tempelmauern und Dächer ein und verliessen die Insel. Weshalb und mit welchem Ziel, darüber kann die Wissenschaft bis heute nur spekulieren.

Neurofinanz

Unser Hirn besitzt Zentren für Furcht, Zorn, Freude, Trauer, Vertrauen, Ekel, Überraschung oder Neugier – aber keines für Geld. Die Verhaltensökonomen, Hirnforscher und Psychologen der Neurofinanzforschung haben herausgefunden, dass Geldsachen nur unmassgeblich im präfrontalen Cortex entschieden werden, der für verstandesmässiges Überlegen und das Regulieren der Gefühle zuständig wäre, sondern viel stärker im limbischen System, dem Sitz von Triebhaftigkeit und Emotion. Kontostand und Börsenkurs werden unmittelbar übersetzt: Gewinn in Glück, Verlust in Schmerz. Einen Kursverlust kann unser Hirn dabei nicht von einem verstauchten Fuss unterscheiden. Es tut weh, und wir greifen zur Abwehr der Urzeit, Kampf oder Flucht.

Als erstes rufen wir das Programm «Kampf» ab: Wir sind frustriert und kühlen unser Mütchen mit einem erbosten Anruf bei der Bank. Die Prozedur «Flucht» dagegen ist Abwiegeln – am besten gar nicht hinsehen. Fällt der Kurs weiter und weiter, beginnt die Nebennierenrinde Stresshormone auszuschütten. Unser Hirn fällt in den Panikmodus – und Panik ist die Mutter aller Börsencrashs. Selbst bei einem Gewinn wird der Verstand ausgeschaltet: Registriert das Hirn nämlich einen Profit, will es ihn haben, hier und jetzt. Das Belohnungszentrum namens nucleus accumbens wird aktiv, und was noch lange Gewinne abgeworfen hätte, wird zu früh verkauft.

Deshalb, sagen Neurofinanzforscher, verdient der durchschnittliche Anleger auf die Dauer auch kein Geld: Unser steinzeitliches Hirn ist mit der Komplexität der Börse überfordert. Wenn’s um Geld geht, regiert nicht der Kopf, sondern der Bauch.

Normalverbraucher, Otto

Er ist kein sehr anziehender Genosse. Er hat keine besonderen Ansprüche. Er nicht besonders klug und nicht besonders dumm. Er hat weder Ecken noch Kanten. Er ist der personifizierte Durchschnitt.

Sein Name: Normalverbraucher, Vorname Otto. Otto ist Kriegsheimkehrer, der vergeblich versucht hat, sich vor der Einberufung in die Wehrmacht zu drücken und der sich, nach seiner Entlassung, im Deutschland des Jahres 1948 nicht mehr zurechtfindet. Denn: Otto Normalverbraucher, gespielt vom jungen Gert Fröbe, ist zwar nicht der Held – dafür ist er viel zu mittelmässig –, aber doch die Hauptfigur im Film «Berliner Ballade», einer gewagten Mischung aus expressionistischem Schwank und Science-Fiction-Satire. Die «Berliner Ballade» – eine der ersten Produktionen nach dem Zweiten Weltkrieg und gedreht an Originalschauplätzen im zerbombten Berlin –, karikiert die überbordende Bürokratie (ohne Zuzugsgenehmigung keine Aufenthaltsbewilligung, ohne Arbeitsbescheinigung keine Zuzugsgenehmigung, ohne Zuzugsgenehmigung keine Arbeitsbescheinigung), und das Leben mit dem allgegenwärtigen Mangel an Arbeit, an Essen und an Menschlichkeit.

Der Name «Normalverbraucher» war keine Erfindung des Drehbuchautors, sondern schon seit Kriegsausbruch bestes Beamtendeutsch: Die Ausgabe der Lebensmittelkarten, ohne die nichts mehr ging, folgte einem ausgeklügelten System. Am meisten erhielten die «Schwerstarbeiter», am wenigsten die «Normalverbraucher». Heute ist Otto Normalverbraucher, ebenso wie Kollege Max Mustermann, ganz einfach Inbegriff der Norm: Sprichwörtliches Mittelmass.

Notaphon

Achtung, Achtung, hier Notaphon, Name und Adresse des Teilnehmers, sprechen Sie bitte jetzt.

Wer 1946 den deutschen Erfinder Willy Müller und dessen Firma Phonova AG in Küsnacht am Zürichsee anruft, hört die Nachricht eines der ersten Anrufbeantworter der Schweiz. Das neue Gerät, ein sogenannter «Telephonograph», ist der Neuen Zürcher Zeitung eine volle Seite wert. Tatsächlich gibt es einiges zu erklären:

Bei Abwesenheit des angerufenen Telephonteilnehmers schaltet sich der vollautomatische Telephonograph ein, nimmt die Meldung entgegen und spricht diese später dem Angerufenen zu, gleichgültig nach welcher Telephonstation der Welt.

Das «Notaphon», wie das Gerät heisst, ist zwar nicht der erste Anrufbeantworter der Welt, aber der bisher kleinste. Es hat die Masse und das Gewicht eines der damaligen Röhrenradios, und in seinem Inneren dreht sich eine 32 Zentimeter grosse Magnettonplatte, eine halbe Stunde lang aufzeichnen kann – ein technischer Durchbruch. Die über zwei Dutzend Regler, Tasten und Lämpchen setzen ein gründliches Handbuchstudium voraus. Und schon 1946 hat der Datenschutz oberste Priorität: Das Gerät lässt sich nur mit Schloss und Schlüssel entsperren, und will man die Nachrichten aus der Ferne und per Telefon abhören, horcht eine Funktion namens «Geheimschloss» auf ein Passwort aus gesprochenen Vokalen.

Das Notaphon,

jubelt 1948 die Militärzeitschrift «Pionier»,

ist ein Präzisionsgerät voller Eleganz, das durch seinen geringen Platzbedarf und seine Betriebssicherheit den Anforderungen an das moderne Leben ganz und gar entspricht.

Noten, tironische

«Fräulein, zum Diktat!» Jahrzehntelang machte das Kommando klar, wer hier der Chef ist. Zumindest vorgeblich. Denn ging’s erst einmal zur Sache, dann vollbrachte die Sekretärin mit Stift und Stenoblock ein Wunder: Die geschraubten Formulierungen fanden ihren Weg genauso schnell aufs Papier, wie der Direktor sie formulieren konnte.

Als Erfinder der Stenografie gilt der englische Arzt und Pfarrer Timothy Bright, der mit seinem Werk «Characterie» von 1588 den Grundstein zu allen modernen Kurzschriftsystemen legte. Tatsächlich ist das Wunder der Fräuleins dieser Welt um viele Jahrhunderte älter und heisst «tironische Noten».

Marcus Tullius Tiro war der Privatsekretär und Vertraute Ciceros, eines der bedeutendsten Politiker und Redner des alten Rom. Tiro war zwar ein Sklave, doch beileibe kein gewöhnlicher. Er schaffte es, mittels 4000 selbst ersonnener Kurzzeichen Reden im Senat und vor Gericht in Echtzeit zu notieren. Anschliessend erstellte er ein wortgetreues Protokoll – eine Revolution in einer Stadt, die auf Wachstafeln kritzelte und die zu sagen pflegte: Verba volant, scripta manent – «Worte sind flüchtig, allein Geschriebenes bleibt». Viele Reden Ciceros, darunter auch die flammende Anklage gegen den Verschwörer Catilina vor dem versammelten Senat, wurden auf diese Weise protokolliert und blieben so erhalten.

Eine dieser tironischen Noten, ein unscheinbares Winkelchen nach rechts, hat bis heute überlebt – im deutschen Fraktursatz als «⁊c.» (Abkürzung für «et cetera») und als «⁊» in Irland, wie beim Sklaven Tiro im 1. Jahrhundert v. Chr., als Zeichen für «und».

Null

Am Anfang war das Zählen. Doch das hatte Grenzen: Die Blätter an den Bäumen, die Sterne am Himmel – sie blieben unzählbar. Mit grossen Mengen taten sich die Menschen lange schwer, und das lag auch an der fehlenden Null.

Einer der Ursprünge unseres Zahlensystems liegt in Babylon. 3700 Jahre alte Schrifttafeln in Keilschrift enthalten Ziffern, deren Position schon ihren Wert angibt. Doch die Babylonier kannten keine Null: 216 konnte ebenso gut 2106 bedeuten – den Ausschlag gab erst der Kontext. Das mag seltsam klingen, ist aber bis heute nichts Ungewöhnliches: Two forty auf die Frage nach dem Preis eines Bustickets in London heisst zwei Pfund 40; geht es dagegen um ein Flugticket nach Paris, sind two forty 240 Pfund.

Auch im römischen Zahlensystem gab es keine Null, denn römische Zahlen dienten vor allem dazu, das Ergebnis des Zählens konkreter Güter festzuhalten, und «0» oder «-7» wären unsinnige Antworten auf die Frage gewesen, wie viele Ochsen ein Bauer zum Pflügen braucht.

Die Null hat ihren Anfang da, wo auch unsere Ziffern herkommen: in Indien. Forscher der Universität Oxford haben in einem aus dem heutigen Pakistan stammenden Manuskript aus 3. oder 4. Jh. die erste moderne Null entdeckt – in der Form eines schlichten Punkts. Aus diesem Punkt sollte sich über die Jahrhunderte unsere bauchige Null entwickeln – und mit ihr ein System, das auch negative Zahlen zulässt. Dezimal – 0 bis 9 –, binär – 0 und 1 –, Algorithmus, Computer, künstliche Intelligenz: Ohne Null wäre alles nichts. Ihre Erfindung war eine Sternstunde der Wissenschaft.

Nylon

Wörter erzählen Geschichten: Mauer zum Beispiel kommt vom lateinischen murus, Wand dagegen von winden, weil die Germanen ihre Häuser nicht mauerten, sondern aus Zweigen flochten. Je älter das Wort, desto dunkler seine Herkunft, und einige Wörter sind so alt, dass sich ihre Geschichte nicht mehr nachvollziehen lässt.

Nylon
Nylon
Aber es gibt auch ganz junge Wörter, die den Sprachforschern Kopfzerbrechen bereiten. Ein solches Wort ist Nylon – die Kunstfaser, die der Chemiker Wallace Carrothers in den frühen dreissiger Jahren entdeckte. Carrothers arbeitete beim amerikanischen Chemiekonzern DuPont und forschte bereits seit 1930 an Polymeren herum, an chemischen Verbindungen, die aus langen Molekülketten bestehen, und die sich zu langen, zähen Fasern ziehen lassen. Ihr Schwachpunkt: sie schmolzen bereits bei niedrigen Temperaturen. 1935 gelang Carrothers der Durchbruch: Seine neue Faser war stark und hitzebeständig, und rasch sollte sie die Welt der Damenstrümpfe, der Fallschirme und der Angelschnüre revolutionieren.

Nylon lässt sich chemisch exakt beschreiben. Nur das Wort gibt Rätsel auf. Die landläufige Meinung, Nylon sei ein Abkürzungswort für den gegen Japan gerichteten Ausruf now you lousy old nipponese, ist ebenso falsch wie die Annahme, das Wort komme von New York und London, wo Nylon produziert wurde. Zwar weiss man, dass DuPont seinen neuen Stoff ursprünglich NoRun taufen wollte, auf deutsch soviel wie «keine Laufmasche». Aus Furcht vor dem Richter (auch damals konnte eine Laufmasche bereits zu Klagen führen) liess man diesen etwas zu viel versprechenden Namen allerdings wieder fallen.

Woher der Name Nylon wirklich kommt, weiss niemand mehr genau. Gewusst hätte es vermutlich der Chemiker Carrothers. Der aber nahm sich, schwer depressiv, zwei Jahre nach seiner grossen Erfindung das Leben.