Auf gut Glück

Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Auf gut Glück

Marzipan

Pfarrer Johannes Coler war ein Feinschmecker.

«Wil man einen guten Martzipan backen, so stoss [man] geschelte Mandeln in einem Mörsel, und thue darunter weissen Zucker und Rosenwasser, und stoss wohl durcheinander, dass es nicht zu dünne wird, sondern das es fein dicke bleibet»,

schreibt er 1593 in seinem «Hausbuch». Das Rezept, so will es die Legende, stammt aus Lübeck oder auch aus Königsberg. Während einer Hungersnot Anfang des 15. Jahrhunderts sollen Bäcker eine Art Notbrot erfunden haben, weil es nichts anderes mehr gab als Mandeln und Zucker. Das ist volkstümlicher Unsinn, denn Mandeln und Zucker waren kostbar und hätten sich leicht gegen andere Nahrungsmittel eintauschen lassen. Marzipan – darin sind sich Kulturhistoriker einig – kommt aus Persien. Im Mittelalter brachten arabische Händler das Marzipan nach Spanien und von da über Venedig an die Fürstenhöfe ganz Europas.

Auf diesen langen Reisen ging irgendwann auch der Ursprung des Wortes verloren. Zwar gilt als sicher, dass das italienische Wort für Marzipan, marzapane, im 16. Jahrhundert ins Deutsche eingewandert ist, aber dann verliert sich die Spur. Und so wird munter spekuliert – über ein lateinisches Marci panis etwa, auf Deutsch «Markusbrot», über einen ähnlich lautenden persischen Grafentitel oder antike Wörter für «Mehlbrei». Nicht einmal das Wortgeschlecht ist klar – ob das oder der Marzipan, ist laut Duden ziemlich einerlei.

Dagegen steht fest: Marzipan ist seit jeher eine begehrte Leckerei. Im Mittelalter noch in Apotheken hergestellt, galt Marzipan sogar lange Zeit als Medikament gegen Verstopfungen und Blähungen – und als Potenzmittel.

Auf gut Glück

Meme

Eigentlich möchte man einfach den Kopf schütteln. Ein Mann stellt sich hin und leert sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf. Eine Frau legt sich auf dem Bauch stocksteif über ein Geländer. Das nennt sich dann ice bucket challenge oder planking; Hunderttausende sehen sich die Videos an, Tausende ahmen es nach. Und dabei sind memes, diese Schlager des Digitalzeitalters, noch nicht einmal neu: Im Zweiten Weltkrieg war da etwa das massenhaft an Mauern gepinselte Strichmännchen mit grosser Nase, das über eine Mauer blickt, dazu die Worte «Kilroy was here».

Tatsächlich kommt das Wort aus der Evolutionsbiologie. 1976 brauchte der britische Zoologe Richard Dawkins meme in einem seiner Bücher als Ausdruck für Vererbung, nicht von Genen, sondern von Kultur, deren kleinste Bestandteile durch Kopie oder Nachahmung weitergegeben werden –

Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Kunst, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen,

wie Dawkins schrieb. Das Wort leitete er von mimema ab, auf Griechisch «etwas Nachgeahmtes».

Memes sind mehr als nur viral, weil sie nicht einfach verbreitet, sondern laufend verändert werden. So wie das von einer Agentur gestellte Foto eines jungen Paares, Hand in Hand, er, lüstern einer anderen Frau hinterherblickend, die Freundin entsetzt. Das Paarfoto gibt es mit den unterschiedlichsten Aufschriften, der junge Mann etwa mit «Jugend», nach dem «Sozialismus» lechzend, was den «Kapitalismus» erzürnt.

Mal Kalauer, mal Satire, oft einfach Trash – aber: Memes sind kreativ, erzeugen Aufmerksamkeit, und sie sind, Mem für Mem, längst eine eigene Kommunikationsform geworden.

Auf gut Glück

Messer

Am Anfang war das Messer: Schon die ersten Werkzeuge des Menschen lassen sich mit heutigen Klingen vergleichen, und die ältesten davon sind mehr als 2,5 Millionen Jahre alt.

Ein Messer ist eine einfache und raffinierte Sache zugleich. Einfach: Feuerstein ist hart wie Bergkristall, und geschickt zurechtgeschlagen, ergibt er einen Faustkeil mit messerscharfer Kante. Und raffiniert: Der Druck wird durch die scharfe Schneide auf eine mikroskopisch schmale Fläche verteilt, so dass sich mit Feuerstein mühelos schneiden lässt.

Kein Wunder also, dass das Messer seit jeher nicht bloss Werkzeug und Waffe war, sondern auch Statussymbol. Erste kunstvoll geschlagene Feuersteinmesser, später Dolche und Schwerter aus Bronze, Eisen und Stahl wurden reich verziert und zeugten so weniger von Wehrhaftigkeit als vielmehr von Wohlstand. Das «Jewelled Sword of State», das der angehende britische König Georg IV 1820 für 6000 Pfund herstellen und mit Gold und Juwelen schmücken liess, gehört zu den britischen Kronjuwelen und gilt als kostbarstes Messer der Welt. So gesehen ist das Taschenmesser, das Schweizer Soldaten bei sich tragen, vom Rekruten bis hoch zum Viersternegeneral, sozusagen des Messers demokratische Form.

Und dann gibt es da noch das Musikmesser aus dem 16. Jahrhundert. Es sieht aus wie ein Fleischmesser mit Horngriff, doch auf der Klinge eingraviert sind Psalmen. Unwahrscheinlich, dass Tafelgäste Noten und Text von blutigen Messerklingen ablasen: Die Tischsitten der Renaissance, genauso wie der Zweck der Psalmenmesser, bleiben ein Rätsel.

Auf gut Glück

Mikrochip

Im Labor in Dallas war es heiss in jenem Sommer 1958, heiss und langweilig. Der 34-jährige Jack Kilby, ein Neuling bei Texas Instruments, hatte als einziger keinen Urlaub erhalten. Also dachte Kilby nach: Elektronische Erfindungen, stellte er fest, bestanden aus immer mehr Widerständen, Dioden, Transistoren, deren Zusammenlöten immer schwieriger wurde. Es müsste doch möglich sein, schrieb Kilby in sein Labortagebuch, Elektronik als integrierte Schaltung zu fertigen, quasi in einem Stück statt aus Dutzenden von Bauteilen. Am 12. September war es so weit: Ein Glasplättchen, kaum grösser als eine Büroklammer, darauf ein Streifen aus dem Halbleiter Germanium und ein paar Kabel. Doch als Kilby einen Knopf drückte, erschien auf dem Messgerät eine perfekte Sinuskurve. Zum ersten Mal bestand eine Schaltung aus einem einzigen Teil.

Die Kollegen und der oberste Chef Mark Shepherd waren beeindruckt, bloss nicht beeindruckt genug: Zwar wurde die bahnbrechende Erfindung patentiert, aber ausser Staunen unter Fachleuten bewirkte Kilbys erster Mikrochip – nichts. Selbst als Kilby 1967 den ersten selbst gebauten Taschenrechner «Cal Tech» präsentierte, gross und schwer wie ein Ziegelstein, der zwölfstellige Zahlen berechnete und das Ergebnis auf Thermopapier druckte, geschah – nichts. Immerhin erklärte sich Texas Instruments bereit, die aufstrebende japanische Firma Canon den Rechner in Serie bauen zu lassen, und dann ging auf einmal alles ganz schnell: Taschenrechner, immer kleinere Taschenrechner, Computer, Smartphone.

Kilbys Physiklabor von damals ist heute eine Gedenkstätte der Technik, und Kilby selbst erhielt im Jahr 2000, fünf Jahre vor seinem Tod, den Nobelpreis.

Auf gut Glück

Monte San Giorgio

Der Monte San Giorgio im Tessin wirkt mit seinem dichten Wald und seinen knapp 1100 Metern wenig spektakulär. Er liegt zwischen den beiden südlichen Armen des Lago di Lugano, nahe der italienischen Grenze. Der unscheinbare Berg ist ein Naturdenkmal der Superlative. Denn er führt eine 16 Meter dicke Schicht Ölschiefer, ein dunkler bis schwarzer Stein, der Rohöl enthält. Schon im 18. Jahrhundert entdeckt, wurde der Ölschiefer am Monte San Giorgio ab 1910 industriell abgebaut. Einen Ölrausch gab es nicht: Mit nur 8 Prozent gab die Schicht zuwenig her, aber das Öl, das die Arbeiter in der kleinen Fabrik bei Meride destillierten, liess sich zu einer Hautsalbe namens «Saurol» verarbeiten.

«Saurol»: Der Name kommt von der riesigen Menge bis ins letzte Detail erhaltener Fisch- und Saurierskelette, die in den Stollen zum Vorschein kamen. Vor 200 Millionen Jahren lag hier ein 100 Meter tiefes subtropisches Meeresbecken. Das ruhige Wasser auf dem Grund enthielt kaum Sauerstoff, und Tierkadaver wurden nicht gefressen oder von Strömungen weggetrieben. Seit 1924, als die Universität Zürich mit grossangelegten wissenschaftlichen Grabungen begann, wurden hier mehr als 20 000 Fossilien geborgen: Reptilien, Fische, Schnecken, Insekten, gut erhaltene Pflanzen. Einige neu entdeckte Arten tragen sogar Schweizer Namen: der Helveticosaurus, der aussah wie ein Aal mit Beinen, der Waran-ähnliche Ticinosuchus und der bis zu drei Meter lange, durchs Wasser paddelnde Ceresiosaurus, nach ceresio, dem italienischen Namen des Luganersees.

Ein weltweit einzigartiger Saurierberg: Der Monte San Giorgio gehört seit 2003 zum Welterbe der Unesco.

Von A bis Z

MS-DOS

Ein PC, der fünf Jahre auf dem Buckel hat, ist uralt. Und ein Betriebssystem wie MS-DOS, vor nur 25 Jahren das A und O, kann man sich heute schon gar nicht mehr vorstellen.

MS-DOS ist das Produkt, das den Weltkonzern Microsoft erst hervorgebracht hat. MS-DOS steht für Microsoft disk operating system, eine Software, die 1980 vom Programmierer Tim Paterson in aller Hektik entwickelt wurde, und dessen Version 3 – mittlerweile unter der Ägide der noch blutjungen Firma Microsoft – im August 1984 auf den Markt kam. MS-DOS 3 sollte das erste wirklich weltweit gebräuchliche PC-Betriebssystem werden.

Dabei gibt es kaum etwas Langweiligeres. Mit einem Betriebssystem lässt sich kaum etwas anfangen, ausser einen Computer zu starten oder mit Dateien zu hantieren. Das Betriebssystem dient sozusagen nur als Steigbügelhalter für die Programme, mit denen wir Texte schreiben oder Bilder bearbeiten. Weil aber kein Computer ohne Betriebssystem auskommt, erwies sich das Geschäft als so lukrativ, dass aus der Hinterhofwerkstatt von Bill Gates und Paul Allen ein Weltkonzern wurde, der 90 000 Mitarbeiter beschäftigt und 2008 über 60 Milliarden Dollar umsetzte.

MS-DOS sperrig zu nennen, wäre noch gewaltig untertrieben. Um etwa eine Textdatei auf eine Diskette zu speichern, hatte man, in grüner Schrift auf schwarzem Bildschirm, die Befehlszeile

copy c:\dateien\text.txt a: ↵

einzutippen. Dass sich ein solcher Softwareklotz dennoch durchsetzen sollte, ist eine Ironie der Wirtschaftsgeschichte, zumal Apple zur selben Zeit bereits seinen legendären Macintosh in die Regale stellte, den schmucken Würfel mit seiner revolutionären Benutzeroberfläche, die sich elegant mit der Maus bedienen liess.

Doch auch diese Revolution war von kurzer Dauer. Ob MS-DOS und Macintosh – beide sind sie heute nur noch im Technikmuseum anzutreffen.

Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Mahjongg

Es hat einen unaussprechlichen Namen. Es nennt sich Mahjongg, und das ist gleich auch noch falsch. Mahjongg ist nämlich ein altes chinesisches Spiel für vier Personen, dessen würfelzuckergrosse Bambussteine unseren Spielkarten ähneln. Das Computerspiel «Mahjongg» dagegen ist ein simples Klickspiel, bei dem es darum geht, identische Paare von Spielsteinen von einem Stapel zu entfernen. Weil die chinesischen Steine einander verflixt ähnlich sehen, ist das zwar leichter gesagt als getan, aber Mahjongg Solitaire, eine Art chinesischer Patience, ist eines der einfachsten Spiele der Welt.

Allerdings ist es auch eines der erfolgreichsten Computerspiele aller Zeiten. Am Anfang war der Geistesblitz des nach einem Trampolin-Unfall vom Nacken an abwärts gelähmten Programmierers Brodie Lockard. 1981 schrieb er sein erstes Mahjongg-Spiel auf einem Grossrechner der Universität von Illinois, und weil dieser Rechner an ein ganzes System von Mainframes angeschlossen war, wie die schrankgrossen Computer damals hiessen, spielte bald die halbe Studentenschaft der USA.

1984, am Weihnachtsmorgen, zeigte Erfinder Lockard das Game dem Produzenten Brad Fregger. Der, ein Computerspielprofi der ersten Stunde, erkannte das Potenzial, und zwei Jahre später brachte das Unternehmen Activision das Spiel unter dem Namen «Shanghai» auf den Markt, aus fernost-folkloristischen Gründen und mit überwältigendem Erfolg: «Shanghai» wurde der erste Strassenfeger der Gamegeschichte: über 10 Millionen Mal verkauft, auf mehr als 30 verschiedene Computerplattformen portiert, mit Abertausenden von Klonen im Web.

Erfinder Lockard, an den Rollstuhl gefesselt, programmiert noch immer: neben Lernsoftware – nach wie vor und mit Leidenschaft – Computergames.

Marionette

Sie ist nicht sonderlich beliebt, doch sie zählt zum Stammpersonal der kleinen und der grossen Bühne: die Marionette. Ihre Herkunft aber hat nichts mit Puppentheater oder Politik zu tun, nein: Die Marionette, jene bewegliche, an Fäden aufgehängte Gliederpuppe, kommt vielmehr aus der Kirche. Ihr Name stammt vom französischen mariolette, dem Diminutiv von mariole, jener im Mittelalter so beliebten Marienfigur. Die Marionette ist also sozusagen die Urenkelin der heiligen Maria – auch wenn andere Sprachforscher der Ansicht sind, ihr Ursprung sei vielmehr die lateinische marita, die verheiratete Frau.

Weiblich, soviel steht fest, waren allerdings – falls überhaupt – allein die Puppen. Die Fäden zogen wie überall die Männer. Der erste bekannte Puppenspieler der Schweiz war, Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Solothurner namens Heinrich Wirre. Knapp 100 Jahre später, zu Beginn des englischen Bürgerkriegs im Jahr 1642, schlossen die Puritaner alle Theater in London, und die plötzlich arbeitslosen Puppenspieler flohen aufs Festland, wo sie die englischen Klassiker mit Marionetten aufführten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren auf Schweizer Jahrmärkten viele fremde und einheimische Wanderkomödianten anzutreffen, die Schattenfiguren, Handpuppen und Marionetten zur Schau stellten. Im 20. Jahrhundert schliesslich entstand in der Schweiz eine eigentliche Puppentheaterbewegung, und sogar Friedrich Dürrenmatt, Säulenheiliger des Schweizer Theaters, spielte 1947 beim Marionettentheater des Künstlerpaars Fernand und Elsi Giauque mit.

Eine Marotte des grossen Dürrenmatt? In sprachlicher Hinsicht ganz bestimmt. Beide, die Marionette und die Marotte, sind nämlich eng miteinander verwandt.

Marzipan

Pfarrer Johannes Coler war ein Feinschmecker.

«Wil man einen guten Martzipan backen, so stoss [man] geschelte Mandeln in einem Mörsel, und thue darunter weissen Zucker und Rosenwasser, und stoss wohl durcheinander, dass es nicht zu dünne wird, sondern das es fein dicke bleibet»,

schreibt er 1593 in seinem «Hausbuch». Das Rezept, so will es die Legende, stammt aus Lübeck oder auch aus Königsberg. Während einer Hungersnot Anfang des 15. Jahrhunderts sollen Bäcker eine Art Notbrot erfunden haben, weil es nichts anderes mehr gab als Mandeln und Zucker. Das ist volkstümlicher Unsinn, denn Mandeln und Zucker waren kostbar und hätten sich leicht gegen andere Nahrungsmittel eintauschen lassen. Marzipan – darin sind sich Kulturhistoriker einig – kommt aus Persien. Im Mittelalter brachten arabische Händler das Marzipan nach Spanien und von da über Venedig an die Fürstenhöfe ganz Europas.

Auf diesen langen Reisen ging irgendwann auch der Ursprung des Wortes verloren. Zwar gilt als sicher, dass das italienische Wort für Marzipan, marzapane, im 16. Jahrhundert ins Deutsche eingewandert ist, aber dann verliert sich die Spur. Und so wird munter spekuliert – über ein lateinisches Marci panis etwa, auf Deutsch «Markusbrot», über einen ähnlich lautenden persischen Grafentitel oder antike Wörter für «Mehlbrei». Nicht einmal das Wortgeschlecht ist klar – ob das oder der Marzipan, ist laut Duden ziemlich einerlei.

Dagegen steht fest: Marzipan ist seit jeher eine begehrte Leckerei. Im Mittelalter noch in Apotheken hergestellt, galt Marzipan sogar lange Zeit als Medikament gegen Verstopfungen und Blähungen – und als Potenzmittel.

Mashup

Ein Mashup, von Englisch «mischen» oder «stampfen», ist ein Gemisch von Webtechnologien: Google Maps zum Beispiel wird mit Echtzeitdaten von Flügen gefüttert, mit Flugzeugsymbolen versehen – und fertig ist die Liveansicht aller Flüge über Zürich. Aber Mashups sind mehr: ein wilder Mix von Medien, die zu neuen, überraschenden Inhalten zusammengemischt werden.

Zum Beispiel so: Der britische Stand-up-Komiker Eddie Izzard nahm auf seiner Tour 2000 das Weltraumepos «Star Wars» und dessen dunklen Helden «Darth Vader» aufs Korn:

Da muss es auf dem Todesstern doch sowas wie eine Kantine gegeben haben, eine Cafeteria, tief unten, wo sich Darth Vader zwischen den Schlachten ein bisschen entspannen und auch mal was essen konnte.

Für den 18-jährigen Kevin alias «Thorn 2200» war das ein gefundenes Fressen: Er griff sich die Tonspur und fabrizierte einen Trickfilm mit putzigen Lego-Figuren in der Hauptrolle. Das Ergebnis ruckelt und wackelt – und ist überbordend komisch. Kevins Video «Death Star Canteen» ist auf Youtube bis heute über 13 Millionen Mal abgespielt worden.

Mashups sind so etwas die Stampfkartoffeln des Internet: Man nehme Tonspuren, Videos, Texte und Bilder, mische sie neu zusammen, schmecke sie mit eigenen Zutaten ab und lade sie neu hoch. Das nötige Werkzeug für Ton- und Filmbearbeitung findet sich heute auf jedem Computer, und Inhalte gibt’s im Web ohnehin frei Haus. Wer’s fachchinesisch mag, spricht von «Web 2.0» oder von user-generated content, auf gut Deutsch aber sind Mashups respektlos, originell und kreativ.

Und manchmal gar erfolgreicher als die Originale.

Mastermind

1970 hatte der Israeli Marco Meirovitz in Paris eine Idee. Der Telekomexperte ersann ein kleines Spiel mit bunten Stöpseln und einem gelochten Brett. Die Regeln waren simpel: Ein Spieler steckt am Ende des Spielbretts eine beliebige Folge von vier Stöpseln, die er aus sechs Farben auswählt. Der zweite Spieler versucht, den Code zu knacken, indem er Runde für Runde Kombinationen steckt, auf die ihm sein Gegner antwortet – mit je einem schwarzen Stecker für eine richtig erratene Position und einem weissen für eine richtig geratene Farbe am falschen Platz.

Mastermind
Meirovitz ging mit seiner Idee hausieren, von einem Spielehersteller zum nächsten. Alle gaben sie ihm einen Korb: Wahlweise zu schwierig oder zu simpel, in jedem Fall zu spartanisch, lautete das Urteil. Aber Meirovitz war hartnäckig. Auf eigene Faust fuhr er nach Nürnberg und stellte sein Spiel an der dortigen Fachmesse vor. Und hatte Glück: Unter den Besuchern befand sich Edward Jones-Fenleigh, und der war Chef der kleinen britischen Firma Invicta Plastics. Die beiden wurden rasch handelseinig: Invicta kaufte alle Rechte und brachte das Stöpselspiel schon ein Jahr später auf den Markt – unter dem Titel Mastermind, in Deutschland Superhirn oder in der DDR Variablo, gefertigt im VEB Berlinplast.

Wo Konzentration und Logik gefordert ist, sind Mathematiker nicht weit. Donald Knuth etwa, Professor in Stanford, legte eine bestechende Spielstrategie vor und wies nach, dass sich jeder beliebige Farbcode in höchstens fünf Zügen knacken lässt.

Dass sich der findige Israeli von skeptischen Herstellern nicht hatte bremsen lassen, war ein Glück: 1973 wurde Mastermind britisches Spiel des Jahres, -zig Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft, und im Internet finden sich Hunderte spielbarer Masterminds. Über Meirovitz‘ Stöpseln grübelt auch heute noch die halbe Welt.

Mattenenglisch

Mattenenglisch ist ein alter, fast vergessener Berner Quartierdialekt – und es war eine Gaunersprache, die für Obrigkeit und Polizei unverständlich sein sollte. Die Matte ist die am Aareufer gelegene, vom übrigen Bern abgetrennte Berner Unterstadt. Hier lebten Handwerker, Fischer, Fuhrleute, frömdi Fötzle u Vagante, wie das fahrende Volk in der Oberstadt hiess. Händler und Flösser brachten Sprachfetzen aus dem Französischen, dem Jenischen und dem Jiddischen mit, die mit Berndeutsch zu einem eigentümlichen Soziolekt verschmolzen, der ursprünglich Mattenengisch hiess, weil man ihn in der Mattenenge sprach, der engsten Gasse des Quartiers; das verschmitzte l ist wohl einem unbekannten Humoristen geschuldet.

Tunz mer e Ligu Lehm!

So verlangt der Mätteler ein Stück Brot. Der Satz beginnt griechisch: Tunz von dos, «gib», e Ligu von oligon, «ein wenig». Lehm für «Brot» dagegen stammt vom hebräischen lechem ab.

Mattenenglisch ist nicht nur ein Dialekt mit vielen fremden Wörtern, sondern eine Geheimsprache mit festen Regeln, auf der Basis des Berndeutschen. Die Mätteler nennen ihr Quartier Mättu. Die Silben werden vertauscht, am Anfang wird ein betontes i ergänzt, der Schlussvokal durch ein langes e ersetzt: Ittume. Vertauschen und Ersetzen: Diese Form der Sprachverschlüsselung ist uralt und fand ihren Weg auf den Booten und Flössen des Mittelalters bis in den Berner Mattehafen.

Gauner soll es in Bern auch heute noch geben, doch die sprechen längst nicht mehr Mattenenglisch. Das tun nur noch einige wenige alte Mätteler – und der «Matteänglisch-Club», der Ittume Inglische Ibcle.

Mauer

Sie umgibt uns, sie wärmt und schützt. Und je nachdem hält sie uns auch gefangen: die Mauer. Aus ihr besteht jedes Haus, und sie ist synonym mit jenem unseligen Bau, der bis zum 9. November 1989 Berlin und die Welt in zwei Teile teilte.

Mauern sind eine Hinterlassenschaft der Römer. Zwar lernen wir in der Schule, dass das dekadente Rom dem Ansturm der Germanen nicht gewachsen war: «Als die Römer frech geworden», dichtete Joseph Victor von Scheffel 1847 in seinem Spottlied über den römischen Senator Varus, dessen drei Legionen im Jahr 9 nach Christus im Teutoburger Wald eine verheerende Niederlage erlitt, in der Schlacht gegen ein Germanenheer unter Führung eines Cheruskerfürsten namens Hermann.

Den Kampf um die beste Bauweise aber hatten die Römer gewonnen: Sie bauten schon vor zweitausend Jahren mit Stein – Naturstein oder gebrannter Lehm – und mit Zement. Und was sie bauten! Das Kolosseum oder das Pantheon in Rom sind eindrückliche Zeugnisse.

Und auch wenn sie später Spottlieder singen sollten: Beeindruckt waren auch die Germanen. Sie stellten mit Verwunderung fest, dass sich Häuser auch anders bauen liessen als aus geflochtenen und mit Lehm verschmierten Ruten und Zweigen. In der Wortgeschichte des Bauens, in Mauer und Wand zum Beispiel, zeigt sich ein epochaler Kulturwandel: hier die Wand, das gotische Wort für Rute, das von winden kommt und Flechtwerk bedeutet, da die Mauer, die vom lateinischen murus abstammt und die im Lauf der Zeit (und weil’s ein bisschen einfacher ist) von der Wand das weibliche Geschlecht übernommen hat.

Im Teutoburger Wald mag Senator Varus den Kürzeren gezogen haben. Auf den Bauplätzen der Welt aber hatten die Römer die längeren Spiesse.

Meme

Eigentlich möchte man einfach den Kopf schütteln. Ein Mann stellt sich hin und leert sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf. Eine Frau legt sich auf dem Bauch stocksteif über ein Geländer. Das nennt sich dann ice bucket challenge oder planking; Hunderttausende sehen sich die Videos an, Tausende ahmen es nach. Und dabei sind memes, diese Schlager des Digitalzeitalters, noch nicht einmal neu: Im Zweiten Weltkrieg war da etwa das massenhaft an Mauern gepinselte Strichmännchen mit grosser Nase, das über eine Mauer blickt, dazu die Worte «Kilroy was here».

Tatsächlich kommt das Wort aus der Evolutionsbiologie. 1976 brauchte der britische Zoologe Richard Dawkins meme in einem seiner Bücher als Ausdruck für Vererbung, nicht von Genen, sondern von Kultur, deren kleinste Bestandteile durch Kopie oder Nachahmung weitergegeben werden –

Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Kunst, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen,

wie Dawkins schrieb. Das Wort leitete er von mimema ab, auf Griechisch «etwas Nachgeahmtes».

Memes sind mehr als nur viral, weil sie nicht einfach verbreitet, sondern laufend verändert werden. So wie das von einer Agentur gestellte Foto eines jungen Paares, Hand in Hand, er, lüstern einer anderen Frau hinterherblickend, die Freundin entsetzt. Das Paarfoto gibt es mit den unterschiedlichsten Aufschriften, der junge Mann etwa mit «Jugend», nach dem «Sozialismus» lechzend, was den «Kapitalismus» erzürnt.

Mal Kalauer, mal Satire, oft einfach Trash – aber: Memes sind kreativ, erzeugen Aufmerksamkeit, und sie sind, Mem für Mem, längst eine eigene Kommunikationsform geworden.

Menetekel

Ein Menetekel, so erklärt der Duden, ist das geheimnisvolle Anzeichen eines drohenden Unheils. Eine ziemliche Untertreibung: Als der babylonische Kronprinz Belsazar im 6. Jahrhundert v. Chr. dieses Anzeichen sah, war er am nächsten Tag tot.

Es mag auch daran gelegen haben, dass der mit seinen Getreuen zechende und Gott lästernde Belsazar die Zeichen ganz einfach nicht verstand. Die Bibel berichtet, während des wüsten Gelages seien wie von Geisterhand an der Palastwand, in flammender Schrift, die Worte erschienen: Mene mene tekel upharsin. Im Deutsch der Luther-Bibel von 1534 heisst das «gezählt, gewogen, geteilt». Die Flammen an der Wand lassen den Prinzen erbleichen, und keiner seiner Berater kann mit dem Spruch etwas anfangen. Erst der Palastdiener und Traumdeuter Daniel wagt eine Deutung: «Die Tage Deiner Herrschaft sind gezählt, Du bist gewogen und für zu leicht befunden, und Dein Reich wird unter den Medern und den Persern aufgeteilt werden».

So will es das Alte Testament. Tatsächlich ist Daniels Deutung eine sehr freie Übersetzung aus dem Akkadischen, einer heute ausgestorbenen Sprache, die bis ins erste Jahrhundert nach Christus in Mesopotamien und im heutigen Syrien gesprochen wurde. Mene mene tekel besteht, nüchtern betrachtet, nur aus uralten umgangssprachlichen Einheiten, darunter die hebräischen Währungen Mine und Schekel. Ein unlösbares Rätsel.

Und so sitzt Belsazar bleich und schlotternd vor der verglimmenden Schrift, und Daniels Deutung hallt im Raum. Das Ende von der Geschichte: Daniel wird reich belohnt, Belsazar umgebracht, und seither ist das Menetekel eine eingängige Kurzform des Sprichworts: «Hochmut kommt vor dem Fall».

Messer

Am Anfang war das Messer: Schon die ersten Werkzeuge des Menschen lassen sich mit heutigen Klingen vergleichen, und die ältesten davon sind mehr als 2,5 Millionen Jahre alt.

Ein Messer ist eine einfache und raffinierte Sache zugleich. Einfach: Feuerstein ist hart wie Bergkristall, und geschickt zurechtgeschlagen, ergibt er einen Faustkeil mit messerscharfer Kante. Und raffiniert: Der Druck wird durch die scharfe Schneide auf eine mikroskopisch schmale Fläche verteilt, so dass sich mit Feuerstein mühelos schneiden lässt.

Kein Wunder also, dass das Messer seit jeher nicht bloss Werkzeug und Waffe war, sondern auch Statussymbol. Erste kunstvoll geschlagene Feuersteinmesser, später Dolche und Schwerter aus Bronze, Eisen und Stahl wurden reich verziert und zeugten so weniger von Wehrhaftigkeit als vielmehr von Wohlstand. Das «Jewelled Sword of State», das der angehende britische König Georg IV 1820 für 6000 Pfund herstellen und mit Gold und Juwelen schmücken liess, gehört zu den britischen Kronjuwelen und gilt als kostbarstes Messer der Welt. So gesehen ist das Taschenmesser, das Schweizer Soldaten bei sich tragen, vom Rekruten bis hoch zum Viersternegeneral, sozusagen des Messers demokratische Form.

Und dann gibt es da noch das Musikmesser aus dem 16. Jahrhundert. Es sieht aus wie ein Fleischmesser mit Horngriff, doch auf der Klinge eingraviert sind Psalmen. Unwahrscheinlich, dass Tafelgäste Noten und Text von blutigen Messerklingen ablasen: Die Tischsitten der Renaissance, genauso wie der Zweck der Psalmenmesser, bleiben ein Rätsel.

Mikrochip

Im Labor in Dallas war es heiss in jenem Sommer 1958, heiss und langweilig. Der 34-jährige Jack Kilby, ein Neuling bei Texas Instruments, hatte als einziger keinen Urlaub erhalten. Also dachte Kilby nach: Elektronische Erfindungen, stellte er fest, bestanden aus immer mehr Widerständen, Dioden, Transistoren, deren Zusammenlöten immer schwieriger wurde. Es müsste doch möglich sein, schrieb Kilby in sein Labortagebuch, Elektronik als integrierte Schaltung zu fertigen, quasi in einem Stück statt aus Dutzenden von Bauteilen. Am 12. September war es so weit: Ein Glasplättchen, kaum grösser als eine Büroklammer, darauf ein Streifen aus dem Halbleiter Germanium und ein paar Kabel. Doch als Kilby einen Knopf drückte, erschien auf dem Messgerät eine perfekte Sinuskurve. Zum ersten Mal bestand eine Schaltung aus einem einzigen Teil.

Die Kollegen und der oberste Chef Mark Shepherd waren beeindruckt, bloss nicht beeindruckt genug: Zwar wurde die bahnbrechende Erfindung patentiert, aber ausser Staunen unter Fachleuten bewirkte Kilbys erster Mikrochip – nichts. Selbst als Kilby 1967 den ersten selbst gebauten Taschenrechner «Cal Tech» präsentierte, gross und schwer wie ein Ziegelstein, der zwölfstellige Zahlen berechnete und das Ergebnis auf Thermopapier druckte, geschah – nichts. Immerhin erklärte sich Texas Instruments bereit, die aufstrebende japanische Firma Canon den Rechner in Serie bauen zu lassen, und dann ging auf einmal alles ganz schnell: Taschenrechner, immer kleinere Taschenrechner, Computer, Smartphone.

Kilbys Physiklabor von damals ist heute eine Gedenkstätte der Technik, und Kilby selbst erhielt im Jahr 2000, fünf Jahre vor seinem Tod, den Nobelpreis.

Mikrowelle

Aus den Küchen dieser Welt ist das «Ding» der Mikrowelle nicht mehr wegzudenken: Den Braten- oder Suppenrest von gestern aufwärmen oder das tiefgefrorene Brot auftauen – die Mikrowelle garantiert jederzeit eine Mahlzeit auf die Schnelle. Das Prinzip der Mikrowelle ist das Umwandeln elektromagnetischer Energie in Wärme. Von Mikrowellen bestrahlt, beginnen sich die Wassermoleküle zu drehen. Durch die Rotation steigt die kinetische Energie des in den Speisen enthaltenen Wassers – und damit deren Temperatur.

Das klingt einfacher, als es ist, und tatsächlich war die Entdeckung der Mikrowelle blanker Zufall. Der Selfmade-Ingenieur Percy Spencer arbeitete bei einem amerikanischen Rüstungskonzern – in der Abteilung, die für die Weiterentwicklung von Radaranlagen zuständig war. 1945, bei einem Versuch mit einer neuen Röhre, wurde Spencer auf einmal flau im Magen, und er bemerkte, dass der Schokoladenriegel, den er in der Tasche getragen hatte, zu einer klebrigen Masse geworden war. Auch wenn er nicht der erste war, der auf das Phänomen stiess, verstand er: Die elektromagnetischen Wellen seines Versuchsradars hatten die Schokolade glatt geschmolzen. Begeistert schob Spencer zuerst Maiskörner und danach ein rohes Ei hinterher, das prompt zerplatzte – zu dessen Verdruss einem Kollegen mitten ins Gesicht.

Seinen ersten «Radarherd» mit Wasserkühlung nannte Spencer Radarange: 3000 Watt stark, 1,80 Meter hoch und 340 Kilo schwer. Diesem Ungetüm haben wir es zu verdanken, dass es heute in der Küche auch mal ganz schnell gehen kann.

Minitel

Es ist gross, blaugrau und hässlich: ein Plastiktelefon mit einem Bildschirm, auf dem blasse, grobpixelige Zeichen flimmern, und mit einer Tastatur, deren Buchstaben noch alphabetisch geordnet sind und deren Sondertasten noch connection oder envoi heissen. Das archaische Gerät hört auf den Namen «Minitel» und ist das Kind einer französischen Revolution, 1977 angezettelt durch den Präsidenten der République, Giscard d’Estaing. «Telematik» heisst das Zauberwort, und damit gemeint ist die Vernetzung von Terminals, mit denen sich zentral gespeicherte Informationen abrufen lassen. Schon ein Jahr später verkündet Telecom-Generaldirektor Gérard Théry der Welt, dass das Minitel die Ära des Papiers beenden werde.

Und das ist nur zur Hälfte übertrieben: Die Minitels, kostengünstig und in grossen Stückzahlen produziert, werden von der französischen PTT gratis an die Haushalte abgegeben, und die Grande Nation tippt los, dass die Drähte glühen. 1985, Jahre bevor das World Wide Web erfunden wird, sind bereits eine Million Minitels in Betrieb.

Der ursprüngliche Zweck des Apparats ist ein Ersatz für die überlastete Telefonauskunft, doch bald schon werden per Minitel Fahrkarten gekauft, Bankgeschäfte getätigt und private Nachrichten verschickt. Ende der 1980-er Jahre hat der Dienst mehr Nutzer als der amerikanische Internetgigant Compuserve, und selbst die legendäre Rede des US-Vizepräsidenten Al Gore über den information superhighway von 1994 ist vom Vorbild Minitel inspiriert.

Noch heute tippen Hunderttausende auf ihren Retro-Terminals. Doch dem Ansturm einer Alles-Immer-Überall-Gesellschaft ist das Minitel, dieses Internet der ersten Stunde, nicht gewachsen: Am 30. Juni 2012 schlägt seine letzte Stunde.

Minox

Die Fotokameras der 1930er-Jahre sind technische Wunderwerke. Doch ob Kompakt oder Spiegelreflex, ob Kleinbild- oder Rollfilm: Kameras sind gross und schwer und hängen den Fotografen wie Mühlsteine um den Hals.

Walter Zapp, 1905 im Baltikum geboren, kriegstraumatisiert, Schulabbrecher, findet in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg am Ende doch noch eine Lehrstelle als Kunstfotograf. Rasch zeigt sich: Der junge Zapp ist hoch begabt. 1934 beginnt er, in Riga eine Fotokamera zu entwickeln, die kleiner ist als alles, was die Welt je gesehen hat. Der erste Prototyp folgt zwei Jahre später, eine Art achtes Weltwunder der Fotografie: Eine hochpräzise Kamera namens «Minox», von lateinisch minor («kleiner»), aus Edelstahl, 130 Gramm und kleiner als zwei Feuerzeuge, mit fester Blende von 3,5 und Verschlusszeiten bis zu einer Tausendstelsekunde. Der Winzling braucht einen Spezialfilm, dessen Negative erst 6,5 mal 9, später 8 mal 11 Millimeter klein sind. Optik und Mechanik sind von einer unerhörten Qualität, so dass sich selbst Geheimdokumente und Pläne gestochen scharf abfotografieren lassen.

Das rief, wen wundert’s, nicht nur die Künstler, sondern auch die Schlapphüte auf den Plan. «On Her Majesty’s Secret Service» («Im Geheimdienst ihrer Majestät») von 1969 mag trotz des Drehs auf dem Schilthorn zu den dürftigeren Filmen zählen. Doch die Minox, mit der George Lazenby alias James Bond eine geheime Karte abfotografiert, liess dem Publikum die Augen übergehen.

Der Spionage-Kamera namens «Minox», jenem Meisterwerk des Erfinders Walter Zapp, war ein ungeheurer Erfolg beschieden: 75 Jahre lang wurde sie produziert. Die allerletzte lief erst 2012 vom Band.

Monopoly

Mit vier bis zum teuren Zürcher Paradeplatz, oder – Mist! – mit sechs übers Ziel hinaus zum billigen Kornplatz in Chur? «Monopoly» machte Generationen mit den Regeln der freien Marktwirtschaft vertraut. Die Regeln sind altbekannt: Es gilt, Boden aufzukaufen und seine Mitspieler in den Ruin zu treiben.

Doch darum ging es nicht nur auf, sondern auch neben dem Spielbrett. Monopoly geschaffen hat angeblich 1930 der Erfinder Charles Darrow, ebenso angeblich als Zeitvertreib während dessen Arbeitslosigkeit in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Erste Monopoly-Ausgaben entstanden in Handarbeit, die Darrow an Freunde und Nachbarn verkaufte. 1935 kaufte die Spielefirma Parker Brothers die Rechte am Spiel, das sie noch ein Jahr zuvor nicht hatte haben wollen, wegen «52 grundsätzlichen Fehlern». So grundsätzlich konnten die Fehler nicht gewesen sein, denn Monopoly wurde seinem Namen gerecht – und zum Bestseller.

Das wiederum rief den Wirtschaftsprofessor Ralph Anspach auf den Plan, der «Anti-Monopoly» entwickelte, mit umgekehrten Regeln: Das Spiel wird anfangs von Trusts beherrscht, die Spieler sammeln Anerkennungspunkte und schaffen allmählich eine freie Marktwirtschaft.

Es kam, wie es kommen musste – und Parker Brothers und Anspach fanden sich vor dem Supreme Court in Washington wieder. Doch die höchsten Richter der USA liessen Parker abblitzen und befanden, dass Monopoly gar kein Original sei, sondern vielmehr ein Plagiat. Das Original hat Jahrgang 1904, war von Hand gezeichnet, trägt die US-Patentnummer 748 626 und stammt von einer jungen, findigen Quäkerin aus Virginia. Es hiess «The Landlord’s Game».

Monte San Giorgio

Der Monte San Giorgio im Tessin wirkt mit seinem dichten Wald und seinen knapp 1100 Metern wenig spektakulär. Er liegt zwischen den beiden südlichen Armen des Lago di Lugano, nahe der italienischen Grenze. Der unscheinbare Berg ist ein Naturdenkmal der Superlative. Denn er führt eine 16 Meter dicke Schicht Ölschiefer, ein dunkler bis schwarzer Stein, der Rohöl enthält. Schon im 18. Jahrhundert entdeckt, wurde der Ölschiefer am Monte San Giorgio ab 1910 industriell abgebaut. Einen Ölrausch gab es nicht: Mit nur 8 Prozent gab die Schicht zuwenig her, aber das Öl, das die Arbeiter in der kleinen Fabrik bei Meride destillierten, liess sich zu einer Hautsalbe namens «Saurol» verarbeiten.

«Saurol»: Der Name kommt von der riesigen Menge bis ins letzte Detail erhaltener Fisch- und Saurierskelette, die in den Stollen zum Vorschein kamen. Vor 200 Millionen Jahren lag hier ein 100 Meter tiefes subtropisches Meeresbecken. Das ruhige Wasser auf dem Grund enthielt kaum Sauerstoff, und Tierkadaver wurden nicht gefressen oder von Strömungen weggetrieben. Seit 1924, als die Universität Zürich mit grossangelegten wissenschaftlichen Grabungen begann, wurden hier mehr als 20 000 Fossilien geborgen: Reptilien, Fische, Schnecken, Insekten, gut erhaltene Pflanzen. Einige neu entdeckte Arten tragen sogar Schweizer Namen: der Helveticosaurus, der aussah wie ein Aal mit Beinen, der Waran-ähnliche Ticinosuchus und der bis zu drei Meter lange, durchs Wasser paddelnde Ceresiosaurus, nach ceresio, dem italienischen Namen des Luganersees.

Ein weltweit einzigartiger Saurierberg: Der Monte San Giorgio gehört seit 2003 zum Welterbe der Unesco.

Moore’s Law

Der Satz ist so etwas wie die Formel des Fortschritts, und zum ersten Mal stand er in der amerikanischen Zeitschrift «Electronics» vom 19. April 1965. Er lautet: Die Integrationsdichte von Mikroprozessoren verdoppelt sich alle zwölf Monate. Geschrieben hat das der damals 35-jährige Chemiker und Physiker Gordon Moore, und selbst wenn Moore später den Zeitraum auf 24 Monate erhöhen musste, hiess der Satz bald einmal Moore’s Law. Denn tatsächlich schaffen es die Forscher, Jahr für Jahr mehr Transistoren in Prozessoren zu packen, die damit Jahr für Jahr schneller und stärker werden. Schon 2006, schrieb Moore in einem Aufsatz, gab es einhundertmal mehr Transistoren als Ameisen auf der Welt.

Der Transistor ist der kleinste Baustein eines Computers. Vor 40 Jahren war er noch einen halben Zentimeter gross. Heute enthält ein Prozessor mehrere Milliarden Transistoren, zusammengequetscht auf eine Fläche von wenigen Quadratzentimetern. Ein einzelner Transistor wäre selbst mit dem stärksten Lichtmikroskop nicht mehr zu erkennen.

Bis 2002 bedeutete Moore’s Gesetz simpel und einfach, dass neue Computer jedes Jahr rund zweimal so leistungsfähig wurden. Seither aber stossen die Physiker auf schier unüberwindliche Hindernisse. Die winzigen Transistoren lassen sich kaum mehr verkleinern. Und ihre enorme Dichte erzeugt soviel Wärme, dass die empfindlichen Schaltungen zu schmelzen drohen.

Moores eingängiges Gesetz gilt nicht mehr. Sein Kern aber – kleiner, dichter, schneller – ist zum eigentlichen Mantra des Computerzeitalters geworden.

Murphy’s Law

Es scheint ein Gesetz zu sein. Und es lautet: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein fallendes Butterbrot auf seiner Butterseite landet, ist proportional zum Wert des Perserteppichs. Das ist Murphy’s Law. In aller Kürze und englisch: shit happens.

Murphys Gesetz kennen wir alle. Und es ist so alt wie die Menschheit. Da gibt es zum Beispiel den englischen Vers, den eine Zeitung in Ohio 1841 abdruckte:

I never had a slice of bread – particularly large and wide
That did not fall upon the floor – and always on the buttered side.

Wieder das fallende Butterbrot, aber das kennen Sie ja schon. Eine andere Version von Murphys Law, so fand die American Dialect Society heraus, stammt vom Ingenieur Alfred Holt. Der erklärte 1877 an einer Konferenz: Alles, was auf hoher See schiefgehen kann, wird früher oder später schiefgehen.

Murphys Namen trägt das Gesetz seit 1949. Da arbeitete Captain Edward A. Murphy auf der Edwards Luftwaffenbasis in Kalifornien. Als Ingenieur war er für das Projekt MX 981 zuständig, das messen sollte, wieviel Bremskraft ein Mensch aushalten kann, dann etwa, wenn er mit dem Schleudersitz aus einem Jet katapultiert wird. Er liess einen Schimpansen auf eine Zentrifuge schnallen, beschleunigte, bremste und stellte fest – Ergebnis: null. Die Messgeräte zeigten nichts an. Grund: Sie waren von einem Techniker genau falschherum verkabelt worden. Und Murphy stellte fest: Was für fallende Butterbrote gilt, gilt auch für wissenschaftliche Experimente.

Ob das nun die wahre Geschichte von Murphys Law ist? Wer weiss das schon. Immerhin stand sie zwar auf der offiziellen Website der Edwards Air Force Base. Aber wahr? Auch die Airforce scheint Zweifel zu haben. Im Januar 2007 wurde die nette Anekdote sang- und klanglos gelöscht.

Museum

Wer von der Muse geküsst werden will, der geht am besten ins Museum. museum ist lateinisch und bezeichnet den Ort des Studiums, eine Universität oder, im engeren Sinn, eine Bibliothek. Und das noch ältere griechische museion hiess nichts anderes als Musentempel.

Ein solches Museion stand zum Beispiel in Alexandria, am Hof von König Ptolemaios I, im dritten Jahrhundert vor Christus. Die sagenhafte Bibliothek von Alexandria sollte nichts weniger als das gesammelte Wissen der Zeit enthalten: alle Schriftrollen, Schrifttafeln und Bücher aller Völker und Zeiten. Als Cäsar im Jahr 48 vor Christus auf der Suche nach seinem Widersacher Pompejus nach Alexandria kam und nach heftigen Kämpfen im Residenzviertel in die Enge getrieben wurde, liess er kurzerhand sämtliche im Hafen liegenden Schiffe anzünden. Mit ihnen soll die auch die legendäre Bibliothek in Flammen aufgegangen sein.

Tatsächlich haben Archäologen die Existenz der Bibliothek von Alexandria nie nachweisen können, Überreste wurden bis heute nicht gefunden. Doch ein Menschheitstraum ist sie geblieben: eine frei zugängliche Sammlung allen Wissens an einem einzigen Ort. Das Museion in diesem umfassenden Sinn gibt es dagegen wohl: zum einen in Form gigantischer Bibliotheken wie der Library of Congress in Washington mit ihren mehr als 138 Millionen Titeln, und zum anderen archive.org, das Internet-Archiv des Computerwissenschaftlers Brewster Kahle mit seinen unvorstellbaren Datenmengen, das alle zwei Monate das gesamte zugängliche Internet archiviert und öffentlich macht.

Ob die Musen wirklich jeden dieser zahllosen Autoren geküsst haben, ist fraglich. Doch die Idee des Museums als Ort der Inspiration und des Denkens ist gerade im Zeitalter des Web aktuell wie nie.

Musikdose

Ihr Klang ist einmalig, auch wenn sie viele Namen trägt: In der Schweiz heisst sie «Musikdose», in Deutschland «Spieldose» oder «Spieluhr», in England «music box». Die kleine Dose mit ihren klingenden Metallzungen, die von Stiften auf einer langsam drehenden Walze gezupft werden, hat 1796 der Genfer Uhrmacher Antoine Favre erdacht. Seine Erfindung fand eine begeisterte Kundschaft. Der Absatz wuchs, und so entstand um 1815 in der Schweiz eine eigentliche Musikdosenindustrie.

Musikdose
Musikdose
Gefragt waren da vor allem Uhrmacher, da die Walze in der Regel von einem Uhrwerk angetrieben wurde. Folgerichtig entwickelte sich die Herstellung da, wo es auch Uhrenmanufakturen gab: zum Beispiel in Genf. 1860 wurden da bereits 13 000 Musikdosen hergestellt, was mehr als 1000 Menschen Lohn und Arbeit gab.

Nach der grossen Uhrenkrise von 1860 wandten sich die Uhrmacher im Jura, im Vallée de Joux und in Sainte-Croix, den Musikdosen zu und brachten sie zur Perfektion. Während da um 1900 die Uhrmacherei fast völlig verschwand, exportierten vierzig Hersteller in Sainte-Croix ihre Werke bereits in die ganze Welt und setzten 4 Millionen Franken um, eine damals enorme Summe.

Die Herstellung der Musikdosen war alles andere als einfach: Die goupilleuse brachte die Bohrungen an und setzte von Hand die Stifte ein, der poseur passte den Tonkamm ein, der anschliessend vom justifieur nachgestimmt wurde. Der remonteur setzte die Uhrfeder ins Gehäuse, und erst nach einer minutiösen Kontrolle durch den termineur verliess eine Musikdose das Werk.

Heute, im Zeitalter von Radio und iPod, ist die Musikdose nur noch etwas für Liebhaber. Aber ihr Klang hat nichts von seiner Einmaligkeit verloren.

Myst

September 1993. Der Computer war noch ein Arbeitstier, sein Käfig das Büro, sein Bildschirm eine Flimmerkiste. Da löste ein brandneues Game bei den Fans ein Raunen aus. Das Spiel hiess «Myst», von mystery, dem englischen Wort für Rätsel, erfunden von den beiden Brüdern Rand und Robyn Miller.

Myst
Allerdings: Nur die wenigsten konnten es überhaupt spielen. «Myst» lief anfänglich nur auf einem Mac mit hoch auflösendem Farbbildschirm und CD-ROM, vor 20 Jahren ein unerschwinglicher Luxus. Dazu war «Myst» ganz anders als andere Games. Kein Spielstand. Kein Schiessen. Kein Sterben. Sondern vielmehr eine einsame, surreale, mit zahllosen liebevollen Details gestaltete, menschenleere Insel, deren Vergangenheit es Schritt für Schritt zu enträtseln galt. Und so tauchten die Spieler ein in die Welt der missratenen Brüder Sirrus und Achenar, ihres überforderten Vaters Atrus, seinen genialen Maschinen und seinen magischen Büchern, die moderne E-Books um Jahrzehnte vorwegnahmen.

Das Spielen bestand vor allem aus Denkarbeit. Die Rätsel waren so verflixt schwierig, dass man den «Myst»-Spieler auch abseits des Computers unschwer an seinem abwesenden Blick und dem stets in Griffweite befindlichen Notizblock erkennen konnte. Die Kritiken waren euphorisch, das Spiel und seine Nachfolger ein Riesenerfolg: Neun Jahre lang war «Myst» das meistverkaufte Computergame; von den ersten drei Versionen wurden über 12 Millionen Stück verkauft.

Die Firma der beiden Miller-Brüder gibt es immer noch. Sie liegt in Spokane im US-Bundesstaat Washington, laut Firmenporträt «192 Billionen Kilometer vom nächsten bewohnbaren Planeten entfernt». «Myst» selbst liegt etwas näher: im Museum of Modern Art in New York, als Spiel im Web und, natürlich, als App auf dem Handy.

Münzautomat

Automaten sind eine Erfindung der Neuzeit. Doch der erste Münzautomat der Geschichte ist älter, viel älter: Erfunden wurde er im ersten Jahrhundert n. Chr. vom griechischen Ingenieur Heron von Alexandria. In den Tempeln der Antike nämlich pflegten findige Händler Weihwasser zu verkaufen. Doch was, wenn sich die Betenden nicht an die Geschäftszeiten hielten? Abhilfe schuf eine von Heron konstruierte Weihwassermaschine. Die bestand aus einem Zylinder voller Wasser, auf dem eine Holzscheibe schwamm. Das Gewicht der eingeworfenen, auf das Holz fallenden Münzen drückte das Weihwasser durch ein Röhrchen nach oben, wo es dem Gläubigen in die Hand rann. Dieser sogenannte «Heronsbrunnen» war der erste Verkaufsautomat der Geschichte.

In den 1870er-Jahren dann setzte erst in Amerika, danach in Europa ein eigentlicher Automatenboom ein. Postkarten, Bücher, Bleistifte, Schokolade, Kaugummi, Zigaretten – was immer sich in Münzautomaten packen liess, wurde auf einmal in den schrankgrossen, verschnörkelten, bunt lackierten Kästen aus Gusseisen, Stahlblech oder Holz angeboten. Beliebt waren sie nicht überall: Die vielen Bonbons liessen Kritiker um die Volksgesundheit bangen; Händler fürchteten die neue, automatisierte Konkurrenz; selbsternannte Sittenwächter witterten gar die Anstiftung zur Kriminalität, weil Kinder immer wieder versuchten, die Automaten mit Hosenknöpfen zu überlisten. Und die Kirche schliesslich hatte schwere Bedenken wegen des Verkaufs an Sonntagen und der Verführung der Gläubigen während der Fastenzeit. Alles vergeblich: Die Münzautomaten waren nicht mehr aufzuhalten.

Heute aber sind sie selten geworden. Bestellt wird im Internet, bezahlt per Kreditkarte, geliefert per Post. Die letzten Jugendstilkästen aus den Anfängen der Automatenzeit dagegen sind selbst zur Ware geworden – als begehrte Sammlerobjekte.

Münze

Das Wort «Münze» kommt aus dem Lateinischen. Doch mit Geld hatte es zu Beginn weniger zu tun als mit Göttersagen. Auf der östlichen Kuppe des römischen Kapitols, der sogenannten «Burg», befand sich seit dem Jahr 344 v. Chr. ein der Göttin Juno geweihter Tempel. Juno, die Gattin von Chefgott Jupiter, wurde von den Römern als Schirmherrin der Stadt verehrt, als Göttin für Geburt und Ehe – und sie trug den Beinamen Iuno moneta, «Juno, die Mahnerin». Wie dieser Beiname moneta zu unserer Münze wurde, erzählt der Chronist Titus Livius so:

An der Stelle des neuen Juno-Tempels hatte zuvor ein älteres Heiligtum gestanden, in dem Gänse gehalten worden waren, denn das heilige Tier der Juno war die Gans. Als im Jahr 387 v. Chr. Gallier in die Stadt einfielen, schlich sich ein Trupp auf einem schmalen Pfad hoch aufs Kapitol. Die wachsamen Vögel schlugen mit lautem Schnattern und Flügelschlagen Alarm. Die Verteidiger, in deutlicher Unterzahl, begannen zu verhandeln und bewegten die Gallier schliesslich zum Abzug, gegen die Zahlung von 1000 Pfund Gold. Weil die Schutzpatronin Juno mit ihren heiligen Gänsen den Fall des Kapitols verhindert hatte, nannte man sie fortan «Mahnerin» oder «Warnerin».

Im späteren, gut befestigten Tempel befand sich eine grosse Münzstätte. Die hier geprägten Münzen trugen das Bild der Iuno moneta, und der Beiname wurde mit der Zeit zum Inbegriff des Geldes. Als «Münze» oder «Moneten» wurde das Wort im Deutschen heimisch, als die germanischen Könige das römische Münzwesen übernahmen – und mit ihm auch den Namen der kunstvoll geprägten Geldstücke mit ihrer sagenhaften Vergangenheit.

mp3

Revolutionen sind ziemlich wohlfeil in einer Zeit, die sich anschickt, am besten gleich das ganze Leben zu digitalisieren. Bei der Musik ist ihr das schon gelungen, und deren Revolution heisst mp3. Selbst die Qualitätsmerkmale, ausgedrückt in Kilobit pro Sekunde, sind den Fans vertrauter als die eigene Schuhgrösse: 320 für wahren Hi-Fi-Genuss, 192 für den Alltag, und unter 128 tut’s keiner, der von Musik mehr versteht als die Schreibweise.

Zur Welt kam mp3 am Freitag, 14. Juli 1995 im Fraunhofer-Institut in Erlangen. An diesem Tag wurde die Dateiendung nach einer institutsinternen Umfrage festgelegt – ursprünglich hatten die Forscher ihr neues Datenformat nämlich bit nennen wollen. Die Forscher, das war vor allem der deutsche Elektrotechniker Karlheinz Brandenburg. Sein Forschungsgebiet war die Psychoakustik – mit dem Ziel, Audiodaten zu reduzieren, sprich: Musik zu verkleinern. Die ist nämlich selbst für moderne Geräte viel zu gross. Auch Handys tun das, und wie das dann klingt, hören wir jeden Tag.

Eine Sinfonie per Telefon? Ein Graus. Brandenbergs Verfahren ist viel raffinierter. Klänge, die das menschliche Ohr ohnehin nicht wahrzunehmen vermag, werden gar nicht erst mitgespeichert – unhörbar hohe Töne etwa oder leise unmittelbar nach lauten. Die Datenmenge der Musik wird so stark reduziert – bei 128 Kilobit pro Sekunde, etwa die Qualität von UKW, um mehr als 90 Prozent. Die Kehrseite: Die Feinheit des Klangs nimmt ab, und extrem komprimierte Musik klingt, als käme sie über Kurzwelle aus Bratislava.

Heute spricht niemand mehr von mp3, zu selbstverständlich ist das Format geworden. Doch ohne hätte die Musikrevolution nie stattgefunden.