Auf gut Glück

Limerick

1843 erschien in London ein Büchlein mit dem Titel «A Book of Nonsense», und dieses Büchlein hatte es in sich. Es enthielt 107 Nonsens-Gedichte des britischen Schriftstellers und Malers Edward Lear, von ihm selbst illustriert, die alle einem verblüffend eingängigen Schema folgten. Zwei lange Zeilen, die sich reimen. Dann zwei kurze, die sich ebenfalls reimen, am Ende ein fünfter langer Vers mit dem Anfangsreim. Immer nahm Lear eine fiktive Person auf die Schippe, die an einem realen Ort lebt, und die sich durch eine geradezu absurde Angewohnheit oder Eigenschaft auszeichnet.

Weil diese Strophenform einem alten irischen Soldatenlied gleicht, «Will You Come up to Limerick», wurde der Scherzvers bald einmal «Limerick» genannt. Auch wenn Dichter Lear nicht der Erfinder war – schon bei Shakespeare finden sich ähnlich gebaute Verse –, traf der Limerick einen Nerv. Mit einer Pointe, in die Schlusszeile verpackt, zählt er heute zum festen Repertoire von Humoristen in aller Welt. In der Version des Schweizer Kabarettisten César Keiser klang das 1964 zum Beispiel so:

Da gab’s einen Forscher in Brahmen
Der bastelte künstliche Damen,
Wobei ihm die vierte
Zum Teil explodierte,
Jetzt bastelt er keine mehr. Amen.

Wer jetzt vom Ehrgeiz gepackt ist und sich fragt, wie genau man einen Limerick zu schreiben hat, dem sei auch das erklärt. Am besten in einem Limerick:

Ein Limerick-Dichter aus Leimen
War stolz auf sein treffliches Reimen.
Doch macht’s nicht allein
Der treffliche Reim:
Man muss auch den Rhythmus gut timen.

Auf gut Glück

Lügendetektor

Lügen haben kurze Beine,

sagt man. Zuweilen aber galoppieren Unwahrheiten munter davon, und deshalb haben Ermittler schon immer davon geträumt, eine Lüge von der Wahrheit zweifelsfrei unterscheiden zu können.

Der Gedanke ist gar nicht so abwegig: Anfang des 20. Jahrhunderts hielten die Psychologen Carl Gustav Jung und Max Wertheimer unabhängig voneinander fest, dass – erstens – Menschen beim Lügen nervös werden, und sich dass sich – zweitens – Nervosität auch in der Physiologie zeigt. Lügen ist nämlich anstrengend: Beschleunigter Atem, schneller Puls, erhöhter Blutdruck, Schwitzen, zuweilen gar Zittern. Diese körperlichen Phänomene lassen sich beobachten und messen. Und so konstruierte 1913 der Psychologe Vittorio Benussi an der Universität Graz einen ersten sogenannten «Polygraphen», einen Apparat, der kontinuierlich die Atemfrequenz und den Puls einer Testperson anzeigte.

Lügendetektoren haben sich vor allem in den USA verbreitet, und sie sind viel raffinierter geworden. Die neuesten Geräte sind sogar in der Lage, mit Infrarotkameras die Durchblutung des Gesichts und damit das Erröten zu messen – oder auch winzige Veränderungen der Stimmlage (sogar am Telefon). Magnetresonanz-Scans machen heute selbst Vorgänge im Gehirn sichtbar.

Wahr oder unwahr aber kann auch der modernste Apparat nicht unterscheiden; das kann allein der geschulte Bediener. Wenn der sich irrt – und das tut er Studien zufolge immer wieder –, kann das vor Gericht gravierende Folgen haben. In der Schweiz und in Deutschland ist der Lügendetektor im Strafverfahren daher verboten.

Von A bis Z

Laffer, Larry

Larry Laffer – mit Halbglatze und im weissen Sakko –, war 1987 der Held der Computerbildschirme. «Der Mann, der Zürich lahmlegt», titelte die Zürcher «Weltwoche». Der Grund: Larry war die Hauptfigur des PC-Spiels «Leisure Suit Larry». Es war das erste Adventure Game, das buchstäblich um die ganze Welt ging. Antiheld Larry Laffer sucht in einer pixelig-bunten, heruntergekommenen Kleinstadt nach käuflicher Liebe. Nur – das Game bestand vor allem aus Sackgassen. Wie kommt Larry an der Bar zu einem Whisky, wie in der Apotheke zu Kondomen? Und vor allem: wie zu einer Frau? Und so tauschten die Spieler per Telefon Tipps aus, vorzugsweise im Büro.

Larry Laffer
Sie lesen richtig: im Büro. Denn PCs zählten noch nicht zu den Haushaltsgeräten, und Larry verfügte über einen sogenannten boss key, eine Cheftaste – Ctrl-B rief eine fingierte Säulengrafik auf den Bildschirm; war der Chef erst wieder weg, wurde munter weitergespielt. Stunden-, tagelang.

Dabei war Larry am Anfang ein Flop. Nur 4000 verkaufte Spiele liessen Al Lowe, Spielentwickler bei der Softwareschmiede Sierra und einstiger High-School-Musiklehrer in Kalifornien, verzweifeln. Aber dann griff das Virus um sich: Mund-zu-Mund-Werbung befeuerte die Verkäufe, und im Juli 1988 war Larry das drittbeste in den USA je verkaufte Spiel.

Larry machte süchtig, und das lag am gelungenen Plot, an der putzigen Grafik, am schlüpfrigen Humor – und an der revolutionären Spielsteuerung: Anweisungen wurden ganz einfach eingetippt – «Buy whisky» trug Larry an der Bar ohne weiteres einen Rausch ein, «Buy condoms» – Sie wissen schon.

Larry machte seinen Vater Al Lowe weltberühmt: «Leisure Suit Larry» war der erste Blockbuster der Game-Industrie. Und Larry war das erste Game, das, mit einem Virus infiziert, weltweit Schrecken verbreitete.

Lazarett

Die alte Republik Venedig war nicht nur eine Grossmacht des Mittelalters, sondern auch eine Vorreiterin in Sachen öffentliche Gesundheit. Im 14. Jahrhundert erfanden die venezianischen Behörden nicht nur die Quarantäne, die vorsah, dass mit der Pest in Berührung gekommene Reisende 40 Tage lang isoliert werden sollten («Quarantäne» kommt von der biblischen Zahl 40); aus Venedig stammt auch das Lazarett, in das sie anschliessend gebracht wurden, wenn sie vor Ablauf der «quarantena» höllische Kopfschmerzen, glühendes Fieber und dunkle, eitrige Beulen bekamen.

Der «Lazzaretto Vecchio», 1423 gegründet, war ein Pestspital auf einem 220 Meter langen und 145 Meter breiten Inselchen, in sicherer Distanz vom Stadtkern entfernt. Hier stand die Kirche Santa Maria di Nazareth, von deren Namen angeblich unser heutiges Lazarett abstammen soll. (Tatsächlich aber kommt der Name vom heiligen Lazarus und vom italienischen Wort für Aussätzige, lazzaro.) Mit einem heutigen Spital hatte dieses Ur-Lazarett wenig zu tun. Die Ärzte wusste noch nichts von Ansteckungswegen oder Pestbakterien und führten die Seuche auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte und auf stickige, modrige Lüfte zurück. Behandeln hiess waschen, zu Ader lassen und allem voran isolieren.

Heute ist das Lazarett ein Behelfsspital in Krisengebieten oder im Krieg, und seit 1949 steht es laut den Genfer Konventionen unter strengem völkerrechtlichem Schutz. Im 14. Jahrhundert dagegen war das Lazarett vor allem ein Ort zum Sterben: Seit 2007 haben Archäologen auf Venedigs flacher Pestinsel mehr als 1500 Skelette geborgen, die man dort in Einzel- und Massengräbern verscharrt hatte. Der «Lazzaretto Vecchio» ist heute unbewohnt und dient nur noch als Tierheim für streunende Hunde.

Leben

Am Leben hängt der Mensch: Fast bedingungslos ist unser Wunsch nach Gesundheit und nach einem langen Leben.

Lange Zeit war das ein frommer Wunsch. Bis ins frühe Mittelalter betrug die Lebenserwartung der Menschen gerade mal zwischen 25 und 32 Jahren – dass namentlich viele Frauen so früh starben, lag an mangelnder Hygiene, schlechter Ernährung und dem Kindbettfieber, wie man die oft tödlichen Komplikationen bei der Geburt nannte. In der Steinzeit gar wurden die Menschen durchschnittlich nur gerade 20 bis 25 Jahre alt. Das führt zum häufigen Missverständnis, dass ein 25-jähriger Pfahlbauer bereits ein alter Mann gewesen sei, und das ist natürlich falsch. Ein Mensch konnte schon damals gut und gern 60, 70 Jahre alt werden. Aber: Viele starben bereits im Säuglings- oder Kindesalter.

Heute lebt der Mensch so lange wie noch nie. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Schweizer Männern beträgt heute 79 Jahre, bei Frauen gar 84 Jahre. Dass wir immer älter werden, liegt am medizinischen Fortschritt und am steigenden Wohlstand. Noch 1950, in der entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden Schweizer Männer durchschnittlich 66, Frauen 71 – das Leben dauerte damals also im Durchschnitt 13 Jahre weniger lang.

Ein langes Leben ist auch dem Wort beschieden: «Leben» lässt sich bis in dunkelste Zeiten zurückverfolgen zu einem indogermanischen Wörtchen namens lei. lei bedeutete feucht, schleimig, glitschig oder klebrig. In der Bedeutung «kleben bleiben», «übrig bleiben» wandelte es sich zum heutigen bleiben – und zu Leben.

Am Leben hängt – und klebt – der Mensch: Auch die Bedeutung «kleben» hat nämlich überlebt. Mit dem Wort Leben eng verwandt ist, ausgerechnet, der Leim.

Lewinsky, Monica

Es war ohne Zweifel der öffentlichste Seitensprung der Geschichte: jener von Bill Clinton, dem 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten, und der damals 22-jährigen Praktikantin im Weissen Haus, Monica Lewinsky. Nie zuvor waren Milliarden von Menschen Zeugen einer einzigen Eskapade eines einzigen Mannes gewesen.

Dabei, so flunkerte Clinton am 26. Januar 1998, dabei war es gar kein Seitensprung gewesen: Nie habe er ein Verhältnis mit dieser Frau gehabt. Allein, es half nichts. Die Schlinge der Medien zog sich erbarmungslos zu; Zeitungen und Fernsehen bedienten willfährig eine ebenso lüsterne wie verklemmte Öffentlichkeit mit immer pikanteren Details. Volle 13 Monate lang befasste sich die Welt mit erotischen Praktiken, ihren Hinterlassenschaften auf einem ungewaschenen Kleid, den Möglichkeiten der DNA-Analyse, der amerikanischen Strafjustiz und schliesslich gar mit dem impeachment, dem Verfahren zur Absetzung eines Präsidenten.

Dabei war Clinton mit seinem kleinlauten Geständnis doch schon am 17. August 1998 zu Kreuze gekrochen. Allein – too little, too late. Zu Ende war die Affäre erst ein halbes Jahr später, als der Senat am 12. Februar 1999 einen zerknirschten und zermürbten Präsidenten freisprach: des Meineids und – hauchdünn, mit 50 zu 50 Stimmen – der Behinderung der Justiz.

Ach ja: Monica Lewinsky, unfreiwillige Titelheldin dieser Seifenoper, ist seit 2006 studierte Sozialpsychologin. Ihre Spuren verlieren sich im Internet, wo sie – unter therealmonica.com – als letztes Handtaschen verkauft hatte.

Lifehack

Der Hacker ist ein Finsterling: Er bricht in Datenbanken ein und klaut Informationen, die er dann an den Meistbietenden verschachert. Aber kein Klischee ohne Parodie, und die heisst life hacking. Der Begriff wurde in den Achtzigerjahren in der Hackerszene geprägt, aber er hat nichts mit Computer zu tun, sondern mit spielerischen Wegen, sich das Leben ohne Informatik zu erleichtern. Lifehacks sind Tipps und Tricks meist in Form von Netzvideos, mit denen sich ungelöste Alltagsprobleme beheben oder lästige Alltagsarbeiten abkürzen lassen. Das geht dann zum Beispiel so:

Eigelb von Eiweiss trennen? Vergessen Sie alles, was Sie je gelernt haben. Schlagen Sie das Ei auf und geben Sie alles in einen Teller. Drücken Sie dann eine leere PET-Flasche zusammen, halten Sie die Öffnung behutsam aufs Eigelb und lassen Sie sachte los – Eigelb wird aufgesaugt, Eiweiss bleibt im Teller.

Oder: Schuhe binden, so dass sich die Schnürsenkel nicht wieder öffnen? Doppelknoten? Brachiale Gewalt? Von wegen. Die allerletzte Schleife des gewohnten Knotens binden Sie einfach genau andersrum. Verblüffend, aber wahr – dieser Knoten hält. Garantiert.

Ob Ladekabel, die man ordentlich aufrollt und in leere Klopapierrollen klemmt oder Äpfel, die man mit Bohrmaschine und Messer in Sekundenschnelle schält: Lifehacks sind selten frei von Komik, aber immer sind sie erfinderisch und kreativ. Was einst als Spleen begann, ist heute ein Update auf ein Leben 2.0.

Likejacking

Zwei Milliarden Menschen haben heute Zugang zum Internet. Mehr als ein Viertel davon, über 500 Millionen, nutzen Facebook. Was einst Mark Zuckerberg und seine Freunde als Online-Jahrgangsbuch in ihrer Harvard-Studentenbude zusammenbastelten, hat sich dicht hinter Google zur unangefochtenen Nummer Zwei im Internet entwickelt.

Als Facebook im April 2010 den Like-Button veröffentlichte, jenen Knopf, mit dem man spannende Inhalte auf einen Klick weiter empfehlen kann, galt das als weitere Meisterleistung von Zuckerberg & Co.: Mit einemmal war Facebook nicht länger ein geschlossenes System, sondern – kraft eines gehobenen Daumens in schmuckem Facebook-Blau – von jeder beliebigen Seite aus erreichbar.

Da sind Schmarotzer nicht weit. Der Like-Knopf kann nämlich perfiderweise auch eine transparente, über ein sichtbares Bild gelegte Grafik sein. Über ein vorgegaukeltes Video, das meist auf niedere Instinkte abzielt, wird ein unsichtbarer Like-Button gelegt. Wer sich hinreissen lässt und klickt, wird erstens ungewollt auf eine obskure Webseite umgeleitet und hat zweitens allen Facebook-Freunden denselben Schund schmackhaft gemacht. Das muss nicht immer harmlos sein: Nicht selten nutzen die Gauner Sicherheitslücken aus und verbreiten Schädlinge. «Likejacking» nennt sich diese Bauernfängerei, von to like und hijacking, Entführung.

Dabei gäbe es eine ganz einfache Gegenmassnahme: Verspricht das Filmchen einen ausgiebigen Blick auf die unverhüllte Nachbarin, zeigt die Statuszeile eine unbekannte Adresse statt facebook.com und finden sich im Titel verräterische Rechtschreibfehler, dann sollte man sich den Klick verkneifen, sich selbst und allen Facebook-Freunden zuliebe.

Denn merke: Gauner können viel. Gutes Deutsch aber zählt nicht dazu.

Limerick

1843 erschien in London ein Büchlein mit dem Titel «A Book of Nonsense», und dieses Büchlein hatte es in sich. Es enthielt 107 Nonsens-Gedichte des britischen Schriftstellers und Malers Edward Lear, von ihm selbst illustriert, die alle einem verblüffend eingängigen Schema folgten. Zwei lange Zeilen, die sich reimen. Dann zwei kurze, die sich ebenfalls reimen, am Ende ein fünfter langer Vers mit dem Anfangsreim. Immer nahm Lear eine fiktive Person auf die Schippe, die an einem realen Ort lebt, und die sich durch eine geradezu absurde Angewohnheit oder Eigenschaft auszeichnet.

Weil diese Strophenform einem alten irischen Soldatenlied gleicht, «Will You Come up to Limerick», wurde der Scherzvers bald einmal «Limerick» genannt. Auch wenn Dichter Lear nicht der Erfinder war – schon bei Shakespeare finden sich ähnlich gebaute Verse –, traf der Limerick einen Nerv. Mit einer Pointe, in die Schlusszeile verpackt, zählt er heute zum festen Repertoire von Humoristen in aller Welt. In der Version des Schweizer Kabarettisten César Keiser klang das 1964 zum Beispiel so:

Da gab’s einen Forscher in Brahmen
Der bastelte künstliche Damen,
Wobei ihm die vierte
Zum Teil explodierte,
Jetzt bastelt er keine mehr. Amen.

Wer jetzt vom Ehrgeiz gepackt ist und sich fragt, wie genau man einen Limerick zu schreiben hat, dem sei auch das erklärt. Am besten in einem Limerick:

Ein Limerick-Dichter aus Leimen
War stolz auf sein treffliches Reimen.
Doch macht’s nicht allein
Der treffliche Reim:
Man muss auch den Rhythmus gut timen.

Link

Er hört auf einen schlichten englischen Namen: der Link. Auf Deutsch ist das eine ganz gewöhnliche Verbindung. Und als Sache alles andere als neu: Texte kennen die Fussnote, die angibt, woher das Zitat stammt, und Lexika kennen den Pfeil, der angibt, in welchem Eintrag mehr zu lesen steht. Der Link ist so alt wie der Buchdruck.

Der Link aber, den im März 1989 der damals 33-jährige Tim Berners-Lee erfand, löste eine Kulturrevolution aus. Sein zwölfseitiges Papier mit dem Titel «Information Management: A Proposal» ist heute sozusagen die Bibel des Web. Darin schreibt Berners-Lee von hot spots, Verbindungen zwischen Dokumenten, die ein Hin- und Herspringen erlauben:

Solche hot spots sind sensitive Bereiche wie zum Beispiel Icons oder markierte Textstellen. Mit der Maus auf einen solchen hot spot zu klicken, bringt die relevante Information hervor.

Der Clou dabei:

Weil sich Daten laufend verändern, erlaubt es ein solcher Hypertext, Dokumente mit Live-Daten zu verknüpfen, so dass jedes Mal die aktuellste Information verfügbar ist.

1989 war das eine wissenschaftstheoretische Vision. Heute ist der Link Alltag. In der Sprache HTML schreibt er sich a href=, danach folgt die Zieladresse. Das ganze, in spitzen Klammern, ist ein so genannter tag, der eigentliche Grundbaustein des Web. a href steht für anchor und hypertext reference, also für den Anker (den Link), und das Sprungziel: eine andere Webseite, ein Dokument, eine Mediendatei. Weil viele Klicks viel Erfolg bedeuten, ist der Klick auf einen Link heute eine globale Währung.

Allein Facebook zählt jeden Monat mehr als eine Billion Klicks. Wenn ein Link also mindestens so lang ist wie ein Dokument breit, dann reisen wir pro Monat, allein auf Facebook, mehr als 5000-mal um die Welt.

Linux

Kennen Sie Linus Torvalds? Nein. Aber Sie haben bestimmt schon von Linus Torvalds’ Sprössling gehört, dem PC-Betriebssystem Linux. Geboren wurde Linux 1991, als der 22-jährige Finne ein kleines Programm schrieb, mit dem er sich schneller in den Rechner der Universität Helsinki einwählen konnte. Weil Torvalds beschloss, sein Programm nicht für sich zu behalten, sondern es mitsamt seiner Bauanleitung veröffentlichte, und weil seither Tausende ebenso findiger Programmierer Linux weiter entwickeln, ist das agile kleine Betriebssystem zum heimlichen Star der Branche geworden.

Dabei ist ein Betriebssystem eigentlich etwas furchtbar Langweiliges. Es verwaltet den Speicher, vermittelt zwischen den einzelnen Teilen des Computers, und es überwacht die Ausführung der Programme, die wir fürs Schreiben oder fürs Internet brauchen. Und dann – Linux! Ein Ding mit so sperrigem Namen kann doch nichts wert sein! Falsch. Denn Betriebssysteme kosten Geld – Windows etwa oder Mac OS. Doch Linux ist kostenlos. Es lässt sich im Internet herunterladen, probeweise ab CD ausprobieren und einfach installieren. Weil aber Microsoft mit seinen aktuellen Betriebssystemen Vista oder Windows 7 den Markt dominiert, werden zur Zeit erst drei Prozent aller Computer mit Linux betrieben. Never touch a running system, sagen sich die meisten Anwender – und weil ihr PC bereits mit Vista verheiratet ist, gehen sie nicht mit Linux fremd.

Aber das kann sich ändern. Die bekannten Betriebssysteme sind im Laufe der Jahre zu wahren Riesen angewachsen – ungelenk und mit riesigem Hunger nach Leistung. Linux dagegen ist schlank, stabil und flink. Ob auf einem dieser neuen Netbooks, diesen winzigen, aber komplett ausgestatteten Taschencomputer, oder auf ersten Handys der Sonderklasse: Langsam lernen wir es kennen – Linux, das Kind, das längst erwachsen geworden ist.

Litfasssäule

In der guten alten Zeit hiess Spam noch Reklame und wurde noch gelesen. So wurde das wilde Plakatieren im Berlin der 1840-er Jahre zur Plage: Jeder freie Fleck wurde mit Leim bestrichen und zugeklebt.

Litfasssäule
Litfasssäule
Zum grossen Verdruss der Stadt – und eines gewissen Ernst Litfass, Besitzer des gleichnamigen Verlagshauses und königlicher Hof- und Buchdrucker. Von den Plakatflächen in Paris und London inspiriert, schlug Litfass das Aufstellen von Säulen vor, an denen die Menschen ihre Plakate anbringen sollten.

Die Berliner Behörden wollten davon anfänglich nichts wissen, und erst nach jahrelangen Verhandlungen liess sich der Berliner Polizeipräsident Karl Ludwig von Hinkeldey herab, dem findigen Verleger eine erste Genehmigung zu erteilen. Die umfasste allerdings gleich noch ein Zehnjahresmonopol; Bedingung: Nebst den Annoncen mussten auch die neuesten Nachrichten publiziert werden.

Litfass liess sich nicht lange bitten und stellte 1855 die ersten 100 Säulen auf, weitere 50 folgten 10 Jahre später. Während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 wurden hier auch die ersten Kriegsdepeschen veröffentlicht.

Die Litfasssäulen waren ein voller Erfolg. Die Werber konnten sich darauf verlassen, dass ihre Plakate während der vollen Mietdauer hängen blieben, ohne überklebt zu werden, und die Behörden stellten fest, dass eine Zensur der Inhalte viel bequemer war. Das Publikum schliesslich las und las:

Ich geh auf meinen Wegen
bei Sonnenschein und Regen
immer um die Litfaßsäule rum,

kalauerte Kurt Tucholsky. So wurde Ernst Litfass zum reichen Mann – und zum Säulenheiligen der Werbung.

Lorem ipsum

Grafikerinnen und Schriftsetzer kennen diesen Text auswendig:

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Das ist, mit Verlaub, lateinischer Unsinn. Und: Es ist gute alte (und sinnvolle) typografische Tradition. Das «Lorem ipsum», wie dieser Text heisst, ist schon seit ungefähr dem Jahr 1500 für Entwürfe üblich. Lorem ipsum bedeutet nichts. Sein Un-Sinn hat den Zweck, das Auge des Betrachters allein auf den Entwurf und nicht auf sprachlichen Inhalt zu lenken. Lorem ipsum scheint lateinisch, aber ist es nicht – schon das erste Wort lorem gibt es nicht. Lorem ipsum ist Blindtext, gestalterische Textmasse.

So dachte man. Aber Richard McClintock, Lateinlehrer am Hampden-Sydney-College in Virginia, war skeptisch. Er mochte nicht so recht an die Pseudolateintheorie glauben und suchte. Und wurde fündig:

Neque porro quisquam est qui dolorem ipsum quia dolor sit amet, consectetur, adipisci velit.

«Da ist niemand, der den Schmerz an sich liebt, der danach sucht und ihn haben möchte, einfach weil es Schmerz ist.» Solches schrieb, im Jahr 45 vor Christus, kein anderer als der begnadete Redner und Politiker Marcus Tullius Cicero in seinem philosophischen Werk De finibus bonorum et malorum.

Wenn Cicero das gewusst hätte! Heute gibt es im Web praktische Lorem ipsum-Generatoren, wo sich Grafiker Blindtexte in jeder gewünschten Länge erzeugen lassen können, und moderne Gestaltungsprogramme enthalten sogar eine Lorem-ipsum-Warnung, die verhindern soll, dass die lateinischen Worte aus Versehen gedruckt und veröffentlicht werden.

Lucullus, Lucius Licinius

Lucius Licinius Lucullus, ein Zeitgenosse Cäsars und Ciceros, war Soldat. Sein Erzfeind hiess Mithridates, seines Zeichens Herrscher über das Königreich Pontos am Schwarzen Meer. Die pontische Streitmacht war gefürchtet – wegen ihrer Kriegsflotte und ihrer schlagkräftigen Kavallerie. General Lucullus marschierte im Jahr 74 v. Chr. mit einem römischen Heer nach Osten, wo er Mithridates binnen weniger Jahre vernichtend schlug.

Der Ruhm und die gewaltigen Schätze, die Lucullus während seines Kleinasien-Feldzugs angehäuft hatte, weckten Neid. Eine von Rom geschürte Meuterei und eine Intrige im Senat führten am Ende zur schmachvollen Absetzung. Vor den Toren Roms wartete Lucullus jahrelang verbittert auf den ihm zustehenden Triumphzug, baute in der Zwischenzeit Luxusvillen und legte riesige Gärten an. In Neapel liess er Verliese in den Fels schlagen, in denen Dutzende pontischer Kriegsgefangener vor sich hin vegetierten, weil Lucullus sie dem Volk vorzuführen und anschliessend zu erdrosseln gedachte.

Glorreicher General und schwerreicher Gastgeber: Die Gastmähler des Lucullus – von Diners zu sprechen, wäre eine krasse Untertreibung – dienten weniger dem Stillen des Hungers als vielmehr der Selbstdarstellung. Je exklusiver die Speise (jede erdenkliche Art von Gemüse, Fisch und Fleisch, bis hin zu Pfauenhirnragout oder gebratenen Flamingozungen), desto höher der Status des Gastgebers. Lucullus war auch der allererste, der die damals noch unbekannten Kirschbäume importieren und anpflanzen liess. Und so steht sein Name heute für Luxus in einem Ausmass, von dem das gemeine Volk nicht einmal zu träumen wagte.

Lügendetektor

Lügen haben kurze Beine,

sagt man. Zuweilen aber galoppieren Unwahrheiten munter davon, und deshalb haben Ermittler schon immer davon geträumt, eine Lüge von der Wahrheit zweifelsfrei unterscheiden zu können.

Der Gedanke ist gar nicht so abwegig: Anfang des 20. Jahrhunderts hielten die Psychologen Carl Gustav Jung und Max Wertheimer unabhängig voneinander fest, dass – erstens – Menschen beim Lügen nervös werden, und sich dass sich – zweitens – Nervosität auch in der Physiologie zeigt. Lügen ist nämlich anstrengend: Beschleunigter Atem, schneller Puls, erhöhter Blutdruck, Schwitzen, zuweilen gar Zittern. Diese körperlichen Phänomene lassen sich beobachten und messen. Und so konstruierte 1913 der Psychologe Vittorio Benussi an der Universität Graz einen ersten sogenannten «Polygraphen», einen Apparat, der kontinuierlich die Atemfrequenz und den Puls einer Testperson anzeigte.

Lügendetektoren haben sich vor allem in den USA verbreitet, und sie sind viel raffinierter geworden. Die neuesten Geräte sind sogar in der Lage, mit Infrarotkameras die Durchblutung des Gesichts und damit das Erröten zu messen – oder auch winzige Veränderungen der Stimmlage (sogar am Telefon). Magnetresonanz-Scans machen heute selbst Vorgänge im Gehirn sichtbar.

Wahr oder unwahr aber kann auch der modernste Apparat nicht unterscheiden; das kann allein der geschulte Bediener. Wenn der sich irrt – und das tut er Studien zufolge immer wieder –, kann das vor Gericht gravierende Folgen haben. In der Schweiz und in Deutschland ist der Lügendetektor im Strafverfahren daher verboten.