Auf gut Glück

Katalog

Das Wort «Katalog» kommt vom griechischen kata légein, «hersagen» oder «aufzählen». Genau das ist es, was einst der Zettelkasten tat (und was heute Datenbanken tun). Der Katalog ist mindestens so alt wie die Bibliothek, und die wiederum geht auf das mouseîon der alten Griechen zurück, eine Mischung aus Tempel, Museum, Universität und Bibliothek. Auch hier müssen schon Kataloge bei der Suche nach bestimmten Schriftrollen geholfen haben, selbst wenn vom grössten dieser Museen, der legendären Bibliothek von Alexandria, kein Fitzelchen übriggeblieben ist.

Ähnlich ging es einer der grössten Bibliotheken der Renaissance, jener des Hernando Colón, eines unehelichen Sohnes von Christoph Kolumbus. Colón hatte den Ehrgeiz, die Leistungen seines berühmten Vaters noch zu übertreffen – nicht mit Expeditionen, sondern mit der grössten Universalbibliothek seiner Zeit. 15 000 Werke soll die Sammlung einmal umfasst haben; Rechtsstreitigkeiten liessen sie nach Colóns Tod 1539 auf weniger als die Hälfte schrumpfen. Sie kann als «Biblioteca Colombina» in Sevilla heute noch konsultiert werden.

Colón und seine eigens dafür angestellten Bibliothekare waren ehrgeizig und ungemein fähig. Vor wenigen Monaten erst wurde in Dänemark ein Buch entdeckt mit dem Titel «Libro de los epitomes» – Colóns 2000 Seiten starker, säuberlich von Hand geschriebener Bibliothekskatalog, der jedes einzelne der Bücher verzeichnet, einschliesslich einer präzisen Zusammenfassung des Inhalts. Und weil so viele Bände verschwunden sind, enthält Colóns gross angelegter Katalog heute die letzten Spuren von Wissen, das ohne ihn gänzlich verloren wäre.

Auf gut Glück

Kauri

Die Kaurimuschel trägt eigentlich einen falschen Namen. Denn sie stammt nicht von einem Muscheltier, sondern von einer Meeresschnecke. Ihr Gehäuse ist glatt und glänzt wie Porzellan, und als Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts erste Stücke aus China nach Europa brachte, verglich man diesen unbekannten Stoff mit der Kauri, und so kommt das Wort «Porzellan» tatsächlich vom italienischen porcellana, dem Wort für Kaurischnecke.

Die Kauri ist den Menschen seit jeher lieb und teuer. Vor Jahrtausenden schon wurde sie zu kostbaren Halsketten aufgereiht, als Schmuck auf Kleider genäht, und in Afrika, Asien, in der Südsee und in China war Kaurigeld lange eine anerkannte Leitwährung. Kaurigeld war sogenanntes «Primitivgeld», und es hatte drei Zwecke: Man konnte damit bezahlen, man konnte es beiseitelegen und sparen – und man konnte Güter einheitlich bewerten. Dazu waren Kauri selten, handlich, hatten eine einheitliche Form – und waren kaum zu fälschen.

Kaurimuscheln sind der Inbegriff des Exotischen, doch sie haben europäische Verwandte. Die rund einen Zentimeter grosse «trivia arctica» kommt im Mittelmeer, auf den Orkney-Inseln und in Norwegen vor. In Schottland heissen die kleinen bräunlich-weissen und quer gerippten Müschelchen groatie buckies, auf Deutsch «Schneckengeld». An Wochenenden suchen Einheimische stundenlang geduldig nach den hübschen Kauri. Die gelten als Glücksbringer – und nach einer strengen Woche ist die erholsame Suche am Strand, so sagen die Schotten, ganz einfach gut für die Seele.

Auf gut Glück

Kerbholz

Im Drama «Wallensteins Lager» lässt Friedrich Schiller eine Händlerin auftreten, die den Soldaten eine Flasche Wein kredenzt mit den Worten:

Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb‘ es gern.

Das Kerbholz war ein Zählstab, ein fälschungssicherer Schuldschein – und damit eine Art Blockchain der Frühzeit. Im Streitfall galt das Kerbholz vor Gericht als Beweismittel. Noch im napoleonischen Zivilrecht von 1804 wird es ausdrücklich als rechtsgültige Urkunde anerkannt, und auch die Bank of England hat im Steuer- und Kreditwesen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit Kerbstöcken gearbeitet. Und das ging so.

Wenn jemand Schulden machte, dann standen die Beteiligten vor einem Problem: Wie hielt man die Schuld so fest, dass sie jederzeit überprüfbar war und vor allem, dass keiner den anderen übers Ohr hauen konnte? Die Lösung war ebenso einfach wie effektiv: Man nahm ein Holzbrettchen zur Hand und ritzte quer zur Maserung Kerben ein, deren Anzahl der Schuldenhöhe entsprach. Anschliessend wurde das Holz der Länge nach gespalten, und beide Parteien erhielten je eine Hälfte. So konnte der Gläubiger keine Kerbe hinzufügen und der Schuldner keine beseitigen – ein einfacher Vergleich würde jede Manipulation unverzüglich auffliegen lassen.

Am vereinbarten Zahltag nahmen beide ihre Kerbhölzer hervor und hielten sie gegeneinander. Wenn die Kerben genau übereinstimmten, hatte alles seine Richtigkeit, und nach dem Tilgen der Schuld (und bei einem guten Glas Wein) warf man die Hölzer ganz einfach ins lodernde Feuer.

Auf gut Glück

Kiosk

Seinen ersten grossen Auftritt hat das Wort Kiosk im Jahr 1786 bei Johann Georg Krünitz. Krünitz ist Arzt, aber seine grosse Leidenschaft sind die riesige Privatbibliothek und das Schreiben. In seiner «Oeconomischen Encyclopädie» sammelt er alle Begriffe des Deutschen, darunter auch den noch kaum bekannten Kiosk. Ein Kiosk, schreibt Krünitz, ist

ein Gebäude bey den Türken, welches in etlichen nicht gar hohen Säulen besteht, die also gesetzt sind, daß sie einen gevierten Raum umgeben, der mit einem Zelt=Dache bedeckt (…) ist. Dergleichen Lust=Gebäude oder offener Säle bedienen sich die Türken in ihren Gärten und auf Anhöhen, die frische Luft und angenehme Aussicht zu genießen.

Das Wort كوشك kommt aus dem alten Persien, und zusammen mit der Gartenarchitektur war es im 13. Jahrhundert allmählich nach Westen gewandert, ins osmanische Reich, wo es sich im türkischen Köşk niederschlug. Mit der Zeit wurde es zum italienischen chiosco und schliesslich zum deutschen Kiosk, der Bezeichnung für jenes reich verzierte, aufregend exotische Gartenhaus. Pavillons im orientalischen Stil wurden immer beliebter – wer einen Park anlegte und etwas auf sich hielt, liess sich auch einen Gartenpavillon bauen. Kioske sprossen aus dem Boden, von Paris bis München, von Louis XV bis zum Bayernkönig Ludwig II.

Mit dem Untergang des osmanischen Reichs aber schwand auch das Interesse an den höfischen Kiosken. Das Wort dagegen blieb: Im 19. Jahrhundert wurde in Paris aus dem kiosque ein Verkaufsstand, der Blumen und Zeitungen anbot – erst im Park, dann auf dem Boulevard. Und heute ist der Kiosk an der Ecke aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Auf gut Glück

Klicken

Der Sound des Digitalzeitalters klingt so: das Klicken der Maus, mit der wir uns vor 35 Jahren zuerst über den Bildschirm des Apple Macintosh bewegten und bis heute durchs World Wide Web. Und doch ist das Klicken uralt: Geklickt wird seit Jahrhunderten, und ursprünglich bedeutete das Wort «mit einem klickenden Laut brechen».

wer die süssen mandeln wil geniessen, der muß die schalen klicken,

schrieb 1630 der Stadtschreiber von Speyer und Schriftsteller Christoph Lehmann. Folgerichtig wurden im 17. Jahrhundert nicht nur Nüsse und Eier zerklickt, sondern auch weniger Appetitliches wie Flöhe oder Läuse.

«Klicken», hält das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm fest, «ist das Schwesterwort zu klacken, klecken». Das Prinzip dahinter nennt die Sprachwissenschaft onomatopoeia, auf Deutsch «Lautmalerei» – «klicken» ahmt dabei einen hellen Laut nach, «klacken» einen dunkleren, ähnlich wie bei «klipp» und «klapp», «schnipp» und «schnapp». Solche Klangwörter sind womöglich die sprachgeschichtlich ursprünglichsten überhaupt – Lautmalerei ist denn auch ein wichtiger Teil der Kindersprache und hat sich in neuerer Zeit stark in Comics verbreitet, in der Pop Art und in Chats.

«Klicken» für das Geräusch der Computermaus brauchte seine Zeit: Als in den 80er-Jahren die ersten Computermäuse auftauchten, sprachen Fachleute noch von «tippen» oder «drücken». Doch bald erwies sich «klicken» als so sinnfällig, dass wir heute selbst da noch klicken, wo gar kein Klick mehr zu hören ist: auf dem Handybildschirm.

Auf gut Glück

Klo

Das Schliessen ist eine Kulturtechnik, die so alt ist wie die Menschheit. Zuschliessen, abschliessen, verschliessen – seit fünf Jahrtausenden wird weggeschlossen, was nicht an die Öffentlichkeit gehört, und die Schliessanlage Nummer eins ist das Klo. Genau das heisst es auch, denn «Klo», die Abkürzung des altertümlichen Wortes «Klosett», kommt vom lateinischen Verb claudere, «schliessen».

Damit ist heute vor allem die abschliessbare Klotür gemeint – oft genug lässt die sich ohne korrekten Code ja nicht einmal mehr öffnen. Dass «Klo» also vom Türschloss herrührt, ist allerdings ein historisches Missverständnis. Das deutsche «Klosett» kommt zwar durchaus vom englischen water closet, mit «t». In seiner Patentschrift aus dem Jahr 1775 allerdings beschrieb der schottische Uhrmacher, Mathematiker und Universalerfinder Alexander Cumming seine neuartige Einrichtung als water closed, mit «d». Und damit meinte er keine Schliessvorrichtung, sondern vielmehr das neue S-förmige Rohr, den sogenannten Siphon, dessen darin stehen bleibendes Wasser den Abfluss luftdicht abschliesst und die üblen Gerüche zuverlässig daran hindert, sich in die Stille des Örtchens zu verbreiten.

Als «Wasserklosett» (oder als englisches Akronym «WC») hielt die bahnbrechende Vorrichtung Einzug ins Deutsche – und wurde, weil doch etwas umständlich, zum «Klo» von heute. Und obwohl das Klo in hektischen Zeiten wie diesen ein Ort des Innehaltens und der Reflexion geworden ist, denkt niemand daran, dass in Klo ein altes Wort für «schliessen» steckt. Und dass das Klo deshalb eng verwandt ist mit der Klausur – und mit dem Kloster.

Auf gut Glück

Kollege

Die römische Republik kannte ein eisernes Prinzip: Macht, in den Händen eines einzelnen, kann allzu leicht missbraucht werden. Darum, so besagten die Regeln, durfte die Macht, die eines Konsuls etwa, des höchsten politischen Amtes, immer nur ein Jahr lang ausgeübt und musste geteilt werden – unter zwei gleichberechtigten collegae. Das Wort setzt sich zusammen aus dem lateinischen cum, «mit», und lex, «Gesetz» – ein Kollege war also der, der demselben Gesetz unterstand wie man selbst.

Collegae waren im alten Rom demnach alles andere als Kollegen, und oft genug trauten sie einander nicht über den Weg. Der Anwalt und Politiker Marcus Tullius Cicero etwa, im Jahr 63 v. Chr. zum Konsul gewählt, hatte als collega den bis ins Mark korrupten Gaius Antonius Hybrida, und was die beiden miteinander verband, war vor allem eine erbitterte Feindschaft.

In der Form des «Kollegiums» fand das Wort mit dem Aufkommen der ersten Universitäten den Weg in die Akademie: Das Kollegium war die gemeinschaftlich aufgebaute Körperschaft von Dozenten; ihr anzugehören, war das sogenannte «Kollegiat», der Mitprofessor folgerichtig der «Kollege». Als solche blieben die nicht lange unter sich, denn schon bald redeten sich auch die Studenten untereinander (durchaus ironisch) mit «Herr Kollega» an.

Sportler, Lehrerinnen, Müllmänner, Ärztinnen, Anwälte: Alle sind sie heute «Kollegen», und namentlich in der Schweiz, in Österreich und Süddeutschland ist der Kollege heute gleichbedeutend mit dem Freund. Dass er einst sein genaues Gegenteil war, ist längst vergessen.

Von A bis Z

Kader

All animals are equal – alle Tiere sind gleich, erklären die Schweine in George Orwells satirischem Roman «Animal Farm». Das sind Menschen auch: vor dem Gesetz und vor der Grippe. Wenn es aber um Einfluss und Einkommen geht, dann hört jede Gleichheit auf. Dann treten sie auf den Plan: die Kader, die Kaste der Führenden in Wirtschaft, Technik, Politik, Militär und Sport.

Kader
Kader
Ein Franzose, der sich über die Rüge seines Vorgesetzten ärgert und ihn insgeheim une tête carrée nennt, hat recht. Das hat nicht etwa mit einer Verunglimpfung der Kader zu tun, sondern allein mit der Herkunft des Wortes. «Kader» kommt vom französischen cadre, Rahmen, Einfassung. Cadre bedeutete im 19. Jahrhundert eine erfahrene Heeresabteilung, eine gut trainierte Sportmannschaft. Der Ursprung ist das lateinische quadrus, viereckig. Kader und Quader sind also enge Verwandte, und wenn Deutsche ihre unbeliebten Chefs «Quadratschädel» nennen, dann stehen ihnen die Engländer mit blockhead in nichts nach.

Ganz besonders beliebt waren Parteikader, Armeekader, ja selbst Reisekader ausgerechnet im Reich des Proletariats, in der Sowjetunion. Doch auch wenn der Sowjetkommunismus ausgedient hat – die Kader, wie sie übrigens auch auf russisch heissen, sind alles andere als Auslaufmodelle. Selbst in der durch und durch republikanischen Schweiz werden Kader gleich in hellen Scharen herangezogen: Die Telefonbücher listen allein hierzulande gegen zweitausend Kaderschulen auf.

Warum der Kaderberuf so ungemein attraktiv ist? Auch das wussten George Orwells Schweine schon. Alle Tiere sind gleich. Aber einige sind eben gleicher als alle anderen.

Kakao

Kakao ist die Bohne des Kakaobaums – oder genauer: das aus ihr gewonnene Pulver. Kakaobohnen sind ein wichtiges Exportprodukt vieler Länder Südamerikas, Westafrikas und Südostasiens. Das Wort stammt aus alten Sprachen der Ureinwohner Mexikos und später der Maya und der Azteken.

Die Kakaofrucht und die darin eingebetteten Bohnen werden seit Jahrtausenden genutzt. Archäologen haben in Honduras Gefässe aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. ausgegraben, in denen Kakaoreste nachgewiesen wurden. Getrunken allerdings wurde nicht Kakao aus der gemahlenen Bohne. Getrunken wurde vielmehr eine Art Kakaobier aus dem zuckerhaltigen, vergorenen Fruchtfleisch der Kakaofrucht. Die Bohne dagegen war bei den Maya und Azteken weniger Genuss- als vielmehr Zahlungsmittel. Und wenn aus ihr doch ein Getränk wurde, dann – weil kostbar – nur für die oberen Zehntausend und zum Zweck religiöser Rituale.

Als Hernándo Cortés und seine conquistadores 1519 die Halbinsel Yucatán eroberten, kam ihnen der leicht bittere, ungesüsste Trank anfänglich spanisch vor. Als Heissgetränk aber, mit Rohrzucker, Gewürzen und Milch zubereitet, fand der Kakao seinen Weg in die Tassen der Alten Welt, zuerst als Heilmittel, dann als Luxus an Königs- und Fürstenhöfen.

Lange Zeit wurde darüber gestritten, ob Kakao eine Speise sei. Weil sein Genuss aber das kirchliche Fastengebot gebrochen hätte und mittlerweile auch die angerufenen Päpste nicht mehr verzichten mochten, lautete am Ende das Verdikt: Es ist ein Getränk. Kakao erhielt den päpstlichen Segen und wurde damit endgültig zum Stoff, aus dem die süssen Träume sind.

Kalauer

Kalauer sind alle Buchstaben von A bis J – weil sie alle auf das K lauern.

Ein mehr oder weniger geistreiches Wortspiel mit unterschiedlichen Bedeutungen nennt man «Kalauer». Über ihren Witz lässt sich trefflich streiten – tatsächlich sind Kalauer oft platt. Mehr noch: Sie sind gerade deshalb witzig, weil sie schlechte Witze sind – ganz nach dem Motto: Je Flachwitz, desto Kalauer.

Seinen Ursprung hat der Kalauer in calembour, dem französischen Wort für «fauler Witz». Die sprichwörtliche Berliner Schnauze machte daraus unseren heutigen «Kalauer», nach dem Vorbild der 100 Kilometer südlich gelegenen, für ihre tüchtigen Schuster bekannten Kleinstadt Calau (früher mit K, heute mit C geschrieben). Die Berliner Schnauze, das war vor allem der jüdische Satiriker Elias Levy, der nach seiner Taufe mit neun den Namen Ernst Dohm annahm. Dohm studierte Theologie und Philosophie und wurde Chefredakteur des «Kladderadatsch», einer von 1848 bis 1944 erschienenen Satirezeitung, die für ihre bissige Satire ebenso berühmt wie berüchtigt war und die unter Dohms Leitung zu einer der einflussreichsten Zeitschriften Deutschlands wurde. Dohm pflegte seinen Urlaub in Calau zu verbringen, und von da schickte er seine oft derben Witze in die Redaktion, die stets mit der Formel begannen: «Aus Kalau wird berichtet…».

Heute wird gekalauert, was das Zeug hält: Dohms Flachwitzen sollte ein langes Leben beschieden sein. Genau wie diesem hier, der noch heute auf dem Witzerundgang in der Stadt Calau zu lesen steht:

Sagt der Arzt zum Künstler: «Sie sind kerngesund. Sie werden noch sehr lange leben.» Darauf der Künstler erschrocken: «Aber Herr Doktor, wovon denn?»

Kanton

Deutschland hat seine Länder, Frankreich und Italien haben ihre Regionen, Departemente und Provinzen. Das leuchtet alles ein – weniger allerdings, wie die Schweiz ausgerechnet auf den Kanton gekommen ist. Bündnispartner der mittelalterlichen Eidgenossenschaft waren nämlich Städte und Länder, und in den frühen Bundesbriefen hiessen sie auch so. Weil aber eine Bergregion wie Uri herzlich wenig mit einer Stadt wie Bern zu tun hatte, sprach man ab dem 15. Jahrhundert ganz neutral von «Orten».

Französisch hiess das canton. Der stammt vom italienischen cantone ab, und der wiederum ist eng verwandt mit der deutschen Kante und hiess Bezirk oder Landstrich. So weit, so gut, nur: Die Deutschschweizer rümpften die Nase – und erfanden, als noblere Bezeichnung, den «Stand». Der klang stolz nach Freiheit und Souveränität – und hat sich in der kleinen Parlamentskammer, dem Ständerat, bis heute gehalten.

Mit dem Einmarsch der französischen Truppen und der Errichtung der helvetischen Republik nach französischem Vorbild wurde wieder alles anders. Im Frühling 1798 wurde die Schweiz erst in 10, dann 22 und schliesslich 19 je ungefähr gleich grosse Gebiete eingeteilt, die nun endgültig cantons oder Kantone hiessen, die aber bloss Verwaltungsbezirke waren, mit je einem Regierungsstatthalter an der Spitze. Die alten Stadtkantone blieben nur dem Namen nach und teils in völlig neuen Grenzen erhalten, und neu erfunden wurden die Kantone Léman, Wallis, Oberland, Aargau, Baden, Waldstätten, Lugano, Bellinzona, Thurgau, Linth, Säntis und Rätien.

Die Geschichte aber war unerbittlich. Die Helvetik und ihr politisches Reissbrett gingen kurz nach 1800 unter. Geblieben ist einzig der Kanton.

Karat

Mehr als 0,6 Kilo brachte er auf die Waage, der grösste je gefundene Diamant – in einer südafrikanischen Mine, die dem Unternehmer Thomas Cullinan gehörte. Den Riesenstein entdeckt hatte 1905 der Minenleiter Frederick Wells, und er gab ihm den Namen seines Chefs, «Cullinan».

Nun wiegt kein Mensch Diamanten mit der Haushaltswaage. Und auch das Kilo als Mass ist viel zu grob – Diamanten misst man in Karat. Allerdings nicht, weil das vornehmer klingt, sondern weil viel genauer gewogen werden muss. Ein metrisches Karat entspricht 0,2 Gramm, und so kleine Gewichtssteine liessen sich in der Vergangenheit kaum mit der nötigen Genauigkeit herstellen. Also, so lautet die Legende, nahm man die Samen des Johannisbrotbaums, weil die alle ziemlich genau 0,2 Gramm wiegen. Daher auch der Name – Karat oder arabisch qīrāt kommt vom Griechischen kerátion, Hörnchen, wegen der gekrümmten Schoten des Johannisbrotbaums.

Nun fanden Forscher der Universität Zürich zwar heraus, dass das Gleichmass dieser Samen nichts als ein Märchen ist – ihr Gewicht unterscheidet sich gleich stark wie bei allen anderen Pflanzen –, aber Menschen können mit erstaunlicher Sicherheit die jeweils leichtesten und schwersten Samen von Hand aussortieren. Die Körner, die übrig bleiben, wiegen im Durchschnitt genau ein Karat, mit einer Genauigkeit von einem Hundertstelgramm.

Der «Cullinan» war, als ihn der überglückliche Minenleiter aus dem Boden holte, 3106,7 Karat schwer. War, Vergangenheitsform. Der Riesendiamant wurde 1908, nur drei Jahre nach seinem Fund, von einem holländischen Diamantschleifer in über 100 Teile gespalten. Die neun grössten Brocken wurden geschliffen, sind heute Teil der britischen Kronjuwelen und liegen im Tower von London.

Katalog

Das Wort «Katalog» kommt vom griechischen kata légein, «hersagen» oder «aufzählen». Genau das ist es, was einst der Zettelkasten tat (und was heute Datenbanken tun). Der Katalog ist mindestens so alt wie die Bibliothek, und die wiederum geht auf das mouseîon der alten Griechen zurück, eine Mischung aus Tempel, Museum, Universität und Bibliothek. Auch hier müssen schon Kataloge bei der Suche nach bestimmten Schriftrollen geholfen haben, selbst wenn vom grössten dieser Museen, der legendären Bibliothek von Alexandria, kein Fitzelchen übriggeblieben ist.

Ähnlich ging es einer der grössten Bibliotheken der Renaissance, jener des Hernando Colón, eines unehelichen Sohnes von Christoph Kolumbus. Colón hatte den Ehrgeiz, die Leistungen seines berühmten Vaters noch zu übertreffen – nicht mit Expeditionen, sondern mit der grössten Universalbibliothek seiner Zeit. 15 000 Werke soll die Sammlung einmal umfasst haben; Rechtsstreitigkeiten liessen sie nach Colóns Tod 1539 auf weniger als die Hälfte schrumpfen. Sie kann als «Biblioteca Colombina» in Sevilla heute noch konsultiert werden.

Colón und seine eigens dafür angestellten Bibliothekare waren ehrgeizig und ungemein fähig. Vor wenigen Monaten erst wurde in Dänemark ein Buch entdeckt mit dem Titel «Libro de los epitomes» – Colóns 2000 Seiten starker, säuberlich von Hand geschriebener Bibliothekskatalog, der jedes einzelne der Bücher verzeichnet, einschliesslich einer präzisen Zusammenfassung des Inhalts. Und weil so viele Bände verschwunden sind, enthält Colóns gross angelegter Katalog heute die letzten Spuren von Wissen, das ohne ihn gänzlich verloren wäre.

Kaukasus

Der Kaukasus ist ein über 1000 Kilometer langes, von West-Nordwest nach Ost-Südost verlaufendes Gebirge zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Das haben wir in der Schule gelernt – und danach getrost wieder vergessen. Und so ist der Kaukasus geblieben, was er im Mittelalter für die Kartographen war: Die schrieben ratlos auf die weisse Fläche: terra incognita – hic sunt leones, lateinisch für: Unbekanntes Land; hier gibt es Löwen. Das klang gelehrt und vornehmer als «keine Ahnung».

Dabei hat der Kaukasus mit den Alpen vieles gemeinsam: Er ist ähnlich lang und breit – und hoch, sehr hoch: Sein höchster Gipfel, der Elbrus, ist über 5600 Meter hoch. Daher auch der Name: kauka- bedeutet in vielen Sprachen gewölbt, erhaben, herausragend. Kaukasus heisst also ganz einfach Berg – ein gewaltiger Berg, der sich über eine ganze Reihe von Ländern ausdehnt: Russland, Georgien, Armenien, Aserbeidschan, Türkei.

Hier leben über 50 verschiedene Völker mit ihren jeweils eigenen Sprachen. «Berg der Sprachen», so nannte ein arabischer Geograf den Kaukasus im 10. Jahrhundert. Und der römische Chronist Plinius der Ältere schreibt, dass die Römer in Suchumi, der heutigen Hauptstadt Abchasiens, allein 130 Dolmetscher benötigten. Diese Sprachenvielfalt ist keine blosse Laune der Geschichte. Mit seinen engen Tälern und den leicht zu verteidigenden Höhen waren die Berge ideale Rückzugsgebiete für Vertriebene aus den Ebenen Eurasiens, Anatoliens, selbst Persiens. Weil aber die Berge auch den Kontakt zwischen den einzelnen Stämmen erschwerte, blieben Dutzende unterschiedlichster Sprachen und Dialekte erhalten.

Hic sunt leones stand ratlos auf den mittelalterlichen Karten. Im Kaukasus war das nicht mal gelogen: Hier lebten, bis zu ihrer Ausrottung vor 2000 Jahren, kaspische Tiger und asiatische Löwen.

Kauri

Die Kaurimuschel trägt eigentlich einen falschen Namen. Denn sie stammt nicht von einem Muscheltier, sondern von einer Meeresschnecke. Ihr Gehäuse ist glatt und glänzt wie Porzellan, und als Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts erste Stücke aus China nach Europa brachte, verglich man diesen unbekannten Stoff mit der Kauri, und so kommt das Wort «Porzellan» tatsächlich vom italienischen porcellana, dem Wort für Kaurischnecke.

Die Kauri ist den Menschen seit jeher lieb und teuer. Vor Jahrtausenden schon wurde sie zu kostbaren Halsketten aufgereiht, als Schmuck auf Kleider genäht, und in Afrika, Asien, in der Südsee und in China war Kaurigeld lange eine anerkannte Leitwährung. Kaurigeld war sogenanntes «Primitivgeld», und es hatte drei Zwecke: Man konnte damit bezahlen, man konnte es beiseitelegen und sparen – und man konnte Güter einheitlich bewerten. Dazu waren Kauri selten, handlich, hatten eine einheitliche Form – und waren kaum zu fälschen.

Kaurimuscheln sind der Inbegriff des Exotischen, doch sie haben europäische Verwandte. Die rund einen Zentimeter grosse «trivia arctica» kommt im Mittelmeer, auf den Orkney-Inseln und in Norwegen vor. In Schottland heissen die kleinen bräunlich-weissen und quer gerippten Müschelchen groatie buckies, auf Deutsch «Schneckengeld». An Wochenenden suchen Einheimische stundenlang geduldig nach den hübschen Kauri. Die gelten als Glücksbringer – und nach einer strengen Woche ist die erholsame Suche am Strand, so sagen die Schotten, ganz einfach gut für die Seele.

Kautschuk

Als Hernándo Cortés, der Eroberer Mexikos, seinem Auftraggeber König Karl V, den noch unbekannten Kakao und die anderen mitgebrachten Wunderdinge vorführte, war darunter auch eine Mannschaft «langmähniger Wilder», wie ein Augenzeuge schrieb. Ihre Aufmachung – kurze Hose aus Leder – und ihr rituelles Spiel, eine Art Basketball, erregten weit weniger Aufsehen als das exotische Material, aus dem der Ball gemacht war – ein Stoff, den die Indios seit Jahrtausenden kannten und den sie «Kautschuk» nannten.

Kautschuk, wörtlich «Tränen des Baums», wird aus Latex hergestellt, dem Milchsaft des Kautschukbaums. Dieser Saft wird durch Ritzen der Baumrinde gewonnen und ist der nachwachsende Rohstoff für die Herstellung von Gummi. Lange Zeit wuchs der Wunderbaum allein am Amazonas; Brasilien besass ein natürliches Monopol. Bis zum Jahr 1876. Da sammelte der britische Abenteurer Henry Wickham insgeheim 70 000 der kostbaren Samen, gab die Pakete als «Orchideen» aus und schickte sie nach London. In den Gewächshäusern der königlichen Kew Gardens an der Themse wuchsen 2000 Kautschuksetzlinge heran, die dann nach Malaysia verschifft wurden. Nur acht Bäumchen überlebten den Transport, doch das Tropenklima Südostasiens liess sie prächtig gedeihen.

Für Brasiliens Export war das ein schwerer Schlag. Die Kautschukbäume breiteten sich in Asien, Indien und Westafrika aus. Brasilien dagegen, dessen eigene Gummibäume seit jeher von Parasiten geschwächt waren, hatte der neuen Konkurrenz nichts entgegenzusetzen. Schmuggler Wickham, dieser Biopirat der ersten Stunde, ging in die Geschichtsbücher ein. Als «Henker des Amazonas».

Kerbholz

Im Drama «Wallensteins Lager» lässt Friedrich Schiller eine Händlerin auftreten, die den Soldaten eine Flasche Wein kredenzt mit den Worten:

Das kommt nicht aufs Kerbholz. Ich geb‘ es gern.

Das Kerbholz war ein Zählstab, ein fälschungssicherer Schuldschein – und damit eine Art Blockchain der Frühzeit. Im Streitfall galt das Kerbholz vor Gericht als Beweismittel. Noch im napoleonischen Zivilrecht von 1804 wird es ausdrücklich als rechtsgültige Urkunde anerkannt, und auch die Bank of England hat im Steuer- und Kreditwesen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein mit Kerbstöcken gearbeitet. Und das ging so.

Wenn jemand Schulden machte, dann standen die Beteiligten vor einem Problem: Wie hielt man die Schuld so fest, dass sie jederzeit überprüfbar war und vor allem, dass keiner den anderen übers Ohr hauen konnte? Die Lösung war ebenso einfach wie effektiv: Man nahm ein Holzbrettchen zur Hand und ritzte quer zur Maserung Kerben ein, deren Anzahl der Schuldenhöhe entsprach. Anschliessend wurde das Holz der Länge nach gespalten, und beide Parteien erhielten je eine Hälfte. So konnte der Gläubiger keine Kerbe hinzufügen und der Schuldner keine beseitigen – ein einfacher Vergleich würde jede Manipulation unverzüglich auffliegen lassen.

Am vereinbarten Zahltag nahmen beide ihre Kerbhölzer hervor und hielten sie gegeneinander. Wenn die Kerben genau übereinstimmten, hatte alles seine Richtigkeit, und nach dem Tilgen der Schuld (und bei einem guten Glas Wein) warf man die Hölzer ganz einfach ins lodernde Feuer.

Ketzer

Von den Ketzern sagt man, dass sie den Hintern von Katzen küssen, damit ihnen in deren Gestalt Luzifer erscheine.

Dies schreibt im 12. Jahrhundert der französische Theologe Alain de Lille. Dass «Ketzer» von «Katze» kommt, war dabei ebenso kreuzfalsch wie die bösartige Unterstellung, dass die Andersgläubigen den Teufel anbeteten. Denn das Wort «Ketzer» kommt vom den Katharern, von griechisch katharoi, «die Reinen». Der Katharismus war eine mächtige religiöse Laienbewegung, die vom 12. bis zu ihrem Untergang im 14. Jahrhundert vor allem in Südfrankreich glühende Anhänger fand. Eine ihrer Hochburgen war die Stadt Albi, weshalb die Katharer auch Albigenser genannt wurden.

Sie selbst nannten sich «veri christiani» oder «bonshommes», «die wahren Christen» und «gute Menschen». Die Katharer glaubten an eine strikte Zweiteilung der Welt, in eine von Gott geschaffene, ewige, spirituelle Welt und eine materielle, von Verfall gezeichnete, die vom Teufel beherrscht wird. Sie waren Asketen: Die Strenggläubigen, Männer und Frauen, die dem inneren Kreis angehörten und «perfecti» oder «perfectae» genannt wurden, führten ein entbehrungsreiches Leben – vegetarische Kost, keine Sexualität, keine Ehe.

Die zentrale Schrift der Katharer war das Johannesevangelium, das alte Testament lehnten sie als Beschreibung eines bösartigen Schöpfergottes ab. Und sie besassen ihre eigene Hierarchie. Damit zogen sie den Zorn der römisch-katholischen Kirche auf sich. 1179 wurden sie offiziell exkommuniziert, und dreissig Jahre später begann der Albigenserkreuzzug, ein Massaker im Namen der Inquisition. Die mächtigen Katharerfestungen wurden belagert, eine um die andere eingenommen, die Gläubigen zu Tausenden hingemetzelt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Kiosk

Seinen ersten grossen Auftritt hat das Wort Kiosk im Jahr 1786 bei Johann Georg Krünitz. Krünitz ist Arzt, aber seine grosse Leidenschaft sind die riesige Privatbibliothek und das Schreiben. In seiner «Oeconomischen Encyclopädie» sammelt er alle Begriffe des Deutschen, darunter auch den noch kaum bekannten Kiosk. Ein Kiosk, schreibt Krünitz, ist

ein Gebäude bey den Türken, welches in etlichen nicht gar hohen Säulen besteht, die also gesetzt sind, daß sie einen gevierten Raum umgeben, der mit einem Zelt=Dache bedeckt (…) ist. Dergleichen Lust=Gebäude oder offener Säle bedienen sich die Türken in ihren Gärten und auf Anhöhen, die frische Luft und angenehme Aussicht zu genießen.

Das Wort كوشك kommt aus dem alten Persien, und zusammen mit der Gartenarchitektur war es im 13. Jahrhundert allmählich nach Westen gewandert, ins osmanische Reich, wo es sich im türkischen Köşk niederschlug. Mit der Zeit wurde es zum italienischen chiosco und schliesslich zum deutschen Kiosk, der Bezeichnung für jenes reich verzierte, aufregend exotische Gartenhaus. Pavillons im orientalischen Stil wurden immer beliebter – wer einen Park anlegte und etwas auf sich hielt, liess sich auch einen Gartenpavillon bauen. Kioske sprossen aus dem Boden, von Paris bis München, von Louis XV bis zum Bayernkönig Ludwig II.

Mit dem Untergang des osmanischen Reichs aber schwand auch das Interesse an den höfischen Kiosken. Das Wort dagegen blieb: Im 19. Jahrhundert wurde in Paris aus dem kiosque ein Verkaufsstand, der Blumen und Zeitungen anbot – erst im Park, dann auf dem Boulevard. Und heute ist der Kiosk an der Ecke aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Kirsche

Die Kirsche gehört zur Schweiz wie das Fondue und die Schokolade. Der Baum heisst auf Wissenschaftslatein prunus avium, was auf Deutsch «Vogelkirsche» heisst, weil Vögel die Früchte genauso mögen wie wir Menschen. Der Kirschbaum ist anspruchslos und gedeiht auch in höheren Lagen. Auf 450 Hektaren, umgerechnet der Fläche eines kleineren Dorfs, werden in der Schweiz jährlich über 3000 Tonnen Tafelkirschen geerntet; dazu kommen noch mehr Industrie- und Brennkirschen, die zu Konserven oder zu Schnaps verarbeitet werden.

Mit Schweizer Bauern ist gut Kirschen essen, und das haben wir dem Römer Lucius Licinius Lucullus zu verdanken. Lucullus, ein Zeitgenosse Cäsars und Ciceros, war nicht nur Feinschmecker, sondern vor allem Soldat. Sein Erzfeind hiess Mithridates, seines Zeichens Herrscher über das Königreich Pontos am Schwarzen Meer. General Lucullus marschierte im Jahr 74 v. Chr. mit einem römischen Heer nach Osten, wo er Mithridates binnen weniger Jahre vernichtend schlug.

Aus Pontos brachte Lucullus gewaltige Reichtümer mit. Zwischen all den Schätzen und Gefangenen, die der General beim Triumphzug durch die Strassen Roms zur Schau stellte, befanden sich auch geheimnisvolle Bäumchen aus der Stadt Giresun, deren cerasi genannte Früchte sich die Legionäre keck über die Ohren hängten. Die Bäumchen waren ein grosser Erfolg: In den folgenden 120 Jahren, so berichtet Plinius der Ältere in seiner «Historia Naturalis», breiteten sie sich über ganz Europa und bis nach Britannien aus. Und aus den exotischen cerasi, der Kriegsbeute eines römischen Feldherrn, sind unsere Kirschen geworden.

Klick

Was sich 1963 der Erfinder Douglas Engelbart ausdachte und mit seinem Team im Labor zusammenbastelte, hiess «X-Y-Positionsanzeiger für ein Bildschirmsystem» und sah aus wie die Bastelarbeit eines Schülers: Ein Kabel mit klobigem Stecker, ein Holzkästchen mit Rädchen und einem kleinen Taster obendrauf. Es war die erste Computermaus der Geschichte, und mit den Milliarden Mäusen, die bis heute verkauft wurden, klicken manche von uns – je nach Beruf und Hobby – bis zu fünftausend Mal pro Tag.

Diese Klicks gelten entweder einem Programm, einer Webseite oder einer Reklame. Und hinter diesen bunten Bildchen verbirgt sich ein Milliardengeschäft, dessen Leitwährung die Interaktion ist, genauer: der einzelne Klick, der den User zum Angebot des Inserenten weiterleitet. Dieser eine Klick hat einen Wert, dessen genaue Höhe von der Branche abhängt und sich nach der augenblicklichen Nachfrage richtet. Für einen einzigen Mausklick auf ihre Reklame blättern Inserenten schon mal bis zu 50 Rappen hin. Global geht es dabei um Unsummen: Der weltgrösste ad broker namens Google bestreitet den grössten Teil seiner Einnahmen mit Onlinewerbung und hat 2013 sage und schreibe 13 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet, bei einem Gesamtumsatz von 60 Milliarden Dollar. Tendenz weiterhin stark steigend.

«Denk immer daran, dass Zeit Geld ist», schrieb der Verleger und Staatsmann Benjamin Franklin 1748 in seinen «Ratschlägen für einen jungen Geschäftsmann (von einem alten)». Sähe sich der Gründervater der Vereinigten Staaten die Wirtschaft von heute an, dann wüsste er: Nicht Zeit, sondern Klick ist Geld.

Klicken

Der Sound des Digitalzeitalters klingt so: das Klicken der Maus, mit der wir uns vor 35 Jahren zuerst über den Bildschirm des Apple Macintosh bewegten und bis heute durchs World Wide Web. Und doch ist das Klicken uralt: Geklickt wird seit Jahrhunderten, und ursprünglich bedeutete das Wort «mit einem klickenden Laut brechen».

wer die süssen mandeln wil geniessen, der muß die schalen klicken,

schrieb 1630 der Stadtschreiber von Speyer und Schriftsteller Christoph Lehmann. Folgerichtig wurden im 17. Jahrhundert nicht nur Nüsse und Eier zerklickt, sondern auch weniger Appetitliches wie Flöhe oder Läuse.

«Klicken», hält das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm fest, «ist das Schwesterwort zu klacken, klecken». Das Prinzip dahinter nennt die Sprachwissenschaft onomatopoeia, auf Deutsch «Lautmalerei» – «klicken» ahmt dabei einen hellen Laut nach, «klacken» einen dunkleren, ähnlich wie bei «klipp» und «klapp», «schnipp» und «schnapp». Solche Klangwörter sind womöglich die sprachgeschichtlich ursprünglichsten überhaupt – Lautmalerei ist denn auch ein wichtiger Teil der Kindersprache und hat sich in neuerer Zeit stark in Comics verbreitet, in der Pop Art und in Chats.

«Klicken» für das Geräusch der Computermaus brauchte seine Zeit: Als in den 80er-Jahren die ersten Computermäuse auftauchten, sprachen Fachleute noch von «tippen» oder «drücken». Doch bald erwies sich «klicken» als so sinnfällig, dass wir heute selbst da noch klicken, wo gar kein Klick mehr zu hören ist: auf dem Handybildschirm.

Klischee

Berner sind langsam und behäbig, Zürcher schnell und hochnäsig. So will es das Klischee. Es ist ein Stereotyp, eine abgegriffene Vorstellung, ein gedanklicher Abklatsch – und ist es negativ besetzt, wird es gar zum ausgewachsenen Vorurteil.

Das Klischee ist uralt. Es stammt aus einer Zeit, in der Druckerpressen noch lärmende Maschinen waren, die ächzten und rasselten und penetrant nach frischer Druckfarbe rochen. Ein Klischee ist ursprünglich eine Druckform für den Hochdruck, die – im Gegensatz zu den Bleilettern – aus Kupfer, Zink oder Messing besteht und grafische Motive drucken kann. Ein Klischee muss immer eigens für seinen ganz bestimmten Zweck angefertigt werden: Auf die Metallplatte wird eine lichtempfindliche Schicht aufgebracht, das Druckmotiv anschliessend aufbelichtet. Das Licht lässt die Schicht härten, die unbelichteten Stellen dagegen bleiben wasserlöslich und lassen sich abspülen. Das Metall wird dann mit Säure weggeätzt. So bleiben nur die belichteten Partien erhöht und hinterlassen später einen Abdruck.

Das Wort «Klischee» kommt vom französischen clicher (auf Deutsch «nachbilden», «zum Druckrelief formen»). Sein Ursprung ist ein spätmittelalterliches Wort aus den Zeiten Johannes Gutenbergs: Clic ahmt das Geräusch des Druckstocks nach, der aufs Papier gepresst wird. Und wie die Form auf dem Papier Mal für Mal dieselbe Spur hinterlässt, greifen wir gern zum gedanklichen Klischee. Jedenfalls wenn‘s um Berner oder Zürcher geht.

Klo

Das Schliessen ist eine Kulturtechnik, die so alt ist wie die Menschheit. Zuschliessen, abschliessen, verschliessen – seit fünf Jahrtausenden wird weggeschlossen, was nicht an die Öffentlichkeit gehört, und die Schliessanlage Nummer eins ist das Klo. Genau das heisst es auch, denn «Klo», die Abkürzung des altertümlichen Wortes «Klosett», kommt vom lateinischen Verb claudere, «schliessen».

Damit ist heute vor allem die abschliessbare Klotür gemeint – oft genug lässt die sich ohne korrekten Code ja nicht einmal mehr öffnen. Dass «Klo» also vom Türschloss herrührt, ist allerdings ein historisches Missverständnis. Das deutsche «Klosett» kommt zwar durchaus vom englischen water closet, mit «t». In seiner Patentschrift aus dem Jahr 1775 allerdings beschrieb der schottische Uhrmacher, Mathematiker und Universalerfinder Alexander Cumming seine neuartige Einrichtung als water closed, mit «d». Und damit meinte er keine Schliessvorrichtung, sondern vielmehr das neue S-förmige Rohr, den sogenannten Siphon, dessen darin stehen bleibendes Wasser den Abfluss luftdicht abschliesst und die üblen Gerüche zuverlässig daran hindert, sich in die Stille des Örtchens zu verbreiten.

Als «Wasserklosett» (oder als englisches Akronym «WC») hielt die bahnbrechende Vorrichtung Einzug ins Deutsche – und wurde, weil doch etwas umständlich, zum «Klo» von heute. Und obwohl das Klo in hektischen Zeiten wie diesen ein Ort des Innehaltens und der Reflexion geworden ist, denkt niemand daran, dass in Klo ein altes Wort für «schliessen» steckt. Und dass das Klo deshalb eng verwandt ist mit der Klausur – und mit dem Kloster.

Knigge, Adolph Freiherr

Der Knigge – das sind eigentlich zwei. Der eine ist der notorische Besserwisser, den Kinder hassen, wenn sie sich bei Tisch benehmen sollen, als tafelten sie mit Königen. Und der andere heisst Adolph. Dieser Adolph Freiherr Knigge ist ein Aufklärer und Autor eines Buchs mit dem Titel «Über den Umgang mit Menschen». Mit diesem Buch, so schreibt Knigge im Jahr 1788,

will ich (…) einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt habe, während (…) ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben lassen und oft in der Stille beobachtet habe.

Mit Beobachten kennt sich Knigge aus. Er ist Verwaltungsbeamter an Fürstenhöfen, Mitglied in Orden und Geheimlogen, ein Anhänger der französischen Revolution – und steht daher selbst unter Beobachtung durch die Polizei. Für die Obrigkeit, die er als «Hofschranzen» beschimpft, hat Knigge nichts übrig – obwohl er selbst ein Adliger ist. Weil er aber nichts als Schulden geerbt hat, ist er gezwungen, sich mit dem «Hofgeschmeisse» abzugeben. Was Knigge vermitteln will, ist Höflichkeit ohne Speichelleckerei, Selbstbewusstsein ohne Überheblichkeit – mit einem Wort: nicht Regeln, sondern Werte:

Edler Anstand ist nicht Steifigkeit, verbindliche Höflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Bocksbeutel, Grazie nicht Zwang, und echtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie.

Daher:

Sei, was Du bist, immer ganz und immer derselbe.

Heute gibt’s den Knigge für Kinder, für Kleider und Karriere, fürs Business und für Dummies. Ob all den Ratgebern dreht sich der Freiherr vermutlich im Grab um. Hätte er gewusst, dass sein Buch so gründlich missverstanden wird, er hätte es womöglich gar nie geschrieben.

Kodak

In «Dwayne’s Photo» ging eine Ära zu Ende: Am 31. Dezember 2010 wurde hier, im kleinen Familienunternehmen in Kansas, der buchstäblich letzte Kodachrome-Film entwickelt, jener legendäre Farbfilm, der seit seiner Einführung 1935 für Generationen von Amateuren und Profis der Inbegriff der Fotografie war.

Kodak
Alle haben wir zahllose dieser Blechhülsen mit dem lichtempfindlichen Kodak-Film sorgsam in die Kamera eingelegt: je nach Budget Farbnegativ oder Dia, 24 oder 36 Fotos lang. Auf Reisen mussten es schon ein oder zwei Dutzend sein – schwer vorstellbar in einer Zeit, in der daumennagelgrosse Chips bereits Zehntausende von Bildern speichern.

«Kodak», das war ein Kunstwort des Erfinders George Eastman, Jahrgang 1854. Eastman, ein Schulabbrecher und Postbote mit einem Wochengehalt von 3 Dollar, fand auf Umwegen den Weg in die Fotobranche. 1884 kaufte er einem Kollegen das Patent für den Rollfilm ab, und zwei Jahre später kam die erste Kamera namens «Kodak Nr. 1» auf den Markt. Der Rest ist Geschichte: Die Eastman Kodak Company ist einer der grossen Konzerne dieser Welt. Die Zeichen der Zeit allerdings haben George Eastmans Erben zu spät erkannt: Die Aktie verlor in den letzten zehn Jahren neun Zehntel ihres Werts, die weltweit 25 hoch spezialisierten Kodachrome-Grosslabors schlossen eines ums andere ihre Tore, Tausende wurden entlassen.

«Dwayne’s Photo» in Kansas hielt am längsten durch. Der buchstäblich allerletzte, an Silvester entwickelte Film enthielt ein Gruppenbild: von der Belegschaft in T-shirts mit der Aufschrift «Kodachrome 1935-2010».

Kohlepapier

Im Mittelalter war der Kopist ein gefragter Mann: Sein Platz war das Skriptorium des Klosters, und seine Aufgabe war das Abschreiben kirchlicher und wissenschaftlicher Manuskripte, Wort für Wort, Band für Band. Die Erfindung des Buchdrucks war zwar der Anfang vom Ende dieses Handwerks, doch der Bedarf nach Copy & Paste blieb. Eine unscheinbare, aber ungemein effiziente Erfindung schuf Abhilfe: das Kohlepapier.

Kohlepapier besteht aus einer ursprünglich mit Kohlestaub belegten Folie, die zwischen Original und Doppel gelegt wurde. Der von Kugelschreiber oder Schreibmaschine erzeugte Druck presste die Kohle auf das darunter liegende Blatt. War die Folie ganz besonders dünn, liessen sich auf einen Schlag gleich mehrere Kopien herstellen. Aber es gab auch Nachteile: Der Druck einer Feder war für einen Durchschlag zu gering; schlich sich ein Fehler ein, musste er auf jeder einzelnen Kopie korrigiert werden, und einmal mit dem Finger darübergewischt, war die Kohleschrift verschmiert. Moderne Durchschlagspapiere enthalten daher keine Kohle mehr, sondern mikroskopisch kleine Farbkapseln, die auf Druck zerplatzen.

So patent die Erfindung auch war: Einen einzelnen Erfinder gibt es nicht, auch wenn zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien und England erste Durchschlagspapiere patentiert wurden. Selbst im Digitalzeitalter, 200 Jahre später, gibt es das Kohlepapier immer noch – als Produkt einiger letzter Hersteller und als E-Mail-Abkürzung «Cc», für carbon copy, auf Deutsch «Kohlekopie».

Kollege

Die römische Republik kannte ein eisernes Prinzip: Macht, in den Händen eines einzelnen, kann allzu leicht missbraucht werden. Darum, so besagten die Regeln, durfte die Macht, die eines Konsuls etwa, des höchsten politischen Amtes, immer nur ein Jahr lang ausgeübt und musste geteilt werden – unter zwei gleichberechtigten collegae. Das Wort setzt sich zusammen aus dem lateinischen cum, «mit», und lex, «Gesetz» – ein Kollege war also der, der demselben Gesetz unterstand wie man selbst.

Collegae waren im alten Rom demnach alles andere als Kollegen, und oft genug trauten sie einander nicht über den Weg. Der Anwalt und Politiker Marcus Tullius Cicero etwa, im Jahr 63 v. Chr. zum Konsul gewählt, hatte als collega den bis ins Mark korrupten Gaius Antonius Hybrida, und was die beiden miteinander verband, war vor allem eine erbitterte Feindschaft.

In der Form des «Kollegiums» fand das Wort mit dem Aufkommen der ersten Universitäten den Weg in die Akademie: Das Kollegium war die gemeinschaftlich aufgebaute Körperschaft von Dozenten; ihr anzugehören, war das sogenannte «Kollegiat», der Mitprofessor folgerichtig der «Kollege». Als solche blieben die nicht lange unter sich, denn schon bald redeten sich auch die Studenten untereinander (durchaus ironisch) mit «Herr Kollega» an.

Sportler, Lehrerinnen, Müllmänner, Ärztinnen, Anwälte: Alle sind sie heute «Kollegen», und namentlich in der Schweiz, in Österreich und Süddeutschland ist der Kollege heute gleichbedeutend mit dem Freund. Dass er einst sein genaues Gegenteil war, ist längst vergessen.

Kolophonium

Kolophonium ist ein Harz, ein Baumharz von Kiefern, Fichten und Tannen. Die Baumstämme werden im Frühjahr geritzt, im Herbst wird das Harz geerntet und destilliert. So gewinnt man Terpentinöl, und zurück bleibt festes Kolophonium in Farben von Gelb bis Dunkelbraun.

Sein Name kommt von der griechischen Stadt Kolophon, dem antiken Handelszentrum für Harze, in der heutigen Türkei.

Kolophonium braucht man in der Elektronik fürs Löten oder auch für Schutzlackierungen, in der Kunst braucht man das Harzpulver für die Aquatinta-Technik, in der Heilkunde dient es als antiseptisches Räucherwerk. Und im Sport macht das Kolophonium den Handball griffiger.

Und man braucht es in der Musik. Und wie man es braucht! Ohne Kolophonium würde das Pferdehaar des Geigenbogens sanft und glatt über die Saite streichen, und zu hören wäre ein reibendes, flüsterndes Nichts. Daher wurden die allerersten Saiteninstrumente nicht mit Haar, sondern mit aufgerauhten, eingekerbten Reibstäben traktiert. Im frühen Mittelalter kam dann der mit Rosshaar bespannte Bogen in Mode. Sein Haar, mit Geigenharz eingerieben, wurde rauh und konnte so eine Saite viel weicher zum Klingen zu bringen.

Kolophonium ist nicht gleich Kolophonium, denn: Geige ist nicht gleich Kontrabass, eine Darmsaite ist nicht dasselbe wie eine aus Stahl, in den Tropen spielt sich’s anders als im Norden – je nachdem ist ein anderes Harz nötig.

Und nach dem Konzert wird dann der Kritiker von einer grossartigen Interpretation schreiben, von einer überragenden Solistin. Von Geigenharz hat noch kein Kritiker geschrieben. Eigentlich unfair: Ohne Kolophonium hätte nämlich kein Streicher auch nur einen einzigen brauchbaren Ton hervorgebracht.

Komma

Das Komma,

sagt der Duden,

ist ein Gliederungszeichen. Innerhalb eines Ganzsatzes grenzt es bestimmte Wörter, Wortgruppen oder Teilsätze voneinander oder vom übrigen Text des Satzes ab.

Das klingt, Komma, wie wir alle wissen, Komma, viel einfacher, kein Komma, als es ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass derselbe Duden volle 32 Kommaregeln kennt, an denen sich selbst die kundigsten Schreiber die Zähne ausbeissen.

In erster Linie hilft das Komma, Sinneinheiten voneinander zu trennen. Es ist keine Schikane, sondern eine Lese- und Verständnishilfe – und es vermag verschiedene Bedeutungen ansonsten identischer Sätze zu unterscheiden.

Männer sagen, Frauen können nicht Auto fahren.

ist in der Tat nicht dasselbe wie

Männer, sagen Frauen, können nicht Auto fahren.

Komma kommt zwar vom altgriechischen Wort für «Einschnitt» (daher auch der Plural «Kommata»), aber tatsächlich ist es ziemlich jung. Es wurde erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts erfunden, vom venezianischen Buchdrucker Aldo Pio Manuzio. Bis dahin wurden lediglich die Hauptsätze voneinander getrennt, mit einer sogenannten Virgel, die unserem heutigen Schrägstrich gleicht. In seiner Ausgabe der Werke Petrarcas machte Manuzio aus der Virgel einen Punkt; einzelne Perioden innerhalb des Satzes trennte er typografisch durch einen tiefgestellten Krähenfuss, dem Urahn unseres heutigen Kommas. Die Virgel selbst verschwand erst ums Jahr 1700 aus dem Fraktursatz, und als Wort hat sie bis heute überlebt – «Komma» heisst auf Italienisch und Französisch immer noch virgola und virgule.

Konfetti

Konfetti (oder Räppli, wie sie in Basel heissen) sind uns vertraut wie Fasnacht und Silvester, aber tatsächlich sind sie made in USA. Und das kam so: Als die Stadt New York am 28. Oktober 1886 die Freiheitsstatue einweihte und der Festumzug die Börse erreichte, warfen die Börsenhändler mit vollen Händen aus dem Fenster, was sie gerade zur Hand hatten: Unmengen an Lochstreifen für die Börsenticker, auf Englisch ticker tapes. Auch wenn schon damals die Stadtreinigungsdienste alle Hände voll zu tun hatten, diese Ur-Konfetti wieder zusammenzukehren: Das Spektakel fand solchen Anklang, dass New York Anfang des 20. Jahrhunderts damit begann, solche Konfettiparaden eigens zu organisieren – die ticker tape parades. Besonders beliebt waren die Papierschlachten nach dem Zweiten Weltkrieg, um Generäle und Präsidenten gebührend zu feiern.

An Beliebtheit haben die Konfetti nichts eingebüsst. Nur sind es heute nicht mehr Lochstreifen, sondern säuberlich gestanzte Schnipsel mit italienischem Namen. Konfetti kommt von confetto (wie in Konfekt oder Konfitüre), und tatsächlich pflegten die Fürsten beim Karneval mit vollen Händen Süssigkeiten in die Menge zu werfen. Confetti, das waren ursprünglich Mandeln mit einer farbigen Zuckerglasur. Doch weil sich auch Granden aufs Sparen verstehen, wichen die gezuckerten Mandeln mit der Zeit feinen Gipsflocken und dann, weil sie sich länger in der Luft hielten, den Papierstreifen aus Aktenvernichtern oder dem Abfall, der beim Perforieren von Endlospapier für Nadeldrucker anfiel.

Tempi passati. Die Konfetti der Postmoderne kosten je nach Farbe drei bis fünf Franken pro Kilo und sind im Onlineshop erhältlich, zur Konfettischlacht passend mitsamt knallbunter Konfettipistole und Konfettimunition.

Konjunktur

Es ist eigenartig mit der Konjunktur: Nie wird so oft über sie gesprochen wie dann, wenn sie sich verabschiedet. Es ist wohl nichts als menschlich, dass man nie so sehr ans Glück denkt wie dann, wenn es einen verlässt.

Dabei hat Konjunktur gar nichts mit Glück zu tun. Sondern lediglich mit der Geschäftslage in Unternehmen, in ganzen Branchen, einem nationalen Markt oder gar der gesamten Weltwirtschaft. Die Konjunktur wird gemessen, mit Kennwerten für Preise, Löhne, Produktionsmengen, Umsätze, Zinsen, die Arbeitslosigkeit, die Geldmenge und das jährliche Wirtschaftswachstum.

Doch auch wenn sie sich messen lässt, die Konjunktur – sie verhält sich immer ein bisschen wie das Meer. Forscher unterscheiden lange Wellen (50 bis 60 Jahre), mittlere Wellen (8 bis 11 Jahre) und kurze Wellen von etwa 40 Monaten. Der Verlauf einer solchen Konjunkturwelle lässt sich in mehrere Phasen unterteilen: den Aufschwung, die Hochkonjunktur, die Krise, den Abschwung und die Reprise.

Konjunktur ist das Wellenspiel von Gesamtangebot und Gesamtnachfrage. Wellen aber sind ein Phänomen der Natur, und so lässt sich auch die Konjunktur nicht so einfach beeinflussen. Schon gar nicht kurzfristig – Konjunkturpolitik, also der Versuch der öffentlichen Hand, durch eigenes Handeln übermässige Schwankungen zu verhindern, ist in der Regel längerfristig angelegt. Oder vielmehr: war. Versuche des Staates, in Zeiten des Niedergangs mit öffentlichen Aufträgen die lahmende Nachfrage anzukurbeln und damit aktiv in den Gang der Wirtschaft einzugreifen, geriet in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren immer mehr in die Kritik. Heute zwingt die Bundesverfassung den Staat dazu, seinen Haushalt im Gleichgewicht – und sich aus einer Beeinflussung der Wirtschaft herauszuhalten.

Kultur

Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache,

schrieb Anton Tschechow im Jahr 1892. So gesehen, ist die Sprache ausgesprochen neureich. Denn Kultur ist, zumindest in seiner heutigen Bedeutung, kein altes Wort. Seit dem 17. Jahrhundert steht das lateinische Substantiv cultura für Landbau, aber auch für Pflege – Pflege des Körpers, des Geistes. Hochkultur und Agrikultur: Bis heute steht das Wort gleichberechtigt für Landwirtschaft und für die Pflege geistiger Güter, so dass Geisteskultur streng genommen ein Pleonasmus ist, genau wir der berühmte weisse Schimmel aus der Primarschule.

Lateinisch cultura geht auf das Verb colere zurück, das bebauen, bewohnen, pflegen, oder ehren heisst. Dieser Bedeutung haftet etwas Konservatives, etwas Bewahrendes an. Aber: Auch das Wort Kultur ist durchaus modeanfällig. Die Eigenschaft «kulturell» nämlich wurde erst im 20. Jahrhundert und mit der modischen, elegant-französischen Endsilbe gebildet. Und das deutsche Kultusministerium verdankt seinen klingenden Namen dem modischen, gelehrt-lateinischen cultus, wörtlich bebaut, bewohnt. Das Kultusministerium ist aber weder für Landwirtschaft noch für Wohnungsbau zuständig, sondern vielmehr für die Bildung.

Kultur wird oft als Gegenteil von Natur verstanden und meint damit alles, was Menschen erdacht, gelernt und geleistet haben, von Kunst bis Knigge, sozusagen. Sprachlich hat die Kultur hat aber auch ihre Schattenseiten: Dass die mit dem Wort Kultur verwandte Kolonie nicht die Sprache reich macht, wie Tschechow sagt, zeigt ein Blick in die Geschichte. An Kolonien bereichert haben sich ausgerechnet Grossmächte, die damit ihre eigene humanistische Kultur Lügen straften.