Auf gut Glück

Fettnapf

Es ist so schnell passiert: Eine unbedachte Bemerkung, ein flapsiger Spruch, ein fauler Witz, und schon hat man seinen Gesprächspartner gekränkt oder beleidigt. Tja, und damit ist man dann voll ins sprichwörtliche Fettnäpfchen getreten.

Die Redensart gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Schon Jacob Grimm hat das Fettnäpfchen im Jahr 1862 ins Deutsche Wörterbuch aufgenommen:

damit wirst du ihm schön ins fettnäpfchen treten,

steht da zu lesen, heisse

damit wirst dus bei ihm verschütten.

Das war in einer Zeit, in der es den Fettnapf tatsächlich noch gegeben hat. In der Bauernküche wurde für gewöhnlich Speck, Schinken oder Wurst geräuchert. Das abtropfende Fett, das später als Speise- und Bratfett diente, wurde in einem untergestellten Napf gesammelt. Im Erzgebirge, wo die Redensart herkommt, stand in Bauernhäusern zwischen Tür und Ofen überdies ein Napf mit Stiefelfett bereit, Fett, das mit Tierknochenasche schwarz gefärbt wurde. Mit einem Lappen konnten die Eintretenden ihre nassen Lederschuhe unverzüglich schmieren, damit die Schuhe wasserdicht und geschmeidig blieben, und damit das Leder beim Trocknen nicht brüchig wurde.

Ob Speise- oder Stiefelfett: Der Fettnapf hatte die Eigenheit, gelegentlich an der falschen Stelle zu stehen und war im Fall eines Fehltritts im Dunkeln nur allzu rasch umgestossen. Das zähflüssige Fett ergoss sich auf die Holzdielen, und die schwarze, rutschgefährliche Lache musste mühselig wieder weggefegt werden, was dem tapsigen Besucher die Hausfrau nicht unbedingt zur Freundin machte.

Auf gut Glück

Fokussierungs-Illusion

Sind Menschen, die im sonnigen Kalifornien leben, glücklicher? Diese Frage stellten 1998 zwei amerikanische Forscher, David Schkade und Daniel Kahneman, 2000 amerikanischen Studentinnen und Studenten an Universitäten in Michigan und Ohio und in Kalifornien. Die Antwort lautete: Ja, Menschen in Kalifornien sind glücklicher, wegen der atemberaubenden Natur, dem Kulturangebot und dem milden Klima. Der Haken aber war der: Fragte man nach der eigenen aktuellen Lebenszufriedenheit, ergaben sich keine Unterschiede mehr. Die Studierenden in Kalifornien bezeichneten sich im Vergleich zu ihren Kommilitonen im Mittelwesten als kein bisschen glücklicher. Das grosse Glück an der sonnigen Westküste ist ein Ergebnis der sogenannten focusing illusion.

Die Fokussierungs-Illusion ist sozusagen die wissenschaftlich fundierte Version des Märchens vom «Hans im Glück»: Als Lohn für sieben lange Jahre Arbeit erhält Hans einen grossen Klumpen Gold. Den zu tragen, ist beschwerlich, weshalb sich Hans im Tausch dafür erst ein Pferd aufschwatzen lässt, dafür dann eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, am Ende einen Schleifstein. Jedesmal erliegt Hans der Fokussierungs-Illusion und begehrt das, was er gerade nicht hat.

Wenn wir uns auf deutlich erkennbare Unterschiede konzentrieren, auf Geld oder Luxusgüter, dann werden wir leicht Opfer einer kognitiven Verzerrung. Was wir nicht besitzen, erscheint uns begehrenswerter, weil wir damit eine gesteigerte Lebenszufriedenheit verbinden. Zögen wir tatsächlich nach Kalifornien, würden wir das milde Wetter geniessen, kein Zweifel. Doch schon ein Jahr später wäre unser gesamtes Lebensglück um kein Quentchen grösser geworden.

Auf gut Glück

Fragezeichen

Am Anfang der Erkenntnis steht immer die Frage. Nur wer fragt, kann Lücken mit Wissen füllen. Erstaunlich genug, dass ausgerechnet die alten Römer kein Fragezeichen kannten: In lateinischen Texten war die Frage nur aus dem Kontext von der Feststellung zu unterscheiden. Heute notieren wir ganz selbstverständlich ein Fragezeichen, und damit gibt’s keine Missverständnisse mehr.

Bis zum heutigen Fragezeichen war es ein langer Weg, und es gibt verschiedene Erklärungen. Eine davon besagt, dass erste Schreiber im Zug der Schriftreformen Karls des Grossen im achten Jahrhundert damit begannen, Fragen eindeutig zu kennzeichnen. Das taten sie, indem sie nach einem Fragesatz ganz einfach das Wort quaestio einfügten, auf Deutsch «Frage», so dass da zum Beispiel auf Lateinisch stand: «Er weiss das. Frage.» Bloss: Enthielt ein Text viele Fragen, häufte sich das Wort, und die Schreiber begannen abzukürzen – aus quaestio wurde «qo». Um Platz zu sparen, wurde mit der Zeit das q über dem o notiert, und das o schmolz auf einen einfachen Punkt zusammen. So hatte man am Ende der Frage ein kleines q über einem Punkt.

Es gibt auch eine andere Erklärung. Was die gesprochene Frage von der Feststellung unterscheidet, ist die Sprachmelodie. Im Gegensatz zu «Er weiss das.» weist bei der Frage «Er weiss das?» der Stimmverlauf nach oben. Das Ur-Fragezeichen könnte daher aus einem Punkt für das Satzende und einem schräg nach oben geschwungenen Doppelbogen bestanden haben, eine Art Tilde, um damit den Stimmverlauf anzudeuten – ganz ähnlich, wie das die ersten Musiknoten im gregorianischen Gesang getan haben.

Auf gut Glück

Freitag, schwarzer

Es ist Donnerstag, der 24. Oktober 1929. Der Börsenhandel in New York beginnt erstaunlich ruhig. Die Stimmung ist angespannt, die Polizei hat vorsorglich ganze Strassenzüge rund um die Wall Street abgesperrt. Am Dienstag und Mittwoch sind die Kurse ins Rutschen geraten, und im Grunde ist vielen Anlegern seit langem klar, dass der Rausch der goldenen Zwanzigerjahre nicht ewig weitergehen kann. «Ich habe erlebt, wie Schuhputzer Aktien im Wert von 50 000 Dollar kauften, mit nur 500 Dollar in bar», notiert ein Händler. Eine gigantische Blase aus grenzenloser Zuversicht, finanziert auf Pump.

Sie platzt kurz vor 11 Uhr – ohne erkennbaren Grund. Die Nachricht vom Bankrott eines Londoner Financiers macht die Händler nervös. Winston Churchill ist selber Spekulant und an diesem Tag als britischer Schatzkanzler an der Wall Street zu Gast. Er erlebt hautnah, wie die Panik ausbricht. In seinen Memoiren schreibt er später:

Da liefen also die Händler hin und her. Sie sahen aus wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens und boten einander riesige Mengen an Papieren an, zu einem Drittel des Preises und nur um festzustellen, dass keiner den Mut fand, die einmalige Gelegenheit zu ergreifen, ein Vermögen zu machen.

Die Kurse sind im freien Fall; bis 13 Uhr sind elf Milliarden Dollar vernichtet; in zwei Stunden sind elf Milliarden Dollar vernichtet, 1,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. Massive Stützkäufe führender Banken können den Absturz nur verzögern, und am folgenden Tag, dem «schwarzen Freitag», erreicht die Börsenpanik Europa.

Mehr als zwei Jahre lang fällt der Dow-Jones weiter und weiter, von gegen 400 Punkten vor dem Crash auf ein Tief von nur noch 41 Punkten im Juli 1932. Sieben Jahre lang hält die Wirtschaftskrise die Welt im Griff.

Von A bis Z

Farinet, Joseph-Samuel

Es gibt zweieinhalb Wege, um zu Geld zu kommen: arbeiten oder stehlen. Der dritte, es zu fälschen, ist bestenfalls ein halber, und wer ihn geht, steht mit einem Bein im Gefängnis.

Einer, der diesen Weg unverdrossen und mit grossem Geschick gegangen ist, war der 1845 im Aostatal geborene Bauernsohn Joseph-Samuel Farinet. Zusammen mit seinen Gehilfen fälschte Farinet nicht etwa Banknoten, wie dies die meisten seiner Berufskollegen tun, sondern vielmehr 20-Rappenstücke. Aus gutem Grund: Zum einen waren in den 1870-er Jahren 20 Rappen gutes Geld, und zum anderen genossen die Münzen das Vertrauen der Händler und Bauern, ganz anders als das Papiergeld der wegen Fehlspekulationen in Schieflage geratenen Walliser Kantonalbank.

Mehr als zehn Jahre lang brachte Farinet so viele 20-Räppler in Umlauf, dass am Ende ein Drittel aller Münzen sogenannte Farinets gewesen sein sollen. Von der schieren Menge an Falschgeld alarmiert, griff schliesslich der Bundesrat ein und verlangte von der Walliser Regierung die Festnahme des dreisten Falschmünzers. In einer Schlucht bei Saillon in die Enge getrieben, fand Farinet am 17. April 1880 den Tod – ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt, behauptete die Polizei; kaltblütig erschossen, erzählten sich dagegen die Dörfler.

Literatur und Film haben Farinet ein Denkmal als «Robin Hood der Alpen» gesetzt, doch die Wahrheit ist viel prosaischer. Sein Leben war eine einzige Flucht: vor dem Elend und vor dem Gesetz.

Federn, fremde

Sich mit fremden Federn zu schmücken, ist kein schöner Zug, aber ungemein beliebt: Leistungen anderer als die eigenen auszugeben, ist da Alltag, wo Menschen allzu sehr auf ihren Schein bedacht sind.

Die sprichwörtlichen Federn stammen von einem antiken Pfau. Phaedrus, ein kurz nach Christi Geburt von Kaiser Augustus freigelassener Sklave, war ein leidenschaftlicher Fabeldichter, der mit seinen Texten ein Sittenbild des dekadenten Rom malte – und dessen fabelhafte Anspielungen ihm prompt den tierischen Zorn der Mächtigen zutrug.

Eine dieser Fabeln handelt von einer listigen Krähe, die eifrig glänzende Pfauenfedern sammelt, sich mit ihnen schmückt und anschickt, sich den prachtvollen Vögeln anzuschliessen. Die aber fallen auf die Verkleidung nicht herein, rupfen dem Eindringling die gestohlenen Federn aus und hacken mit ihren Schnäbeln auf ihn ein. Arg zerzaust schleicht sich die Krähe zu ihresgleichen zurück, um auch von ihren Artgenossen verspottet und verjagt zu werden. Die Fabel ist ein uraltes Gleichnis für eine verbreitete menschliche Schwäche, und jedes Jahrhundert und jede Sprache kennt ihre eigene Fassung davon. Lessing verarbeitete die Geschichte ebenso wie der französische Schriftsteller La Fontaine, dessen Krähenfabel sich schliesslich gar zur Redensart y laisser des plumes verdichtete, auf Deutsch «Federn lassen müssen». In England schliesslich sagt der Volksmund: Fine feathers don’t make fine birds, «schöne Federn machen noch lange keine schönen Vögel».

Die Krähen des Phädrus tummeln sich besonders gern im Reich der Schreibfedern. Ob Kultur oder Wissenschaft – sich mit fremden Federn zu schmücken war noch nie so einfach wie heute: mit Copy & Paste.

Feilschen

Ein Haus, eine Firma: Erfolgreiche Geschäftsleute feilschen, was das Zeug hält. Wie genau sie das anstellen, haben die Forscher Petri Hukkanen und Matti Keloharju wissenschaftlich untersucht. Ihr Rat: Bieten Sie niemals 1 Million oder 20 pro Aktie. Es zeigt sich nämlich, dass Ihr Partner einen niedrigeren Preis viel eher akzeptiert, wenn Sie ihm ein ganz präzises Angebot machen. Der Grund: Ein Geschäftspartner, mit genauen Zahlen konfrontiert, wird annehmen, dass Ihr Angebot auf Sachkenntnis und Berechnung beruht. Bieten Sie dagegen einen runden Betrag, wird man Ihnen unterstellen, vom Geschäft bloss eine vage Ahnung zu haben und bei harten Verhandlungen rasch in die Knie zu gehen.

Dass runde Zahlen beim Feilschen keine gute Sache sind, hatten Sozialpsychologen schon länger vermutet. Die beiden Ökonomen Hukkanen und Keloharju wollten es nun genau wissen. Sie nahmen Firmenübernahmen in den USA unter die Lupe, rund 2000 an der Zahl in der Zeit von 1985 bis 2012. Sie verglichen das allererste Angebot mit dem Endpreis – das verblüffende Ergebnis: Fast die Hälfte der Einstiegsgebote endete mit einer Doppelnull nach dem Komma. Diese runden Zahlen waren schlecht fürs Geschäft: Auf 5 Dollar gerundete Erstgebote führten nur selten zum Handschlag; in der Regel stieg der Preis im Lauf der Verhandlungen deutlich an. Bei exakten Beträgen dagegen – Erstgeboten, die sich auch durch 25 Cents nicht teilen liessen –, stieg der Preis im Durchschnitt nur noch um 6 Prozent.

Also: Legen Sie dem Gebrauchtwagenhändler nicht 20 000, sondern vielmehr 16 730 Franken auf den Tisch. Sie werden in Ihrem Traumauto wegfahren – und haben erst noch 3270 Franken gespart.

Fender, Leo

Sie heissen Telecaster, Stratocaster, Precision Bass und Jazz Bass. Sie haben zweierlei gemeinsam: Sie sind elektrisch, und sie heissen – Fender. Und noch etwas: Sie haben Musikgeschichte geschrieben. Zum Beispiel in den Händen des genialen Bassisten Jaco Pastorius.

Meilensteine des Jazz, undenkbar ohne den gelernten Buchhalter Leo Fender. Der eröffnete 1938 in Fullerton, Kalifornien, ein Radiogeschäft, und begann wenig später, quasi nebenher Hawaiigitarren und Verstärker zu bauen. 1946 sattelte er um und gründete die Fender Electrical Instrument & Co. Und vier Jahre später war sie da: die erste in Serie gebaute Elektrogitarre der Welt, die Telecaster. Sie bestand – und besteht bis heute – aus einem massiven Holzklotz aus Erlen- oder Eschenholz, mit eingesetzten single-coil-Pickups, also Ein-Spulen-Tonabnehmern, und einem aufgeschraubten Gitarrengriffbrett. Dann war da der Fender Precision Bass, die erste elektrische Bassgitarre mit Bundstäben. Kurz darauf: die nächste Erfindung: die Stratocaster. Diese futuristische Gitarre sah ein bisschen aus wie ein 1952er Chevrolet – tatsächlich liess sich Fender von den Autobauern inspirieren –, und sie besass einen neuartigen Hebel, mit dem sich der Ton beugen liess.

Leo Fenders Kundenliste liest sich wie ein Who is Who: Eric Clapton, Jimi Hendrix, Mark Knopfler, Bruce Springsteen – und natürlich David Gilmour von Pink Floyd mit seinem unsterblichen Solo im Song «Another Brick in the Wall part II». Leo Fender musste die Firma 1965 an CBS verkaufen; er starb 1991 an Parkinson. Er hatte sich Zeit seines Lebens geweigert, selbst Gitarre zu spielen.

Fernbedienung

1950. Der Fernseher ist noch ein edles Möbel aus poliertem Nussbaumholz. «Lazy Bones» heisst das neue Gerät der amerikanischen Fernsehfirma «Zenith». Der Couch potato kann im Sitzen den Sender wechseln, und seine faulen Knochen geraten nur dann in Gefahr, wenn er über die «Lazy Bones» stolpert: Diese erste Fernbedienung der Welt nämlich hängt noch an einem Kabel.

Die Stolperfalle steht in krassem Widerspruch zu den populären Science-fiction-Filmen mit ihren futuristischen Raumschiffen. Eugene F. McDonald Jr. ist ein früherer Navy-Commander und Gründer von «Zenith». Vor allem hasst er Fernsehwerbung. Eine bessere Zapp-Maschine muss her. 1955 präsentiert der Ingenieur Eugene Polley dem Chef, der sich auch in der Firma als «Commander» anreden lässt, die brandneue «Flash-matic». Die sieht aus wie eine Mischung aus Pistole und Duschbrause – und ist im Wesentlichen eine Taschenlampe. Ihr Licht wird von vier Fotozellen in den Ecken des Fernsehapparats erkannt. Zielt der Zuschauer nach oben links oder rechts, wechselt der Sender, die unteren Zellen schalten das Bild oder den Ton aus. Das wäre wirklich Science fiction – wenn nicht ab und zu die Morgendämmerung den Fernseher in voller Lautstärke losbrüllen liesse.

Und so kommt ein anderer Tüftler, der 43-jährige Physiker Robert Adler, auf den Ultraschall. Weil die Fernbedienung aber ohne Batterien funktionieren soll, baut Adler eine Art Taschenklavier mit Klangstäben aus Aluminium, deren unhörbarer Ton vom Fernseher erkannt wird. «Space Command» heisst der Apparat, der das Sofa zur Kommandobrücke und Adler zum Vater der modernen Fernbedienung macht.

Ironie der Geschichte: Adler, zeitlebens ein begnadeter Erfinder, hat das Fernsehen nie gemocht.

Festplatte

It is the business of some of us to think about the businesses of others. In businesses large and small one of the greatest problems is getting the facts and figures for making daily decisions. So we thought about creating a new kind of electronic machine to keep business accounts up-to-date and make them available – not monthly nor even daily. But immediately.

Eine Maschine, die Zahlen ausspuckt – nicht monatlich oder täglich, sondern sofort: So stellt IBM im Werbepathos von 1956 den IBM 305 Ramac vor. Das Herzstück des Supercomputers ist ein dunkel schimmernder Zylinder von der Grösse eines Kühlschranks. Dieser Klotz ist die erste Festplatte der Welt. Sie macht es möglich, gespeicherte Daten im Nu zu finden, zu lesen und anzuzeigen. In einer Welt, in der Buchhalter noch mit mechanischen Rechenmaschinen hantieren, ist der Ramac ein achtes Weltwunder. Computer mit Magnetbändern gibt es zwar schon, aber die wollen eingelegt, vor- und zurückgespult und wieder archiviert werden – das kostet Zeit und Geld.

Es hat Jahre gedauert, bis die IBM-Techniker es geschafft haben, 50 auf einer senkrechten Spindel sitzende Platten mit Magnetfarbe zu bestreichen, mit 1200 Umdrehungen pro Minute rotieren und einen beweglichen Arm dabei Daten speichern und lesen zu lassen. Diese über eine Tonne schwere Ur-Festplatte speichert 5 Megabyte – die Datenmenge eines heutigen Urlaubsfotos –, und sie ist der eigentliche Durchbruch. 25 Jahre später, 1981, sind Harddisks mit der doppelten Kapazität bereits so klein wie ein Ziegelstein. Wieder 20 Jahre später, 2001, fasst eine Festplatte bereits das Eintausendfache an Daten und ist das Herzstück des ersten iPod, und heute ist eine Harddisk noch so gross wie ein Fünffrankenstück und wiegt etwas mehr als 10 Gramm.

Übrigens: Der Ur-Rechner von 1956 funktioniert immer noch. Er steht im Museum für Computergeschichte in Mountain View, Kalifornien – und wenn die noch schnelleren, kleineren, robusteren Speicherchips die Festplatten von heute bald abgelöst haben, wird das tonnenschwere Ungetüm von damals immer noch laufen.

Fettnapf

Es ist so schnell passiert: Eine unbedachte Bemerkung, ein flapsiger Spruch, ein fauler Witz, und schon hat man seinen Gesprächspartner gekränkt oder beleidigt. Tja, und damit ist man dann voll ins sprichwörtliche Fettnäpfchen getreten.

Die Redensart gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Schon Jacob Grimm hat das Fettnäpfchen im Jahr 1862 ins Deutsche Wörterbuch aufgenommen:

damit wirst du ihm schön ins fettnäpfchen treten,

steht da zu lesen, heisse

damit wirst dus bei ihm verschütten.

Das war in einer Zeit, in der es den Fettnapf tatsächlich noch gegeben hat. In der Bauernküche wurde für gewöhnlich Speck, Schinken oder Wurst geräuchert. Das abtropfende Fett, das später als Speise- und Bratfett diente, wurde in einem untergestellten Napf gesammelt. Im Erzgebirge, wo die Redensart herkommt, stand in Bauernhäusern zwischen Tür und Ofen überdies ein Napf mit Stiefelfett bereit, Fett, das mit Tierknochenasche schwarz gefärbt wurde. Mit einem Lappen konnten die Eintretenden ihre nassen Lederschuhe unverzüglich schmieren, damit die Schuhe wasserdicht und geschmeidig blieben, und damit das Leder beim Trocknen nicht brüchig wurde.

Ob Speise- oder Stiefelfett: Der Fettnapf hatte die Eigenheit, gelegentlich an der falschen Stelle zu stehen und war im Fall eines Fehltritts im Dunkeln nur allzu rasch umgestossen. Das zähflüssige Fett ergoss sich auf die Holzdielen, und die schwarze, rutschgefährliche Lache musste mühselig wieder weggefegt werden, was dem tapsigen Besucher die Hausfrau nicht unbedingt zur Freundin machte.

Fiasko

Ob verkohlter Obstkuchen oder missglückter Feldzug: Beides ist das katastrophale Ergebnis eines Versuchs, ein Fiasko. Mit anderen Worten: Wem solches widerfährt, ist eine Flasche. Und mit der Flasche hat das Fiasko auch zu tun.

Mitte des 19. Jahrhunderts betritt das Fiasko die Bühne. Im Theater bedeutet es einen Reinfall, ein Debakel, einen Flop. Es kommt von der italienischen Redewendung fare il fiasco, wörtlich «die Flasche machen» oder «durchfallen». Auch heute noch heisst die typische Korbflasche italienisch fiasco, doch was der Chianti mit dem Versagen zu tun hat, darüber haben sich die Sprachforscher lange den Kopf zerbrochen. Eine Vermutung lautet, dass der Schauspieler, der sich am Ende als Schmierenkomödiant entpuppte, am Ende eine Flasche umgehängt bekam. Eine andere geht dahin, dass die französische bouteille, die schon seit jeher in der Jugendsprache «Fehler» oder «Versager» bedeutete, auf das italienische fiasco abfärbte. Schon näher liegt der Schluss, dass die Wendung auf die Glasbläser auf der Insel Murano zurückgeht, die missratene Flaschen wegwarfen, um sie aufs Neue einzuschmelzen. Doch die nächstliegende Herleitung will wissen, dass far fiasco aus der Welt der Spieler kommt: Der Verlierer bezahlt die nächste Flasche, die nächste Runde. In der Bedeutung «kostspieliges Versagen» hielt das Fiasko schliesslich Einzug ins Deutsche. Am Anfang hiess die Redensart «Fiasko machen», später wurde die Katastrophe kurz und knapp zum «Fiasko». Im Theater erlebte der Darsteller, dem der Text entfallen war, ebenso ein Fiasko wie auf der Weltenbühne der Feldherr, der seine Armeen in den Untergang geschickt hatte.

Und wo es Bühnen gibt, sind die Kabarettisten nicht fern: «Neben der Ehe», so kalauerte der israelische Satiriker Ephraim Kishon, «ist die Einkommensteuer das grösste Fiasko der Menschheit. Man wird laufend zum Betrug gezwungen.»

Fibonacci

Das Buch der Natur ist in mathematischer Sprache geschrieben.

Dies schrieb kein Geringerer als Galileo Galilei, und er muss dabei an ein ganz bestimmtes Buch gedacht haben: an den liber abbaci, auf Deutsch «Rechenbuch», des Leonardo da Pisa, kurz Fibonacci genannt. Fibonacci, um 1180 in Pisa geboren, war der wohl bedeutendste Mathematiker des Mittelalters. Sein Vater war Notar der Kaufleute von Pisa in Algerien, und seinen Sohn liess er im Rechnen mit den neuen indisch-arabischen Ziffern von null bis neun unterrichten. Fibonacci sog dieses Wissen gierig auf, und sein Rechenbuch von 1202 ist noch heute bekannt – wegen einer seiner Rechenaufgaben: Wie vermehren sich Kaninchen im Lauf der Zeit? Fibonacci rechnete: Kaninchen werden nach einem Monat geschlechtsreif. Ein Paar ist nach einem Monat immer noch allein, nach zwei Monaten dagegen sind es zwei. Das ältere dieser beiden Paare bekommt wieder Junge, macht nach drei Monaten drei, nach vier Monaten fünf. 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 – jede nächste Zahl ist die Summe der vorangegangenen zwei.

Die Fibonacci-Folge ist berühmt. Und das ist erstaunlich, denn Fibonacci wäre ein miserabler Kaninchenzüchter gewesen: Seiner Rechnung zufolge hätten die Tierchen nämlich ewig leben müssen. Und trotzdem folgt die Natur dieser Fibonacci-Folge: Eine Ananas, ein Kaktus, ein Tannzapfen, eine Sonnenblume – Schuppen und Samen bilden Spiralen, die je nach Betrachtungsweise nach rechts oder nach links drehen. So weit, so gut, nur: Wie viele dieser rechts- und linksdrehenden Spiralen es gibt – es sind immer und ohne Ausnahme zwei aufeinanderfolgende Fibonacci-Zahlen.

Wenn also Mathematik die Sprache der Natur ist, dann hat Fibonacci aus Pisa ihre Grammatik geschrieben.

Filterblase

«Filterblase» ist ein Wort, das 2011 der Jurist, Politologe und Aktivist Eli Pariser erfunden hat, in seinem Buch «The Filter Bubble: What the Internet is Hiding from You» – «Die Filterblase: Was das Internet vor Dir versteckt». Pariser stellte fest, dass Suchmaschinen seine Ergebnisse filtern – abhängig davon, was er davor gesucht hatte. Suchen, Teilen, Bestellen – alles wird heute gespeichert und ausgewertet, und die Algorithmen von Google, Amazon, Facebook & Co. lernen von Mal zu Mal besser, was uns gefällt. Im Einschätzen unserer Vorlieben wird das Web immer geschickter, und die Inhalte, die es uns vorsetzt, passen immer besser. Wenn wir gern fotografieren, dann werden wir mit Google bevorzugt Fotoreportagen und Kameras entdecken. Menschen mit liberaler Ausrichtung bekommen liberale Inhalte präsentiert, Inhalte, die konservative Menschen gar nicht mehr zu sehen bekommen.

Und das ist ein Problem. Nicht wir entscheiden, womit wir uns beschäftigen wollen, sondern ein Algorithmus, den wir nicht verstehen. Er setzt uns, um es mit Pariser zu sagen, das «Informations-Dessert» vor und blendet dafür das «Informations-Gemüse» aus, weil er weiss, dass wir Süsses lieber mögen.

Sich eine eigene Meinung zu bilden bedeutet, sich auch mit unbequemen Standpunkten zu befassen. Wenn wir die aber gar nicht erst finden, weil uns Google oder Facebook nur noch wissen lassen, was wir immer schon gewusst haben, dann lernen wir nichts mehr dazu. Statt dessen spitzen wir unsere eigene Sicht der Dinge immer weiter zu, bis wir im schlimmsten Fall die Fähigkeit zur Diskussion verlieren und nur noch Gift und Galle speien, wenn jemand anderer Ansicht ist.

Filz

Am Anfang war das Feuer, und gleich danach war der Filz: Archäologen haben Reste von Wollfilz gefunden, der über 6000 Jahre alt ist und von Nomadenvölkern stammt, die Schafherden hielten. Gefilzt wurde womöglich schon viel früher – noch ältere Funde gibt es nur deshalb nicht, weil Tierhaar auch bei idealen Bedingungen irgendwann zerfällt.

Seit der Jungsteinzeit wird Filz auf genau dieselbe Weise hergestellt wie heute: Als erstes wird die geschorene Wolle gekämmt oder gekardet – das Wort stammt vom lateinischen carduus, «Distel», ab, weil zum Kämmen getrocknete Disteln verwendet wurden. Die längs ausgerichteten Fasern bilden ein dünnes Vlies, das mit anderen Vliesen zu einer losen Wollmatte kombiniert wird. Und dann wird gefilzt: Mit alkalischem Wasserdampf, Druck und kreisenden Bewegungen werden die Haarfasern zu sogenanntem Walkfilz verarbeitet. Seife, Feuchtigkeit und Hitze bewirken, dass sich die Schuppen der obersten Haarschicht abspreizen; maschinelles Kneten und Pressen sorgt dafür, dass sich die Haare gegenseitig immer stärker durchdringen. Die aufgestellten Schuppen verkeilen sich dabei so stark, dass sie nicht mehr voneinander zu trennen sind. Am Ende wird der Filz gewaschen, getrocknet und gebügelt.

Filz ist ein Wunderstoff: Er ist widerstandsfähig, dehnbar und schützt vor Schlägen. Er ist schallhemmend, wasserabweisend und saugfähig zugleich. Er schützt gegen Kälte und ist dabei quasi unbrennbar: Selbst bei Temperaturen von über 300 Grad wird der Filz nur verkohlen. Das einzige, was dem Filz zuleibe rückt, sind gefrässige Motten. Aber auch dagegen kennen die Menschen seit der Steinzeit ein probates Mittel: getrockneten Lavendel.

Fitness

Fitness gilt als Garant für Gesundheit, für Schönheit, für Erfolg. Es ist ein Zustand, den wir alle anstreben, und Fitness ist Importware aus England.

fit heisst englisch «passend», aber der Ursprung des Wörtchens ist unklar. Sprachforscher vermuten einen Zusammenhang mit dem altnordischen fitja, «stricken», oder dem altenglischen fitt, das «Kampf» hiess, und von dem fit kommt, ein «Gegner von gleicher Stärke». Der kriegerische Hintergrund klingt in der Wendung survival of the fittest an, die 1864 der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer prägte und die Charles Darwin flugs in sein epochales Werk «On the Origin of Species» übernahm.

Sport nicht nur im Verein zu treiben, das war das Anliegen deutscher und schweizerischer «Lebensreform»-Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Industrialisierung, Materialisierung und Verstädterung waren die Dämonen der Zeit. Als Ideal dagegen galt der ursprüngliche Naturzustand, und Bewegung im Freien – oder auch einfach bei offenem Fenster – sollte den Menschen wieder Teil der Natur werden lassen. In Kraft- und Kunststätten, Licht- und Luftbädern wurde, den Sittlichkeitsvorstellungen der Zeit entsprechend, streng nach Geschlechtern getrennt geturnt und trainiert, eine ganze Reihe neuer Zeitschriften machten das Fitnessideal populär.

Die Fitnessbewegung hat, mit den «Herrenmenschen» des Dritten Reichs oder den Muskelprotzen der Bodybuilding-Studios – auch ihre Schattenseiten. Doch der altenglische fitt, dieser erbitterte Kampf gegen den inneren Schweinehund, senkt nachweislich das Risiko von Herzinfarkt und Fettleibigkeit, steigert Konzentration und Lernfähigkeit und verlängert, statistisch gesehen, das Leben.

Flugticket

Ein Flugticket ist ein Wertpapier: Ein Flug nach Amerika, Asien oder Australien kostet eine schöne Stange Geld. Daraus ergibt sich ein eigenartiger Konflikt: Aus rechtlicher Sicht ist ein Flugticket bloss eine Eintrittskarte – eine allerdings, die ziemlich viel kostet.

Aus diesem Grund hatten Flugtickets jahrzehntelang auszusehen wie eine Mischung aus Aktie und Banknote. Das aufwändig bedruckte Spezialpapier sollte nicht nur Fälschungen verhindern, sondern vor allem dem Passagier den Eindruck vermitteln, nebst einem teuren Transport auch ein kostbares Dokument erstanden zu haben.

Dabei war das Flugticket im Grunde stets Nebensache. Rechtlich gesehen kommt ein Vertrag nämlich bereits zustande, wenn sich die beiden Parteien über die wesentlichen Punkte einig sind. Sobald der Passagier der Fluggesellschaft oder dem Reisebüro mitteilt, dass, wann und wohin er fliegen will, gilt der Vertrag als abgeschlossen. Das Ticket ist nur der Beleg. Was sich einfach liest, ist gesetzlich ein Labyrinth. Die Schweiz etwa kennt für diese Art von Beförderungsverträgen kein eigenes Gesetz, und wo Gesetze fehlen, kommt es auf das Kleingedruckte an. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Airlines regeln die Details auf Dutzenden A4-Seiten.

Und doch: Dass es bei Flugtickets auf teuren Druck nicht ankommt, zeigen die heutigen elektronischen Tickets. Sie bestehen im Kern nur noch aus einer Buchungsnummer, die aus einer sechs- oder siebenstelligen Buchstaben- und Zahlenkombination besteht. Statt ein sperriges, mehrseitiges Wertpapier vorzuweisen, reicht es aus, diesen Code beim Check-in oder am Automaten anzugeben – oder, noch einfacher, vom Smartphone anzeigen zu lassen.

Fokussierungs-Illusion

Sind Menschen, die im sonnigen Kalifornien leben, glücklicher? Diese Frage stellten 1998 zwei amerikanische Forscher, David Schkade und Daniel Kahneman, 2000 amerikanischen Studentinnen und Studenten an Universitäten in Michigan und Ohio und in Kalifornien. Die Antwort lautete: Ja, Menschen in Kalifornien sind glücklicher, wegen der atemberaubenden Natur, dem Kulturangebot und dem milden Klima. Der Haken aber war der: Fragte man nach der eigenen aktuellen Lebenszufriedenheit, ergaben sich keine Unterschiede mehr. Die Studierenden in Kalifornien bezeichneten sich im Vergleich zu ihren Kommilitonen im Mittelwesten als kein bisschen glücklicher. Das grosse Glück an der sonnigen Westküste ist ein Ergebnis der sogenannten focusing illusion.

Die Fokussierungs-Illusion ist sozusagen die wissenschaftlich fundierte Version des Märchens vom «Hans im Glück»: Als Lohn für sieben lange Jahre Arbeit erhält Hans einen grossen Klumpen Gold. Den zu tragen, ist beschwerlich, weshalb sich Hans im Tausch dafür erst ein Pferd aufschwatzen lässt, dafür dann eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, am Ende einen Schleifstein. Jedesmal erliegt Hans der Fokussierungs-Illusion und begehrt das, was er gerade nicht hat.

Wenn wir uns auf deutlich erkennbare Unterschiede konzentrieren, auf Geld oder Luxusgüter, dann werden wir leicht Opfer einer kognitiven Verzerrung. Was wir nicht besitzen, erscheint uns begehrenswerter, weil wir damit eine gesteigerte Lebenszufriedenheit verbinden. Zögen wir tatsächlich nach Kalifornien, würden wir das milde Wetter geniessen, kein Zweifel. Doch schon ein Jahr später wäre unser gesamtes Lebensglück um kein Quentchen grösser geworden.

Folio

«Folio» kommt vom lateinischen in folio, «auf einem Blatt». Im Format namens «Folio» spiegelt sich die ganze Geschichte des Schreibens: Das Folioformat entsteht, wenn man einen Bogen einmal faltet und damit – «auf einem Blatt» – vier beschreibbare Seiten erhält. Wie gross dieses Blatt sein sollte, war im frühen Mittelalter recht beliebig. Geschrieben wurde mit Gänsekiel auf Pergament, das aus der Haut eines Kalbs, einer Ziege oder eines Schafs hergestellt wurde. «Folio» richtete sich ganz pragmatisch nach der Grösse des Tiers, dem man die Haut abgezogen hatte.

Das änderte sich mit der Verbreitung des Papiers – und ganz besonders im 15. Jahrhundert mit Johannes Gutenberg: Mit den ersten gedruckten Büchern, die man Inkunabeln nannte, wurde «Folio» zum Begriff für Bände mit einer Rückenhöhe von 32 bis 35 Zentimetern. Die Längenmasse aber waren oft von Stadt zu Stadt verschieden. Dazu kamen die unterschiedlichen Formate: Ein Bogen liess sich nämlich nicht nur einmal, sondern auch mehrmals falten – zweimal zum sogenannten Quartformat, oder dreimal zum Oktavformat. So entstanden aus einem Bogen gleich 8 oder gar 16 Seiten.

Die Vielfalt der Formate hatte einen gewichtigen Nachteil: Ordnete man die Bücher nach Autor oder Inhalt und nicht nach ihrer Grösse, ergab sich auf den Regalen ein wildes Durcheinander, und der knappe Raum in den Gestellen wurde denkbar schlecht genutzt. Preussische Bestrebungen im 19. Jahrhundert, die Buchformate zu normieren, blieben wenig erfolgreich, und heute werden bei der Katalogisierung ganz einfach Seitenzahl und Buchhöhe erfasst. Überlebt hat das Folioformat trotzdem: im Wort «Foliant» – für einen dicken Wälzer.

Fondue

Ob Greyerzer, Emmentaler, Tilsiter oder Vacherin – die wahre Mischung ist geheimer als das Bankgeheimnis, und um die Entstehung des Fondues ranken sich mehr Legenden als um den Tellenschuss. Fasten bedeutete, nichts Festes zu sich zu nehmen, so sagen die einen, und findige Mönche hätten den Käse kurzerhand eingeschmolzen, um die Fastenregel nicht zu brechen. Andere schreiben das Fondue den Sennen zu, weil die das Brot und den Käse auf der Alp selbst herstellten, und wieder andere wollen wissen, dass die Kappeler Milchsuppe, die 1529 angeblich einen Bürgerkrieg zwischen Zürich und der Innerschweiz verhinderte, in Tat und Wahrheit ein Fondue gewesen sei.

Das erste Rezept in den Beständen der Nationalbibliothek datiert von 1945, aber da war das Fondue in der Schweiz noch eine kaum bekannte Spezialität in der Waadt, in Savoyen, im Piemont und im Aostatal. So richtig ins Schmelzen kam das Fondue erst in den 1950er-Jahren durch seine Aufnahme ins Kochbuch der Schweizer Armee. 17 Kilo Greyerzer, 5 Kilo Emmentaler, 11 Liter Weisswein, 15 Kilo Brot, dazu Zitronensaft, Knoblauch und Gewürze, das reichte für eine ganze Kompanie. Von der Feldküche aus nahm der Siegeszug seinen Lauf. Im Auftrag der damaligen Käseunion erfand 1953 eine Werbeagentur den Slogan «Figugegl», ein Akronym für «Fondue isch guet und git e gueti Luune».

Und wenn es heute ein Schweizer Nationalgericht gibt, dann ist es nicht die Rösti, denn die endet am gleichnamigen Graben, sondern vielmehr das Fondue. Zwar streiten sich Deutsch und Welsch nach wie vor über das Geschlecht (das Fondue? die Fondue?), doch Topf auf den Tisch und Wein ins Glas, und alle kulturellen Differenzen sind vergessen.

Fragezeichen

Am Anfang der Erkenntnis steht immer die Frage. Nur wer fragt, kann Lücken mit Wissen füllen. Erstaunlich genug, dass ausgerechnet die alten Römer kein Fragezeichen kannten: In lateinischen Texten war die Frage nur aus dem Kontext von der Feststellung zu unterscheiden. Heute notieren wir ganz selbstverständlich ein Fragezeichen, und damit gibt’s keine Missverständnisse mehr.

Bis zum heutigen Fragezeichen war es ein langer Weg, und es gibt verschiedene Erklärungen. Eine davon besagt, dass erste Schreiber im Zug der Schriftreformen Karls des Grossen im achten Jahrhundert damit begannen, Fragen eindeutig zu kennzeichnen. Das taten sie, indem sie nach einem Fragesatz ganz einfach das Wort quaestio einfügten, auf Deutsch «Frage», so dass da zum Beispiel auf Lateinisch stand: «Er weiss das. Frage.» Bloss: Enthielt ein Text viele Fragen, häufte sich das Wort, und die Schreiber begannen abzukürzen – aus quaestio wurde «qo». Um Platz zu sparen, wurde mit der Zeit das q über dem o notiert, und das o schmolz auf einen einfachen Punkt zusammen. So hatte man am Ende der Frage ein kleines q über einem Punkt.

Es gibt auch eine andere Erklärung. Was die gesprochene Frage von der Feststellung unterscheidet, ist die Sprachmelodie. Im Gegensatz zu «Er weiss das.» weist bei der Frage «Er weiss das?» der Stimmverlauf nach oben. Das Ur-Fragezeichen könnte daher aus einem Punkt für das Satzende und einem schräg nach oben geschwungenen Doppelbogen bestanden haben, eine Art Tilde, um damit den Stimmverlauf anzudeuten – ganz ähnlich, wie das die ersten Musiknoten im gregorianischen Gesang getan haben.

Franken, Rappen

Franken und Rappen, das ist ungefähr so viel Schweiz wie Alpenmilchschokolade, Neutralität und Bundeshaus zusammen. Kaum zu glauben, dass beide gar nicht aus der Schweiz stammen. Franken und Rappen wurden nämlich importiert.

Der Franken, wie könnte es anders sein, kommt aus dem mittelalterlichen Frankreich. 1360 wurden die ersten Münzen geprägt mit der Aufschrift Johannes Dei Gratias Francorum Rex, Johann, König der Franken von Gottes Gnaden. Im Volksmund hiess die Münze bald kurz und bündig «Franken». Und der war ein Exportschlager: Den Franc kennen gegen 20 afrikanische Länder, dazu die Komoren, Französisch-Polynesien, Neukaledonien – und auch das Saarland, jedenfalls bis zum Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland am 1. Januar 1957.

Auch der Rappen ist kein Springinsfeld mehr. Ihn, den Rappenpfennig, gibt’s seit dem 13. Jahrhundert, eine Kleinmünze aus Freiburg im Breisgau – mit einem Adlerkopf, den das Volk schon bald als Raben, oder eben «Rappen», verspottete. Mit dem sogenannten Rappenmünzbund vom 14. September 1387 wollten Fürsten und Städte den Handel erleichtern und ein einheitliches Münzsystem schaffen, und so hielt der Rappen Einzug in Basel, Schaffhausen, Zofingen, Zürich, Bern, Solothurn und Neuenburg.

Jahrhundertelang hielten die Kantone an ihm fest, und als 1850 der Franken zur eidgenössischen Einheitswährung wurde, blieb man dabei, wenn auch nur beim Rappen als Hundertstel, als centime oder centesimo, wie er in der Romandie und im Tessin heisst.

In Ehren gehalten wird er trotzdem, denn wie heisst es so schön: Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Frankens nicht wert.

Freemium

Gratis kostet nichts? Quatsch. «Gratis» ist tatsächlich das bauernschlaueste Geschäftsmodell der Welt. Wer eine Gratis-App herunterlädt, will bald mehr Funktionen haben und bezahlt die teure Vollversion. Wer sein Handy gratis bekommt, bezahlt jahrelang die hohen Gebühren.

Auf Neudeutsch heisst das Modell «Freemium», von englisch free, «gratis», und premium. «Freemium» gibt’s in vielen Varianten: Das Programm oder der Dienst ist zwar unzweifelhaft gratis. Aber nur für Studenten. Oder nur 30 Tage lang. Oder mit zuwenig Speicher. Oder mit fehlenden Optionen. Oder ohne Support. Oder, ganz besonders nett, der Nachbar hat’s gratis bekommen, doch danach war leider Schluss.

Das Geschäftsmodell namens «Freemium» treibt bunte Blüten. Die jüngste Knospe sind die sogenannten «In-App-Käufe»: Das Handyspiel macht süchtig, wird aber immer schwieriger – und am Ende so vertrackt, dass man irgendwann steckenbleibt. Es sei denn, man kaufe sich zusätzliche Züge oder am besten gleich zusätzliche Leben. Für nur einen Dollar. Pro Mal, versteht sich.

Das erfolgreichste dieser Freemium-Games heisst «Candy Crush», ein Puzzlespiel mit kitschigen, knallbunten Bonbons, das täglich von bis zu 100 Millionen Menschen gespielt wird. Es stammt vom Londoner Unternehmen King Digital Entertainment, das mit «Candy Crush» zeitweise eine Dreiviertelmillion Dollar einnahm – pro Tag. Heute beschäftigt King 1500 Angestellte und macht einen Jahresumsatz von weit über 2 Milliarden Dollar. Das Geschäftsmodell namens «Freemium» ist der Goldesel des Digitalzeitalters.

Freitag, schwarzer

Es ist Donnerstag, der 24. Oktober 1929. Der Börsenhandel in New York beginnt erstaunlich ruhig. Die Stimmung ist angespannt, die Polizei hat vorsorglich ganze Strassenzüge rund um die Wall Street abgesperrt. Am Dienstag und Mittwoch sind die Kurse ins Rutschen geraten, und im Grunde ist vielen Anlegern seit langem klar, dass der Rausch der goldenen Zwanzigerjahre nicht ewig weitergehen kann. «Ich habe erlebt, wie Schuhputzer Aktien im Wert von 50 000 Dollar kauften, mit nur 500 Dollar in bar», notiert ein Händler. Eine gigantische Blase aus grenzenloser Zuversicht, finanziert auf Pump.

Sie platzt kurz vor 11 Uhr – ohne erkennbaren Grund. Die Nachricht vom Bankrott eines Londoner Financiers macht die Händler nervös. Winston Churchill ist selber Spekulant und an diesem Tag als britischer Schatzkanzler an der Wall Street zu Gast. Er erlebt hautnah, wie die Panik ausbricht. In seinen Memoiren schreibt er später:

Da liefen also die Händler hin und her. Sie sahen aus wie die Zeitlupenaufnahme eines aufgeschreckten Ameisenhaufens und boten einander riesige Mengen an Papieren an, zu einem Drittel des Preises und nur um festzustellen, dass keiner den Mut fand, die einmalige Gelegenheit zu ergreifen, ein Vermögen zu machen.

Die Kurse sind im freien Fall; bis 13 Uhr sind elf Milliarden Dollar vernichtet; in zwei Stunden sind elf Milliarden Dollar vernichtet, 1,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der USA. Massive Stützkäufe führender Banken können den Absturz nur verzögern, und am folgenden Tag, dem «schwarzen Freitag», erreicht die Börsenpanik Europa.

Mehr als zwei Jahre lang fällt der Dow-Jones weiter und weiter, von gegen 400 Punkten vor dem Crash auf ein Tief von nur noch 41 Punkten im Juli 1932. Sieben Jahre lang hält die Wirtschaftskrise die Welt im Griff.

Fussball

Geld regiert die Welt, sagt man. Nur: Wenn man bedenkt, dass der internationale Fussballverband, die Fifa, nach Schätzungen des Wall Street Journal im WM-Jahr 2010 insgesamt 3,8 Milliarden Franken umsetzt, ist es vielleicht doch eher der Fussball, der die Welt regiert.

Fussball
Fussball
Die Geschichte des Spiels liegt im Dunkeln. Zwar weiss man, dass es in China bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus ein fussballähnliches Spiel gab. Spiel ist allerdings das falsche Wort – es handelte sich viel eher um ein militärisches Trainingsprogramm, und seine Regeln sind nicht überliefert.

Doch das Leder, das da buchstäblich mit Füssen getreten wird, hat’s in sich. Aus gegerbtem Leder eine Kugel zu formen, ist nämlich – theoretisch – ebenso unmöglich wie das Falten einer Erdkugel aus einem Blatt Papier. Praktisch, das heisst annäherungsweise, geht das natürlich doch. Mathematiker würden einen Fussball als ein «abgestumpftes Ikosaeder» bezeichnen, einen Körper, der aus 12 Fünfecken und 20 Sechsecken gebildet wird.

Und aus Fünf- und Sechsecken werden sie auch genäht, die Fussbälle. Leder wird dabei kaum mehr verwendet. Ein moderner Fussball besteht aus Kunstleder, hergestellt aus Polyurethan oder dem billigeren PVC. PVC ergibt dabei die schlechteren Bälle und ist ausserdem problematisch, weil bei seiner Verbrennung das hoch giftige Dioxin entstehen kann.

Genäht werden sieben von zehn Fussbällen dieser Welt übrigens in einer einzigen Region: in der Stadt Sialkot im Nordosten von Pakistan. Hier leben 30 000 Menschen davon, dass sie die 32 Kunstlederstücke eines Balls mit Nadel und Faden zusammennähen, 40 Millionen Bälle pro Jahr. Niedriglöhne und Kinderarbeit sind dabei immer noch die dunkle Seite des Fussballs.

Fälschung

Es ist der Alptraum eines jeden Museums. Das Gemälde ist angekauft, und die Wissenschaft erkennt: Der alte Meister ist keiner – die Farbe stammt aus der Dose und hat im Backofen gealtert, ein klarer Fall von Fälschung.

Doch so einfach ist es selten. Nicht weil es nicht genug Betrüger gäbe oder die Analysen unfehlbar wären, nein: ganz einfach deshalb, weil auch nicht jede Fälschung wirklich eine ist.

Die National Gallery in London ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Ihr erster Holbein – «Ein Mann mit einem Schädel» – wurde nur Wochen nach dem Ankauf 1845 als Fälschung entlarvt. Tatsächlich: Eine dendrochronologische Analyse des Holzes ergab 1993, dass das Gemälde zwar erst nach Holbeins Tod gemalt wurde, aber nur um wenige Jahre, und zwar vom Belgier Michiel Coxcie. Also keine Fälschung, sondern ein simpler Fehler der Sachverständigen.

Oder das Gemälde «Il Tramonto» des italienischen Renaissancemalers Giorgione. Nur die Figur des heiligen Georg im Landschaftshintergrund wollte einfach nicht so recht passen. Doch wieder war’s keine Fälschung – Röntgenaufnahmen zeigten nämlich: Das stark beschädigte Giorgione-Original war in den 1930er Jahren restauriert worden. Ein Loch wurde mit altem Leinen gestopft – und kurzerhand mit einem dekorativen Drachentöter übermalt.

Die Wissenschaft – chemische Analysen, Elektronenmikroskop, Röntgen, Dendrochronologie und C14-Methode – macht Fälschern heute das Leben schwer. Nur ist es oft zu spät: Botticellis «Madonna mit dem Schleier», 1930 entdeckt, galt als Sensation. Heute ist klar: Die Madonna ist nicht von gestern. Der vermeintliche Holzwurmbefall ist fein säuberlich von Hand gebohrt.

Füsse, tönerne

Was auf «tönernen Füssen» steht, möge sich tunlichst vorsehen: Die sind die Metapher für alles, was auf wackligen Beinen steht. Die Füsse aus Ton stammen aus einem der spätesten Texte des alten Testaments, dem Buch Daniel. Daniel und seine Freunde werden nach Babylon deportiert und kommen im 6. Jh. v. Chr. an den Hof Nebukadnezars II. Eines Nachts fährt der König schweissgebadet aus dem Schlaf hoch, doch an den Alptraum kann er sich nicht erinnern. Er befiehlt seinen Sehern, ihm den Traum wiederzugeben und zu deuten – andernfalls würden sie hingerichtet und ihre Häuser zerstört. Die Aufgabe ist selbst den ranghöchsten Beratern zu schwer, und Polizeichef Arioch schickt sich an, die Hinrichtungen zu vollziehen.

Der jüdische Gefangene Daniel aber schafft es, das Rätsel zu lösen: Der König habe, so verkündet Daniel, von einem Koloss geträumt, dessen Kopf aus Gold bestand, Brust und Arme aus Silber, Bauch und Hüften aus Erz, Beine aus Eisen, die Füsse aber nur aus Eisen und Ton. Vom nahen Berg habe sich ein Stein gelöst und die brüchigen Füsse zerschlagen, so dass der Koloss in tausend Stücke zerbarst. Der Koloss stehe für die Weltreiche, unter denen das Volk Israel zu leiden hatte; der herabrollende Felsblock dagegen, am Ende des Traums zum weltbeherrschenden Berg angewachsen, sei das Reich Gottes, das alle weltlichen Reiche überdauern werde.

Nebukadnezar, so will es die Bibel, fällt auf die Knie, überhäuft den Propheten Daniel mit Gold und macht ihn zum Chefberater – und zum Schrecken für alles, was sprichwörtlich auf tönernen Füssen steht.