Auf gut Glück

CFA-Franc

Der CFA-Franc ist die offizielle Währung des Senegal und 13 weiterer Länder in Zentral- und Westafrika mit insgesamt 155 Millionen Einwohnern. Die Länder gehören zu den einstigen Kolonien Frankreichs in Afrika, und diese dunkle Vergangenheit trägt er auch im Namen: «CFA» hiess nämlich bis 1958 Colonies Françaises d‘Afrique; heute steht es für Communauté Financière d‘Afrique.

Der CFA-Franc verschafft Frankreich grossen Einfluss auf die afrikanische Wirtschaft. Denn er ist an seine Währung gebunden – früher an den Franc, heute an den Euro: Ein CFA-Franc hat den festen Wert von 0,1524 Euro-Cent, und das heisst Zweierlei: Für die afrikanischen Länder hat das den Vorzug der Stabilität, aber ebenso den Nachteil der Abhängigkeit. 50% der Devisenreserven müssen bei der Agence France Trésor in Paris hinterlegt werden und sind so dem Zugriff der CFA-Länder entzogen, als Ausgleich dafür, dass Frankreich die Umtauschbarkeit in andere Währungen garantiert.

Das bedeutet vor allem Macht. Die Noten werden in Frankreich gedruckt, und 1994 beschloss die Banque de France sogar eine Abwertung des CFA-Francs, ohne die betroffenen afrikanischen Staaten auch nur zu konsultieren. Afrikanische Ökonomen kritisieren daher, die von Paris kontrollierte Einheitswährung bremse Afrikas wirtschaftliche Entwicklung und erleichtere die Kapitalflucht. Andere geben zu, die Kolonialwährung zwinge die 14 Notenbanken zu einer Disziplin, die diese von sich aus kaum aufbrächten. Der umstrittene CFA-Franc wird so schnell nicht aus den Schlagzeilen verschwinden.

Auf gut Glück

Caganer

Der caganer gehört in Katalonien, ganz im Nordosten Spaniens, seit Jahrhunderten zur angestammten Belegschaft der Weihnachtskrippe. Er ist in keinem Evangelium zu finden, und daher würde man ihn in so unmittelbarer Nachbarschaft des neugeborenen Jesuskindes auch nicht unbedingt vermuten. Denn der caganer stellt einen katalanischen Bauern dar, mit traditioneller roter Mütze und heruntergelassener Hose, der etwas abseits auf dem Boden kauert und seelenruhig sein Geschäft verrichtet. Daher auch sein Name: Caganer heisst auf Deutsch ganz einfach «Scheisserchen».

Was um Himmels willen hat die biblische Weihnachtsgeschichte mit bäuerlichem Stoffwechsel zu tun? Wenn jemand auf dem Feld mal muss, so erklären Katalanen den staunenden Fremden, dann muss er eben, das ist doch das Natürlichste auf der Welt. Gesichertes Wissen über den caganer gibt es kaum. Es wird aber vermutet, dass das Männchen ursprünglich für den Kreislauf der Natur stand, für Dünger und Fruchtbarkeit, für die Hoffnung auf eine gute Ernte im nächsten Jahr, für Ausgeglichenheit und Gesundheit.

Heute ist der caganer geradezu zur weihnachtlichen Kunst- und Kultfigur geworden: Anstelle des Häufchen machenden Bauern sieht man auch Politiker, Schauspieler, Musiker oder Fussballer, allesamt gebückt und in eindeutiger Pose. Dieser Tage besonders beliebt: US-Präsident Donald Trump, mit roter Krawatte statt roter Mütze, untenrum blank.

Selbst das Königshaus und die katholische Kirche Spaniens haben das Männchen auf dem Topf längst akzeptiert: als ein etwas eigenwilliges Symbol für Glück.

Auf gut Glück

Chemtrail

Wenn ein Jet in grossen Höhen seine Linien zieht, kondensiert das Wasser, das in seinem Abgasstrahl enthalten ist, in der eiskalten Luft zu feinen Eiskristallen. Das Ergebnis sind schnurgerade künstliche Wolken, die, je nach Wetterlage, noch lange nach dem Vorbeiflug am Himmel stehen.

Diese Kondensstreifen, auf Englisch condensation trails oder contrails, sind ein Blickfang. Und eine geradezu ideale Projektionsfläche für allerlei Verschwörungsphantasien. Seit den 90er-Jahren wird hartnäckig behauptet, contrails seien vielmehr chemtrails: Nicht kondensiertes Wasser, sondern vielmehr Chemikalien, aus Grossraumflugzeugen versprüht, um die Menschen dumm und gefügsam zu machen. Um die menschliche Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen und dem globalen Bevölkerungswachstum entgegenzuwirken. Um herkömmliches Saatgut zu vernichten, damit die Agrarindustrie ihre resistenten Sorten verkaufen könne. Ganz besonders hartgesottene Schwarzseher sehen Freimaurer, eine geheime Weltregierung, eventuell sogar Ausserirdische am Werk, die den Menschen ganz einfach schleichend vergiften wollen. Da mutet eine der Theorien geradezu harmlos an, die besagt, chemtrails rührten von wissenschaftlichen Versuchen her, Sonnenlicht zu reflektieren und die globale Erwärmung aufzuhalten.

Nichts davon trifft zu. Widerlegen lassen sich die Theorien leicht, nur stets ohne den geringsten Erfolg. Denn die wahren Gläubigen wissen: Wissenschaftliche Belege sind der endgültige Beweis dafür, wie raffiniert und weitgespannt die Verschwörung tatsächlich ist.

Von A bis Z

CD

Die CD, obgleich im Zeitalter von mp3 und Internet schon oft totgesagt, ist nicht mehr wegzudenken. Allein 2007 wurden 450 Millionen Musik-CDs verkauft. Aneinandergereiht, würden sie eineinhalbmal rund um den Globus reichen.

Die silberne Scheibe hat eine erstaunliche Geschichte. Erfunden wurde die CD von zwei Konzernen: von Philips und von Sony. Beide forschten sie an Möglichkeiten herum, Bild und Ton digital aufzuzeichnen, und beide stiessen sie auf dasselbe Problem: Geplant war eine Laserdisc von 30 Zentimetern Durchmesser, ähnlich einer Schallplatte. Nur: Würde man diese Platte für Ton nutzen, fänden darauf über 13 Stunden Musik Platz. Sony war klar, dass dies die Musikindustrie auf den Kopf stellen würde. Also besann man sich auf das Erfolgsprodukt der Tonträgerindustrie: die Musikkassette. Die hatte eine Diagonale von 11,5 Zentimetern, und diesen Durchmesser sollte auch die neue CD haben.

Dabei gab es aber ein Problem. Der für das Projekt verantwortliche Sony-Vizepräsident Norio Ohga war ausgebildeter Opernsänger und glühender Verehrer Beethovens: Er verlangte, die neue CD sollte dessen neunte Sinfonie fassen können. Nur, welche Neunte genau? Die Techniker waren ratlos und hielten sich daher an die längste Aufnahme, die sie finden konnten – jene von Wilhelm Furtwängler vom 29. Juli 1951 in Bayreuth. Die dauerte, ohne Applaus, etwas mehr als 74 Minuten. Das aber hiess einen halben Zentimeter mehr, und so messen unsere CDs heute genau 12 Zentimeter.

Dichtung und Wahrheit, schrieb Goethe, und se non è vero è ben trovato, sagen die Italiener: Wenn’s denn schon nicht wahr ist, so ist’s wenigstens gut erfunden. In dieser Zeit der Schlagzeilen und News sind gut erzählte Geschichten allemal etwas wert.

CFA-Franc

Der CFA-Franc ist die offizielle Währung des Senegal und 13 weiterer Länder in Zentral- und Westafrika mit insgesamt 155 Millionen Einwohnern. Die Länder gehören zu den einstigen Kolonien Frankreichs in Afrika, und diese dunkle Vergangenheit trägt er auch im Namen: «CFA» hiess nämlich bis 1958 Colonies Françaises d‘Afrique; heute steht es für Communauté Financière d‘Afrique.

Der CFA-Franc verschafft Frankreich grossen Einfluss auf die afrikanische Wirtschaft. Denn er ist an seine Währung gebunden – früher an den Franc, heute an den Euro: Ein CFA-Franc hat den festen Wert von 0,1524 Euro-Cent, und das heisst Zweierlei: Für die afrikanischen Länder hat das den Vorzug der Stabilität, aber ebenso den Nachteil der Abhängigkeit. 50% der Devisenreserven müssen bei der Agence France Trésor in Paris hinterlegt werden und sind so dem Zugriff der CFA-Länder entzogen, als Ausgleich dafür, dass Frankreich die Umtauschbarkeit in andere Währungen garantiert.

Das bedeutet vor allem Macht. Die Noten werden in Frankreich gedruckt, und 1994 beschloss die Banque de France sogar eine Abwertung des CFA-Francs, ohne die betroffenen afrikanischen Staaten auch nur zu konsultieren. Afrikanische Ökonomen kritisieren daher, die von Paris kontrollierte Einheitswährung bremse Afrikas wirtschaftliche Entwicklung und erleichtere die Kapitalflucht. Andere geben zu, die Kolonialwährung zwinge die 14 Notenbanken zu einer Disziplin, die diese von sich aus kaum aufbrächten. Der umstrittene CFA-Franc wird so schnell nicht aus den Schlagzeilen verschwinden.

Caganer

Der caganer gehört in Katalonien, ganz im Nordosten Spaniens, seit Jahrhunderten zur angestammten Belegschaft der Weihnachtskrippe. Er ist in keinem Evangelium zu finden, und daher würde man ihn in so unmittelbarer Nachbarschaft des neugeborenen Jesuskindes auch nicht unbedingt vermuten. Denn der caganer stellt einen katalanischen Bauern dar, mit traditioneller roter Mütze und heruntergelassener Hose, der etwas abseits auf dem Boden kauert und seelenruhig sein Geschäft verrichtet. Daher auch sein Name: Caganer heisst auf Deutsch ganz einfach «Scheisserchen».

Was um Himmels willen hat die biblische Weihnachtsgeschichte mit bäuerlichem Stoffwechsel zu tun? Wenn jemand auf dem Feld mal muss, so erklären Katalanen den staunenden Fremden, dann muss er eben, das ist doch das Natürlichste auf der Welt. Gesichertes Wissen über den caganer gibt es kaum. Es wird aber vermutet, dass das Männchen ursprünglich für den Kreislauf der Natur stand, für Dünger und Fruchtbarkeit, für die Hoffnung auf eine gute Ernte im nächsten Jahr, für Ausgeglichenheit und Gesundheit.

Heute ist der caganer geradezu zur weihnachtlichen Kunst- und Kultfigur geworden: Anstelle des Häufchen machenden Bauern sieht man auch Politiker, Schauspieler, Musiker oder Fussballer, allesamt gebückt und in eindeutiger Pose. Dieser Tage besonders beliebt: US-Präsident Donald Trump, mit roter Krawatte statt roter Mütze, untenrum blank.

Selbst das Königshaus und die katholische Kirche Spaniens haben das Männchen auf dem Topf längst akzeptiert: als ein etwas eigenwilliges Symbol für Glück.

Catering

Catering ist die globalisierte Variante des Streichens von Pausenbroten. Und wie es sich für ein Kind der Globalisierung gehört, kommt Catering aus dem Englischen und bezeichnet ganz einfach das Liefern von Lebensmitteln. Weil der Mensch ein gefrässiges Tier ist, braucht er Snacks in jeder Lebenslage: Ob in der Bahn oder der Kantine, ob auf der Gartenparty oder dem Langstreckenflug – überall kommt Catering zum Zug.

Gate Gourmet heisst der Nachfolger des einstigen Swissair-Caterings und ist die Nummer eins der Schweiz im Flugzeug- und Bahngeschäft. Jahr für Jahr werden in den Töpfen des Zürcher Konzerns 250 Millionen Mahlzeiten zubereitet und an Airlines in 28 Ländern geliefert. Bei dieser gewaltigen Nachfrage ist Schluss mit gemütlichem Brutzeln und Köcheln. Da wird, an 365 Tagen pro Jahr, auf so genannten Koch- und Bratstrassen hochindustriell produziert, und Köche aller Herren Länder verarbeiten jährlich Tausende von Tonnen Obst, Gemüse, Fleisch.

Gross geschrieben werden dabei nicht nur Tempo und Pünktlichkeit, sondern auch Kühlung und Hygiene. Von jeder grösseren Lieferung wird eine Gegenprobe eingelagert, die man von unabhängiger Seite untersuchen lassen kann, falls einem Passagier mal nicht nur vom Fliegen übel wird. Die Kehrseite der Medaille: Jedes nicht verzehrte Schnitzel wird, selbst wenn verpackt und unberührt, ungerührt vernichtet.

Catering ist längst ein deutscher Begriff geworden. Der klingt zwar nach einem Anglizismus, ist aber genau genommen keiner. Denn to cater ist der Enkel des altfranzösischen achater, «kaufen». Vermutlich deshalb sind die Snacks von heute so teuer.

Cellophan

Das Sandwich, das appetitlich in der Auslage prangt, ist, wie es sich gehört, säuberlich in transparente Folie gehüllt. Womit wir zufrieden von dannen ziehen, ist also Brot, Beilage – und ein Viertelquadratmeter Cellophan. Und das ist ein kleines Wunder.

Cellophan fühlt sich wie Plastik an, ist es aber nicht. Cellophan – das Wort kommt vom Rohstoff Cellulose und dem griechisch-französischen diaphane, «durchsichtig» – wird vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. (Der Name übrigens ist, wie so oft, nur ein Markenname. Der Chemiker spricht von Cellulosehydrat – oder kurz von «Zellglas».) Und weil es eben kein Kunst-, sondern ein Naturstoff ist, lässt sich Cellophan sogar kompostieren; wer reines, unbeschichtetes Cellophan lieber ins Altpapier legt, liegt auch nicht falsch. Staunenswert ist allerdings nicht die bequeme Entsorgung, sondern vor allem eine chemische Eigenschaft. Cellophan alias Zellglas ist nämlich wasserdicht, doch Dampf lässt es passieren. Kondenswasser, etwa vom gewaschenen Salat, kann also durch die Folie hindurch verdunsten, und das Sandwich bleibt knusprig und frisch.

Den Wunderstoff erfunden hat ein Schweizer. Jacques Edwin Brandenberger war eine Art Wunderkind der Chemie, als er nach einem Studium an der Universität Bern und mit nur 22 Jahren seinen Doktortitel erwarb – summa cum laude, versteht sich. 1908 erfand er in Frankreich jene dünne, durchsichtige, nicht besonders elastische Folie, die er «Cellophan» nannte und die ihm bis zu seinem Tod 1954 ein beachtliches Vermögen eintragen sollte.

Aber Achtung: Längst nicht jede transparente Folie besteht aus Zellglas – oft genug ist es eine billigere Plastikfolie. Für Süssigkeiten aber, für Gebäck, Käse und Fleisch bleibt Cellophan bis heute die erste Wahl.

Charme

Charme ebnet den Weg – hin zu neuen Bekannten und Freunden, zum Flirt und zur grossen Liebe. Charmanten Menschen zu begegnen ist buchstäblich zauberhaft.

Charme, das wissen wir, kommt aus Frankreich. Hier aber hat er nur einen kurzen Zwischenhalt gemacht, denn seine Geschichte reicht viel weiter zurück: über das französische charmer, «bezaubern» zum lateinischen carmen, «Gesang» oder «Zauberspruch». Der charmante Urahn ist das lateinische Verb canere, «singen», und dass im Gesang der wahre Zauber liegt, wussten ganz besonders die Minnesänger des Mittelalters.

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.

Mit diesen Versen liess eine unbekannte, augenscheinlich bis über beide Ohren verliebte Dichterin am Ende des 12. Jahrhunderts ihren Minnesang enden, dessen Manuskript in der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt.

Dass gesungene Liebeslyrik so alt ist wie die Menschheit, zeigt auch ein Blick in die Reime heutiger Popsongs. All you need is love, und seit den Beatles singen neun von zehn Sängern ziemlich unisono von Liebesleid und Liebesfreud.

Charme kommt vom lateinischen Zauberspruch, und das mit ihm verwandte Chanson ist der Boden, auf dem die Liebe spriesst. Weil indessen nicht jeder Charmeur hält, was er versprochen, erweist sich Charme, trotz seiner magischen Wirkung, gelegentlich als fauler Zauber.

Chemtrail

Wenn ein Jet in grossen Höhen seine Linien zieht, kondensiert das Wasser, das in seinem Abgasstrahl enthalten ist, in der eiskalten Luft zu feinen Eiskristallen. Das Ergebnis sind schnurgerade künstliche Wolken, die, je nach Wetterlage, noch lange nach dem Vorbeiflug am Himmel stehen.

Diese Kondensstreifen, auf Englisch condensation trails oder contrails, sind ein Blickfang. Und eine geradezu ideale Projektionsfläche für allerlei Verschwörungsphantasien. Seit den 90er-Jahren wird hartnäckig behauptet, contrails seien vielmehr chemtrails: Nicht kondensiertes Wasser, sondern vielmehr Chemikalien, aus Grossraumflugzeugen versprüht, um die Menschen dumm und gefügsam zu machen. Um die menschliche Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen und dem globalen Bevölkerungswachstum entgegenzuwirken. Um herkömmliches Saatgut zu vernichten, damit die Agrarindustrie ihre resistenten Sorten verkaufen könne. Ganz besonders hartgesottene Schwarzseher sehen Freimaurer, eine geheime Weltregierung, eventuell sogar Ausserirdische am Werk, die den Menschen ganz einfach schleichend vergiften wollen. Da mutet eine der Theorien geradezu harmlos an, die besagt, chemtrails rührten von wissenschaftlichen Versuchen her, Sonnenlicht zu reflektieren und die globale Erwärmung aufzuhalten.

Nichts davon trifft zu. Widerlegen lassen sich die Theorien leicht, nur stets ohne den geringsten Erfolg. Denn die wahren Gläubigen wissen: Wissenschaftliche Belege sind der endgültige Beweis dafür, wie raffiniert und weitgespannt die Verschwörung tatsächlich ist.

Chopper

Dennis Hopper, Peter Fonda und die amerikanische Rockband «Steppenwolf» haben ihm im Road Movie «Easy Rider» ein Denkmal gesetzt: dem Chopper mit seiner flachen Vordergabel und dem vielen Chrom. Allein schon die Bemalung des Tanks reichte aus, um den Fahrer zum natürlichen Feind jeder bürgerlichen Ordnung werden zu lassen. Das Thema des Films, das Schmuggeln von Kokain, tat da wenig, um dieses Image zu korrigieren.

Chopper – das kommt von «to chop», hauen, hacken, wegschneiden. Das war, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, durchaus wörtlich gemeint. Bei Kriegsende sass die US-Army auf 90 000 Motorrädern, von Harley-Davidson für den Kampfeinsatz gebaut, und in Friedenszeiten zu nichts mehr nütze.

Die gut erhaltenen Maschinen mit ihren 23 PS und ihrem Hubraum von 740 Kubikzentimetern wurden oft von Veteranen gekauft, die ihr im Krieg gelerntes Mechanikerhandwerk weiterpflegen wollten. Weil die Bikes aber schwer und hässlich waren, griffen die Bastler als erstes zum Schweissbrenner und schnitten alles weg, was nicht zwingend nötig war: Windschutzscheibe, Radabdeckungen, Munitionsbehälter, Gewehrtasche, Scheinwerfer und sogar die Rückspiegel, die man keck durch winzige Spiegelchen ersetze, die nicht selten aus einer Zahnarztpraxis stammten. Die Chopper: das waren nicht die Bikes, sondern vielmehr die Bastler.

Ihre radikal umgebauten Maschinen, einst ausrangiertes Kriegsgerät, gerieten zum Kult. Heute ist der rider nicht mehr ganz so easy: Eine zum Chopper umgebaute Harley, wie sie Dennis Hopper 1969 gefahren war, kostet ein kleines Vermögen.

Ciao

Eine einzige Silbe, aber beileibe nicht einsilbig: Ciao ist der kumpelhafte, herzliche Gruss, dessen italienische Wurzel längst zum Exportschlager geworden ist. Mit ciao grüsst man in halb Europa, in der Grande Nation und auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Als Formel in kubanischen Briefen macht ciao mittlerweile sogar dem traditionellen adiós den Rang streitig.

Der freundliche Gruss hat seinen Ursprung im Venedig des Mittelalters. Händler und Seefahrer pflegten einander mit sciào vostro zu begrüssen, was nichts anderes als «ich bin Ihr Sklave» heisst – in der Bedeutung: Wenn Du mich jemals brauchen solltest, dann kannst Du auf mich zählen. Sono il vostro schiavo: Diese Sklaverei als Gruss ist im übrigen nichts Ungewöhnliches. Wenn sich Österreicher oder Bayern mit servus verabschieden, nehmen sie genauso das lateinische Wort für «Sklave» in den Mund.

Dennoch: Dass unser freundliches ciao aus Venedig kommt, muss noch lange nicht heissen, dass die einst blühende Republik durch ausgesuchte Höflichkeit zu Macht und Gold gekommen wäre. Dafür verantwortlich war vielmehr der Handel mit Schiffen, mit Tuch, Seide, Glas, Salz, Pfeffer – und mit den schiavi, die dem Gruss zu Gevatter standen: den Sklaven, die von hier aus zu Abertausenden ins muslimische Spanien, nach Ägypten und Asien exportiert wurden.

Noch etwas: Wenn wir uns mit tschüss verabschieden, dann hat das mit Sklaverei nichts zu tun. Tschüss kommt vom lateinischen ad deum – spanisch adiós und niederdeutsch adjüs – und heisst ganz einfach «zu Gott».

Cloud computing

Fast, lieber Reinhard Mey: Wirklich grenzenlos ist die Freiheit nicht über, sondern vielmehr in den Wolken. Vor allem dann, wenn es um die Freiheit geht, mit Daten und mit Programmen zu hantieren, wo immer man gerade ist. Cloud computing nennt sich das. Und es ist, kurz gesagt, das Arbeiten am Computer mit Daten aus dem Netz.

Kaum jemand, der das noch nie erlebt hat: Die Festplatte macht keinen Mucks mehr, und die letzte Datensicherung datiert vom Mittelalter. Briefe, Bilder, Programme – alles weg. Dagegen hilft Fluchen (für die Seelenhygiene), ein neuer PC (für die Arbeit), nur gegen den Datenverlust ist kein Kraut gewachsen. Es sei denn, die lägen in den Wolken des Web.

Cloud computing kann bedeuten, dass man für E-Mail nur noch web-basierte Dienste nutzt wie Hotmail, GMX oder Google Mail, die gleichzeitig Mailprogramm und den nötigen Speicherplatz zur Verfügung stellen – kostenlos. Oder auch das Anbieten von Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Datenablage durch Google, multi-user-fähig und ebenfalls gratis. Der heimische Computer treibt dabei nur noch den Web-Browser an.

Vorteil: Die Software up-to-date zu halten, ist Sache des Anbieters, man spart Geld und Speicherplatz, und mögliche Computerabstürze bleiben folgenlos. Nachteil: Daten und Dienste lassen sich nur nutzen, wenn man online ist, Anbieter können Bankrott gehen, und namentlich Google wertet E-Mails aus, um kontextabhängige Werbung zu verkaufen.

In der Wolke muss die Freiheit der Daten wohl grenzenlos sein. Nur ist sie auch da nicht ganz ohne Schattenseiten.

Coca-Cola

Die Coca-Cola Company, mit einer Bilanzsumme von 43 Milliarden Dollar, ist eine der erfolgreichsten der Welt. Ganz schön viel für ein Süsswasser. Aber tatsächlich war Coca-Cola schon immer mehr als das. Zum Beispiel Medizin: Als der Drogist John Pemberton am 29. Mai 1886 im Atlanta Journal für sein aus schwärzlichem Sirup zusammengerührtes Getränk warb, sollte Coca-Cola gegen Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen und sogar Impotenz helfen. Erfinder Pemberton sollte den Erfolg seines Wässerchens nicht mehr erleben – nur zwei Jahre später verkaufte er alle Rechte für 2300 Dollar an den Apothekengrosshändler Asa Candler. Der machte aus der Sirupküche ein Unternehmen und ging 1917 in die Politik. Eine gute Gelegenheit, die Aktien an seine Verwandten zu verteilen – aber insgesamt eine schlechte Idee, weil zwei Jahre später sein Sohn die Company, hinter dem Rücken seines Vaters, weiterverkaufte. Vom Unternehmen zum Weltkonzern wurde Coca-Cola erst unter dem neuen Präsidenten Robert Woodruff, der seinen Job 1923 antrat. Und heute gehört Coca-Cola zum Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft und ist Teil des Dow Jones-Börsenindex.

Da sind Mythen nicht weit. Zum Beispiel der vom Kokain – angeblich enthielt Coca-Cola anfänglich Alkaloide aus den Kokablättern. Alles falsch, sagt die Company – reichlich halbherzig, weil der Ruch des Verbotenen ausgesprochen sexy ist. A propos sexy – angeblich ist die Flasche den weiblichen Rundungen nachempfunden. Alles falsch, sagt die Company – Vorbild war 1915 eine Vase von Tiffany. Und die typische Riffelung der Flasche geht gar auf einen glatten Irrtum zurück – ein Mitarbeiter der Glasmanufaktur verwechselte Koka mit Kakao, schlug im Lexikon die Kakaofrucht nach und goss am Ende die Form in Glas, die Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat.

Computer

Ein Computer ist das eigentliche Gegenstück zum Menschen: Er ist in der Lage, in Sekundenbruchteilen Berechnungen durchzuführen, die ein Mensch in seinem ganzen Leben nicht schaffen würde, und doch besitzt er keinerlei Intelligenz. Das war nicht immer so. Denn computer kommt vom lateinischen computare, was ganz einfach «berechnen» heisst, und war im 17. Jahrhundert die Bezeichnung für Astronomen, deren Aufgabe es war, langwierige Berechnungen von Planetenbahnen durchzuführen.

Computer
Der erste nicht-menschliche Computer, der auch so genannt wurde, datiert von 1897. In diesem Jahr wurden weltweit gleich Dutzende von Patenten für mechanische Apparate eingereicht, die rechnen konnten, auch wenn das damals noch vor allem Geld zusammenzählen hiess. Als die US-Army 50 Jahre später, am 14. Februar 1946, ihren ersten elektronischen Rechner vorstellte, nannte sie ihn «Eniac», eine Abkürzung für Electronic Numerical Integrator and Computer, oder kurz electronic computer. Eniac kostete umgerechnet 7 Millionen Dollar, war 27 Tonnen schwer, beanspruchte den Raum eines mittleren Einfamilienhauses und war noch weit davon entfernt, das zu sein, was wir heute als Computer bezeichnen würden.

Und auch Eniac konnte nur, was bis dato Rechner aus Fleisch und Blut getan hatten: addieren, subtrahieren, multiplizieren, dividieren und Quadratwurzeln ziehen. Das aber konnte der Riesenapparat schon damals ziemlich schnell: Eine Addition schaffte Eniac in 0,2 Millisekunden, und selbst eine Quadratwurzel war in einer Drittelssekunde geschafft – jedenfalls solange keine der 17 500 Elektronenröhren kaputt war: Dann nämlich rechnete die Maschine, genau wie ihr menschliches Pendant bei Kopfschmerzen, schlicht und einfach falsch.

Computermaus

Gäbe es sowas wie Computerkatzen, sie würden Logitech lieben. Das findige Unternehmen mit Sitz in der Nähe des waadtländischen Morges ist eben dabei, seine – halten Sie sich fest – Milliardste Computermaus auszuliefern. Eine Milliarde Mäuse, das heisst: Die Schweizer Firma hat bald für jeden siebten Menschen der Erde eine Maus hergestellt. Tatsächlich aber hat die überwiegende Mehrheit der Menschen noch nie einen Computer besessen. Und ich, der ich diesen Beitrag schreibe und anschliessend per Mausklick speichere, bin – privat und beruflich – mittlerweile schätzungsweise bei meiner zwanzigsten Maus angelangt.

Computermaus
Computermaus
So selbstverständlich war die Maus nicht immer. Ein PC in den 80er Jahren, der nur MS-DOS verstand, musste mühselig mittels Tastenkombinationen bedient werden. Die Programme von damals lieferten eng bedruckte Plastikschablonen mit, die man über die Tastatur legen musste, um auch nur annähernd eine Übersicht über die vielen Tastenbefehle zu haben.

Die erste Computermaus war da schon längst erfunden, vom amerikanischen Computertechniker Doug Engelbart und seinem Team, im Jahr 1963. Ihr Prototyp war ein Holzklotz mit Rädern und einem Schalter. Und Maus hiess er auch noch nicht, sondern vielmehr «X-Y-Positionsindikator für ein Displaysystem». Aber heute ist die Maus nicht mehr wegzudenken – es gibt sie in allen Farben, Grössen und Formen, meistens kabellos, mit zwei Tasten und einem Scrollrädchen. Und dann gibt es noch die, die es nicht gibt: Mäuse-Prototypen, die das Logitech-Labor nie verlassen haben – die Maus mit aufgesetztem Joystick, die Maus mit sieben Tasten und drei Wählrädern, die Maus mit integriertem Ventilator für verschwitzte Handflächen.

Nur die essbare Maus für naschhafte Computerkatzen, die gibt’s bis heute nicht.

Computervirus

Die Geschichte der Computerviren beginnt 1949. John von Neumann, ungarisch-amerikanischer Mathematiker und Professor an der Universität von Illinois, beschreibt in einem Essay ein Computerprogramm, das sich wie ein Organismus fortpflanzen kann. Ein Code, der in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren – das ist zwar erst graue Theorie, aber eine wissenschaftliche Sensation. 1972 wird der österreichische Ingenieur Veith Risak konkreter. Sein Artikel mit dem Titel «Selbstreproduzierende Automaten mit minimaler Informationsübertragung» ist die erste präzise Bauanleitung für einen Virus – damals noch in der Programmiersprache «Assembler» und für einen der damaligen Grossrechner von Siemens gedacht.

So richtig ernst wird es im Januar 1986. Basit und Amjad Farooq Alvi aus Lahore, Pakistan, sind Programmierer von Medizinalsoftware. Zu ihrem Leidwesen werden die Disketten immer öfter raubkopiert, und so sehen sich die Brüder gezwungen, ihr Programm zu schützen. Ein Virus, der allererste für das vorherrschende Betriebssystem MS-DOS, befällt alle Rechner, auf denen eine illegale Kopie läuft. Der Schädling selbst hat durchaus noch Charme: Im Code veröffentlichen die beiden Brüder nämlich ihre Postadresse mitsamt der Telefonnummer, damit man sie kontaktieren kann, um eine legale Kopie der Software zu kaufen und den befallenen Computer wieder zu desinfizieren. Immer mehr aufgebrachte Nutzer aus aller Welt rufen an. Die Brüder rechtfertigen sich wortreich, dass ihre Absicht keine schlechte gewesen sei – bis am Ende die Leitung zusammenbricht.

So kommt es, dass die Computerviren ihren Siegeszug antreten – und dass Antivirenprogramme ein Milliardengeschäft werden.

Cookie

Ich mag Kekse. Aber natürlich weiss ich: Allzuviel ist ungesund. Kekse sind die natürlichen Feinde einer guten Figur, und die Feinde gesunder Zähne sind sie auch.

Mit Keksen gefüttert werden auch Computer. Sie können schmecken, aber einzelne davon sind gar nicht bekömmlich, weder für uns User noch für den PC.

Die Rede ist von sogenannten cookies. Mit Keksen haben sie nur den englischen Namen gemein, und sie kommen nicht aus der Dose, sondern aus dem Internet. Cookies sind kleine Textdateien, in denen Anbieter von Websites speichern, was uns beim Surfen interessiert. Ein Beispiel: Als eifriger Besucher eines Internetforums zum Thema Schrebergarten halte ich regelmässig nach neuen Beiträgen Ausschau. Damit ich mich nicht jedes Mal neu einloggen muss, kann ich die Option anklicken: «immer eingeloggt bleiben». Damit mein Forum nun weiss, dass es ab sofort von mir keine Zugangsdaten mehr verlangen soll, speichert es ab, dass ich zu den Oberschrebergärtnern zähle, dass ich am liebsten Beiträge über das Rosenzüchten mag und pro Besuch durchschnittlich 14 Minuten brauche.

Dagegen wäre weiter nichts einzuwenden, gäbe es da nicht mindestens drei Probleme: Erstens werden diese Cookies ausgerechnet auf meinem PC gespeichert. Zweitens wird gespeichert, ohne dass ich es weiss. Und drittens sind diese Informationen für Betreiber einer Website ohne weiteres lesbar – je mehr Cookies ich also, ohne es zu wissen, gespeichert habe, desto mehr Auskünfte erhalten Fremde über mein Verhalten im Web.

Wie im richtigen Leben gilt: Allzuviel ist ungesund. Von zu vielen Keksen wird einem schlecht. Daher: Ab und zu sollten Cookies vom Speiseplan gestrichen – sprich: kurzerhand von der Festplatte gelöscht werden.

Cool

Miles Davis mit dem Titel «Rocker», 9. März 1950 in New York. Richtig cooler Sound. Cool, das war es, was Miles Davis und sein Nonett im Studio ausdrücken wollten: Relaxt, lässig, in sich gekehrt – ein Jazz, so ganz anders als der laute, hektische Bebop der 1940er-Jahre. Als «Rocker» zusammen mit elf weiteren Titeln auf Schallplatte erschien, konnte die gar nicht anders heissen als «Birth of the Cool», und die Platte ist tatsächlich ein Meilenstein des sogenannten «Cool Jazz».

Das englische Wort cool stammt vom deutschen «kühl» ab und bedeutete ums Jahr 1000 noch nichts weiter als weder zu heiss noch zu kalt. 600 Jahre später, in Shakespeares «Hamlet», ist mit cool nicht mehr nur das Wetter gemeint, sondern Gemüt oder Temperament: Kühl, das heisst überlegt, rational, ruhig.

In der Unterschicht der USA begann cool ein Eigenleben zu führen. 1884 nennt der Sprachprofessor James A. Harrison in einem begeisterten, wenngleich von Rassismus triefenden Aufsatz über das nordamerikanische «Neger-Englisch» den Ausruf Dat’s cool!, und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde cool endgültig zu dem, was es heute ist. Die höchsten Weihen im Jazz erhielt der, von dem man sagte, er sei a cool cat. Coolness wurde zum Gestus, zur Haltung: Understatement, Souveränität, Rebellion, die es nicht nötig hatte, aggressiv zu sein, genau so wie James Dean im Filmklassiker «Rebel Without a Cause», «Denn sie wissen nicht, was sie tun».

Oder eben wie der Trompeter Miles Davis in seinem Album «Birth of the Cool».

Wir spielten uns einfach etwas sanfter in die Ohren der Leute als die anderen,

meinte er ganz cool in seiner Autobiografie.

Wir gingen einfach etwas mehr in Richtung Mainstream. Mehr war’s nicht.

Copy & Paste

Es ist noch nicht lange her, da war, was man heute copy & paste nennt, noch ein Beruf namens «Fräulein», und das Kommando lautete «ein Durchschlag, bitte!». Heute heissen die Sekretärinnen «Bürofachkraft» oder «Backoffice-Assistentin», und der Befehl lautet CTRL-C.

Von einem Befehl zu sprechen, ist allerdings stark untertrieben: CTRL-C ist eine veritable Kulturtechnik, die Schüler- und Doktorarbeiten und halbe Romane entstehen lässt. Selbst im Journalismus wird nicht länger abgeschrieben, sondern – Sie ahnen es – CTRL-C.

Der Ahnherr dieses Klammergriffs ist allerdings älter als jeder Computer: Mit cut & paste wurden im Verlagswesen Manuskripte redigiert, will heissen: mit der Schere abschnitts- oder gar satzweise zurechtgeschnitten, auf leeren Blättern neu zusammengeklebt und anschliessend mit der Hand redigiert. Das nötige Werkzeug: Gummi arabicum, jener zuckerhaltige, wasserlösliche Saft der Akazienwurzel, und die Redigierschere, die lang genug war, um eine A4-Seite auf einmal durchzuschneiden. Obgleich man Manuskripten schon immer so zu Leibe gerückt war – oft sehr zum Leidwesen des Autors –, erlebte das cut & paste mit Schere und Leim im Zeitalter des Fotokopierers einen enormen Aufschwung.

Heute reicht ein Klick, ein Tastendruck. Die Eroberung des Schreibtischs durch den Computer ist nicht zuletzt der gewaltigen Vereinfachung der einstigen Collagetechnik zu verdanken. Auch wenn der Ruf des copy & paste nicht der allerbeste ist: Die Wissenschaft spricht gern von copy & waste, Kopieren und Müll.

Der Durchschlag mittels Kohlepapier übrigens hat das alles überlebt: Die E-Mail-Kopie heisst bis auf den heutigen Tag «Cc», als Abkürzung für carbon copy.

Cotton, Jerry

Jerry Cotton, pardon: G-man Jerry Cotton ist ein Held, der Held der erfolgreichsten deutschen Krimiserie in deutscher Sprache. Dank ihm wissen wir, dass ein knallroter Jaguar das Ende aller Träume ist, aber dass – Folge «Die letzte Fahrt im Jaguar» – auch ein roter XK 150 ein Ende haben kann. Und nur dank ihm wissen wir, dass G-man amerikanischer Slang ist und FBI-Beamter bedeutet.

Im richtigen Leben hat Jerry Cotton Jahrgang 1954. Da schrieb der damals 31-jährige Waschmittelvertreter Delfried Kaufmann den Groschenroman «Ich suchte den Gangster-Chef», als 68. Folge der Krimireihe des deutschen Bastei-Verlags. Das Heft schlug ein wie eine Kugel aus der Smith & Wesson seines Titelhelden, und zwanzig Hefte später machte Bastei aus Jerry Cotton eine eigenständige Serie. Die Person des Autors Delfried Kaufmann blieb jahrelang streng geheim – der Verlag sprach vage von einem «Waschmittelvertreter Herr K.» –, und vor allem nicht allein: Die Welt wollte Woche für Woche ein neues Jerry-Cotton-Abenteuer sehen, und bis heute haben 100 oder je nach Quelle gar bis zu 180 Autoren nach minuziösen Verlagsvorgaben Jerry Cottons geschrieben – Vorgaben deswegen, weil Jerry nicht jedesmal andere Freunde und Kollegen haben sollte. (Feinde dagegen schon, aber die – das liegt in der Natur des Groschenkrimis – überlebten in der Regel das aktuelle Heft nicht, auf jeden Fall nicht in Freiheit.)

Dem Vertreter Delfried Kaufmann war die Figur eines FBI-Ermittlers auf einem Spaziergang mit seinem Freund, dem Autor Kurt Reis, eingefallen. Ein Held sollte er nicht sein, eher eine Parodie, eine «Juxfigur Jeremias Baumwolle». Der Welt und den Kiosken aber stand der Sinn nicht nach Witz, sondern nach blutigem Ernst. Jerry Cotton Nummer 2690 heisst «Eiskalt und ohne Skrupel». Killerin Hester endet hinter Gittern, und Jerry Cotton, mittlerweile in seinen besten Jahren, bleibt unsterblich.

Countdown

So klingt der wohl berühmteste Countdown aller Zeiten: Am 16. Juli 1969 um 9.32 Uhr Ortszeit startet eine Saturn-V-Rakete in Cape Canaveral, Florida. An Bord: Die Astronauten Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin.

Mit dem Countdown, auf Deutsch «Zurückzählen», werden grosse Ereignisse eingeleitet. Seine Abkürzung ist das grosse T als Abkürzung für «Test»; «T minus 10» heisst also noch zehn Minuten bis zum Start. Der Countdown verläuft in der Regel still, nur die letzten Sekunden werden laut gezählt. Sein Sinn liegt in der Verknüpfung einer Vielzahl von Kontrollen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in engen, sekundengenau festgelegten Zeitfenstern vorgenommen werden müssen. Ein einziger Fehler führt zum sofortigen Anhalten, wenn nicht sogar zum Abbruch des Starts.

Doch eigentlich kommt der Countdown nicht aus der Raumfahrt, sondern aus dem Film. Als der Regisseur Fritz Lang 1929 den Stummfilm «Frau im Mond» drehte, hatte er ein dramaturgisches Problem:

Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle,

sagte er später,

weiss das Publikum nicht, wann es losgeht. Aber wenn ich rückwärts zähle: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, null! – dann verstehen sie.

Der Countdown als Spezialeffekt der ersten Stunde: Was 1929 im Kino Spannung erzeugte, perfektionierte die Nasa 40 Jahre später zum medialen Weltereignis: 600 Millionen Menschen zählten am Fernsehen mit – vom Countdown bis zu den ersten Schritten auf dem Mond.

Counterstrike

Jugendgewalt und Gewaltspiele am Computer: Nach jeder Tat flammt die Diskussion um Verbote neu auf. Aus einsichtigen Gründen. Gewalt verherrlichende Games, so genannte Ego-shooter, bestehen aus hyperrealistischen, düsteren Szenerien, betrachtet aus einer Ich-Perspektive, und es gilt, mit detailliert dargestellten Schusswaffen möglichst viele Gegner abzuknallen.

Das Spiel Counterstrike, 1999 erstmals veröffentlicht, ist eines der bekanntesten. In Counterstrike kämpfen Terroristen gegen Antiterroreinheiten, die Guten gegen die Bösen, und über Internet können sich die Spieler zu guten oder bösen Gruppen zusammenschliessen. Geschossen wird auf alles, was sich bewegt, auf täuschend echte menschliche Figuren, gesteuert von anderen Spielern.

Wohlgemerkt: Wer in einem Pornoheft blättert, wird deswegen nicht zum Sexualstraftäter. Ein Computerspiel trägt nicht Schuld. Jede Tat hat ihre eigene, lange Geschichte, ihren eigenen biografischen Hintergrund.

Womit wir dann eben doch bei Computerspielen sind. Ego-shooter mit ihren mörderischen Namen wie Counterstrike, Battlefield und dergleichen mehr nutzen die gesamte Leistung vernetzter Computer und sind schwindelerregend realistisch. Spielt ein Jugendlicher exzessiv, dann können sich die Konturen seiner Realität verwischen. Dann beginnt Sucht, Krankheit, und am Ende vielleicht der Wahn.

Bleibt noch anzumerken, dass solche Spiele keine Randerscheinung sind: Counterstrike wurde über 11 Millionen Mal verkauft, Onlineverkäufe noch nicht eingerechnet. Und: Ego-Shooter sind keine Angelegenheit krimineller Anbieter. Das womöglich Bekannteste dieser Gewaltspiele, das gar kostenlos im Internet heruntergeladen werden kann, heisst – America’s Army. Es dient der Rekrutierung künftiger Soldaten und stammt, ganz offiziell, von der U.S. Army und dem Pentagon.

Curta

Curt Herzstark, 1902 in Wien geboren, liebt das Basteln. Und noch mehr liebt er es, seinen Vater in dessen Fabrik und auf Bürofachmessen zu begleiten. Hier bekommt der Bub die ersten Rechenmaschinen zu sehen, doch die haben einen gewichtigen Nachteil: Sie sind gross und schwer. Curt Herzstark, mittlerweile selbst Feinmechaniker, träumt davon, eine mechanische Rechenmaschine zu entwickeln, die so klein ist, dass man sie in die Tasche stecken kann.

1939 nimmt sein Traum Gestalt an. Das handliche Ding lässt sich mit einer Hand bedienen und sieht ein bisschen aus wie eine kleine Konservendose. Dieser erste Taschenrechner der Welt lässt sich mit Schiebereglern an der Seite und, zum Rechnen, mit einer kleinen, seidenweich laufenden Kurbel an der Oberseite bedienen. Die Curta, wie Herzstark seinen Rechner nennt, beherrscht alle vier Grundoperationen in bis zu elf-, später sogar fünfzehnstelligen Zahlen. Selbst Dreisatz und Wurzelziehen sind möglich.

Doch dann machen Rassenwahn und Krieg dem Erfinder einen Strich durch die Rechnung. 1943 wird Herzstark als «Halbjude» verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Als Mechanikgenie wird er hier für den Bau hochpräziser Waffenteile gebraucht. Herzstark, selbst eine Art Vorzeige-Häftling, rettet einer ganzen Reihe von Menschen das Leben: Er beschafft Lebensmittel und holt andere KZ-Insassen in die schützende Fabrik.

Nach seiner Befreiung findet Herzstark Geschäftspartner – und im Fürsten von Liechtenstein einen Mentor. Im liechtensteinischen Mauren werden in den folgenden Jahrzehnten 140 000 «Curtas» herstellt – bis am Ende die ersten Elektronenrechner aus Fernost diesem mechanischen Wunderwerk den Garaus machen.

Cyborg

«I’ll be back» – «Ich komme wieder»: So klang 1984 die Stimme des «Terminators» Arnold Schwarzenegger, des wohl berühmtesten aller Cyborgs. Das Wort ist ein Zusammenzug aus «kybernetisch» und «Organismus» – und der Cyborg namens Schwarzenegger ein Multitalent: Erfolgreicher Bodybuilder, Hollywood-Filmschauspieler und von 2003 bis 2011 gleich auch noch Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien.

Cyborg
Erfunden hat die Cyborgs aber nicht der berühmte Muskelmann, sondern ein 1925 geborener Wissenschaftler namens Manfred Clynes, auch er ursprünglich ein Österreicher – und dazu ein Universalgenie: Clynes, ein persönlicher Freund Albert Einsteins, war ein brillanter Pianist, der biologische Gesetze entdeckte, einen Hirnröntgencomputer erfand und, im Jahr 1960, das «Cyborg-Konzept» veröffentlichte. Laut Clynes ist ein «Cyborg» eine Einheit aus Mensch und Maschine, die in unwirtlichen Umgebungen die Lebensfunktionen maschinell aufrechterhält. «Ich dachte, es wäre gut, ein Konzept zu entwickeln, das es Menschen ermöglicht, sich von den Beschränkungen ihrer Umwelt so weit zu befreien, wie sie es wünschen», gab Clynes später zu Protokoll.

Taucher mit ihren Sauerstoffflaschen oder Kampfpiloten, die in ihren Jets Sauerstoffmasken trugen, waren also per definitionem die Cyborgs der ersten Stunde, und folgerichtig war es die Weltraumbehörde Nasa, die Clynes‘ Konzept aufgriff und Systeme entwickelte, die (etwa in Form eines Raumanzugs) ein Überleben ermöglichten, wo Leben sonst unmöglich wäre. Der Gipfel dieser Entwicklung hiess «Apollo 11», und 1969 machte der Cyborg namens Neil Armstrong stolpernd Geschichte mit dem Satz: «Ein kleiner Schritt für einen Menschen, doch ein grosser Sprung für die Menschheit.»