Auf gut Glück

Bahnhofsuhr

I han en Uhr erfunde, wo geng nach zwone Stunde blybt stah.

Die Uhr des Berner Liedermachers Mani Matter, die immer wieder stehenbleibt, hatte ein Vorbild: Die Schweizer Bahnhofsuhr. Sie ziert in vielfacher Ausführung jeden Bahnhof der SBB. Erfunden wurde sie 1944, vom Ingenieur und Selfmade-Designer Hans Hilfiker. Hilfiker erfand am laufenden Band: Allein für die SBB entwarf er Spezialkräne, Perrondächer, Fahrplanprojektoren und ganze Dienstgebäude.

Seine Uhr war ein radikaler Bruch mit den verschnörkelten Zifferblättern aus der Zeit des Jugendstils: Weisser Hintergrund, eine Minuteneinteilung aus strengen Rechtecken, schwarze Zeigerbalken, ein schlanker roter Sekundenzeiger mit einer roten Scheibe, die an die Kelle des Bahnhofsvorstehers erinnert und das sekundengenaue Ablesen der Uhr auch aus Distanz ermöglicht. Hilfikers Design war so elegant, zeitlos und funktional, dass sich heute fast alle Bahnhofsuhren der Welt daran orientieren.

«I han en Uhr erfunde, wo geng nach sächzg Sekunde blybt stah»: Wie in Mani Matters Lied bleibt auch Hilfikers Bahnhofsuhr immer wieder stehen, jede Minute einmal: Immer bei exakt null Sekunden gibt die Hauptuhr einen elektrischen Impuls und stellt so die Ganggenauigkeit aller Bahnhofsuhren sicher. Weil eine sekundengenaue Synchronisation bei der Einführung 1947 noch nicht möglich war, läuft der Sekundenzeiger immer ein bisschen zu schnell, legt dann auf zwölf Uhr eine kleine Pause ein und wartet rund eineinhalb Sekunden lang auf das Signal zum Weiterdrehen. Bis auf den heutigen Tag.

Auf gut Glück

Bankomat

Luther George Simjian, 1905 im Osmanischen Reich geboren und im Zuge der türkischen Verbrechen an den Armeniern von seinen Eltern getrennt, ist in den Zehnerjahren einer von zahllosen armenischen Flüchtlingen. Nach einer Odyssee über Beirut und Marseille kommt er bei Verwandten in New Haven, Connecticut, unter. Schon immer hat Simjian davon geträumt, Arzt zu werden. Zwar schafft er es tatsächlich an die medizinische Fakultät der Universität Yale, doch nicht als Student, sondern vielmehr als Laborfotograf. Seiner Karriere steht das nicht im Weg, bloss wird er nicht Arzt, sondern Erfinder und Unternehmer.

Und was für einer. Seine wohl folgenreichste Erfindung ist der Bankomat, den er 1939 entwickelt und nach dem englischen Wort für «Kassierer» Automated Teller Machine nennt – tatsächlich heisst der Bankomat auf Englisch bis heute «ATM». Der Prototyp funktioniert tadellos, und Simjian meldet über 20 Patente an. Indes: Die Banken begegnen dem neuartigen Gerät mit grossem Misstrauen. Es kostet Simjian viel Überredungskunst, und erst 1961, gut zwanzig Jahre später, willigt die «City Bank of New York» in einen Probebetrieb ein.

Der ist ein Fehlschlag. Nach nur sechs Monaten wird das Testgerät wieder abgebaut.

Es sieht so aus, dass ein paar Prostituierte und Glücksspieler, die nicht von Angesicht zu Angesicht mit Kassierern zu tun haben wollten, die einzigen Benutzer waren,

schreibt Simjian resigniert. Es sind schliesslich andere Unternehmer und andere Konstruktionen, die dem Bankomaten zum Erfolg verhelfen, und Erfinder Simjian geht leer aus. Aber sein automatischer Bankbeamter ist heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Auf gut Glück

Barcode

Lange gab es nur die Registrierkasse. Die druckte einen Beleg für den Kunden und führte dazu ein Journal, das alle Beträge aufzeichnete. Bloss: Was genau verkauft worden war, das wussten abends weder die Kasse noch der Chef. Einer dieser Chefs sprach deshalb 1948 beim Dekan der privaten Drexel University in Philadelphia vor. Ob es denn keine Möglichkeit gebe, nicht nur die Preise, sondern auch Produktinformationen zu erfassen.

Der Professor war ratlos, doch zwei Ingenieursstudenten, Norman Joseph Woodland und Bernard Silver, hörten mit – und dachten nach. Ihr erster Einfall, ein gedrucktes Morsealphabet, führte zu nichts. Am Strand in Florida grübelte Woodland weiter. Er zeichnete Morsezeichen in den Sand – Punkte und Striche – und verlängerte sie mit dem Finger nach unten. Diese dicken und dünnen Linien müssten sich doch eigentlich maschinell auslesen lassen. Woodland und Silver druckten Strichcodes und bauten erste Lesegeräte, und 1949 war der Barcode geboren.

Bloss wollte anfänglich niemand etwas davon wissen. Als eines der ersten Unternehmen führte die Migros 1968 erste Versuche mit aufgedruckten Barcodes durch – und gab sie, wie andere auch, bald wieder auf. Erst als die US-Supermarktkette Walmart in den 70er-Jahren Druck auf die Produktehersteller ausübte und erste Scannerkassen gebaut wurden, kam der Barcode in Schwung.

Den kann übrigens nicht nur die Kasse lesen. Die Zahl unter den Balken ist einmalig und steht für das Produkt. Die ersten Ziffern verraten, woher dieses kommt: 00 bis 09 steht für die USA und für Kanada, 76 für die Schweiz und Liechtenstein.

Auf gut Glück

Bergkristall

Ambitionierte Mineraliensucher nennt man Strahler. Zwei von ihnen, Franz von Arx und Paul von Känel, entdeckten am 21. September 2005 am Planggenstock im Kanton Uri eine Kluft, aus der ihnen Hunderte perfekt geformter Kristalle entgegenfunkelten. 10 Millionen Jahre hatte es gedauert, bis sich diese Bergkristalle in der Tiefe der Alpen gebildet hatten, aus Quarz, der im bis zu 400 Grad heissen Tiefenwasser gelöst war. Weitere fünf Millionen Jahre sollten vergehen, bis die beiden Strahler auf den Schatz stiessen. Ein Jahrhundertfund: Nie zuvor waren im Alpenraum derart grosse Quarze gefunden worden. Einer der Riesenkristalle ist über einen Meter lang; das gesamte Gewicht des Kristallschatzes wiegt gegen zwei Tonnen. Besichtigt werden kann er im Naturhistorischen Museum Bern.

Mit einem bisschen Glück kann jedermann auf der Bergwanderung einen Kristall finden. Oft ist er bräunlich gefärbt, dann spricht man von Rauchquarz, oft auch weiss – Milchquarz –, gelegentlich rosa – Rosenquarz –, violett – Amethyst –, selten gelb – Citrin –, und manchmal, ja manchmal ist er rein und klar wie Wasser, ein Bergkristall. Alle bestehen sie aus Siliziumdioxid; die Wissenschaft spricht von einem α- oder Tiefquarz. Der ist, nach dem Feldspat, das zweithäufigste Mineral der Erde und bildet einen Hauptteil der Erdkruste. Weil die Kristalle so hart sind – mit ihnen lässt sich sogar Fensterglas ritzen –, sind sie auch sehr witterungsbeständig. Der grösste Teil des Sandes im Meer besteht aus Quarz. Quarz wird als Baustoff genutzt und findet Verwendung in der Keramik-, Glas- und Zementindustrie.

Auf gut Glück

Blockbuster

Alles begann 1917, mit einem spektakulären Urteil des höchsten Gerichts der Vereinigten Staaten. Dem Supreme Court in Washington D.C. lag ein Gesetz von Louisville, Kentucky, vor, das den Verkauf von Liegenschaften in von Weissen bewohnten Stadtvierteln an Käufer anderer Hautfarbe verbot. Dieses Gesetz, so befanden die Richter, verletze die Vertragsfreiheit und sei daher ungültig.

Was wie ein Sieg im Kampf gegen die Rassentrennung aussah, erwies sich als Goldgrube für halbseidene Immobilienmakler. Ihr Trick nannte sich blockbusting: Weil sich nun jedermann, egal welcher Hautfarbe, überall, egal an welcher Strasse, einkaufen konnte, boten die Händler ein Haus, das in einem bisher nur von Weissen bewohnten Viertel lag, einer schwarzen Familie an, die den übervölkerten Ghettos entfliehen wollte. Darauf streuten sie das Gerücht, weitere farbige Familien seien dabei, in die Nachbarschaft zu ziehen. Wo sich Rassenvorurteile hartnäckig hielten, begannen immer mehr weisse Hausbesitzer, zu verkaufen. In gewissen Vierteln machte sich gar eine regelrechte Panik breit, und je mehr Verkäufer, desto tiefer die Verkaufspreise. Am Ende rieben sich die Makler die Hände und verkauften die leerstehenden Häuser tatsächlich an Farbige, allerdings mit einem unverschämten Aufschlag.

In seiner wörtlichen Bedeutung, «einen Häuserblock weg- oder leerfegen», bedeutete blockbuster in den 1940er-Jahren eine verheerende Fliegerbombe und, im Oxford English Dictionary, einen erfolgreichen Musikfilm. Die Herkunft aus Halsabschneiderei und Rassismus dagegen ging allmählich vergessen.

Auf gut Glück

Brakteat

Jahrhundertelang war der Handel Europas von den Münzen der Römer geprägt. Vorder- und Rückseite der römischen Münzen wurden mit aufwändig gravierten, gehärteten Prägestempeln geschlagen – Ornamente, Inschriften, Porträts traten auf der Münze deutlich hervor.

Diese Art der Münzherstellung war Hightech, und sie war teuer. Als im 5. Jahrhundert das römische Imperium zusammenbrach, fehlten auf einmal die Münzprofis, und zu allem Überfluss erforderte der aufblühende Handel immer mehr Zahlungsmittel. Also begann man in Skandinavien und Deutschland die Münzprägung zu vereinfachen. Hergestellt wurde nur noch eine Prägeform, der Oberstempel. Ein kleines, grob zurechtgeschnittenes Stück Silberblech wurde auf eine Bleiplatte gelegt und mit einem Hammerschlag geprägt. Die Münzen waren zwar dünn und unscheinbar, aber viel rascher und vor allem billiger herzustellen. Nach ihrer Herstellung nennt man sie «Brakteaten», von lateinisch bractea, «dünnes Blech», oder auch «Hohlpfennige», weil das Münzbild auf der Rückseite hohl war. Diese Brakteaten waren ein wirtschaftlicher Erfolg: Von Dänemark und Deutschland breiteten sie sich bis in die Schweiz und nach Liechtenstein aus, und noch bis ins 14. Jahrhundert wurden niedrige Münzwerte als Brakteaten geprägt.

Münzen waren im Frühmittelalter nicht nur Zahlungsmittel, sondern auch Wertanlage. Als Tresor diente oft das Erdreich im oder vor dem Haus; in Beuteln, Töpfen oder Kassetten wurde das Geld vergraben. Ging es vergessen, weil sein Besitzer unerwartet starb, blieb der Schatz erhalten – bis in unsere Zeit.

Auf gut Glück

Butterzentrale

Die Lage wurde kritisch. «Krasse Übelstände» gebe es zu bekämpfen, schrieb der Bundesrat am 18. August 1917. Weil aufwändiger als Rohmilch, aber weniger rentabel als Käse, wurde im Ersten Weltkrieg immer weniger Butter produziert. Die wurde ein rares Gut: Bauern hielten ihre eigene Butter zurück und schmuggelten sie an den amtlichen Kontrollen vorbei. Während sich Herr und Frau Schweizer in den Vorkriegsjahren pro Monat noch ein volles Pfund Butter aufs Brot streichen konnten, fiel der Verbrauch im Krieg auf unter 100 Gramm.

Ab sofort, so ordnete der Bundesrat an, werde der Butterhandel daher unter staatliche Kontrolle gestellt. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, wurden eine «Eidgenössische Zentralstelle für Milch und Milchprodukte» und in den Regionen sogenannte «Verbandsbutterzentralen» ins Leben gerufen. Diese Zentralen sollten dafür sorgen, dass Butter nicht mehr unter der Hand und zu überhöhten Preisen beim Bauern, sondern nur noch in konzessionierten Käsereien gekauft werden konnte. Ausserdem sollten die Butterzentralen das Horten verhindern, die vom Bundesrat festgesetzten Höchstpreise durchsetzen und dem Bundesrecht Geltung verschaffen: Einzelne Kantone hatten sich mit kantonalen «Ausfuhrverboten» geweigert, ihre knappe Butter über die Kantonsgrenzen zu lassen.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Butterversorgung in der Schweiz fragil: In den Zwischenkriegsjahren brach der Milchpreis ein, im Zweiten Weltkrieg wurden Milchprodukte wieder knapp. Unter dem Namen «Butyra» blieben die Butterzentralen noch bis 1999 am Leben.

Von A bis Z

Backgammon

Backgammon mit seinem zweifarbigen, gezackten Spielbrett, mit seinen schwarzen und weissen Spielsteinen und seinen Würfeln ist hierzulande nicht sonderlich gut bekannt. Im Nahen Osten und rund ums Mittelmeer dagegen schon: In der Türkei etwa ist Backgammon so etwas wie das Nationalspiel.

Backgammon
Backgammon wurde nachweislich schon vor 5000 Jahren gespielt – in Shahr el-Sokhta, einer Fundstätte im Südosten Irans, wurde ein prähistorisches Spielbrett ausgegraben, mitsamt kleinen Würfeln aus Knochen. Die um 1300 in Zürich entstandene Manesse-Handschrift enthält eine Bildtafel, die einen Adligen und einen Mönch beim Backgammonspiel zeigt – auch wenn das Spiel damals Puff hiess, Pasch, Tricktrack oder Wurfzabel. Und aus dem Rumpf des 1545 vor der englischen Südküste gesunkenen Kriegsschiffs «Mary Rose» wurde ebenfalls ein handgeschnitztes Spiel geborgen.

Heute ist Backgammon Gegenstand von Turnieren, die nach dem K.o.-System ausgetragen werden und auf deren Spiele gewettet werden kann. Doch auch Programmierern bereitet es Kopfzerbrechen. Das Spiel ist trotz seiner einfachen Regeln ausgesprochen komplex. Einem Computer richtig gutes Backgammon beizubringen, ist ähnlich schwierig wie Schach – und gelingt erst seit den späten 80er Jahren. Selbst heute gibt es nicht mehr als eine Handvoll spielstarker Programme.

Ob Amateur-, Computer- oder Turnierspieler: Anhänger hat das Spiel seit Menschengedenken. Als der britische Archäologe Howard Carter 1922 im ägyptischen Tal der Könige auf die völlig unversehrte Grabkammer des Pharaos Tutenchamun stiess, fand sich, zwischen all den Schätzen und zur Unterhaltung in der Totenwelt, auch ein Backgammonspiel.

Baez, Joan

Freitag abend, 19. August 1969, auf einer Farm in Bethel, 70 Kilometer von Woodstock und 150 Kilometer von New York entfernt. Starker Regen hatte den Boden aufgeweicht, Hunderttausende drängten sich im Matsch vor der Bühne, auf der bekiffte Nobodys improvisierten. Die Zufahrtsstrassen waren verstopft, Bands und Verpflegung mussten per Helikopter eingeflogen werden, die Organisation ein einziger Alptraum. Nichts deutete darauf hin, dass dieses aus den Fugen geratene Sommerfestival Musikgeschichte schreiben würde.

Aber dann, als letztes Konzert des ersten Tages: die damals 28-jährige Sängerin Joan Baez. Nüchtern, klar und konzentriert, das kurze schwarze Haar wie ein Helm, eine zierliche Frau, ganz Stimme. Die schliesslich die Gitarre weglegte und vor der riesigen, gebannten Menge den Gospel Swing Low, Sweet Chariot sang, a cappella und mit einer Intensität, die Löcher in den Cannabisnebel brannte.

1969 in Woodstock, da war Joan Baez bereits ein Star: als Folksängerin, als Kämpferin gegen Diskriminierung, die nur noch an schwarzen Universitäten auftrat, weil es da keine Rassenschranken gab, als Freundin von Bob Dylan, mit dem sie 1963 am legendären Civil Rights March aufgetreten war.

Musikalisch ist ihr Weg ein Mäander – von Lyrik und Folksongs zu Country und Pop –, politisch dagegen ist er gradlinig: Joan Baez, die Sängerin, trat und tritt gegen Rassentrennung an, für die Menschenrechte, gegen den Vietnam- und überhaupt alle Kriege.

Zwei Dinge haben sie dabei ein Leben lang begleitet: ein fürchterliches Lampenfieber – und eine Stimme, ohne die das Chaos von 1969 nicht Woodstock geworden wäre.

Bahnhofsuhr

I han en Uhr erfunde, wo geng nach zwone Stunde blybt stah.

Die Uhr des Berner Liedermachers Mani Matter, die immer wieder stehenbleibt, hatte ein Vorbild: Die Schweizer Bahnhofsuhr. Sie ziert in vielfacher Ausführung jeden Bahnhof der SBB. Erfunden wurde sie 1944, vom Ingenieur und Selfmade-Designer Hans Hilfiker. Hilfiker erfand am laufenden Band: Allein für die SBB entwarf er Spezialkräne, Perrondächer, Fahrplanprojektoren und ganze Dienstgebäude.

Seine Uhr war ein radikaler Bruch mit den verschnörkelten Zifferblättern aus der Zeit des Jugendstils: Weisser Hintergrund, eine Minuteneinteilung aus strengen Rechtecken, schwarze Zeigerbalken, ein schlanker roter Sekundenzeiger mit einer roten Scheibe, die an die Kelle des Bahnhofsvorstehers erinnert und das sekundengenaue Ablesen der Uhr auch aus Distanz ermöglicht. Hilfikers Design war so elegant, zeitlos und funktional, dass sich heute fast alle Bahnhofsuhren der Welt daran orientieren.

«I han en Uhr erfunde, wo geng nach sächzg Sekunde blybt stah»: Wie in Mani Matters Lied bleibt auch Hilfikers Bahnhofsuhr immer wieder stehen, jede Minute einmal: Immer bei exakt null Sekunden gibt die Hauptuhr einen elektrischen Impuls und stellt so die Ganggenauigkeit aller Bahnhofsuhren sicher. Weil eine sekundengenaue Synchronisation bei der Einführung 1947 noch nicht möglich war, läuft der Sekundenzeiger immer ein bisschen zu schnell, legt dann auf zwölf Uhr eine kleine Pause ein und wartet rund eineinhalb Sekunden lang auf das Signal zum Weiterdrehen. Bis auf den heutigen Tag.

Ballade

Gedichte gehören – anders als Romane und Theaterstücke – der Gattung der Lyrik an. Aber wie so oft: Keine Regel ohne Ausnahme.

Die Ausnahmegedichte heissen Balladen. Das Wort kommt aus der mittelalterlichen Troubadourdichtung in Südfrankreich und heisst eigentlich Tanzlied. In der deutschen Literatur dagegen ist die Ballade ein mehrstrophiges erzählendes Gedicht. Weil die Ballade in ihren Versen aber eine Geschichte erzählen will – und sich dabei nicht selten ausgesprochen theatralischer Mittel bedient -, ist sie nicht mehr nur Lyrik. Eine Ballade ist sozusagen in der Form lyrisch, im Wesen episch und im Ausdruck dramatisch – und ist damit eigentlich alles zusammen. Balladen, so könnte man auch sagen, sind die nachhaltigsten Gedichte überhaupt.

Abgesehen davon, dass sie auch ausgesprochen unterhaltend sind: Man denke nur an den verzeifelten Zauberlehrling von Goethe, der den Zauberbesen Badewasser herbeischaffen lässt und am Ende um ein Haar ertrinkt. «Herr, die Not ist gross! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!» Dieser verzweifelte Ausruf des Zauberlehrlings ist, auch ohne jeden Goethe, längst zum geflügelten Wort geworden.

Die Ballade erzählt eine Geschichte, aber sie kann mehr: Sie kann auch sich selbst auf die Schippe nehmen, und die ganze Literatur damit. Zum Beispiel so wie Wolf Biermann 1961 in seiner Ballade «Herr Brecht»:

Drei Jahre nach seinem Tode
ging Herr Brecht
vom Hugenotten-Friedhof
die Friedrichstrasse entlang,
zu seinem Theater.

Auf dem Wege traf er
einen dicken Mann
zwei dicke Fraun
einen Jungen.
Was, dachte er,
das sind doch die Fleissigen
vom Brechtarchiv.
Was, dachte er,
seid ihr immer noch nicht fertig
mit dem Ramsch?

Und er lächelte
unverschämt-bescheiden und
war zufrieden.

Bank

Es ist gar nicht so lange her, da war die Welt noch in Ordnung und eine Bank einfach ein Geschäft. Heute allerdings sind Banken eine Art Naturkatastrophe, die über Völker hereinbricht und Länder, ja ganze Kontinente erschüttert.

Dabei ist die Bank eigentlich nichts weiter als die soziale Schwester des Stuhls.

bank und stul unterscheiden sich darin, dasz dieser nur für einen, jene meistens für mehrere nebeneinander eingerichtet ist.

Solches notierte treffend, wenngleich etwas pedantisch um 1860 der Märchensammler und Sprachforscher Jacob Grimm. Eine Bank bietet also mehreren Sitzenden Platz, und falls sie sehr lang gerät, lassen sich praktischerweise auch ungeliebte Aufgaben darauf schieben. Vor allem aber lässt sich auf der bank seit althochdeutschen Zeiten Geld wechseln. Die Bank, das war nämlich der Tisch des Geldwechslers. Auf diesen ursprünglich im Freien stehenden Tisch legte der Geldhändler in ordentlichen Stapeln seine Münzen, und auf ihm stellte er seine Banknoten aus, Banknoten, die im England des 17. Jahrhunderts noch nicht Geldscheine waren, sondern Quittungen für Einlagen von Gold und Silber. Diese Quittungen konnten – statt des Edelmetalls – selbst in Zahlung gegeben werden, und jedermann konnte sie ohne Wenn und Aber beim Geldhändler wieder einlösen. Später wurden die Bankiers, wie sie auch genannt wurden, von dieser unbedingten Einlösepflicht befreit, so dass aus den Banknoten unser heutiges Papiergeld entstand.

Doch schon damals war das Handeln mit Geld nicht ganz ohne Risiko. Ging einem Bankier das Geld aus, griff man in Italien zu drastischen Mitteln: Zum Zeichen seiner Zahlungsunfähigkeit wurde sein Wechseltisch, seine Bank, kurzerhand kurz und klein geschlagen. Damit war die banca rotta – und der Händler bankrott.

Bankomat

Luther George Simjian, 1905 im Osmanischen Reich geboren und im Zuge der türkischen Verbrechen an den Armeniern von seinen Eltern getrennt, ist in den Zehnerjahren einer von zahllosen armenischen Flüchtlingen. Nach einer Odyssee über Beirut und Marseille kommt er bei Verwandten in New Haven, Connecticut, unter. Schon immer hat Simjian davon geträumt, Arzt zu werden. Zwar schafft er es tatsächlich an die medizinische Fakultät der Universität Yale, doch nicht als Student, sondern vielmehr als Laborfotograf. Seiner Karriere steht das nicht im Weg, bloss wird er nicht Arzt, sondern Erfinder und Unternehmer.

Und was für einer. Seine wohl folgenreichste Erfindung ist der Bankomat, den er 1939 entwickelt und nach dem englischen Wort für «Kassierer» Automated Teller Machine nennt – tatsächlich heisst der Bankomat auf Englisch bis heute «ATM». Der Prototyp funktioniert tadellos, und Simjian meldet über 20 Patente an. Indes: Die Banken begegnen dem neuartigen Gerät mit grossem Misstrauen. Es kostet Simjian viel Überredungskunst, und erst 1961, gut zwanzig Jahre später, willigt die «City Bank of New York» in einen Probebetrieb ein.

Der ist ein Fehlschlag. Nach nur sechs Monaten wird das Testgerät wieder abgebaut.

Es sieht so aus, dass ein paar Prostituierte und Glücksspieler, die nicht von Angesicht zu Angesicht mit Kassierern zu tun haben wollten, die einzigen Benutzer waren,

schreibt Simjian resigniert. Es sind schliesslich andere Unternehmer und andere Konstruktionen, die dem Bankomaten zum Erfolg verhelfen, und Erfinder Simjian geht leer aus. Aber sein automatischer Bankbeamter ist heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Bankwesen

Börsenhändler neigen zu schwarzem Humor. Wer sich dieser Tage nach der Sicherheit seines Geldes erkundigt, das auf Schweizer Banken liegt, der wird beruhigt: Schweizer Banken seien Ozeanriesen, so sicher wie die Titanic.

Das klingt rabenschwarz, und dazu ist es so nicht einmal richtig. Erfasst hat die Krise vor allem Banken, die es so in der Schweiz gar nicht gibt: so genannte Investmentbanken. In den USA, wo die Bankenkrise ihren Ursprung hat, herrscht das so genannte Trennbankensystem vor. Hier gibt es zum einen die Geschäftsbanken, auf englisch: commercial banks. Sie nehmen Kundengelder auf, unterliegen aber einer schärferen Aufsicht. Daneben gibt es die investment banks: Sie verwalten Vermögen, handeln mit Wertpapieren und helfen Unternehmen bei der Aufnahme von Kapital, etwa bei einem Börsengang oder einer Kapitalerhöhung. Das Geschäft der Investmentbanken ist riskanter als das von Geschäftsbanken, aber es versprach in den letzten Jahrzehnten auch wesentlich mehr Gewinn.

In der Schweiz ist das alles etwas anders. Im Gegensatz zum amerikanischen Trennbankensystem gibt es hierzulande die so genannte Universalbank: Alle Banken können alle Dienstleistungen anbieten, vom Sparkonto über Kredit und Vermögensverwaltung bis hin zum Börsenhandel. Aus Sicht der Sparer und Unternehmen ist das sicherer: Das Risiko ist so auf möglichst viele verschiedene Bankgeschäfte und Kunden aus allen Wirtschaftszweigen verteilt. Dazu kommt die strenge Aufsicht durch die eidgenössische Bankenkommission und das verhältnismässig hohe Eigenkapital der Schweizer Banken.

Also doch wenig Grund für schwarzen Humor. Auch wenn es den unsinkbaren Wirtschaftsdampfer nicht gibt. Auch nicht unter den Banken.

Barbar

Barbaren sind Weltenbürger. Es gibt sie überall, und das Schimpfwort «Barbar» geht uns leicht von der Zunge, wenn es um unkultiviertes Verhalten geht.

Der Barbar hat eine lange Geschichte. Der Ursprung des seltsamen Worts ist Lautmalerei – in einer altindischen, über 2000 Jahre alten Grammatik steht barbaratâ für einen Sprachfehler, einer falschen Aussprache des «r». Ein paar Jahrhunderte später, in Homers «Ilias», sind βάρβαροι die unzivilisierten Stotterer aus Karien, einem Gebiet in der heutigen Südwesttürkei. Das zunehmend abschätzige βάρβαρος wurde im hellenozentrischen Weltbild zum Inbegriff des unkultivierten, weil des Griechischen nicht mächtigen Fremden, was entweder geografisch – Völker an den Rändern der bekannten Welt – oder aber weltanschaulich gemeint war: Juden, Christen, Römer und sonstige Heiden, die andere als die olympischen Götter verehrten. Das antike Rom übernahm den Begriff und spitzte ihn zu; einen Römer als barbarus zu bezeichnen, galt als grobe Beleidigung. Und der niederländische Geograf Gerard de Kremer, der sich vornehm Mercator nannte, gestaltete Anfang des 17. Jh. gar eine Karte von «Barbarien», die gleich ganz Nordafrika umfasste.

Die Abwertung blieb haften: Historiker des 18. und 19. Jh. teilten die Menschheitsgeschichte ein in die Phase der «Wilden» (Jäger und Sammler). Die darauffolgende Zeit war die der «Barbaren» (Nomaden und Bauern), und die wurde schliesslich abgelöst von der Ära der «Zivilisierten» (Kulturvölker).

Barbaren, so wissen wir heute, kommen von überall her, denn in welcher Phase wir uns auch befinden mögen: Rüpel sind ziemlich universell.

Barcode

Lange gab es nur die Registrierkasse. Die druckte einen Beleg für den Kunden und führte dazu ein Journal, das alle Beträge aufzeichnete. Bloss: Was genau verkauft worden war, das wussten abends weder die Kasse noch der Chef. Einer dieser Chefs sprach deshalb 1948 beim Dekan der privaten Drexel University in Philadelphia vor. Ob es denn keine Möglichkeit gebe, nicht nur die Preise, sondern auch Produktinformationen zu erfassen.

Der Professor war ratlos, doch zwei Ingenieursstudenten, Norman Joseph Woodland und Bernard Silver, hörten mit – und dachten nach. Ihr erster Einfall, ein gedrucktes Morsealphabet, führte zu nichts. Am Strand in Florida grübelte Woodland weiter. Er zeichnete Morsezeichen in den Sand – Punkte und Striche – und verlängerte sie mit dem Finger nach unten. Diese dicken und dünnen Linien müssten sich doch eigentlich maschinell auslesen lassen. Woodland und Silver druckten Strichcodes und bauten erste Lesegeräte, und 1949 war der Barcode geboren.

Bloss wollte anfänglich niemand etwas davon wissen. Als eines der ersten Unternehmen führte die Migros 1968 erste Versuche mit aufgedruckten Barcodes durch – und gab sie, wie andere auch, bald wieder auf. Erst als die US-Supermarktkette Walmart in den 70er-Jahren Druck auf die Produktehersteller ausübte und erste Scannerkassen gebaut wurden, kam der Barcode in Schwung.

Den kann übrigens nicht nur die Kasse lesen. Die Zahl unter den Balken ist einmalig und steht für das Produkt. Die ersten Ziffern verraten, woher dieses kommt: 00 bis 09 steht für die USA und für Kanada, 76 für die Schweiz und Liechtenstein.

Bargeld

Bargeld ist teuer. Das Drucken einer Banknote kostet zwar nur rund 30 Rappen. Weil die im Durchschnitt aber nur drei Jahre lang hält, fallen bei der Schweizerischen Nationalbank jedes Jahr Ersatzkosten von 20 bis 30 Millionen Franken an. Münzgeld ist noch teurer. Was Wunder, dass immer mehr Länder über die Abschaffung von Bargeld nachdenken.

2014 nannte der Harvard-Professor Kenneth Rogoff in einem vielbeachteten Aufsatz zwei gewichtige Gründe, die gegen Bargeld sprechen. Bargeld ist – erstens – eine Nullzinsanlage. Um in Zeiten einer drohenden Deflation Preise und Währungen stabil zu halten, haben die Notenbanken Negativzinsen eingeführt. Im Klartext sind das Gebühren, die die Geschäftsbanken am Ende bei ihren Kunden eintreiben. Auf einmal lohnt sich das Horten von Papiergeld, weil es unter der Matratze seinen Wert behält, auf dem Bankkonto dagegen nicht. Es liegt – zweitens – in der Natur des Bargelds, dass der Empfänger nichts über seine Herkunft zu wissen braucht. Bares, über oder unter dem Tresen durchgeschoben, verleiht Anonymität. Damit ist es dazu angetan, den Handel vor dem Staat zu verschleiern. Es wird geschätzt, dass weltweit mehr als die Hälfte allen Geldes im Untergrund verschoben wird.

Diese beiden Gründe – Nullzins und Anonymität –, dazu das Überhandnehmen des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und die neuen Kryptowährungen wie Bitcoin legen laut Rogoff den Verzicht auf Bargeld nahe, zumindest erst einmal der grossen Noten. Ein so radikaler Vorschlag bleibt natürlich nicht unwidersprochen. Aber: Eine Reihe von Ländern haben bereits Barzahlungs-Höchstbeträge eingeführt, und als erstes Land der Welt ist Schweden dabei, das Zahlen mit Cash gänzlich abzuschaffen.

Bergkristall

Ambitionierte Mineraliensucher nennt man Strahler. Zwei von ihnen, Franz von Arx und Paul von Känel, entdeckten am 21. September 2005 am Planggenstock im Kanton Uri eine Kluft, aus der ihnen Hunderte perfekt geformter Kristalle entgegenfunkelten. 10 Millionen Jahre hatte es gedauert, bis sich diese Bergkristalle in der Tiefe der Alpen gebildet hatten, aus Quarz, der im bis zu 400 Grad heissen Tiefenwasser gelöst war. Weitere fünf Millionen Jahre sollten vergehen, bis die beiden Strahler auf den Schatz stiessen. Ein Jahrhundertfund: Nie zuvor waren im Alpenraum derart grosse Quarze gefunden worden. Einer der Riesenkristalle ist über einen Meter lang; das gesamte Gewicht des Kristallschatzes wiegt gegen zwei Tonnen. Besichtigt werden kann er im Naturhistorischen Museum Bern.

Mit einem bisschen Glück kann jedermann auf der Bergwanderung einen Kristall finden. Oft ist er bräunlich gefärbt, dann spricht man von Rauchquarz, oft auch weiss – Milchquarz –, gelegentlich rosa – Rosenquarz –, violett – Amethyst –, selten gelb – Citrin –, und manchmal, ja manchmal ist er rein und klar wie Wasser, ein Bergkristall. Alle bestehen sie aus Siliziumdioxid; die Wissenschaft spricht von einem α- oder Tiefquarz. Der ist, nach dem Feldspat, das zweithäufigste Mineral der Erde und bildet einen Hauptteil der Erdkruste. Weil die Kristalle so hart sind – mit ihnen lässt sich sogar Fensterglas ritzen –, sind sie auch sehr witterungsbeständig. Der grösste Teil des Sandes im Meer besteht aus Quarz. Quarz wird als Baustoff genutzt und findet Verwendung in der Keramik-, Glas- und Zementindustrie.

Berserker

«Kämpfen wie ein Berserker» ist eine Redensart, die einiges über eine Zeit erzählt, die wir finsteres Mittelalter nennen, weil wir kaum etwas darüber wissen. Das altnordische Wort «Berserker» steht für einen Krieger, der sich in ein Bärenfell hüllt. Zugegeben: So ein Fell ist schwer und in der Schlacht hinderlich – Berserker komme vielmehr von bar, «ohne», wenden einzelne Forscher ein, denn ohne schwere Rüstung sei ein Kämpfer wendiger gewesen.

Berserker, soviel jedenfalls steht fest, ist eine Wortschöpfung aus dem Jahr 872, und sie steht in einem Loblied auf den norwegischen König Harald I, auch «Schönhaar» genannt:

Es brüllten die Berserker,
der Kampf kam in Gang,
es heulten die Wolfspelze
und schüttelten die Eisen.

Die Bärenhäuter und die Wolfspelze sind Krieger, die für ihre bedingungslose Raserei weitherum gefürchtet sind. Der isländische Nationaldichter Snorri Sturluson beschreibt im 13. Jahrhundert in einer seiner bekanntesten Sagas Männer, «wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen ihre Gegner, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Das waren die Berserker.»

Im 12. Jahrhundert werden die Berserker in Skandinavien und auf Island zum Inbegriff des Elitesoldaten. Sie stehen in der vordersten Kampflinie, beissen in den Schild, und ihr ekstatisches Brüllen ist so furchterregend, dass der Gegner weiche Knie bekommt. Diese Tobsuchtsanfälle deuten Forscher heute übrigens mit einer Art von Selbsthypnose mit dem Zweck, die Wahrnehmung und den Schmerz zu dämpfen – oder, ganz einfach, durch Alkohol.

Beutelbuch

Es ist stärker als wir: Wir setzen uns hin – im Bus, im Café –, und der erste Handgriff gilt dem Handy. Diese Zwangshandlung ist kein Kind des 21. Jahrhunderts: Tatsächlich ist das Lesen auf die Schnelle seit Jahrhunderten gang und gäbe.

Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert machte das sogenannte Beutelbuch das Lesen mobil. Ein Beutel aus feinem Leder oder Samt umhüllte ein Büchlein mit meist religiösem Inhalt – etwa ein Gebets- oder Liederbuch. Dieser Beutel war so lang, dass er sich verknoten und um den Gürtel schlingen liess; der Knoten – manchmal auch ein Haken oder Ring – verhinderte, dass das Buch herausrutschte.

Beutelbücher wurden in Klöstern hergestellt, wo es Buchbindereien gab; erst später schlossen sich weltliche Buchbinder zu Zünften zusammen. Die kleinformatigen Bücher bestanden aus von Hand beschriebenen, gelegentlich gar mit kunstvollen Initialen versehenen Pergamentseiten. Diese wurden mit Nadel und Faden zu einem Buchblock geheftet und mit einem hölzernen Deckel versehen. Darauf folgte der Lederbezug, den man am einen Ende überstehen liess, so dass der typische lange Beutel entstand. Schliessen aus Bronze oder Messing hielten die Buchdeckel zusammen und verhinderten, dass sich das Buch von selbst öffnete.

Beutelbücher waren bei Pilgern, Kaufleuten und Gelehrten beliebt. Man trug sie stets bei sich, und in der Kutsche oder bei der Rast hob man das am Gürtel baumelnde Buch hoch und las. Wie das Handy war das Beutelbuch ein Alltagsgegenstand und nutzte sich ab. In den Handschriftenabteilungen europäischer Bibliotheken sind heute nur noch 23 Exemplare zu finden.

Biedermeier

Biedermeier ist die Zeit zwischen Wiener Kongress 1815 und dem Revolutionsjahr 1848. Es sind Jahrzehnte der Unrast und der Armut im Gefolge der napoleonischen Kriege, die Europa regelrecht umgepflügt haben, und der elegante, historisierende Biedermeierstil ist Ausdruck der Flucht eines durchaus selbstbewussten, kunstsinnigen Bürgertums ins häusliche Familienidyll eines behaglichen Heims.

Der Name stammt tatsächlich aus der Kunst. Sein Ursprung ist die fiktive Figur des Gottlieb Biedermeier, anfänglich mit «ai», später dann mit «ei» geschrieben. Dieser Biedermeier war ein in seiner Freizeit dichtender Spiessbürger, dem

seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen.

Kurz: Biedermeier war der Inbegriff kleinbürgerlichen Miefs.

Erfunden haben ihn 1855 ein Jurist und ein Arzt, Ludwig Eichrodt und Adolf Kussmaul. Die beiden schrieben Gedichte für die Münchner Satirezeitschrift «Fliegende Blätter», in denen sie den Kleingeist der Zeit aufs Korn nahmen. Ihre Spottgedichte sind beissende Parodien auf die Pseudopoesie des realen Lehrers und Volksdichters Samuel Friedrich Sauter. Dessen Gedichte waren durchaus populär, aber kauzig und voller unfreiwilliger Komik.

Eichrodts und Kussmauls Satiren zeigten Wirkung, und ihr fiktiver Gottlieb Biedermeier begann sich zu verselbständigen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Name erst zum Begriff der Kunst- und Architekturgeschichte, dann der Mode, und am Ende einer ganzen Epoche.

Bikini

Am 18. Juli 1946 liess der gelernte Automechaniker Louis Réard in Paris eine Erfindung patentieren, die ihn auf einen Schlag weltberühmt machen sollte. Vier neckische Stoffdreiecke, je zwei davon mit einer kecken Kordel verbunden, bildeten das Rudiment eines Badekleids, das in den Augen der Zeit den weiblichen Körper mehr ent- als verhüllte. In der Piscine Molitor, dem Jugendstil-Schwimmbad in Auteuil, liess Réard diesen Hauch von Badeanzug vorführen, der – Zitat Réard –

so klein ist, dass er alles von der Trägerin enthüllt ausser dem Geburtsnamen ihrer Mutter.

Kein anständiges Model war bereit, diese textile Winzigkeit zu tragen, so dass Louis Réard nichts übrigblieb, als eine Stripteasetänzerin zu engagieren. Ein handfester Skandal.

Dabei hatte das Evaskostüm namens Bikini schon damals einige Jährchen auf dem Buckel: Schon 1907 hatte der Deutsche Valentin Lehr einen durchaus knappen Zweiteiler entwickelt. Dieser wilhelminische Bikini sollte möglichst viel Haut freigeben, um die Wirkung des heilenden Sonnenlichts nicht zu beeinträchtigen. Und selbst dieser Zweiteiler hatte Vorbilder: Mosaike in der spätrömischen Villa Romana del Casale in Sizilien zeigen junge badende Frauen, die schon eine Art Bikini tragen.

Louis Réards Erfindung von 1946 war also weniger das Textil als vielmehr dessen exotische Bezeichnung. In diesem Sommer fanden auf der Marshall-Insel Bikini Atomwaffentests der USA statt. Die Insel beherrschte die Schlagzeilen, und manch einer assoziierte mit ihr «Sonne», «Südsee» und «Explosion». Was den findigen Louis Réard auf die Idee brachte, seine frivolen Stoffdreiecke kurzerhand «Bikini» zu taufen.

Bircher, Maximilian

Maximilian Bircher (1867-1939) ist ein schwieriger Fall. Die einen sehen in dem Zürcher Arzt einen medizinischen Visionär, die anderen einen esoterischen Spinner. Tatsache ist, dass sein wichtigstes Vermächtnis nicht seine Kliniken und Schriften sind, sondern vielmehr «d’Spyys», jene «Speise» aus geriebenen Äpfeln und Haferflocken, die wir heute kurz und bündig «Birchermüesli» nennen.

Und das kam so. 1895 erkrankte Bircher an Gelbsucht. Von der Heilkraft pflanzlicher Rohkost überzeugt, verordnete er sich eine Diät aus Früchten und ungekochtem Gemüse, um an deren «gespeichertem Sonnenlicht» zu gesunden. Rohes, so predigte er, sei Gekochtem vorzuziehen, pflanzliche Nahrung dem Fleisch; Konserven gar, um die Jahrhundertwende Inbegriff der Moderne, waren ihm ein Graus. Seine Predigten, das waren Aufsätze und Zeitschriften, seine Kanzel war seine Zürcher Praxis, die schon bald zu einer kleinen Privatklinik heranwuchs, dann, ab 1904, das Sanatorium «Lebendige Kraft» auf dem Zürichberg.

Die Medizin tat sich schwer mit Bircher. Seine Lehre von der Vollwertkost als «Sonnenlichtnahrung» widersprach dem damaligen Stand der Wissenschaft, und dass er die Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten unterstützte – der deutsche Reichsärzteführer Gerhard Wagner bemühte sich gar, Bircher als Professor nach Dresden zu holen –, war seinem Ruf nicht eben zuträglich.

Erfolgreich war Bircher trotzdem. Sein Sanatorium war bald international bekannt; einen Patienten namens Thomas Mann inspirierte das Haus mit seinem streng geregelten Tagesablauf gar zum Roman «Der Zauberberg». Die Klinik gibt es nicht mehr. «D’Spyys» dagegen, dieses Müesli aus Haferflocken, frischen Früchten, Joghurt und Milch, Zitronensaft und Rosinen, ist beliebter denn je.

Blackberry

Eigentlich war es ja einfach ein erster Arbeitstag, wie wir ihn alle schon erlebt haben. Nur dass wir nicht Barack Obama heissen und nicht den Job des US-Präsidenten bekommen haben.

Und darum schrieb die Weltpresse auch nicht über uns und unser Handy, sondern über Barack Obama und sein geliebtes Blackberry. Oder besser: über sein früheres Blackberry. Für nicht Eingeweihte: Blackberry ist der Hersteller von Handys der Spitzenklasse – mit E-Mail, Internet und vielem mehr.

Doch Barack Obama musste sich von seinem Blackberry verabschieden. Der Entzug wird Obama schwer getroffen haben – die amerikanischen Medien hatten schon lange über eine veritable Blackberry-Sucht des neuen Präsidenten spekuliert – aber er musste sein.

Da ist einmal die Sicherheit: Wenn es Hacker bereits schaffen, in die Computer der Nasa, der US Air Force, ja selbst des Weissen Hauses einzudringen, dann ist ein Blackberry einfach nicht sicher genug. Aber da ist noch ein anderer Grund: ein Gesetz aus dem Jahr 1978, der Presidential Records Act. Dieses Gesetz schreibt vor, dass jedes Fitzelchen Korrespondenz eines amerikanischen Präsidenten archiviert und für die Nachwelt aufgehoben werden muss. Mit dem Handy an Archivaren vorbeigeschmuggelte E-Mails, und seien sie noch so privat, sind Obama also sogar per Gesetz verboten.

Schon seinem Vorgänger, George W. Bush, kam der Presidential Records Act in die Quere. Vor seinem Amtsantritt soll sich Bush von seinen Mailfreunden verabschiedet haben mit den Worten: «Das macht mich traurig. Ich habe mich mit jedem von Euch gern unterhalten.» Sein Vorgänger wiederum, Bill Clinton, hatte damit allerdings kein Problem: Clinton benutzte im Weissen Haus nämlich überhaupt keinen Computer.

Bleistift

Ein rechter Maler, klug und fleissig,
Trägt stets ’nen spitzen Bleistift bei sich.

So reimte einst Wilhelm Busch, im übrigen selbst ein begnadeter Bleistiftzeichner. Der Stift heisst falsch, weil seine Mine nicht im mindesten aus Blei besteht.

Bleistift
Und doch: Ein Stift aus Blei war er lange Zeit. Blei ist weich, und sein Abrieb ergibt zwar schwache, aber erkennbare Konturen. Und so gossen schon vor 5000 Jahren die alten Ägypter Blei in Bambus-, Schilf- oder Papyrusstängel. Plinius der Ältere schreibt, dass im Rom des ersten Jahrhunderts n. Chr. der Griffel aus reinem Blei – stilus plumbeus – gang und gäbe war. Noch bis ins Mittelalter griffen Maler beim Vorzeichnen zum so genannten reissbley, doch für wirklichen Zeichenkomfort war das zu hart, nahm das Papier zu sehr mit und war der Gesundheit des Künstlers nicht eben zuträglich.

Das änderte sich, als englische Hirten 1564 in der Grafschaft Cumberland – so will es die Legende – an den Wurzeln eines umgestürzten Baumes eine tiefschwarze Masse bemerkten, in der sie Bleierz zu erkennen glaubten und mit der sich ein Schaf gut markieren liess. Im benachbarten Keswick entstand die erste, bis heute erhaltene Bleistiftmanufaktur, die den Grundstein zu einer eigentlichen Bleistiftindustrie legte. Der schwarze Wunderstoff wurde in zylindrische Form gepresst und in eckige Hülsen aus Silber, Gold oder das sündhaft teure, aber wohlriechende Zedernholz gesteckt. Bleistifte konnten gut und gern dreimal mehr kosten als eine teure Feder.

Es sollte lange dauern, bis die Wissenschaft herausfand, dass des Bleistifts Kern nicht aus Blei, sondern vielmehr aus Graphit besteht. Dem griffigen Namen indes konnte das nichts mehr anhaben.

Blockbuster

Alles begann 1917, mit einem spektakulären Urteil des höchsten Gerichts der Vereinigten Staaten. Dem Supreme Court in Washington D.C. lag ein Gesetz von Louisville, Kentucky, vor, das den Verkauf von Liegenschaften in von Weissen bewohnten Stadtvierteln an Käufer anderer Hautfarbe verbot. Dieses Gesetz, so befanden die Richter, verletze die Vertragsfreiheit und sei daher ungültig.

Was wie ein Sieg im Kampf gegen die Rassentrennung aussah, erwies sich als Goldgrube für halbseidene Immobilienmakler. Ihr Trick nannte sich blockbusting: Weil sich nun jedermann, egal welcher Hautfarbe, überall, egal an welcher Strasse, einkaufen konnte, boten die Händler ein Haus, das in einem bisher nur von Weissen bewohnten Viertel lag, einer schwarzen Familie an, die den übervölkerten Ghettos entfliehen wollte. Darauf streuten sie das Gerücht, weitere farbige Familien seien dabei, in die Nachbarschaft zu ziehen. Wo sich Rassenvorurteile hartnäckig hielten, begannen immer mehr weisse Hausbesitzer, zu verkaufen. In gewissen Vierteln machte sich gar eine regelrechte Panik breit, und je mehr Verkäufer, desto tiefer die Verkaufspreise. Am Ende rieben sich die Makler die Hände und verkauften die leerstehenden Häuser tatsächlich an Farbige, allerdings mit einem unverschämten Aufschlag.

In seiner wörtlichen Bedeutung, «einen Häuserblock weg- oder leerfegen», bedeutete blockbuster in den 1940er-Jahren eine verheerende Fliegerbombe und, im Oxford English Dictionary, einen erfolgreichen Musikfilm. Die Herkunft aus Halsabschneiderei und Rassismus dagegen ging allmählich vergessen.

Blockchain

Die Blockchain (auf Deutsch «Blockkette») ist das Herzstück der Kryptowährung namens Bitcoin. Sie ist eine Datenbank, in der Transaktionen – Betrag X von Konto A auf Konto B – in codierter Form aufgelistet werden. Diese Datenbank wird laufend aktualisiert; neue Überweisungen werden in einer immer länger werdenden Kette von Datenblöcken gespeichert. Die bekannteste Blockchain, die von Bitcoin, ist damit nichts anderes als ein fortlaufendes öffentliches Kassenbuch, in das jede einzelne Zahlung jedes einzelnen Teilnehmers verzeichnet wird, so dass darin alle Transaktionen enthalten sind, die jemals ausgeführt wurden.

Heute liegen Bankdaten auf Serversystemen, die von einem ganzen Arsenal von Sicherheitsmassnahmen und Firewalls vor unbefugten Zugriffen geschützt werden. Schafft es nun ein Gauner trotz allem, diesen Datenpanzer zu knacken, kann er die Daten manipulieren. Die Blockchain-Datenbank dagegen ist nicht auf einem einzelnen Server gespeichert, sondern vielmehr lokal auf den Abertausenden von Nutzercomputern, die permanent über das Web synchronisiert werden. Die auf jedem einzelnen dieser Computer gespeicherte ‹Blockchain› ist eine exakte Kopie aller anderen. Schafft es ein Räuber, in einer dieser privaten Computer einzudringen, um die Daten zu verändern, wird dies dank der mathematischen Sicherheitsfunktionen sofort erkannt und die Manipulation sang- und klanglos überschrieben.

Öffentlichkeit, Dezentralität und ausgeklügelte Mathematik: Die elektronische Urkunde namens Blockchain gilt als enorm sicher. Die Wahrscheinlichkeit eines Versagens ist um vieles kleiner als ein Zusammenbruch von Banken oder Grundbuchämtern, auf die wir uns heute verlassen, wenn es um unser Hab und Gut geht.

Blog

Alle haben einen – Bundesrat Moritz Leuenberger hat einen, Blogging Tom hat auch einen. Sie vermehren sich wie die Karnickel: die sogenannten «Blogs». 1994 standen Blogs noch in den Sternen, und heute gibt’s schon 71 Millionen davon. Nur: Was ist ein Blog?

Blogs sind tagesaktuelle Webseiten, ganz persönliche sogar. Sie enthalten meist täglich wechselnde Beiträge, die aus Texten, Bildern, Hörproben und Videos bestehen können, und aus Links, die zu besonders bemerkenswerten Stellen im Internet führen. Blogs kosten nichts – was man dazu braucht, steht kostenlos im Internet -, und Blogs werden gern als Möglichkeit des kleinen Mannes gehandelt, sich und seinen Anliegen wirkungsvoll Gehör zu verschaffen. Enthusiasten sprechen schon vom citizen journalism, vom Bürgerjournalismus. Allerdings: Blogs sind meist anonym – ihre Verfasser tragen klingende Pseudonyme, ein aussagekräftiges Impressum findet sich selten.

Wir aber, das potenzielle Publikum, stolpern erst einmal über das Wort: Der Blog? das Blog? Der Duden ist keine rechte Hilfe – er sagt nämlich: Sowohl als auch. Beides ist richtig. Was hilft, ist die Wortgeschichte: Das Wort Blog ist ein Zusammenzug aus Web, dem weltweiten Datennetz, und Log, dem Geschwindigkeitsmesser aus der Schiffahrt.

Tatsächlich waren Blogs ursprünglich digitale Logbücher von Menschen, die nächtelang das Web bereisten und ihren Fans ihre Schätze zeigten – Bemerkenswertes und Nichtssagendes, Schönes und Skurriles. Auf ihren Blogs veröffentlichten diese virtuellen Seefahrer ihre kurzen Texte, ihre Bilder und ihre Links, und ihr Publikum sah, las und klickte staunend.

Wo sich Öffentlichkeit findet (auch wenn’s nur eine virtuelle ist), da sind auch Narzissmus und Exhibitionismus nicht fern: Immer mehr wurden die Blogs auch zu öffentlichen Tagebüchern. Dieser pikante Gegensatz versprach und verspricht Aufmerksamkeit, und so zeichnet Blogs vor allem eines aus: das Buhlen um ein Publikum.

Nun: Massenmedien gibt’s ja nicht erst seit gestern – Flugblätter mit den neuesten Nachrichten tauchten bereits im 15. Jahrhundert auf. Und seit da suchen sie ein lesendes Publikum. Die Frage sei daher erlaubt: Heute, da Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet gelesen, gesehen und gehört sein wollen, kommen nun noch 71 Millionen Blogs hinzu – wer um Himmels willen soll das alles lesen?

Am Ende ist es mit dem Sprachrohr des kleinen Mannes wohl doch nicht so weit her. Wer Bundesrat Moritz Leuenberger ist, wussten wir schon vor der Erfindung des Blogs. Und wer Blogging Tom ist, wissen wir noch immer nicht.

Blüte

Die Blüte ziert nicht nur den Blumenstrauss, sie ist auch Rotwelsch und steht in der Gaunersprache für eine gefälschte Banknote. Möglicherweise stammt sie von blede ab, einem alten Wort für «Goldstück». So hiessen im 19. Jahrhundert blank polierte Pfennige, die man Gutgläubigen unterschob. Seit jeher haben Händler deshalb ein Auge darauf, dass ihnen da nicht etwa Falschgeld untergejubelt wird. Im Mittelalter schuf ein beherzter Biss Klarheit – Falschgeld war in der Regel härter als das weiche Münzgold. Dem Fälscher drohte dann ein grausamer Tod: Er wurde, die Füsse voran, mit einer Winde langsam in siedendes Öl getaucht.

Heute sind die Strafen weniger drakonisch, und trotz Freiheitsstrafen von mindestens einem Jahr wird nach wie vor gefälscht, was das Zeug hält. Ein ergiebiger, aber anspruchsvoller Weg ist das Nachdrucken: Die Druckplatten werden, Farbe für Farbe, in mühevoller Kleinarbeit hergestellt und die Banknoten danach in Serien gedruckt. Noch bis zur Jahrtausendwende waren gedruckte Blüten beliebt, doch heute sind die meisten hausgemacht: 2013 wurden Noten im Wert von über einer halben Million Franken aus dem Verkehr gezogen, die aus einem Farbkopierer oder gar aus einem billigen Tintenstrahldrucker stammten.

Die Fälscher, das sind Banden, die Blüten industriell herstellen, das sind arme Schlucker, die in ihrer Not nicht anders können. Und dann gibt es da noch den Künstler: 1973 flog in München der später als «Blütenrembrandt» bezeichnete Grafiker Günter Hopfinger auf. Er hatte deutsche Tausendmarkscheine zu Dutzenden nachgemacht – mit dem Tuschefüller und von Hand. Für einen einzelnen Schein, so erklärte er den verdutzten Polizeibeamten, habe er nur acht Stunden gebraucht.

Bonus

Lass einen Menschen für dich arbeiten, gib ihm ein ordentliches Gehalt, und für Extraleistungen biete ihm einen Extrabatzen. Du wirst sehen: Er arbeitet härter und besser. Dieser Batzen heisst «Bonus», lateinisch für «gut», und das Prinzip ist so etwas wie ein Axiom der Betriebswirtschaft. Im Jahr 2002 wollte es der amerikanische Verhaltensökonom Dan Ariely genau wissen und beschloss, die Wirkung von Prämien auf die erzielte Leistung präzise zu messen. Weil ein solches Experiment bei Boni in der Höhe von Tausenden, wenn nicht Millionen von Dollars aber unbezahlbar geworden wäre, verlegte er es kurzerhand in den tiefsten Süden Indiens.

Ariely und seine Studenten boten den Bewohnern kleiner Bauerndörfer bis zu 2400 Rupien für den Fall, dass sie sechs Gedächtnis- und Geschicklichkeitsaufgaben ganz besonders gut lösten, je besser das Ergebnis, desto höher der Bonus. 2400 Rupien! In einer Region, in der die Menschen ihren Lebensunterhalt mit monatlich 500 Rupien bestritten, war das ein wahres Vermögen. Doch nicht allen wurde derselbe Betrag in Aussicht gestellt. Die unterste «Gehaltsstufe» sah maximal 24 Rupien vor, die mittlere 240 Rupien. Die 2400 Rupien versprachen die Forscher nur den Versuchsteilnehmern der höchsten Klasse.

Das Ergebnis war ein Paukenschlag. Nicht die Dagobert Ducks mit dem höchsten Gewinn vor Augen erbrachten die höchsten Leistungen, sondern vielmehr die Donalds der untersten und mittleren Stufe. Der Riesenbonus der Dagoberts erwies sich als kontraproduktiv: Die Bauern hatten statt auf die Aufgabe ganz einfach viel zu sehr aufs Geld geachtet.

Bostitch

Sie heften zwei A4-Blätter zusammen und greifen zum Bostitch. Das papierlose Büro, der grosse Traum der achtziger Jahre, hat sich buchstäblich in Papier aufgelöst. Und so erweist sich der Bostitch als das nützlichste Gerät seit der Erfindung des Papiers: ein handlicher Apparat, der ein gebogenes Drahtstück durch die losen Blätter treibt und auf der Rückseite fein säuberlich zusammenbiegt.

Bostitch
Bostitch
Bostitch hiess ursprünglich Boston wire stitcher; auf Deutsch Drahthefter. Der wird noch heute von der Firma Stanley-Bostitch hergestellt: im US-Bundesstaat Rhode Island und seit vielen Jahrzehnten. Der Ur-Bostitch, erfunden von Firmengründer Thomas Briggs, stammt aus dem Jahr 1903. Er sah aus wie eine Mischung aus Pedalnähmaschine und Bandsäge, und er heftete Büchlein, Kalender und Hutschachteln. Der erste handliche Bostitch, der diesen Namen verdient, kam 1914 auf den Markt. Die Form des Geräts hat sich bis heute gehalten: mit seinem Kniegelenk auf der Rückseite, dem Schacht für die Heftklammern und der runden polierten Auflagefläche zum Drücken. Bis 1924 mussten die Heftklammern einzeln eingefüllt werden, erst seit dann lassen sie sich säuberlich miteinander verleimt als Stangen einlegen: eine weitere patente Bostitch-Erfindung.

Bostitch heisst das Alltagsgerät übrigens nur in der Schweiz. Die Österreicher brauchen ihre Klammermaschine, die Deutschen ihren Hefter oder, lautmalerisch, den Tacker.

So ganz alltäglich war das profane Heften übrigens nicht immer: Die erste bekannte Heftmaschine soll schon um 1700, zu Zeiten des Franzosenkönigs Louis XV, in Gebrauch gewesen sein. Jede Klammer war von Hand gefertigt und trug das Wappen des königlichen Gerichts.

Bowie-Bonds

Keine Frage: David Bowie, mit bürgerlichem Namen David Robert Jones, ist einer der «Heroes» der Popgeschichte, wie einer seiner Welthits heisst. Mit «The Man Who Sold the World» schrieb Bowie 1970 einen Song, der eine ganz andere Seite vorwegnehmen sollte: die des smarten Businessman. Statt auf die wechselhaften Erträge aus den CD-Verkäufen zu hoffen, landete Bowie Anfang 1997 einen Coup: Anlässlich seines 50. Geburtstags gab er eine Anleihe heraus; das ist ein Wertpapier, das dem Käufer das Recht auf Rückzahlung und auf Zinsen einräumt. Als Sicherheit dienten David Bowie die künftigen Einnahmen seiner damals 25 Alben. Diese «Bowie Bonds» mit einer Laufzeit von 10 Jahren brachten dem Sänger auf einen Schlag 55 Millionen Dollar ein – gezeichnet wurden sie von einer Versicherung, die sich von den 7,9% Zinsen ein gutes Geschäft versprach.

Die Anleihe war ein Paukenschlag. Auf dem Londoner Finanzplatz galt die Emission als ein Riesending, und angesichts des Erfolgs liessen Nachahmer nicht lange auf sich warten: Rod Stewart, Iron Maiden oder James Brown griffen in der Folge ebenfalls zum Instrument der «Bowie Bonds».

Heute gehören solche Musiker-Bonds der Vergangenheit an. 2007 gerieten sie in den Strudel der Finanzkrise und galten bald einmal als «toxisch». Auch wenn sich der Ruf dieser Papiere heute wieder etwas erholt hat: Das CD-Geschäft als Sicherheit ist tot. David Bowie aber, dieser genialische Verwandlungskünstler, hat sein Geschäft gemacht: Die 55 Millionen nutzte er dazu, sein Management auszuzahlen und dessen Rechte an seinen Songs vollständig zurückzukaufen.

Brakteat

Jahrhundertelang war der Handel Europas von den Münzen der Römer geprägt. Vorder- und Rückseite der römischen Münzen wurden mit aufwändig gravierten, gehärteten Prägestempeln geschlagen – Ornamente, Inschriften, Porträts traten auf der Münze deutlich hervor.

Diese Art der Münzherstellung war Hightech, und sie war teuer. Als im 5. Jahrhundert das römische Imperium zusammenbrach, fehlten auf einmal die Münzprofis, und zu allem Überfluss erforderte der aufblühende Handel immer mehr Zahlungsmittel. Also begann man in Skandinavien und Deutschland die Münzprägung zu vereinfachen. Hergestellt wurde nur noch eine Prägeform, der Oberstempel. Ein kleines, grob zurechtgeschnittenes Stück Silberblech wurde auf eine Bleiplatte gelegt und mit einem Hammerschlag geprägt. Die Münzen waren zwar dünn und unscheinbar, aber viel rascher und vor allem billiger herzustellen. Nach ihrer Herstellung nennt man sie «Brakteaten», von lateinisch bractea, «dünnes Blech», oder auch «Hohlpfennige», weil das Münzbild auf der Rückseite hohl war. Diese Brakteaten waren ein wirtschaftlicher Erfolg: Von Dänemark und Deutschland breiteten sie sich bis in die Schweiz und nach Liechtenstein aus, und noch bis ins 14. Jahrhundert wurden niedrige Münzwerte als Brakteaten geprägt.

Münzen waren im Frühmittelalter nicht nur Zahlungsmittel, sondern auch Wertanlage. Als Tresor diente oft das Erdreich im oder vor dem Haus; in Beuteln, Töpfen oder Kassetten wurde das Geld vergraben. Ging es vergessen, weil sein Besitzer unerwartet starb, blieb der Schatz erhalten – bis in unsere Zeit.

Brief

Papier ist geduldig, sagt man. Und das muss es auch sein: Mehr als 2,7 Milliarden Briefe hat allein die schweizerische Post letztes Jahr zugestellt. Für jede und jeden von uns heisst das ziemlich genau einen Brief pro Tag. Die meisten davon sind kurz und bündig – daher auch der Name: Brief kommt vom lateinischen brevis, kurz.

Briefe zu schreiben ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Schon 3200 vor Christus kratzten Sumerer ihre Briefe auf Tontafeln, seit 500 vor Christus Römer die ihren in Wachs. Wesentlich geeigneter war seit dem Altertum das Pergament, das viel leichter zu transportieren war, und seinen Durchbruch erzielte der Brief mit dem ums Jahr 100 nach Christus von Chinesen entwickelten Papier. Seit dem späten Mittelalter wird in Europa fast nur noch auf Papierbogen geschrieben – Bogen, deren Länge und Breite seit 1922 vom Deutschen Institut für Normung festgelegt sind. Daher auch der Name – DIN A4.

Und was findet sich seit 1922 alles im Format DIN A4! Allein die Anreden sprechen Bände – Geliebter Bruder! Geschätzter Herr! Werte Dame! Teure Schwester! Und heute leider fast nur noch Sehr geehrter Herr oder Sehr geehrte Frau. Milliardenfache Einfallslosigkeit, möchte man sagen.

Immerhin: Briefe haben eine Physis – man kann sie in Händen halten. Man kann Schleifen um sie binden, sie zu Akten bündeln – oder auch, je nach Temperament und Gemütslage, zerknüllen und zerreissen.

Allerdings: Sie bekommen starke Konkurrenz, die Briefe: die E-Mails. Jeder und jede von uns bekommt, neben dem einen Brief, heute schon drei Mails pro Tag. Und besieht man sich den Inhalt dieser E-Mails, dann wird in Zukunft nicht mehr das Papier um Geduld ringen, sondern vielmehr wir, die wir nichts lieber täten, als lästige E-Mails zu zerknüllen.

Broch

Ein Broch ist ein Wohnturm aus der Eisenzeit. Er hat keine Wände, sondern meterdicke Rundmauern, keinerlei Fenster und statt einer Tür einen niedrigen Eingangstunnel. Brochs wurden vor über zweitausend Jahren gebaut – im nordöstlichsten Zipfel Schottlands und auf den noch nördlicher gelegenen Inseln Orkney und Shetland. Die mächtigen Gebäude aus Trockenmauern, von Hand aufgeschichtet und ohne jeden Mörtel, boten Schutz vor Regen, Kälte und Wind – und vor den Feinden, die zu allen Zeiten übers Meer kamen und die es auf das fruchtbare Ackerland und die reichen Fischgründe abgesehen hatten.

Der Broch von Mousa auf den Shetlands ist der besterhaltene überhaupt. Er misst 15 Meter im Durchmesser, ist mehr als 13 Meter hoch und fast vollständig erhalten. Die viereinhalb Meter dicken Aussenmauern sind doppelwandig und hohl. Sie enthalten drei Kammern und eine Steintreppe, die bis auf die Mauerkrone hochführt. Im Inneren des kreisrunden Schlots sind ein Wassertank und eine Feuerstelle eingebaut.

Längst nicht alle Rätsel sind gelöst: Wie viele Menschen lebten in einem Broch? Gab es Holzböden, mehrere Stockwerke? Wie wurden die Dächer konstruiert, und womit wurden sie gedeckt? Klarer scheint dagegen, dass die Türme von den Rundhäusern abstammen, wie sie für die britischen Inseln typisch waren. Die hatten nämlich einen grossen Vorteil: Im Verhältnis zum Raum, den sie bieten, haben runde Bauten die kleinste Oberfläche.

Dass wir Brochs heute noch bestaunen können, hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Weil das Klima im Norden für Bäume zu rauh ist, baute man mit Stein – mit Stein, der die Jahrtausende, im Gegensatz zum Holz, fast unbeschadet überdauerte.

Browser

Schemengleich tauchte es am Medienhorizont auf: das Internet. Dreizehn Jahre ist es her, da liess ich mich – damals schon Computerfreak – von einem noch kundigeren Kollegen ins Bild setzen. Er, gestandener Auslandskorrespondent, erklärte mir geduldig, was es mit HTML, mit Suchmaschinen, mit Protokollen, mit Browsern und Webservern auf sich hatte. Am Ende schwirrte mir der Kopf, und ich beschloss, auf diesen Unfug zu verzichten.

Browser
Klar: Dieser Beschluss hatte nicht lange Bestand. Das Web ist unser täglich Brot, und der Griff zur Suchmaschine, die heute Google heisst, ist um ein Vielfaches häufiger als jener zur Tageszeitung. Dass uns die Technik egal sein kann, liegt an einem Computerprogramm namens Browser. Ein Browser ist wörtlich «ein Stöberer» – er ist das Programm, das uns das Web auf den Bildschirm holt: als Text, als Link, als Bild, als Musik, als Film. Das ist alles andere als trivial, denn das Web besteht aus verschiedensten Dateiformaten, Dokumenten, Datensprachen, und der Browser sorgt dafür, dass am Ende alles blitzschnell und möglichst einfach nutzbar dargestellt wird.

Der allererste Browser wurde am 21. April 1993 veröffentlicht. Er hiess Mosaic 1.0 und stammte aus dem National Center for Supercomputing Applications der Universität von Illinois. Heute gibt es Dutzende von Browsern, allesamt kostenlos – vom grossen blauen «e» von Microsoft bis hin zu Lynx, der lediglich Text darstellt. Bereits werden die ersten Kleincomputer entwickelt, die gar keine Software mehr benötigen – ausser einem kleinen Betriebssystem und, natürlich, einem Browser.

Der Browser ist nichts weniger als das Fenster zum Universum des Web. So gesehen ist er um nichts weniger revolutionär als anno 1611 Johannes Keplers erstes Teleskop.

Butterfield, Stewart

Es war 1999, da hatte der damals 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield eine Wut im Bauch. Es war die Zeit, als man die Bytes noch einzeln durch die Leitung rieseln hörte, und Butterfield wartete mal wieder endlos auf das Laden einer Webseite. Ursache der epischen Ladezeiten war die immer schlampigere Internetprogrammierung, die immer schnellere Verbindungen erzwang, die wiederum noch schlampigeres Programmieren zuliessen. Ein Teufelskreis. Also schrieb Butterfield zusammen mit Freund Eric Costello einen Wettbewerb für gute Webseiten aus – welchen Inhalts, war egal. Hauptsache, sie wogen weniger als 5 Kilobytes. Das ist ungefähr die Datenmenge maschinengeschriebenen A4-Seite. Unmöglich? Weit gefehlt: Unter den Einsendungen fanden sich ein funktionsfähiges Schachspiel oder das kleinste Kunstmuseum der Welt.

Drei Jahre später, 2002, folgte Butterfields nächster Streich: ein noch nie dagewesenes Onlinegame, in dem die Spieler virtuelle Landschaften erkunden und miteinander chatten konnten. Das Game war noch in der Testphase, da fiel Butterfield auf, dass die Spieler vor allem eigene Fotos hochluden, um sie anderen zu zeigen. Butterfield roch Lunte, legte das Game auf Eis und entwickelte www.flickr.com. Flickr ist heute die wichtigste Foto-Plattform der Welt, mit mehr als 5 Milliarden hochgeladenen Bildern und Videos.

Nachdem er Flickr für geschätzte 35 Millionen Dollar an Yahoo verkauft hatte, begann sich der Flickr-Chef zu langweilen. Und heute, da Google, Facebook & Co. vollauf damit beschäftigt sind, immer noch grösser zu werden, fängt Butterfield mal wieder von vorn an. Sein liegen gebliebenes Game heisst ironisch «Glitch» – auf Deutsch Fehler oder Panne – und wird demnächst fertig. Vom Programmierer und Philosophen Stewart Butterfield wird noch so einiges zu hören sein.

Butterzentrale

Die Lage wurde kritisch. «Krasse Übelstände» gebe es zu bekämpfen, schrieb der Bundesrat am 18. August 1917. Weil aufwändiger als Rohmilch, aber weniger rentabel als Käse, wurde im Ersten Weltkrieg immer weniger Butter produziert. Die wurde ein rares Gut: Bauern hielten ihre eigene Butter zurück und schmuggelten sie an den amtlichen Kontrollen vorbei. Während sich Herr und Frau Schweizer in den Vorkriegsjahren pro Monat noch ein volles Pfund Butter aufs Brot streichen konnten, fiel der Verbrauch im Krieg auf unter 100 Gramm.

Ab sofort, so ordnete der Bundesrat an, werde der Butterhandel daher unter staatliche Kontrolle gestellt. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, wurden eine «Eidgenössische Zentralstelle für Milch und Milchprodukte» und in den Regionen sogenannte «Verbandsbutterzentralen» ins Leben gerufen. Diese Zentralen sollten dafür sorgen, dass Butter nicht mehr unter der Hand und zu überhöhten Preisen beim Bauern, sondern nur noch in konzessionierten Käsereien gekauft werden konnte. Ausserdem sollten die Butterzentralen das Horten verhindern, die vom Bundesrat festgesetzten Höchstpreise durchsetzen und dem Bundesrecht Geltung verschaffen: Einzelne Kantone hatten sich mit kantonalen «Ausfuhrverboten» geweigert, ihre knappe Butter über die Kantonsgrenzen zu lassen.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Butterversorgung in der Schweiz fragil: In den Zwischenkriegsjahren brach der Milchpreis ein, im Zweiten Weltkrieg wurden Milchprodukte wieder knapp. Unter dem Namen «Butyra» blieben die Butterzentralen noch bis 1999 am Leben.

Büro, papierloses

Gedanken sind flüchtig, und wenn wir auf Nummer sicher gehen wollen, dann geht nichts über das gute alte Papier. Ob Handschrift oder Ausdruck: Papier ist verlässlich, und im Gegensatz zu all den Schallplatten, Disketten und CDs überdauert es Jahrhunderte.

Nur: Papier riecht und roch schon immer ein bisschen nach Vergangenheit. Und so tauchte in den sechziger Jahren eine Vision auf, ein Ideal von einem Büro gänzlich ohne Papier. Ein Science-Fiction-Film von 1966 zeigt ein blitzblank aufgeräumtes Büro mit drei grossen Bildschirmen und einer Art elektronischer Schreibplatte, auf der man mit Spezialstift schreiben kann. Ein Brief aus Papier kommt nicht mehr vor.

«Der Ehemann wird auch eine Korrespondenzmaschine zur Verfügung haben, eine Art persönliches Postbüro für sofortige geschriebene Kommunikation zwischen Menschen irgendwo auf der Welt.»

In einer Analyse des Wirtschaftsmagazins Bloomberg skizziert der Physiker und Forschungschef des Kopiergiganten Xerox, George E. Pake, 1975 das paperless office, das papierlose Büro der Zukunft:

«Ich werde in der Lage sein, per Knopfdruck Dokumente auf meinem Bildschirm aufzurufen, Post und jede Art von Nachrichten. Ich habe keine Ahnung, wieviel Papier ich in dieser Welt noch brauchen werde.»

Und heute? Büro ohne Papier? Weit gefehlt: Jeder von uns verbraucht pro Jahr über 60 Kilo davon, Verpackungen, Hygiene- und Zeitungspapier nicht eingerechnet. Das sind, papierloses Büro hin oder her, immer noch mehr als 30 Seiten. Pro Tag.

Büroklammer

Ein Stückchen Draht, zu zwei rechteckigen Schlaufen gebogen, und fertig ist die Erfindung, die lose Blätter zuverlässig zusammenkneift: Die Büroklammer ist so einfach wie genial.

Nur wer der geniale Erfinder ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Paper clips, wie die Büroklammern auf Englisch heissen, gibt es nämlich schon lange – eckig und rund, mit einer oder mit zwei Schlaufen. Seit 1890 werden sie in England industriell hergestellt, doch ein Patent auf unsere heutige Klammer – mitsamt der Fabrikationsmaschine – erhält erst am 7. November 1899 der Amerikaner William Middlebrook aus Connecticut. Und so tritt die mit Zink, Messing oder Kupfer beschichtete und damit rostfreie Drahtklammer ihren Siegeszug an.

Der simple Draht allerdings kann mehr, viel mehr: Nur mit einer Büroklammer liessen sich Mac-Disketten auswerfen, wenn der Servomotor mal wieder streikte, nur mit ihr lassen sich SIM-Karten in Handys einsetzen, und – einen sterbenslangweiligen Arbeitstag vorausgesetzt – sie lässt sich zu einem funktionsfähigen Kreisel biegen, wie der japanische Physikprofessor Takao Sakai herausgefunden hat. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie gar zum Nationalsymbol von Norwegen: Nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im April 1940 begannen die Menschen an Kragen und Revers Büroklammern zu tragen, zum Zeichen des nationalen Zusammenhalts und des Widerstandes gegen die Nazis.

Und damit ist die Büroklammer ist nicht nur ein patenter Helfer, sondern auch ein Stückchen Weltgeschichte.