Geysir

Das Wort «Geysir» ist altisländisch und heisst soviel wie «ausbrechen». Denn hier, in Island, wurde der Geysir 1294 in einer Chronik zum ersten Mal beschrieben. Minutenlang brodelt er vor sich hin. Der «Strokkur», wie ihn die Isländer nennen, ist ein kochender Tümpel in einem Lavafeld. Dann, urplötzlich, schiesst das siedende Wasser bis zu 35 Meter hoch in die Luft. Der Strahl fällt in sich zusammen, das Wasser versickert, und alles beginnt von vorn.

Der «Strokkur» ist ein beeindruckendes Naturphänomen. Das Tal, in dem er liegt, ist ein sogenanntes Hochtemperaturgebiet und Teil eines aktiven Vulkansystems. Wie der Geysir genau funktioniert, war lange Zeit unbekannt. Eine schlüssige Erklärung fand erst 1846 der deutsche Chemiker Robert Wilhelm Bunsen – der Bunsen, nach dem auch der Bunsenbrenner im Chemielabor benannt ist. In einem Hohlraum tief im Boden heizt das Magma Sickerwasser auf, weit über 100 Grad. Weil der Druck der Wassersäule so hoch ist, beginnt das Wasser noch nicht zu kochen. Bei über 120 Grad aber pressen erste Dampfblasen einen Teil des Wassers weg. Der Druck fällt ab, das überhitzte Wasser verwandelt sich auf einen Schlag in Dampf, und der gesamte Inhalt schiesst nach oben.

Das Phänomen gibt es nicht nur in Island. Der Yellowstone-Nationalpark in Wyoming zählt 300 Geysire; Geysirfelder gibt es auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, in Neuseeland, Chile und Alaska. In Island gibt es bloss zwei Geysire. Und doch ist sind das Wahrzeichen der Insel – und ein Sinnbild für die Urgewalten der Natur.

Goldhamster

Der edelste aller Hamster ist der Goldhamster. Er ist deutlich kleiner als sein europäischer Vetter, der Feldhamster, und seinen Namen hat er von seinem Fell, das (bis auf seinen weissen Bauch) ein leuchtendes Rotbraun zeigt. Wie das Edelmetall ist auch der Goldhamster selten. Er kommt nur im syrisch-türkischen Grenzgebiet vor, hauptsächlich in der Hochebene von Aleppo. Die Ebene ist fruchtbar und dicht besiedelt, und die Tiere ernähren sich vom angebauten Getreide und den Feldfrüchten. Weil Goldhamster als Schädlinge gelten, werden sie gejagt und vergiftet, und die Art ist heute gefährdet.

1930 brach der Biologe Israel Aharoni zu einer Expedition nach Syrien auf, um nach Hamstern zu suchen, die sich problemlos vermehren liessen und die für medizinische Versuche geeignet waren. Zusammen mit seinem örtlichen Führer gelang es Aharoni, ein Nest mit einem Goldhamsterweibchen und insgesamt elf Jungen ausfindig zu machen und aus einer Tiefe von zweieinhalb Metern auszugraben. Die Mutter biss sofort eines ihrer Jungen tot (um ihm ein Leben als Versuchstier zu ersparen, schrieb Aharoni in sein Notizbuch). Die Mutter wurde eingeschläfert, bevor sie den Rest ihres Wurfs töten konnte.

Die in der Zoologie noch kaum bekannten Tiere wurden transportfertig gemacht, und obwohl am Ende nur ein Weibchen und drei Männchen in Jerusalem ankamen (die übrigen waren entwischt), begannen sie sich in den Labors der Hebräischen Universität prächtig zu vermehren. Bis heute stammen nahezu alle Goldhamster, die als Haustiere gehalten oder als Versuchstiere gebraucht werden, von diesen vier Hamsterjungen aus der syrischen Wüste ab.

Herbst

Der Frühling ist zwar schön, doch wenn der Herbst nicht wär, wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer.

So dichtete, im 17. Jahrhundert und mit bestechender Logik, der schlesische Barockdichter Friedrich von Logau.

Der Herbst: Astronomisch begann er 2009 exakt am 22. September um 23.19 Uhr Sommerzeit, als die Sonne den Himmelsäquator in Richtung Süden überquerte. Diesen Zeitpunkt nennt man die Herbst-Tagundnachtgleiche. Wohlgemerkt: Das galt so nur für dieses eine Jahr – und für die nördliche Erdhalbkugel. Auf der südlichen beginnt der Herbst am 20. März – oder, je nach Jahr, in der Nacht darauf.

Die Meteorologen rechnen übrigens anders: Für sie hatte der Herbst längst begonnen, nämlich am 1. September und, 2009 nicht ganz passend, mit einem Hitzetag mit deutlich über 30 Grad Celsius.

Der Wort Herbst ist wohl so alt wie die Sprache selbst: Der deutsche Dichter Adolf Reinecke, der germanisches Volkstum idealisierte, erfand 1893 für den September gar den Kunstnamen «Herbsting». Unser heutiger Herbst ist verwandt mit dem englischen harvest, Ernte, und mit dem lateinischen carpere, pflücken. Das wiederum hängt sprachlich eng zusammen mit dem lateinischen scalpere, was schnitzen oder schneiden bedeutet. Tatsächlich wird im Herbst – ursprünglich mit der Hand und mit der Sichel – das Getreide geschnitten.

Vom astronomischen Herbstbeginn an werden die Tage rapide kürzer – jeden Tag um 3 Minuten und 24 Sekunden, um genau zu sein, und das genau bis zum astronomischen Herbstende, dem Tag der Wintersonnenwende, am 21. Dezember.

Karat

Mehr als 0,6 Kilo brachte er auf die Waage, der grösste je gefundene Diamant – in einer südafrikanischen Mine, die dem Unternehmer Thomas Cullinan gehörte. Den Riesenstein entdeckt hatte 1905 der Minenleiter Frederick Wells, und er gab ihm den Namen seines Chefs, «Cullinan».

Nun wiegt kein Mensch Diamanten mit der Haushaltswaage. Und auch das Kilo als Mass ist viel zu grob – Diamanten misst man in Karat. Allerdings nicht, weil das vornehmer klingt, sondern weil viel genauer gewogen werden muss. Ein metrisches Karat entspricht 0,2 Gramm, und so kleine Gewichtssteine liessen sich in der Vergangenheit kaum mit der nötigen Genauigkeit herstellen. Also, so lautet die Legende, nahm man die Samen des Johannisbrotbaums, weil die alle ziemlich genau 0,2 Gramm wiegen. Daher auch der Name – Karat oder arabisch qīrāt kommt vom Griechischen kerátion, Hörnchen, wegen der gekrümmten Schoten des Johannisbrotbaums.

Nun fanden Forscher der Universität Zürich zwar heraus, dass das Gleichmass dieser Samen nichts als ein Märchen ist – ihr Gewicht unterscheidet sich gleich stark wie bei allen anderen Pflanzen –, aber Menschen können mit erstaunlicher Sicherheit die jeweils leichtesten und schwersten Samen von Hand aussortieren. Die Körner, die übrig bleiben, wiegen im Durchschnitt genau ein Karat, mit einer Genauigkeit von einem Hundertstelgramm.

Der «Cullinan» war, als ihn der überglückliche Minenleiter aus dem Boden holte, 3106,7 Karat schwer. War, Vergangenheitsform. Der Riesendiamant wurde 1908, nur drei Jahre nach seinem Fund, von einem holländischen Diamantschleifer in über 100 Teile gespalten. Die neun grössten Brocken wurden geschliffen, sind heute Teil der britischen Kronjuwelen und liegen im Tower von London.

Kaukasus

Der Kaukasus ist ein über 1000 Kilometer langes, von West-Nordwest nach Ost-Südost verlaufendes Gebirge zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Das haben wir in der Schule gelernt – und danach getrost wieder vergessen. Und so ist der Kaukasus geblieben, was er im Mittelalter für die Kartographen war: Die schrieben ratlos auf die weisse Fläche: terra incognita – hic sunt leones, lateinisch für: Unbekanntes Land; hier gibt es Löwen. Das klang gelehrt und vornehmer als «keine Ahnung».

Dabei hat der Kaukasus mit den Alpen vieles gemeinsam: Er ist ähnlich lang und breit – und hoch, sehr hoch: Sein höchster Gipfel, der Elbrus, ist über 5600 Meter hoch. Daher auch der Name: kauka- bedeutet in vielen Sprachen gewölbt, erhaben, herausragend. Kaukasus heisst also ganz einfach Berg – ein gewaltiger Berg, der sich über eine ganze Reihe von Ländern ausdehnt: Russland, Georgien, Armenien, Aserbeidschan, Türkei.

Hier leben über 50 verschiedene Völker mit ihren jeweils eigenen Sprachen. «Berg der Sprachen», so nannte ein arabischer Geograf den Kaukasus im 10. Jahrhundert. Und der römische Chronist Plinius der Ältere schreibt, dass die Römer in Suchumi, der heutigen Hauptstadt Abchasiens, allein 130 Dolmetscher benötigten. Diese Sprachenvielfalt ist keine blosse Laune der Geschichte. Mit seinen engen Tälern und den leicht zu verteidigenden Höhen waren die Berge ideale Rückzugsgebiete für Vertriebene aus den Ebenen Eurasiens, Anatoliens, selbst Persiens. Weil aber die Berge auch den Kontakt zwischen den einzelnen Stämmen erschwerte, blieben Dutzende unterschiedlichster Sprachen und Dialekte erhalten.

Hic sunt leones stand ratlos auf den mittelalterlichen Karten. Im Kaukasus war das nicht mal gelogen: Hier lebten, bis zu ihrer Ausrottung vor 2000 Jahren, kaspische Tiger und asiatische Löwen.