Armbrust

Wilhelm Tell ohne Armbrust ist wie Helvetia ohne Schild. Die Armbrust ist die Nationalwaffe der Schweiz. Wer hat’s erfunden? Die Schweizer? Nicht so ganz. Das Wort stammt von der lateinischen arcubalista ab, der Bogenschleuder der Antike. Weil das aber im Mittelalter keiner mehr verstand, wurde der Anfang zu «Arm», und zusammen mit berost, mittelhochdeutsch für «Ausrüstung» oder «Waffe», ergab das am Ende unsere Armbrust.

Die Armbrust war eine gefürchtete Fernwaffe. Der waagrechte Bogen und die Rückhaltevorrichtung der Sehne erlauben es dem Schützen, seine Waffe gespannt zu halten, ohne Kraft aufzuwenden, und so lange und genau zu zielen. Die ineinander geschachtelten Bögen können enorm viel Energie aufnehmen und ein Geschoss stärker beschleunigen als jeder Bogenschütze. Mit einer Armbrust werden daher auch keine Holzpfeile verschossen – die würden bei der enormen Belastung glatt brechen –, sondern harte Bolzen. Die Armbrust ist Kriegs-High-Tech.

Und wer hat’s nun erfunden? Nicht die Schweizer, nicht die Römer, sondern vermutlich die alten Chinesen. Im über 2200 Jahre alten Mausoleum des Kaisers Qin Shihuangdi haben Archäologen, zwischen all den Tausenden von Terrakotta-Soldaten, eine gut erhaltene Armbrust ausgegraben, die mit ihren 130 Zentimetern Länge eine Reichweite von bis zu 800 Metern hatte – mehr als doppelt so viel wie ein modernes Sturmgewehr. Qins Armee war legendär: In weniger als 10 Jahren unterwarf Qin sämtliche verfeindeten Reiche. Womöglich war es diese furchterregende Armbrust made in China, die den Soldaten zu ihren Siegen verhalf – und Qin zum ersten chinesischen Kaiserthron.

Avatar

Wenn Sie Ihrer Figur in Ihrem Lieblingsgame oder auf Twitter ein Gesicht verleihen – ein Foto oder eine Grafik –, dann nennt man diese Figur Avatar. Der Avatar ist unser virtuelles Selbst in der Brave New World des Internet, und spätestens seit 2009 und dem 3D-Kinospektakel dieses Namens, das seinen Machern gegen drei Milliarden Dollar in die Kassen gespült hat, ist das seltsame Wort auch im Deutschen angekommen. Mit Web oder Kino hat der Avatar hat allerdings nicht das mindeste zu tun: Das Wort stammt aus der altindischen Tempelsprache Sanskrit und ist der Name für einen vom Himmel herabgestiegenen Gott oder für die Verkörperung einer göttlichen Eigenschaft in Form eines Menschen oder Tiers. Im Hinduismus ist der Avatar ein Gefährte, ein Lehrer des Menschen auf seinem Weg hin zur Vollkommenheit.

Doch Nerds, ganz besonders die Programmierer von Computergames, haben einen unbezähmbaren Hang zum Profanen. Schon 1986, notabene drei Jahre vor der Geburt des World Wide Web, brachte die Firma des Star-Wars-Produzenten George Lucas in Kalifornien ein Game für den Commodore C64 auf den Markt. Das Spiel hiess «Habitat» und entführte den Spieler via Telefon, Akustikkoppler und Modem in ein virtuelles Universum. In «Habitat» hiessen die Figuren der Gamer zum ersten Mal «Avatar», und das Game erwies sich als so erfolgreich, dass seine Nachfolger wie zum Beispiel «World of Warcraft» heute Jahr für Jahr Milliarden einspielen. In einem Projekt mit dem Namen «2045 Initiative» arbeitet der 32-jährige russische Multimillionär Dimitri Itskow gar daran, einen buchstäblich unsterblichen Roboter zu schaffen, in Menschengestalt und Massenproduktion, mit einem ausdrucksfähigen künstlichen Gesicht, menschliche Intelligenz, Bewusstsein und Persönlichkeit inbegriffen. Sein Name: «Avatar».

Bahnhofsuhr

I han en Uhr erfunde, wo geng nach zwone Stunde blybt stah.

Die Uhr des Berner Liedermachers Mani Matter, die immer wieder stehenbleibt, hatte ein Vorbild: Die Schweizer Bahnhofsuhr. Sie ziert in vielfacher Ausführung jeden Bahnhof der SBB. Erfunden wurde sie 1944, vom Ingenieur und Selfmade-Designer Hans Hilfiker. Hilfiker erfand am laufenden Band: Allein für die SBB entwarf er Spezialkräne, Perrondächer, Fahrplanprojektoren und ganze Dienstgebäude.

Seine Uhr war ein radikaler Bruch mit den verschnörkelten Zifferblättern aus der Zeit des Jugendstils: Weisser Hintergrund, eine Minuteneinteilung aus strengen Rechtecken, schwarze Zeigerbalken, ein schlanker roter Sekundenzeiger mit einer roten Scheibe, die an die Kelle des Bahnhofsvorstehers erinnert und das sekundengenaue Ablesen der Uhr auch aus Distanz ermöglicht. Hilfikers Design war so elegant, zeitlos und funktional, dass sich heute fast alle Bahnhofsuhren der Welt daran orientieren.

«I han en Uhr erfunde, wo geng nach sächzg Sekunde blybt stah»: Wie in Mani Matters Lied bleibt auch Hilfikers Bahnhofsuhr immer wieder stehen, jede Minute einmal: Immer bei exakt null Sekunden gibt die Hauptuhr einen elektrischen Impuls und stellt so die Ganggenauigkeit aller Bahnhofsuhren sicher. Weil eine sekundengenaue Synchronisation bei der Einführung 1947 noch nicht möglich war, läuft der Sekundenzeiger immer ein bisschen zu schnell, legt dann auf zwölf Uhr eine kleine Pause ein und wartet rund eineinhalb Sekunden lang auf das Signal zum Weiterdrehen. Bis auf den heutigen Tag.

Bankomat

Luther George Simjian, 1905 im Osmanischen Reich geboren und im Zuge der türkischen Verbrechen an den Armeniern von seinen Eltern getrennt, ist in den Zehnerjahren einer von zahllosen armenischen Flüchtlingen. Nach einer Odyssee über Beirut und Marseille kommt er bei Verwandten in New Haven, Connecticut, unter. Schon immer hat Simjian davon geträumt, Arzt zu werden. Zwar schafft er es tatsächlich an die medizinische Fakultät der Universität Yale, doch nicht als Student, sondern vielmehr als Laborfotograf. Seiner Karriere steht das nicht im Weg, bloss wird er nicht Arzt, sondern Erfinder und Unternehmer.

Und was für einer. Seine wohl folgenreichste Erfindung ist der Bankomat, den er 1939 entwickelt und nach dem englischen Wort für «Kassierer» Automated Teller Machine nennt – tatsächlich heisst der Bankomat auf Englisch bis heute «ATM». Der Prototyp funktioniert tadellos, und Simjian meldet über 20 Patente an. Indes: Die Banken begegnen dem neuartigen Gerät mit grossem Misstrauen. Es kostet Simjian viel Überredungskunst, und erst 1961, gut zwanzig Jahre später, willigt die «City Bank of New York» in einen Probebetrieb ein.

Der ist ein Fehlschlag. Nach nur sechs Monaten wird das Testgerät wieder abgebaut.

Es sieht so aus, dass ein paar Prostituierte und Glücksspieler, die nicht von Angesicht zu Angesicht mit Kassierern zu tun haben wollten, die einzigen Benutzer waren,

schreibt Simjian resigniert. Es sind schliesslich andere Unternehmer und andere Konstruktionen, die dem Bankomaten zum Erfolg verhelfen, und Erfinder Simjian geht leer aus. Aber sein automatischer Bankbeamter ist heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Barcode

Lange gab es nur die Registrierkasse. Die druckte einen Beleg für den Kunden und führte dazu ein Journal, das alle Beträge aufzeichnete. Bloss: Was genau verkauft worden war, das wussten abends weder die Kasse noch der Chef. Einer dieser Chefs sprach deshalb 1948 beim Dekan der privaten Drexel University in Philadelphia vor. Ob es denn keine Möglichkeit gebe, nicht nur die Preise, sondern auch Produktinformationen zu erfassen.

Der Professor war ratlos, doch zwei Ingenieursstudenten, Norman Joseph Woodland und Bernard Silver, hörten mit – und dachten nach. Ihr erster Einfall, ein gedrucktes Morsealphabet, führte zu nichts. Am Strand in Florida grübelte Woodland weiter. Er zeichnete Morsezeichen in den Sand – Punkte und Striche – und verlängerte sie mit dem Finger nach unten. Diese dicken und dünnen Linien müssten sich doch eigentlich maschinell auslesen lassen. Woodland und Silver druckten Strichcodes und bauten erste Lesegeräte, und 1949 war der Barcode geboren.

Bloss wollte anfänglich niemand etwas davon wissen. Als eines der ersten Unternehmen führte die Migros 1968 erste Versuche mit aufgedruckten Barcodes durch – und gab sie, wie andere auch, bald wieder auf. Erst als die US-Supermarktkette Walmart in den 70er-Jahren Druck auf die Produktehersteller ausübte und erste Scannerkassen gebaut wurden, kam der Barcode in Schwung.

Den kann übrigens nicht nur die Kasse lesen. Die Zahl unter den Balken ist einmalig und steht für das Produkt. Die ersten Ziffern verraten, woher dieses kommt: 00 bis 09 steht für die USA und für Kanada, 76 für die Schweiz und Liechtenstein.