Berners Street Hoax

Im Herbst 1810 spazierte der Journalist Theodore Hook mit einem Freund die Berners Street in London entlang. Da deutete Hook auf das Haus Nummer 54, in dem eine gewisse Mrs. Tottenham wohnte, und schlug eine Wette vor: Diesen unscheinbaren Ort werde er binnen kurzem zur bekanntesten Adresse der Stadt machen. Sein Freund schlug ein.

Zusammen mit zwei Gehilfen schrieb Hook eine Unzahl Briefe an Handwerker und Lieferanten und bestellte alle für denselben Tag in die Berners Street. Am Morgen des 27. November 1810 bezogen Hook und seine Freunde gegenüber dem Haus Stellung. Als erster klopfte ein Kaminfeger an, wurde aber vom Hauspersonal abgewiesen, weil keiner bestellt worden sei. Wenig später kamen elf weitere Kaminfeger, Dutzende Kohlewagen fuhren heran, geliefert wurden Fleisch, Fisch, Hochzeitstorten, selbst massgefertigte Särge. Sechs stämmige Männer lieferten eine komplette Orgel, dazu kamen mehrere Dutzend Klaviere. Gegen Ende des Tages drängten sich in der Berners Street Ärzte, Handwerker, Polizisten, zahllose Schaulustige. Die Polizei versuchte, die Strasse abzusperren, wurde aber von Hunderten Arbeitslosen überrannt, die angeblich zu einer Bewerbung bei Mrs. Tottenham aufgeboten waren. Erst in den Abendstunden gelang es, den Auflauf zu beenden.

Trotz einer ausgesetzten Belohnung konnte Scherzbold Hook nicht als Übeltäter ermittelt werden. Erst 25 Jahre später gab er den Streich zu, doch Folgen hatte das keine mehr. Und bis heute gilt der Berners Street Hoax als Paradebeispiel für britische Exzentrik.

Bikini

Am 18. Juli 1946 liess der gelernte Automechaniker Louis Réard in Paris eine Erfindung patentieren, die ihn auf einen Schlag weltberühmt machen sollte. Vier neckische Stoffdreiecke, je zwei davon mit einer kecken Kordel verbunden, bildeten das Rudiment eines Badekleids, das in den Augen der Zeit den weiblichen Körper mehr ent- als verhüllte. In der Piscine Molitor, dem Jugendstil-Schwimmbad in Auteuil, liess Réard diesen Hauch von Badeanzug vorführen, der – Zitat Réard –

so klein ist, dass er alles von der Trägerin enthüllt ausser dem Geburtsnamen ihrer Mutter.

Kein anständiges Model war bereit, diese textile Winzigkeit zu tragen, so dass Louis Réard nichts übrigblieb, als eine Stripteasetänzerin zu engagieren. Ein handfester Skandal.

Dabei hatte das Evaskostüm namens Bikini schon damals einige Jährchen auf dem Buckel: Schon 1907 hatte der Deutsche Valentin Lehr einen durchaus knappen Zweiteiler entwickelt. Dieser wilhelminische Bikini sollte möglichst viel Haut freigeben, um die Wirkung des heilenden Sonnenlichts nicht zu beeinträchtigen. Und selbst dieser Zweiteiler hatte Vorbilder: Mosaike in der spätrömischen Villa Romana del Casale in Sizilien zeigen junge badende Frauen, die schon eine Art Bikini tragen.

Louis Réards Erfindung von 1946 war also weniger das Textil als vielmehr dessen exotische Bezeichnung. In diesem Sommer fanden auf der Marshall-Insel Bikini Atomwaffentests der USA statt. Die Insel beherrschte die Schlagzeilen, und manch einer assoziierte mit ihr «Sonne», «Südsee» und «Explosion». Was den findigen Louis Réard auf die Idee brachte, seine frivolen Stoffdreiecke kurzerhand «Bikini» zu taufen.

Computervirus

Die Geschichte der Computerviren beginnt 1949. John von Neumann, ungarisch-amerikanischer Mathematiker und Professor an der Universität von Illinois, beschreibt in einem Essay ein Computerprogramm, das sich wie ein Organismus fortpflanzen kann. Ein Code, der in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren – das ist zwar erst graue Theorie, aber eine wissenschaftliche Sensation. 1972 wird der österreichische Ingenieur Veith Risak konkreter. Sein Artikel mit dem Titel «Selbstreproduzierende Automaten mit minimaler Informationsübertragung» ist die erste präzise Bauanleitung für einen Virus – damals noch in der Programmiersprache «Assembler» und für einen der damaligen Grossrechner von Siemens gedacht.

So richtig ernst wird es im Januar 1986. Basit und Amjad Farooq Alvi aus Lahore, Pakistan, sind Programmierer von Medizinalsoftware. Zu ihrem Leidwesen werden die Disketten immer öfter raubkopiert, und so sehen sich die Brüder gezwungen, ihr Programm zu schützen. Ein Virus, der allererste für das vorherrschende Betriebssystem MS-DOS, befällt alle Rechner, auf denen eine illegale Kopie läuft. Der Schädling selbst hat durchaus noch Charme: Im Code veröffentlichen die beiden Brüder nämlich ihre Postadresse mitsamt der Telefonnummer, damit man sie kontaktieren kann, um eine legale Kopie der Software zu kaufen und den befallenen Computer wieder zu desinfizieren. Immer mehr aufgebrachte Nutzer aus aller Welt rufen an. Die Brüder rechtfertigen sich wortreich, dass ihre Absicht keine schlechte gewesen sei – bis am Ende die Leitung zusammenbricht.

So kommt es, dass die Computerviren ihren Siegeszug antreten – und dass Antivirenprogramme ein Milliardengeschäft werden.

Countdown

So klingt der wohl berühmteste Countdown aller Zeiten: Am 16. Juli 1969 um 9.32 Uhr Ortszeit startet eine Saturn-V-Rakete in Cape Canaveral, Florida. An Bord: Die Astronauten Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin.

Mit dem Countdown, auf Deutsch «Zurückzählen», werden grosse Ereignisse eingeleitet. Seine Abkürzung ist das grosse T als Abkürzung für «Test»; «T minus 10» heisst also noch zehn Minuten bis zum Start. Der Countdown verläuft in der Regel still, nur die letzten Sekunden werden laut gezählt. Sein Sinn liegt in der Verknüpfung einer Vielzahl von Kontrollen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in engen, sekundengenau festgelegten Zeitfenstern vorgenommen werden müssen. Ein einziger Fehler führt zum sofortigen Anhalten, wenn nicht sogar zum Abbruch des Starts.

Doch eigentlich kommt der Countdown nicht aus der Raumfahrt, sondern aus dem Film. Als der Regisseur Fritz Lang 1929 den Stummfilm «Frau im Mond» drehte, hatte er ein dramaturgisches Problem:

Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle,

sagte er später,

weiss das Publikum nicht, wann es losgeht. Aber wenn ich rückwärts zähle: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, null! – dann verstehen sie.

Der Countdown als Spezialeffekt der ersten Stunde: Was 1929 im Kino Spannung erzeugte, perfektionierte die Nasa 40 Jahre später zum medialen Weltereignis: 600 Millionen Menschen zählten am Fernsehen mit – vom Countdown bis zu den ersten Schritten auf dem Mond.

Cracking Art

Biella ist eine kleine Stadt in der Lombardei. 1993 fand hier zum ersten Mal statt, was verwunderte Passanten in den Folgejahren auch Mailand, Siena, Venedig, Caserta, Cleveland und New York zu sehen bekamen: Urbane Installationen namens «Cracking Art». «Cracking Art», das sind knallbunte Riesentiere aus Plastik, auf öffentlichen Plätzen stehend, entlang von Shopping- und Flaniermeilen, selbst über Strassenzügen schwebend, nachts gar von innen beleuchtet. Ein meterlanges knallrotes Krokodil, ein mächtiger blauer Elefant, überlebensgrosse grüne Wölfe, mannshohe rosa Schnecken, ein Schwalbenschwarm in allen erdenklichen Farben. Der Plastik, aus dem die Tiere gemacht sind, ist Recyclingkunststoff, der sich seinerseits wiederverwerten lässt.

Dahinter steckt eine sechsköpfige italienisch-belgische Künstlergruppe. «Cracking Art» nennt sie ihre Installationen in Anspielung an das englische to crack, «zerbrechen» oder «sprengen». So heisst im Fachjargon jene chemische Reaktion, mit der Erdölprodukte in ihre Bestandteile aufgespalten werden, die sich später durch Hitze, Lösungen oder Druck in alle Arten von Kunststoffen verwandeln lassen, die wir gemeinhin als Plastik bezeichnen.

Dieser Prozess des «Cracking», so schreibt die Künstlergruppe, ist jener Augenblick, in dem das Organische ins Synthetische, das Natürliche ins Künstliche übergeht. Und so sollen ihre friedlichen, bunten Plastiktiere die urbane Landschaft besetzen, in eine Märchenwelt verwandeln und die Menschen zum Nachdenken bringen – über Kunst und Künstlichkeit, über den Bezug zur Natur, über unseren Umgang mit diesem Planeten.