Diderot, Denis

Denis Diderot war Literat. Philosoph. Universalgelehrter. Doch sein einflussreichstes Medium waren nicht Roman oder Kampfschrift, sondern vielmehr ein Lexikon. So etwas wie die «Encyclopédie» hatte die Welt des Ancien Régime nie gesehen: 17 Bände, 72 000 Artikel über die Wissenschaft, die Künste, die Berufe, über das gesamte Wissen der Zeit. Diderot trug allein 6000 Artikel bei; die restlichen stammen von 142 Wissenschaftlern aus ganz Europa, aber auch von einfachen Berufsleuten wie Buchdruckern oder Uhrmachern.

Die ersten Bände erschienen 1751, und die Leser waren begeistert. Juristen, Ärzte, Beamte, Ingenieure – alle kauften und verschlangen sie die druckfrischen Seiten. Denn die «Encyclopédie» warf ein völlig neues Licht auf die Welt: Wissenschaft statt Glaube, Vernunft statt Hörensagen, Erkenntnis statt Obrigkeitsgläubigkeit: Das war ein Frontalangriff auf das Primat der Kirche und das Gottesgnadentum der Könige. Rasch zog sich Diderot den Zorn der Mächtigen zu. Schon vor Erscheinen der ersten Bände sass er monatelang in Haft. Er wurde vorsichtig und begann, seine radikalen Ansichten in frechen Anmerkungen zu verstecken: Unter «Menschenfresserei» etwa steht der sarkastische Hinweis: «Siehe auch unter Eucharistie, Kommunion, Altar etc.».

Die Enzyklopädie war das Fundament, das den mächtigen Bau der Aufklärung erst möglich machte. Ihr Anspruch war enorm: Sie sollte, so schrieb Diderot unter dem Stichwort «Encyclopédie»,

(…) die auf der Erde verstreuten Kenntnisse sammeln und sie den nach uns kommenden Menschen überliefern, damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben.

Dilemma

«Dilemma» ist griechisch und bedeutet wörtlich «eine zweiteilige Annahme». Es ist ein ausgesprochen junges Fremdwort, das etwa die Gebrüder Grimm noch gar nicht kannten, als sie 1838 ihr «Deutsches Wörterbuch» in Angriff nahmen. Als Gedankenexperiment aber beschäftigt das Dilemma seit jeher die Ethik und das Recht. Die britische Philosophin Philippa Foot formulierte 1967 das sogenannte «Trolley-Problem»: Eine Strassenbahn – auf Englisch trolley – gerät ausser Kontrolle und droht, fünf Passanten zu überrollen. Das Umstellen einer Weiche würde das Tram zwar auf ein anderes Gleis umleiten, doch da steht ebenfalls ein Mensch. Darf man nun den Tod dieses einen in Kauf nehmen, um fünf andere zu retten? Dieses Gedankenspiel beschäftigt beileibe nicht nur Philosophen: Darf ein von Terroristen gekapertes, voll besetztes Passagierflugzeug abgeschossen werden, wenn es Kurs auf einen Wolkenkratzer oder ein Atomkraftwerk nimmt?

Aber kein Dilemma, das sich nicht noch steigern liesse. Habe ich die Wahl zwischen drei Sackgassen, dann stehe ich vor einem «Trilemma», bei einem ganzen Knäuel von Irrwegen gar vor einem «Polylemma». Und als ob das nicht reichte, gibt es auch noch das «positive Dilemma». Es zwingt mich, zwischen zwei gleich guten Optionen zu wählen. Das kann tüchtig schiefgehen, wie schon im Jahr 1095 der persische Religionsgelehrte al-Ghazali schrieb: Ein durstiger Mann hat zwei Wassergläser vor sich stehen. Beide sind genau gleich gross, gleich voll und gleich weit weg. Ein klassisches Dilemma: Der Mann kann und kann sich nicht entscheiden – und verdurstet.

Dunning-Kruger-Effekt

Das Problem mit dummen Menschen ist, dass sie keine Ahnung haben, wie dumm sie wirklich sind.

Der bitterböse Sketch des britischen Komikers John Cleese ist tatsächlich ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. David Dunning, Professor für Sozialpsychologie und ein Freund von Cleese, schrieb 1999 zusammen mit seinem Kollegen Justin Kruger an der Cornell University ein anfänglich kaum beachtetes Papier. Es zeigte, dass Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz zu erkennen, zu einer überhöhten Selbsteinschätzung führen. Dunning und Kruger wiesen nach, dass Menschen mit spezifischen Schwächen – etwa beim Lesen, Autofahren oder Schach – dazu neigen, ihr eigenes Können zu überschätzen, während sie gleichzeitig das der anderen unterschätzen. Diesen «Dunning-Kruger-Effekt», wie das Phänomen heute heisst, beschreibt Dunning so:

Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. Die Fähigkeiten, die wir brauchen, um die Lösung eines Problems zu finden, sind genau die selben Fähigkeiten, die nötig wären, um die gefundene Lösung als richtig zu erkennen. Wir sind nicht so gut darin, zu wissen, was wir nicht wissen.

Auf die Spur gebracht hatte die Forscher ein Banküberfall: Der Bankräuber McArthur Wheeler in Pittsburgh hatte keine Maske getragen und war von Überwachungskameras gefilmt worden. Die Bilder kamen in den Nachrichten, und keine Stunde später wurde Wheeler verhaftet. Mit den Videos konfrontiert, murmelte der verblüffte Räuber: «Aber ich war doch voller Saft!» Er hatte felsenfest geglaubt, dass sein mit Zitronensaft eingeriebenes Gesicht für Kameras unsichtbar sei. Was nicht ganz den Tatsachen entsprach.

Elite

«Elite» ist ein ungeliebtes Wort. In unserer egalitären Welt macht sich verdächtig, wer es allein schon in den Mund nimmt. Dabei stammt es ursprünglich von der grundlegenden Kulturtechnik des Lesens ab: Elite kommt vom französischen élire und damit vom lateinischen legere, «lesen».

Es ist immer die Leistung, die darüber entscheidet, wer zur Elite zählt,

schreibt der deutsch-amerikanische Philosoph Herbert Marcuse. Und tatsächlich wird «Elite» im Frankreich des 18. Jahrhunderts zuerst vom aufstrebenden Bürgertum gebraucht. Gesellschaftliche Bedeutung sollen auf Tugend, Wissen und Leistung gründen und nicht bloss auf der Herkunft aus dem Adels- oder Königshaus.

Im frühen 19. Jahrhundert ist der Begriff «Elite» noch durchaus positiv. Revolutionen haben den verhassten Adel weggefegt, und die Industrialisierung pflügt die Gesellschaft um. Der Frühsozialismus beruft sich auf Platons «Herrschaft der Besten» und strebt nach einer «Herrschaft der Eliten». Liberale dagegen gestehen Zugehörigkeit zur Elite eher den Besitzenden und Gebildeten zu und prägen so das Wort in einem ökonomisch-technokratischen Sinn.

Am Ende wird «Elite» zum Kampfbegriff auf dem Schlachtfeld der Ideologien. Sozialphilosophen und Elitetheoretiker suchen eine Teilung der Gesellschaft in Ober- und Unterschichten zu rechtfertigen – oder aber zu verdammen. «Elite» gerät mehr und mehr in den Strudel von Sozialdarwinismus, Rassismus, Faschismus, Nationalsozialismus und wird am Ende, aller Realität zum Trotz, zum eigentlichen Unwort.

Esszett

26 Buchstaben kennt unser Alphabet, dazu die drei Umlaute, macht deren 29. Und dann gibt’s noch einen, den wir in der Schweiz eigentlich gar nicht kennen, das Esszett. Bei ihm wird’s schwierig, denn hierzulande kennen wir die Rechtschreibregeln nicht, und selbst in Deutschland weiss man nicht so recht, wie er eigentlich heissen soll. Neben Esszett spricht man auch vom Doppel-S oder vom scharfen S, vom Buckel-, Rucksack-, Dreierles- oder Ringel-S.

Klar ist: Das Esszett steht für den stimmlosen s-Laut, so wie in weiß oder Fuß, und es ist eine Ligatur, also eine typografische Verbindung, aus einem langen ſ, das Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorben ist. Bei der zweiten, rechten Hälfte des Esszett aber ist Schluss mit der Klarheit. Die Schriftgelehrten streiten bis heute darüber, ob es ursprünglich ein normales s war oder eine 3 – oder aber ein kleines z mit Unterschlinge, ein ʒ. Tatsächlich war der Laut im Mittelalter als sz geschrieben worden, eine Schreibweise, die selbst die Gebrüder Grimm noch im 19. Jahrhundert verwendeten.

Auch mit den Regeln war es so eine Sache. In Sachen Esszett gab es nämlich deren zwei, benannt nach Johann Christoph Adelung oder nach Johann Christian August Heyse, beides Lexikographen im 18. Jahrhundert und gänzlich uneins, wann man denn nun ein Esszett und wann ein Doppel-s setzen sollte. Entschieden wurde die Sache im Sinne von Heyse, mit der Rechtschreibreform von 1996. Seither gilt: Das Esszett steht nach einem betonten Langvokal, so wie in Maße oder Buße, und nach einem Doppelvokal, so wie in heißen oder außen. Nach Kurzvokalen dagegen (Masse, Busse) steht immer ein gewöhnliches Doppel-s.