Gadget

Ob Smartphone oder Smartwatch: Das Gadget ist so etwas wie der Feuerstein des modernen Menschen. Smart sind wir bekanntlich alle, und ohne gehen wir nie dem Haus. Die begehrtesten stammen aus dem Hause Apple, doch obwohl wir Äpfel reif und saftig mögen, ist es bei Gadgets genau andersrum: Die grünsten sind die besten, und die fettesten Schlagzeilen gibt es, wenn sie noch gar nicht geerntet sind.

Das Wort «Gadget» dagegen hat Jahrhunderte auf dem Buckel. Schon um 1850 war es Teil der Seemannssprache und stand für irgendwas, dessen Namen man vergessen hatte. Zum ersten Mal schwarz auf weiss steht es in einem Reisebericht des Forschers Robert Brown von 1886:

Und dann die Namen all der Dinge auf einem Schiff! Ich kenne noch nicht mal die Hälfte davon! Sogar die Matrosen vergessen sie ab und zu; und wenn ihnen der Name für ein Ding gerade nicht einfällt, dann nennen sie es auf Englisch «chicken-fixing», «gill-guy», «timmey-noggy», «wim-wom» oder «gadjet».

Auf Deutsch ist das Gadget also einfach ein «Dings». Immer wieder liest man, es komme von einem New Yorker Souvenir, einer Mini-Freiheitsstatue, die von der Firma Gaget, Gauthier & Cie produziert wurde. Sprachforscher dagegen glauben, es stamme vom französischen gâchette ab, einem Allzweckwort, das Auslöser einer Kamera, Abzug einer Waffe oder Mechanismus eines Türschlosses bedeutet.

Damit schliesst sich der Kreis: Das Gadget, das wir alle in der Tasche tragen, hat einen Auslöser, mit dem wir Fotos schiessen, und abgeschlossen ist es auch, mit einem Riegel namens Passwort.

Galvanisieren

Am 6. November 1780 macht Luigi Galvani eine makabre Entdeckung: Mit Eisen und Kupfer berührt er einen abgetrennten Froschschenkel, und der zuckt zusammen. Was es mit Elektronen und Elektrolyten auf sich hat, versteht Galvani zwar nicht die Spur, aber die tretenden Froschbeine faszinieren ihn aufs Höchste. Elektrische Spannung lässt sich schon lange erzeugen, doch wozu diese rätselhafte Energie gut ist, weiss niemand. Und auf einmal zuckt da ein toter Muskel. Also, folgert Galvani, muss Strom offenbar Leben spenden.

Mit wahrem Feuereifer macht sich die Medizin daran, diese wundersame Wiedererweckung der Toten zu erforschen. Praktischerweise führen die Ärzte ihre Experimente gleich an den Richtstätten durch. Soeben Hingerichteten werden Stromstösse versetzt, die Krämpfe werden gemessen, und das grausige Schauspiel zieht womöglich noch mehr Schaulustige an als zuvor die Hinrichtung selbst.

Lebendig wird keiner mehr. Das nach seinem Entdecker benannte «Galvanisieren» von Toten ist mehr Spekakel als Forschung und wird Anfang des 19. Jahrhunderts überall verboten. Doch mittlerweile wird Elektrizität längst an Lebenden erprobt: zur Behandlung von Nervenkrankheiten, von chronischen Schmerzen, von Schwermut.

Und so hält der Strom Einzug ins ärztliche Inventar. Der grausame Elektroschock, den Milos Forman 1975 in «One Flew Over the Cuckoos Nest» anprangerte, ist zwar Vergangenheit. Aber noch immer wird mit Strom behandelt: Die moderne Elektrokrampftherapie soll schwer depressiven Menschen helfen. Mit Luigi Galvanis zuckenden Froschbeinen hat diese Therapie nichts mehr zu tun: Behandelt wird nach allen Regeln der Kunst – und unter Narkose.

Gartenlaube

Grüß Euch Gott, lieben Leute im deutschen Lande!,

schrieben Redaktor Ferdinand Stolle und Herausgeber Ernst Keil in der Weihnachtszeit des Jahres 1852:

Zu den vielen Geschenken, die Euch der heilige Christ bescheert hat, kommen auch wir mit einer Gabe – mit einem neuen Blättchen! Fern von aller raisonnirenden Politik und allem Meinungsstreit in Religions- und andern Sachen, wollen wir Euch in wahrhaft guten Erzählungen einführen in die Geschichte des Menschenherzens und der Völker, in die Kämpfe menschlicher Leidenschaften und vergangener Zeiten.

Bescheiden war sie nicht, die Woche für Woche erscheinende «Gartenlaube», und die Namen der Autoren sind ein Who is Who der Zeit: Romankapitel von Theodor Fontane standen da Seite an Seite mit Texten von Alfred Brehm (von «Brehms Tierleben») oder Heimatgeschichten von Ludwig Ganghofer. Ein Erfolgsrezept war der damals noch neue Fortsetzungsroman: Keine zehn Jahre nach der Gründung lag die Auflage bereits auf 100 000; 1875 wurde das Blatt von Millionen gelesen.

Die «Gartenlaube» ist ein Spiegel der deutschen Geschichte. In den ersten Jahren eine moralische Belehrungsschrift, wurde sie nach der Reichsgründung 1871 zum preussisch-liberalen Kampfblatt, keine 10 Jahre später schliesslich zum konservativ-unpolitischen Unterhaltungsorgan. 1904 geriet die «Gartenlaube», diese Urmutter aller Illustrierten, in rechtsnationales, dann in nationalsozialistisches Fahrwasser. Der Erfolg aber war dahin: 1944, noch vor Kriegsende, war Schluss; späte Wiederbelebungsversuche in den 70er- und 80er-Jahren führten zu nichts. Und heute sind die erhaltenen Ausgaben der «Gartenlaube» vor allem ein Fall für die Forschung.

Gentrifizierung

Es war Anfang der 1980er-Jahre. Meine Studentenbude, eine frühere Arbeiterwohnung, war abbruchreif, aber dafür spottbillig. Doch irgendwann kam die Kündigung, das Haus wurde renoviert, und die neuen Wohnungen waren unerschwinglich. Ich hatte keine Wahl und zog weg.

Das war meine erste Begegnung mit einem Phänomen, das man heute «Gentrifizierung» nennt. «Gentrifizierung» kommt vom englischen Wort gentry, auf Deutsch «niederer Adel». Es beschreibt die Veränderung von Stadtvierteln: Wohlhabende lassen sich nieder, Ärmere ziehen weg.

Die britische Soziologin Ruth Glass untersuchte 1964 den Londoner Stadtbezirk Islington. Hier hatten vor allem Arbeiter gewohnt, doch auf einmal begannen sogenannte «Pioniere» wie Studenten und Künstler herzuziehen. Mit kulturellen Aktivitäten begannen sie das Viertel zu beleben und aufzuwerten. Islington wurde hip. Aus den Studenten wurden gut verdienende Berufsleute, Mittelschichtfamilien begannen zuzuziehen. Alle hatten sie das Geld, Häuser aufzukaufen und zu renovieren. Sie eröffneten Geschäfte und Büros, sie kümmerten sich bessere Infrastruktur und bessere Schulen, und Islington begann sich grundlegend zu verändern. Die einfachen Arbeiter zogen weg, weil sie sich das Leben in ihrem angestammten Viertel nicht länger leisten konnten. Forscherin Glass, zeitlebens überzeugte Marxistin, sah in der Gentrifizierung die Verdrängung einfacher Menschen zugunsten von Ghettos für die Reichen.

Tatsache ist: Der Prozess verläuft nicht immer konfliktfrei. Im Sommer 1988 besetzten Jugendliche und Obdachlose den Tompkins Square Park in New York. Bevor die Polizei den Aufstand gewaltsam niederschlug, stand auf den Transparenten zu lesen:

Gentrifizierung ist Krieg der Klassen.

Geysir

Das Wort «Geysir» ist altisländisch und heisst soviel wie «ausbrechen». Denn hier, in Island, wurde der Geysir 1294 in einer Chronik zum ersten Mal beschrieben. Minutenlang brodelt er vor sich hin. Der «Strokkur», wie ihn die Isländer nennen, ist ein kochender Tümpel in einem Lavafeld. Dann, urplötzlich, schiesst das siedende Wasser bis zu 35 Meter hoch in die Luft. Der Strahl fällt in sich zusammen, das Wasser versickert, und alles beginnt von vorn.

Der «Strokkur» ist ein beeindruckendes Naturphänomen. Das Tal, in dem er liegt, ist ein sogenanntes Hochtemperaturgebiet und Teil eines aktiven Vulkansystems. Wie der Geysir genau funktioniert, war lange Zeit unbekannt. Eine schlüssige Erklärung fand erst 1846 der deutsche Chemiker Robert Wilhelm Bunsen – der Bunsen, nach dem auch der Bunsenbrenner im Chemielabor benannt ist. In einem Hohlraum tief im Boden heizt das Magma Sickerwasser auf, weit über 100 Grad. Weil der Druck der Wassersäule so hoch ist, beginnt das Wasser noch nicht zu kochen. Bei über 120 Grad aber pressen erste Dampfblasen einen Teil des Wassers weg. Der Druck fällt ab, das überhitzte Wasser verwandelt sich auf einen Schlag in Dampf, und der gesamte Inhalt schiesst nach oben.

Das Phänomen gibt es nicht nur in Island. Der Yellowstone-Nationalpark in Wyoming zählt 300 Geysire; Geysirfelder gibt es auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, in Neuseeland, Chile und Alaska. In Island gibt es bloss zwei Geysire. Und doch ist sind das Wahrzeichen der Insel – und ein Sinnbild für die Urgewalten der Natur.