Reziprozität

Sie kennen das: Sie werden von Bekannten zum Nachtessen eingeladen, und selbst wenn es Ihnen nicht schmeckt, erwarten die Gastgeber eine Gegeneinladung – oder aber Sie haben ein mächtig schlechtes Gewissen. Warum? Die Wissenschaft spricht in diesem Fall von «Reziprozität». Damit ist nichts anderes gemeint als Gegenseitigkeit als Grundprinzip menschlichen Handelns, und diese Gegenseitigkeit ist ein Tummelplatz der Soziologie.

Der polnische Anthropologe Bronisław Malinowski war davon überzeugt, fundierte Erkenntnisse nur im engen, lange dauernden Kontakt zu den Untersuchten gewinnen zu können. 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, befand sich Malinowski auf Forschungsreise auf einer Inselgruppe in Papua-Neuguinea. Hier stiess er auf ein faszinierendes Tauschsystem, das die Eingeborenen «Kula» nannten: Zwischen den im Kreis angeordneten Inseln wurden im Uhrzeigersinn Halsketten aus kleinen roten Muschelplättchen getauscht, in der Gegenrichtung gegen weisse Muschel-Armreife. Beide, Ketten und Reife, besassen nur sakralen Wert und mussten nach einer Weile weiterverschenkt werden. Malinowski fand heraus, dass jeder Beschenkte die Verpflichtung einging, dem Geber innerhalb einer bestimmten Zeit etwas Entsprechendes zurückzugeben. Das «Kula»-Ritual brachte keinerlei direkten wirtschaftlichen Nutzen, aber es schuf Vertrauen und stärkte die sozialen Bindungen.

Das soziale Prinzip namens «Reziprozität» steckt tief in uns allen drin. Im Volksmund heisst es ganz einfach:

Wie du mir, so ich dir.

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