Paternoster

Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: Er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, am dritten, am vierten, am fünften Stockwerk vorbei, und jedesmal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich über den Flur des fünften Stockwerks hinweg erhob, die Kabine sich knirschend in den Leerraum schob, wo geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen, ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schoben.

So beginnt Heinrich Bölls unsterbliche Satire «Doktor Murkes gesammeltes Schweigen».

An zwei Ketten aufgehängt, fahren beim Paternoster eine Anzahl Kabinen für je eine bis zwei Personen ohne Unterbruch auf der einen Seite nach unten, auf der anderen nach oben. Am Wendepunkt werden die Kabinen vom einen Schacht in den anderen gehoben und wechseln die Richtung. Der erste bekannte Paternoster für Pakete wurde 1876 im General Post Office in London eingebaut. 1882 folgte mit Hart’s Cyclic Lift ebenfalls in London der erste Aufzug für Menschen.

Sein Name kommt vom katholischen Rosenkranz: Auf dieser Gebetsschnur sind Kugeln aufgereiht, je zehn für die Ave Marias, danach eine davon abgesetzte für das Vaterunser, auf lateinisch pater noster. Weil die im Bergbau eingesetzten Lastenaufzüge eine gewissen Ähnlichkeit mit dem Rosenkranz hatten, wurden sie von den Kumpels gern als «Paternoster» verspottet.

Heute ist das nur noch ein Gebet: Auch wenn der Paternoster in der selben Zeit mehr Menschen befördern kann als die heutigen Aufzüge: Die Technik ist veraltet, und Paternoster werden nicht mehr zugelassen.

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