Schreber, Moritz

Gemüsebeet, Giesskanne, Gartenlaube und rund herum ein Lattenzaun: Ein Schrebergarten ist dem Städter, was Arkadien den alten Griechen war: Ein Naturidyll, das Befreiung von den Zwängen des Alltags – und dazu erst noch günstiges Gemüse verheisst.

Der Schrebergarten trägt den Namen von Daniel Gottlob Moritz Schreber, einem etwas exzentrischen Arzt und Professor an der Universität Leipzig. Schreber beschäftigte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Gesundheit der Kinder und den sozialen Folgen der Industrialisierung, die das Stadtbild regelrecht umpflügte: Fabriken und Mietskasernen schossen in die Höhe und verdrängten das verbleibende Grün. Viel Bewegung an der frischen Luft aber, davon war Schreber überzeugt, könne die Kinder verarmter Familien kurieren, die zunehmend an Mangelernährung und an Haltungsschäden litten. Letztere versuchte Schreber durch martialische Apparaturen zu heilen – lederne Kinnbänder, um Fehlbissen vorzubeugen, Schulterriemen, die das im Bett liegende Kind in Rückenlage zwangen, sogenannte «Geradhalter» für aufrechtes Sitzen und, ganz dem sexualfeindlichen Zeitgeist entsprechend, mechanische Gerätschaften zur «gesunden Triebabfuhr», im Klartext: um die Jugendlichen am Onanieren zu hindern.

Schrebers Schwiegersohn Ernst Hauschild war Schuldirektor und liess 1865 in Leipzig eine Wiese herrichten, die er «Schreberplatz» nannte. Hier konnten die Kinder unter Betreuung nach Herzenslust herumturnen und sich austoben. Aus diesem «Schreberplatz» schliesslich wurde unser heutiges Vorstadtidyll, das bis heute den Namen des Leipziger Medizinprofessors trägt.

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