Minitel

Es ist gross, blaugrau und hässlich: ein Plastiktelefon mit einem Bildschirm, auf dem blasse, grobpixelige Zeichen flimmern, und mit einer Tastatur, deren Buchstaben noch alphabetisch geordnet sind und deren Sondertasten noch connection oder envoi heissen. Das archaische Gerät hört auf den Namen «Minitel» und ist das Kind einer französischen Revolution, 1977 angezettelt durch den Präsidenten der République, Giscard d’Estaing. «Telematik» heisst das Zauberwort, und damit gemeint ist die Vernetzung von Terminals, mit denen sich zentral gespeicherte Informationen abrufen lassen. Schon ein Jahr später verkündet Telecom-Generaldirektor Gérard Théry der Welt, dass das Minitel die Ära des Papiers beenden werde.

Und das ist nur zur Hälfte übertrieben: Die Minitels, kostengünstig und in grossen Stückzahlen produziert, werden von der französischen PTT gratis an die Haushalte abgegeben, und die Grande Nation tippt los, dass die Drähte glühen. 1985, Jahre bevor das World Wide Web erfunden wird, sind bereits eine Million Minitels in Betrieb.

Der ursprüngliche Zweck des Apparats ist ein Ersatz für die überlastete Telefonauskunft, doch bald schon werden per Minitel Fahrkarten gekauft, Bankgeschäfte getätigt und private Nachrichten verschickt. Ende der 1980-er Jahre hat der Dienst mehr Nutzer als der amerikanische Internetgigant Compuserve, und selbst die legendäre Rede des US-Vizepräsidenten Al Gore über den information superhighway von 1994 ist vom Vorbild Minitel inspiriert.

Noch heute tippen Hunderttausende auf ihren Retro-Terminals. Doch dem Ansturm einer Alles-Immer-Überall-Gesellschaft ist das Minitel, dieses Internet der ersten Stunde, nicht gewachsen: Am 30. Juni 2012 schlägt seine letzte Stunde.

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