Digitalfotografie

1974, ein Forschungslabor von Kodak im US-Bundesstaat New York. Der 24-jährige Ingenieur Steven Sasson erhielt den Auftrag, einen dieser neuen lichtempfindlichen Chips zu beschaffen, um zu sehen, was man damit so alles anstellen könne. Ein Traumjob: Keine Vorgabe. Kein Termin. Nur Ausprobieren, nach Lust und Laune.

In einem Fotokonzern wie Kodak waren spannende Aufgaben dünn gesät. Sasson, der sich schon im Studium mit Licht und Silizium beschäftigt hatte, liess sich nicht zweimal bitten. Er bestellte zwei der nagelneuen Chips, für den Fall, dass einer kaputtgehen sollte, und legte los. Sein Ziel: eine Fotokamera, die ein Bild aufnehmen und speichern konnte. Nur: Wie sollte man dieses Foto anschliessend betrachten? Fotodrucker gab es nicht – das einzige, was in Frage kam, war ein Fernseher. Sasson nahm sich also das Objektiv einer Super-8-Kamera, die Elektronik eines Voltmeters und, als Speicher, ein Kassettengerät. Nach ersten Tests stellte sich eine junge Technikerin vor die abenteuerliche Konstruktion, und nach einer halben Minute waren auf dem Fernsehschirm erste verschwommene Umrisse zu sehen. Mit einem Foto hatte das noch wenig zu tun, aber es war ein Anfang.

Kodak nahm Sassons Arbeit zur Kenntnis, aber keiner ahnte, welche Lawine der junge Forscher da losgetreten hatte, selbst dann noch nicht, als aus Fernost die ersten digitalen Schnappschusskameras auf den Markt kamen. Heute ist Fotografieren digital, von der Profi-Spiegelreflex bis zur Handykamera. Kodak, wo die Digitalfotografie erfunden worden war, hätte die fehlende Weitsicht der Manager um ein Haar das Leben gekostet. 2013 musste Kodak die Reste des alten Kerngeschäfts verkaufen: Der analoge Fotofilm, 120 Jahre lang das Herzstück der Fotografie, war tot.

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