Broch

Ein Broch ist ein Wohnturm aus der Eisenzeit. Er hat keine Wände, sondern meterdicke Rundmauern, keinerlei Fenster und statt einer Tür einen niedrigen Eingangstunnel. Brochs wurden vor über zweitausend Jahren gebaut – im nordöstlichsten Zipfel Schottlands und auf den noch nördlicher gelegenen Inseln Orkney und Shetland. Die mächtigen Gebäude aus Trockenmauern, von Hand aufgeschichtet und ohne jeden Mörtel, boten Schutz vor Regen, Kälte und Wind – und vor den Feinden, die zu allen Zeiten übers Meer kamen und die es auf das fruchtbare Ackerland und die reichen Fischgründe abgesehen hatten.

Der Broch von Mousa auf den Shetlands ist der besterhaltene überhaupt. Er misst 15 Meter im Durchmesser, ist mehr als 13 Meter hoch und fast vollständig erhalten. Die viereinhalb Meter dicken Aussenmauern sind doppelwandig und hohl. Sie enthalten drei Kammern und eine Steintreppe, die bis auf die Mauerkrone hochführt. Im Inneren des kreisrunden Schlots sind ein Wassertank und eine Feuerstelle eingebaut.

Längst nicht alle Rätsel sind gelöst: Wie viele Menschen lebten in einem Broch? Gab es Holzböden, mehrere Stockwerke? Wie wurden die Dächer konstruiert, und womit wurden sie gedeckt? Klarer scheint dagegen, dass die Türme von den Rundhäusern abstammen, wie sie für die britischen Inseln typisch waren. Die hatten nämlich einen grossen Vorteil: Im Verhältnis zum Raum, den sie bieten, haben runde Bauten die kleinste Oberfläche.

Dass wir Brochs heute noch bestaunen können, hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Weil das Klima im Norden für Bäume zu rauh ist, baute man mit Stein – mit Stein, der die Jahrtausende, im Gegensatz zum Holz, fast unbeschadet überdauerte.

Chemtrail

Wenn ein Jet in grossen Höhen seine Linien zieht, kondensiert das Wasser, das in seinem Abgasstrahl enthalten ist, in der eiskalten Luft zu feinen Eiskristallen. Das Ergebnis sind schnurgerade künstliche Wolken, die, je nach Wetterlage, noch lange nach dem Vorbeiflug am Himmel stehen.

Diese Kondensstreifen, auf Englisch condensation trails oder contrails, sind ein Blickfang. Und eine geradezu ideale Projektionsfläche für allerlei Verschwörungsphantasien. Seit den 90er-Jahren wird hartnäckig behauptet, contrails seien vielmehr chemtrails: Nicht kondensiertes Wasser, sondern vielmehr Chemikalien, aus Grossraumflugzeugen versprüht, um die Menschen dumm und gefügsam zu machen. Um die menschliche Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen und dem globalen Bevölkerungswachstum entgegenzuwirken. Um herkömmliches Saatgut zu vernichten, damit die Agrarindustrie ihre resistenten Sorten verkaufen könne. Ganz besonders hartgesottene Schwarzseher sehen Freimaurer, eine geheime Weltregierung, eventuell sogar Ausserirdische am Werk, die den Menschen ganz einfach schleichend vergiften wollen. Da mutet eine der Theorien geradezu harmlos an, die besagt, chemtrails rührten von wissenschaftlichen Versuchen her, Sonnenlicht zu reflektieren und die globale Erwärmung aufzuhalten.

Nichts davon trifft zu. Widerlegen lassen sich die Theorien leicht, nur stets ohne den geringsten Erfolg. Denn die wahren Gläubigen wissen: Wissenschaftliche Belege sind der endgültige Beweis dafür, wie raffiniert und weitgespannt die Verschwörung tatsächlich ist.

Ediacarium

Tag für Tag lagern sich auf der Erde Stoffe ab – Staub, Sand, Geröll, die Reste von Pflanzen und Tieren. Auf diese Weise schreibt die Natur seit Beginn der Erdgeschichte vor 4,6 Milliarden Jahren ein Tagebuch, Seite für Seite, Schicht für Schicht.

Dieses Tagebuch wird von Geologinnen und Paläontologen gelesen. Bloss: Vor einer Milliarde Jahren reissen die Aufzeichnungen ab. Ein rund 500 Millionen Jahre langes Kapitel fehlt; aus dieser Zeit hat so gut wie nichts überdauert. Forscher nennen diesen mysteriösen Abschnitt «Ediacarium».

Der Name kommt von den Ediacara Hills im Süden Australiens. Hier stiess 1946 der Forscher Reginald Sprigg auf Seiten dieses fehlenden Erdkapitels. Die Schichten enthalten Versteinerungen von Geschöpfen, die aussehen, als kämen sie von einem anderen Planeten: Meerestiere, die aussehen wie Farne oder Schwämme, wie gerippte Omeletten, Seesterne ohne Arme oder kriechende Fische ohne Knochen und Augen. Die Ediacara-Wesen waren sozusagen die Betaversion unserer heutigen Fauna: 60 Millionen Jahre lang bevölkerten sie die Flachmeere der Urzeit, bis sie vor 540 Millionen Jahren auf einmal verschwanden – genau dann, als sich unsere heutigen Tierstämme ausbreiteten.

Warum man aus diesem «Ediacarium» kaum Spuren findet, weiss die Wissenschaft erst seit kurzem: Gestaute vulkanische Hitze hob die Landmassen immer weiter an; bis sämtliche Schichten von Wind und Wetter abgetragen wurden, so dass am Ende nichts mehr übrigblieb.

Goldhamster

Der edelste aller Hamster ist der Goldhamster. Er ist deutlich kleiner als sein europäischer Vetter, der Feldhamster, und seinen Namen hat er von seinem Fell, das (bis auf seinen weissen Bauch) ein leuchtendes Rotbraun zeigt. Wie das Edelmetall ist auch der Goldhamster selten. Er kommt nur im syrisch-türkischen Grenzgebiet vor, hauptsächlich in der Hochebene von Aleppo. Die Ebene ist fruchtbar und dicht besiedelt, und die Tiere ernähren sich vom angebauten Getreide und den Feldfrüchten. Weil Goldhamster als Schädlinge gelten, werden sie gejagt und vergiftet, und die Art ist heute gefährdet.

1930 brach der Biologe Israel Aharoni zu einer Expedition nach Syrien auf, um nach Hamstern zu suchen, die sich problemlos vermehren liessen und die für medizinische Versuche geeignet waren. Zusammen mit seinem örtlichen Führer gelang es Aharoni, ein Nest mit einem Goldhamsterweibchen und insgesamt elf Jungen ausfindig zu machen und aus einer Tiefe von zweieinhalb Metern auszugraben. Die Mutter biss sofort eines ihrer Jungen tot (um ihm ein Leben als Versuchstier zu ersparen, schrieb Aharoni in sein Notizbuch). Die Mutter wurde eingeschläfert, bevor sie den Rest ihres Wurfs töten konnte.

Die in der Zoologie noch kaum bekannten Tiere wurden transportfertig gemacht, und obwohl am Ende nur ein Weibchen und drei Männchen in Jerusalem ankamen (die übrigen waren entwischt), begannen sie sich in den Labors der Hebräischen Universität prächtig zu vermehren. Bis heute stammen nahezu alle Goldhamster, die als Haustiere gehalten oder als Versuchstiere gebraucht werden, von diesen vier Hamsterjungen aus der syrischen Wüste ab.

Herbst

Der Frühling ist zwar schön, doch wenn der Herbst nicht wär, wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer.

So dichtete, im 17. Jahrhundert und mit bestechender Logik, der schlesische Barockdichter Friedrich von Logau.

Der Herbst: Astronomisch begann er 2009 exakt am 22. September um 23.19 Uhr Sommerzeit, als die Sonne den Himmelsäquator in Richtung Süden überquerte. Diesen Zeitpunkt nennt man die Herbst-Tagundnachtgleiche. Wohlgemerkt: Das galt so nur für dieses eine Jahr – und für die nördliche Erdhalbkugel. Auf der südlichen beginnt der Herbst am 20. März – oder, je nach Jahr, in der Nacht darauf.

Die Meteorologen rechnen übrigens anders: Für sie hatte der Herbst längst begonnen, nämlich am 1. September und, 2009 nicht ganz passend, mit einem Hitzetag mit deutlich über 30 Grad Celsius.

Der Wort Herbst ist wohl so alt wie die Sprache selbst: Der deutsche Dichter Adolf Reinecke, der germanisches Volkstum idealisierte, erfand 1893 für den September gar den Kunstnamen «Herbsting». Unser heutiger Herbst ist verwandt mit dem englischen harvest, Ernte, und mit dem lateinischen carpere, pflücken. Das wiederum hängt sprachlich eng zusammen mit dem lateinischen scalpere, was schnitzen oder schneiden bedeutet. Tatsächlich wird im Herbst – ursprünglich mit der Hand und mit der Sichel – das Getreide geschnitten.

Vom astronomischen Herbstbeginn an werden die Tage rapide kürzer – jeden Tag um 3 Minuten und 24 Sekunden, um genau zu sein, und das genau bis zum astronomischen Herbstende, dem Tag der Wintersonnenwende, am 21. Dezember.