Galvanisieren

Am 6. November 1780 macht Luigi Galvani eine makabre Entdeckung: Mit Eisen und Kupfer berührt er einen abgetrennten Froschschenkel, und der zuckt zusammen. Was es mit Elektronen und Elektrolyten auf sich hat, versteht Galvani zwar nicht die Spur, aber die tretenden Froschbeine faszinieren ihn aufs Höchste. Elektrische Spannung lässt sich schon lange erzeugen, doch wozu diese rätselhafte Energie gut ist, weiss niemand. Und auf einmal zuckt da ein toter Muskel. Also, folgert Galvani, muss Strom offenbar Leben spenden.

Mit wahrem Feuereifer macht sich die Medizin daran, diese wundersame Wiedererweckung der Toten zu erforschen. Praktischerweise führen die Ärzte ihre Experimente gleich an den Richtstätten durch. Soeben Hingerichteten werden Stromstösse versetzt, die Krämpfe werden gemessen, und das grausige Schauspiel zieht womöglich noch mehr Schaulustige an als zuvor die Hinrichtung selbst.

Lebendig wird keiner mehr. Das nach seinem Entdecker benannte «Galvanisieren» von Toten ist mehr Spekakel als Forschung und wird Anfang des 19. Jahrhunderts überall verboten. Doch mittlerweile wird Elektrizität längst an Lebenden erprobt: zur Behandlung von Nervenkrankheiten, von chronischen Schmerzen, von Schwermut.

Und so hält der Strom Einzug ins ärztliche Inventar. Der grausame Elektroschock, den Milos Forman 1975 in «One Flew Over the Cuckoos Nest» anprangerte, ist zwar Vergangenheit. Aber noch immer wird mit Strom behandelt: Die moderne Elektrokrampftherapie soll schwer depressiven Menschen helfen. Mit Luigi Galvanis zuckenden Froschbeinen hat diese Therapie nichts mehr zu tun: Behandelt wird nach allen Regeln der Kunst – und unter Narkose.

Guillotine

Der französische Theologe und Arzt Joseph-Ignace Guillotin war von der revolutionären Idee der «égalité», der Gleichheit, beseelt. 1789, im Jahr der französischen Revolution, amtierte Guillotin als Sekretär der Assemblée Constituante und setzte sich mit seiner Auffassung durch, dass die «égalité» auch im Tod gelten sollte: Ungeachtet ihres Standes sollten alle zum Tod Verurteilten auf ein und dieselbe Weise hingerichtet werden, nämlich durch präzise, maschinelle und damit «humane» Enthauptung. Keine Selbstverständlichkeit: Nur Adlige und Reiche waren bis anhin mit dem Schwert geköpft worden; das gemeine Volk wurde, je nach Straftat, gevierteilt, gehängt, ertränkt, verbrannt oder gar in siedendem Öl gesotten. Auf eine Abschaffung der Todesstrafe konnten sich die Abgeordneten nicht einigen, und so verständigte man sich immerhin auf egalitäres Enthaupten.

Es war ausgerechnet der Leibarzt des Königs, Antoine Louis, der das drei Meter hohe Fallbeil mit der 40 Kilogramm schweren Klinge und der kurzen Bank entwarf – drei Jahre später, 1792, wurde das Hinrichten mit der Guillotine Gesetz. Gegen 13 000 Menschen, darunter Louis XVI und seine Frau Marie Antoinette, sollten ihr allein in der Revolutionszeit zum Opfer fallen.

Doch nicht nur französische, sondern auch Schweizer Henker waren der Moderne des Tötens zugetan. Als letzter Kanton kaufte 1904 Luzern eine Guillotine für 1000 Franken, die man bei Bedarf auslieh. Als letzter Schweizer wurde 1940 der Mörder Hans Vollenweider guillotiniert – in der Werkstatt der Strafanstalt Sarnen.

Der Arzt Guillotin übrigens litt zeitlebens unter dem Namen des schrecklichen Apparats, den er weder erfunden noch je in Aktion gesehen hatte.

Interpret

Das alte Rom zu den Zeiten der Republik, den Zeiten des Marcus Tullius Cicero und des sechs Jahre jüngeren Gaius Julius Cäsar, war alles andere als eine Demokratie. Doch selbst wenn die Macht beim Adel lag: Ein Wörtchen mitzureden hatte das Volk doch. Auf dem Marsfeld vor den Toren der Stadt wählten Volksversammlungen die Ädile und die Volkstribunen, die Prätoren und die beiden höchsten Beamten der Republik, die Konsuln. Damals wie heute galt: Demokratie ist eine feine Sache, so lange es das Volk mit der Mitbestimmung nicht übertreibt. Und so erlag manch einer der Versuchung, seiner ersehnten Wahl etwas nachzuhelfen.

Dazu brauchte er einen Helfer, den sogenannten interpres. Dieser Interpret war ein Mittler zwischen Oberschicht und Untergrund. Er kontaktierte die Funktionäre der Wahlkreise und handelte mit ihnen den Preis aus – je mehr Stimmen, desto höher die Summe. Das Geld wurde dann an einen sequester übergeben, einen Treuhänder, der das Bargeld in Verwahrung nahm. Ausgezahlt wurden die Sesterzen erst nach erfolgter Wahl und durch einen weiteren Gauner, den divisor, den Verteiler.

Dieses komplizierte System hatte einen grossen Vorteil: Wurde einer der Zwischenhändler geschnappt und zum Reden gebracht, konnte er schlimmstenfalls seinen nächsten Mittelsmann nennen – von den kriminellen Auftraggebern hatte er keine Ahnung. Die blieben ebenso im Dunkeln wie ihre Mittelsmänner, die Interpreten, die im alten Rom eben keine Künstler, sondern ganz einfach Wahlfälscher waren.

Kautschuk

Als Hernándo Cortés, der Eroberer Mexikos, seinem Auftraggeber König Karl V, den noch unbekannten Kakao und die anderen mitgebrachten Wunderdinge vorführte, war darunter auch eine Mannschaft «langmähniger Wilder», wie ein Augenzeuge schrieb. Ihre Aufmachung – kurze Hose aus Leder – und ihr rituelles Spiel, eine Art Basketball, erregten weit weniger Aufsehen als das exotische Material, aus dem der Ball gemacht war – ein Stoff, den die Indios seit Jahrtausenden kannten und den sie «Kautschuk» nannten.

Kautschuk, wörtlich «Tränen des Baums», wird aus Latex hergestellt, dem Milchsaft des Kautschukbaums. Dieser Saft wird durch Ritzen der Baumrinde gewonnen und ist der nachwachsende Rohstoff für die Herstellung von Gummi. Lange Zeit wuchs der Wunderbaum allein am Amazonas; Brasilien besass ein natürliches Monopol. Bis zum Jahr 1876. Da sammelte der britische Abenteurer Henry Wickham insgeheim 70 000 der kostbaren Samen, gab die Pakete als «Orchideen» aus und schickte sie nach London. In den Gewächshäusern der königlichen Kew Gardens an der Themse wuchsen 2000 Kautschuksetzlinge heran, die dann nach Malaysia verschifft wurden. Nur acht Bäumchen überlebten den Transport, doch das Tropenklima Südostasiens liess sie prächtig gedeihen.

Für Brasiliens Export war das ein schwerer Schlag. Die Kautschukbäume breiteten sich in Asien, Indien und Westafrika aus. Brasilien dagegen, dessen eigene Gummibäume seit jeher von Parasiten geschwächt waren, hatte der neuen Konkurrenz nichts entgegenzusetzen. Schmuggler Wickham, dieser Biopirat der ersten Stunde, ging in die Geschichtsbücher ein. Als «Henker des Amazonas».

Likejacking

Zwei Milliarden Menschen haben heute Zugang zum Internet. Mehr als ein Viertel davon, über 500 Millionen, nutzen Facebook. Was einst Mark Zuckerberg und seine Freunde als Online-Jahrgangsbuch in ihrer Harvard-Studentenbude zusammenbastelten, hat sich dicht hinter Google zur unangefochtenen Nummer Zwei im Internet entwickelt.

Als Facebook im April 2010 den Like-Button veröffentlichte, jenen Knopf, mit dem man spannende Inhalte auf einen Klick weiter empfehlen kann, galt das als weitere Meisterleistung von Zuckerberg & Co.: Mit einemmal war Facebook nicht länger ein geschlossenes System, sondern – kraft eines gehobenen Daumens in schmuckem Facebook-Blau – von jeder beliebigen Seite aus erreichbar.

Da sind Schmarotzer nicht weit. Der Like-Knopf kann nämlich perfiderweise auch eine transparente, über ein sichtbares Bild gelegte Grafik sein. Über ein vorgegaukeltes Video, das meist auf niedere Instinkte abzielt, wird ein unsichtbarer Like-Button gelegt. Wer sich hinreissen lässt und klickt, wird erstens ungewollt auf eine obskure Webseite umgeleitet und hat zweitens allen Facebook-Freunden denselben Schund schmackhaft gemacht. Das muss nicht immer harmlos sein: Nicht selten nutzen die Gauner Sicherheitslücken aus und verbreiten Schädlinge. «Likejacking» nennt sich diese Bauernfängerei, von to like und hijacking, Entführung.

Dabei gäbe es eine ganz einfache Gegenmassnahme: Verspricht das Filmchen einen ausgiebigen Blick auf die unverhüllte Nachbarin, zeigt die Statuszeile eine unbekannte Adresse statt facebook.com und finden sich im Titel verräterische Rechtschreibfehler, dann sollte man sich den Klick verkneifen, sich selbst und allen Facebook-Freunden zuliebe.

Denn merke: Gauner können viel. Gutes Deutsch aber zählt nicht dazu.