Avatar

Wenn Sie Ihrer Figur in Ihrem Lieblingsgame oder auf Twitter ein Gesicht verleihen – ein Foto oder eine Grafik –, dann nennt man diese Figur Avatar. Der Avatar ist unser virtuelles Selbst in der Brave New World des Internet, und spätestens seit 2009 und dem 3D-Kinospektakel dieses Namens, das seinen Machern gegen drei Milliarden Dollar in die Kassen gespült hat, ist das seltsame Wort auch im Deutschen angekommen. Mit Web oder Kino hat der Avatar hat allerdings nicht das mindeste zu tun: Das Wort stammt aus der altindischen Tempelsprache Sanskrit und ist der Name für einen vom Himmel herabgestiegenen Gott oder für die Verkörperung einer göttlichen Eigenschaft in Form eines Menschen oder Tiers. Im Hinduismus ist der Avatar ein Gefährte, ein Lehrer des Menschen auf seinem Weg hin zur Vollkommenheit.

Doch Nerds, ganz besonders die Programmierer von Computergames, haben einen unbezähmbaren Hang zum Profanen. Schon 1986, notabene drei Jahre vor der Geburt des World Wide Web, brachte die Firma des Star-Wars-Produzenten George Lucas in Kalifornien ein Game für den Commodore C64 auf den Markt. Das Spiel hiess «Habitat» und entführte den Spieler via Telefon, Akustikkoppler und Modem in ein virtuelles Universum. In «Habitat» hiessen die Figuren der Gamer zum ersten Mal «Avatar», und das Game erwies sich als so erfolgreich, dass seine Nachfolger wie zum Beispiel «World of Warcraft» heute Jahr für Jahr Milliarden einspielen. In einem Projekt mit dem Namen «2045 Initiative» arbeitet der 32-jährige russische Multimillionär Dimitri Itskow gar daran, einen buchstäblich unsterblichen Roboter zu schaffen, in Menschengestalt und Massenproduktion, mit einem ausdrucksfähigen künstlichen Gesicht, menschliche Intelligenz, Bewusstsein und Persönlichkeit inbegriffen. Sein Name: «Avatar».

Beutelbuch

Es ist stärker als wir: Wir setzen uns hin – im Bus, im Café –, und der erste Handgriff gilt dem Handy. Diese Zwangshandlung ist kein Kind des 21. Jahrhunderts: Tatsächlich ist das Lesen auf die Schnelle seit Jahrhunderten gang und gäbe.

Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert machte das sogenannte Beutelbuch das Lesen mobil. Ein Beutel aus feinem Leder oder Samt umhüllte ein Büchlein mit meist religiösem Inhalt – etwa ein Gebets- oder Liederbuch. Dieser Beutel war so lang, dass er sich verknoten und um den Gürtel schlingen liess; der Knoten – manchmal auch ein Haken oder Ring – verhinderte, dass das Buch herausrutschte.

Beutelbücher wurden in Klöstern hergestellt, wo es Buchbindereien gab; erst später schlossen sich weltliche Buchbinder zu Zünften zusammen. Die kleinformatigen Bücher bestanden aus von Hand beschriebenen, gelegentlich gar mit kunstvollen Initialen versehenen Pergamentseiten. Diese wurden mit Nadel und Faden zu einem Buchblock geheftet und mit einem hölzernen Deckel versehen. Darauf folgte der Lederbezug, den man am einen Ende überstehen liess, so dass der typische lange Beutel entstand. Schliessen aus Bronze oder Messing hielten die Buchdeckel zusammen und verhinderten, dass sich das Buch von selbst öffnete.

Beutelbücher waren bei Pilgern, Kaufleuten und Gelehrten beliebt. Man trug sie stets bei sich, und in der Kutsche oder bei der Rast hob man das am Gürtel baumelnde Buch hoch und las. Wie das Handy war das Beutelbuch ein Alltagsgegenstand und nutzte sich ab. In den Handschriftenabteilungen europäischer Bibliotheken sind heute nur noch 23 Exemplare zu finden.

Ciao

Eine einzige Silbe, aber beileibe nicht einsilbig: Ciao ist der kumpelhafte, herzliche Gruss, dessen italienische Wurzel längst zum Exportschlager geworden ist. Mit ciao grüsst man in halb Europa, in der Grande Nation und auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Als Formel in kubanischen Briefen macht ciao mittlerweile sogar dem traditionellen adiós den Rang streitig.

Der freundliche Gruss hat seinen Ursprung im Venedig des Mittelalters. Händler und Seefahrer pflegten einander mit sciào vostro zu begrüssen, was nichts anderes als «ich bin Ihr Sklave» heisst – in der Bedeutung: Wenn Du mich jemals brauchen solltest, dann kannst Du auf mich zählen. Sono il vostro schiavo: Diese Sklaverei als Gruss ist im übrigen nichts Ungewöhnliches. Wenn sich Österreicher oder Bayern mit servus verabschieden, nehmen sie genauso das lateinische Wort für «Sklave» in den Mund.

Dennoch: Dass unser freundliches ciao aus Venedig kommt, muss noch lange nicht heissen, dass die einst blühende Republik durch ausgesuchte Höflichkeit zu Macht und Gold gekommen wäre. Dafür verantwortlich war vielmehr der Handel mit Schiffen, mit Tuch, Seide, Glas, Salz, Pfeffer – und mit den schiavi, die dem Gruss zu Gevatter standen: den Sklaven, die von hier aus zu Abertausenden ins muslimische Spanien, nach Ägypten und Asien exportiert wurden.

Noch etwas: Wenn wir uns mit tschüss verabschieden, dann hat das mit Sklaverei nichts zu tun. Tschüss kommt vom lateinischen ad deum – spanisch adiós und niederdeutsch adjüs – und heisst ganz einfach «zu Gott».

Füsse, tönerne

Was auf «tönernen Füssen» steht, möge sich tunlichst vorsehen: Die sind die Metapher für alles, was auf wackligen Beinen steht. Die Füsse aus Ton stammen aus einem der spätesten Texte des alten Testaments, dem Buch Daniel. Daniel und seine Freunde werden nach Babylon deportiert und kommen im 6. Jh. v. Chr. an den Hof Nebukadnezars II. Eines Nachts fährt der König schweissgebadet aus dem Schlaf hoch, doch an den Alptraum kann er sich nicht erinnern. Er befiehlt seinen Sehern, ihm den Traum wiederzugeben und zu deuten – andernfalls würden sie hingerichtet und ihre Häuser zerstört. Die Aufgabe ist selbst den ranghöchsten Beratern zu schwer, und Polizeichef Arioch schickt sich an, die Hinrichtungen zu vollziehen.

Der jüdische Gefangene Daniel aber schafft es, das Rätsel zu lösen: Der König habe, so verkündet Daniel, von einem Koloss geträumt, dessen Kopf aus Gold bestand, Brust und Arme aus Silber, Bauch und Hüften aus Erz, Beine aus Eisen, die Füsse aber nur aus Eisen und Ton. Vom nahen Berg habe sich ein Stein gelöst und die brüchigen Füsse zerschlagen, so dass der Koloss in tausend Stücke zerbarst. Der Koloss stehe für die Weltreiche, unter denen das Volk Israel zu leiden hatte; der herabrollende Felsblock dagegen, am Ende des Traums zum weltbeherrschenden Berg angewachsen, sei das Reich Gottes, das alle weltlichen Reiche überdauern werde.

Nebukadnezar, so will es die Bibel, fällt auf die Knie, überhäuft den Propheten Daniel mit Gold und macht ihn zum Chefberater – und zum Schrecken für alles, was sprichwörtlich auf tönernen Füssen steht.

Gospel

Gospel: das ist mehr als Musik – das ist Klang gewordene Inbrunst. Gospel ist Soul, Rhythm’n’Blues, Rock’n’Roll, the backbone of American music – und einer der Väter dessen, was wir heute ganz profan Jazz nennen.

Am Anfang allerdings hatte Gospel mit Musik nichts zu tun. Ein gospel ist ein Evangelium, ein Zeugnis vom Leben Christi. Das Wort ist uralt: Es stammt aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, als die ins heutige England vorstossende christliche Kirche das griechische Wort euangelion, wörtlich «frohe Botschaft», in die einheimische Sprache übersetzte: God («gut») und spel («Nachricht»).

Es wird kaum geschadet haben, dass das alte «gut» mit «Gott» zusammenfiel, und so kam es, dass der Komponist und Sänger Philip P. Bliss seine Kirchenlieder im Jahr 1874 unter dem Titel Gospel Songs erscheinen liess. Dass wir unter Gospel heute vor allem den Kirchengesang afroamerikanischer Gemeinden verstehen, hat mit den so genannten negro spirituals zu tun, von denen er abstammt, und damit, dass die Schwarzen ihren Ruf-und-Antwort-Gesang im Gottesdienst hemmungslos von ganzen Bluesbands begleiten liessen.

Auch heute noch ist Gospel untrennbar verbunden mit dem Neuen Testament: «Wissen Sie, Gospel ist nicht der Sound, er ist die Botschaft», sagt Edwin Hawkins, Komponist des Welthits «Oh Happy Day»: «Wenn es um Jesus Christus geht, dann ist es Gospel.»